VARum nur?

Von am 13. Juni 2019 – 13.20 Uhr 49 Kommentare

Im März 2018 genehmigte der International Football Association Board (IFAB) die Einführung des Videobeweises. Doch was zu größerer Fairness im Sport führen soll, verkommt bei der Frauenfußball-WM in Frankreich zu einem ärgerlichen Akt der Willkür.

Kontrovers und willkürlich: VAR bei der WM in Frankreich war bisher keine Erfolgsgeschichte © imago / PanoramiC

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Als „historischen Schritt für größere Fairness im Fußball“ bezeichnete der IFAB die Einführung des Videoschiedsrichter-Assistenten (VAR) im vergangenen Jahr.

Ziel des Videobeweises soll sein, irreguläre Tore zu identifizieren, die Verwechslung von Spielerinnen zu vermeiden, rotwürdige Tätlichkeiten zu entlarven und korrekte Elfmeterentscheidungen zu ermöglichen. Doch Problem des VAR ist in den bisherigen WM-Tagen von Frankreich vor allem seine willkürliche Anwendung.

Beim Spiel Frankreich gegen Norwegen traf die Norwegerin Ingrid Syrstad Engen, nachdem sie den Ball geklärt hatte, die Französin Marion Torrent unabsichtlich am rechten Knie. Nach Einschätzung von Videoschiedsrichter Felix Zwayer im Videoraum ein Fall für VAR, Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus zeigte auf den Elfmeterpunkt, nachdem sie zuvor die Situation nicht als elfmeterwürdig eingestuft hatte. Und sorgte damit maßgeblich für den Erfolg der Französinnen.

Das Handspiel der Nigerianerin Desire Oparanozie wurde nicht geahndet © Screenshot ZDF

Handspiel nicht geahndet

Nur wenige Stunden zuvor war Nigerias Führungstreffer gegen Südkorea trotz VAR-Checks anerkannt worden, obwohl Nigerias Spielerin Desire Oparanozie beim Eigentor der Südkoreanerin Kim Doyeon dem Ball zweifelsfrei mit der Hand den letzten Touch gegeben hatte.

Statt der einzig korrekten Entscheidung, den Treffer abzuerkennen und Operanozie mit der Gelben Karte zu verwarnen, zeigte Schiedsrichterin Anastasia Pustovoytova zur Überraschung aller auf den Anstoßkreis. „Dieses Tor dürfte nicht gegeben werden. Wer diesen Treffer gibt, hat im Videoraum nichts verloren“, meinte ZDF-Kommentator Béla Réthy süffisant.

Fragwürdige Szenen bleiben oft ungeprüft

Der Videobeweis soll laut IFAB die durch „klare und offensichtliche Fehler“ oder durch „ernsthafte verpasste Zwischenfälle“ verursachte Unfairness reduzieren, doch genau das will ihm in diesen Tagen bisher nicht so recht gelingen. Stattdessen wird VAR zum Emotionskiller, der den rasanten Spielen Frankreich gegen Norwegen und Spanien gegen Südafrika jeweils beim Stand von 1:1 den emotionalen Stecker zog. Das in Bezug auf Handspiel und Elfmeter absurde und wohl am Reißbrett entstandene praxisferne Regelwerk erhält durch VAR eine neue Dimension der Lächerlichkeit und führt zu nicht weniger kontroversen Diskussionen als in der Vergangenheit. Zahlreiche andere, oft fragwürdigere Spielszenen werden gar nicht erst überprüft.

Die Abseitsstellung der Italienerin Barbara Bonansea war nur mit Hilfe von Kalibrierungslinien zu erkennen © Screenshot ZDF

Millimeterentscheidung

Als „klarer und offensichtlicher Fehler“ wurde so auch eine Abseitsstellung der Italienerin Barbara Bonansea in der Anfangsphase des Spiels Italien gegen Australien eingestuft, die allerdings erst nach mehrminütiger Überprüfung und Einblendung von Kalibrierungslinien auf dem Spielfeld „offensichtlich“ wurde, sprich mit freiem Auge kaum zu erkennen war. Dem italienischen Treffer wurde die Anerkennung verweigert. Formell mag das eine richtige Entscheidung gewesen sein, dem Fußball erweist man mit derartigen Entscheidungen eher einen Bärendienst und solche Spielszenen dürfte auch der IFAB bei der Genehmigung des Videobeweises kaum gemeint haben.

VAR in jetziger Form unbrauchbar

Die Regelhüter des IFAB sollten sich für die Zukunft Gedanken über eine Modifizierung des VAR-Einsatzes machen: Nur auf Intervention der beteiligten Teams selbst und nicht auf Basis von Willkür und Gutdünken sollte er zum Einsatz kommen. Pro Spiel und Team sollte die Anzahl möglicher VAR-Interventionen beschränkt sein, um eine inflationäre Verwendung zu unterbinden und nur wirklich bei „klaren und offensichtlichen Fehlern“ oder bei „ernsthaften verpassten Zwischenfällen“ zum Einsatz zu kommen. Das funktioniert in anderen Sportarten, wie etwa Eishockey und Tennis, wesentlich besser, als im Fußball.

Markus Juchem (51) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

49 Kommentare »

  • Markus Juchem sagt:

    Videobeweis, du nervst!
    Unsinnige Pfiffe, ewiges Gewarte: Nach der Männer-WM und der Bundesliga wird der Videobeweis auch beim Tunier der Frauen zur Zumutung.
    http://www.taz.de/Kolumne-Frauen-WM/!5602859/

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  • Fan2 sagt:

    @Bernd: Nun, das Szenario, was du beschreibst, hatten wir auch schon vor VAR, ich sage bloß Schalke 2001. Da waren es sogar über 4 Minuten! Und so werden dann eben neue Legenden geboren. (Beispiel: ManCity-Tottenham)

    @Ritchie et. al.: Alles, was ich hier höre, ist ziemlich ich-bezogen. Nach dem Motto: Das Wichtigste am Spiel ist, dass der Fan alles mitbekommt. Tut mir leid, wenn der VAR so viel Zeit in Anspruch nimmt. Aber dann sollen die Mädels doch einfach reguläre Toreschießen und nicht so viel foulen. Dann braucht er sich auch nicht immer einzuschalten.

    Zur Abseitsfrage: Ihr verkennt hier die Realität: Man braucht es gar nicht bis auf 20 cm genau zu bestimmen. Es reicht schon nachzuweisen, dass der Ball auf jeden Fall noch am Fuß war, während die Spielerin bereits im Abseits stand. Denn in aller Regel bewegt sie sich normalerweise in der Folge nicht aus dem Abseits heraus, sondern tiefer ins Abseits hinein. Das heißt, selbst, wenn der Ball den Fuß später verlassen hat, wird die Entscheidung kaum eine andere sein.

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  • fufbal van sagt:

    @Zaunreiter.
    Zum deutschen Teil hast, du natuerlich in den meissten Punkten sehr Recht. Und andere werden auch, wohl eher weniger ueber das Wembley-Tor jammern.
    Nur sind solche Probleme in keiner Weise auf den deutschen Fussballandschaft zu beschraenken. Das ist anderswo auch kein bisschen inteligenter.
    Grosse Ausnahme ist nur die Berichte und Kommentare im Fernsehen. Da ist in D nochmal meilenweit, unter dem international ueblichen Level. – Was aber natuerlich den durchschnittlichen deutschen Fernsehdonald in seinem schwarz-rot-goldenen Sessel hinter rosarot Brille auch im Leben gar nie mitbekommt und, daher nach dem Motto auch nicht interessiert.

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  • Egidi sagt:

    Markus Juchem: meinen Dank für den Link zum Artikel der TAZ ebenso für die Anregung zur Diskussion durch ihren Artikel. Mehr davon. Wussten Sie das eine Frau für das Amt des DFB Präsidenten kandidiert ?

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  • Markus Juchem sagt:

    @Egidi: Ja, Ute Groth.

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  • Ritchie sagt:

    Fan2 sagt:
    15. Juni 2019 um 9.59 Uhr Uhr
    @Ritchie et. al.: Alles, was ich hier höre, ist ziemlich ich-bezogen. Nach dem Motto: Das Wichtigste am Spiel ist, dass der Fan alles mitbekommt.

    Nach welchen Kriterien soll ich hier diskutieren? Nach dem was mein Nachbar mitbekommen hat oder doch besser nachdem was ich mitbekommen oder was mir aufgefallen ist? Da schreibe ich – und andere – sicher „ichbezogen“. Und über etwas, was der Fan – kein Fan – mitbekommt, wird natürlich auch nicht geschrieben oder wurde gar nicht erst berichtet.

    Zitat: Es reicht schon nachzuweisen, dass der Ball auf jeden Fall noch am Fuß war, während die Spielerin bereits im Abseits stand. Denn in aller Regel bewegt sie sich normalerweise in der Folge nicht aus dem Abseits heraus, sondern tiefer ins Abseits hinein. Zitat Ende.

    „in aller Regel“… Und Ausnahmen bestätigen diese „Regel“? Immer? Und wenn z.B. der Fuß 5cm im Abseits war (Bild mit Linie) und eine Tausendstel Sekunde später nicht mehr? Dafür steht aber leider kein Bild mehr zur Verfügung…
    Es geht doch bei meiner Argumentation darum, dass diese Linien sich eben NICHT 100%ig korrekt legen lassen, aber genau das wird behauptet oder als sicher vorausgesetzt.

    Wir brauchen darüber auch nicht weiter diskutieren, die Technik kann vieles aber nicht alles. Und die Technik – der VB – muss weiter verbessert werden. Und wird sicher auch noch verbessert. Nur müssen die Verantwortlichen es auch so kommunizieren und es nicht wie jetzt als so gut wie perfekt verkaufen.
    Wir stehen beim VB erst am Anfang, können ihn auch bereits einsetzen, aber die Anfangsschwierigkeiten, die Mängel, müssen eben auch gesehen und angesprochen werden.

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  • Altwolf sagt:

    Nicht der VAR bestimmt die Regeln des Fußballspiels, sondern er muß sich den bestehenden oder veränderten Regeln anpassen und das bedeutet, es kann immer nur eine „Annäherung“ der realen Abläufe geben, jedoch mit dem Vorteil gegenüber einer „rein“ menschlichen Wahrnehmung durch d. Schiri o. Assistentin, daß durch die Bildgebung eine Situation dokumentiert und wiederholbar ist.

    Auch wenn es am Beispiel abseits eine gewisse Zeittoleranz durch die Bildsequez gibt, ist es doch fast immer möglich in einem Bild den Zeitpunkt des Abspieles und den des Lösens aus der gedachten Abseitslinie zu erfassen.
    Der Linienassistentin ist dies eher seltener möglich, da sie nur eine Perspektive hat und insbes. auf Höhe der Abseitslinie oft den Abspielmoment gar nicht sehen kann, sondern diesen mehr oder weniger „interpoliert“, also die Bewegung die Balles, sofern ihr Blickwinkel dies zulässt, wahrnimmt u. dies dann auf den Körper der betreffenden Spielerin/nen in den eingenomenen Positionen übertragen u. entscheiden muß.

    Bei den anderen strittigen Fällen, wird die Einführung von zusätzlichen,rein vertikalen, also möglichst senkrecht von oben positionierten Kameras, die noch fehlenden Perspektiven ergänzen und so Berührungen des Balles von Hand oder Körperteilen miteinander noch besser differenzieren können ohne jedoch dadurch „perfekt“ zu sein. Der VAR wird immer nur eine „Hilfe der menschlichen Wahrnehmung“ sein und sollte deshalb auch nicht als etwas anderes gesehen werden. Entscheidend ist nicht die Technik, sondern was der „Mensch/Schiri“ dann daraus macht oder glaubt erkennen zu können.

    Bei „Foulspielen“ insbes. im 16er würden Kenntnisse oder zumindest Berücksichtigung biomechanischer Abläufe schon den gewollten oder zu Recht erhaltenen Strafstoß meist schon erkennen lassen.
    Denn jeder,der stolpert oder dessen Fuß/Bein blockiert wird hat den Reflex sich nach vorn hin mit dem nicht blockierten Bein abzufangen. Bei den gewollten 11-ern bleibt dieses „freie“ Bein jedoch meist stocksteif nach hinten gestreckt, was nur bewußt zu „machen“ ist.

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  • sonic sagt:

    @Altwolf

    „Bei „Foulspielen“ insbes. im 16er würden Kenntnisse oder zumindest Berücksichtigung biomechanischer Abläufe schon den gewollten oder zu Recht erhaltenen Strafstoß meist schon erkennen lassen.
    Denn jeder,der stolpert oder dessen Fuß/Bein blockiert wird hat den Reflex sich nach vorn hin mit dem nicht blockierten Bein abzufangen. Bei den gewollten 11-ern bleibt dieses „freie“ Bein jedoch meist stocksteif nach hinten gestreckt, was nur bewußt zu „machen“ ist.“

    Da wäre ich mir nicht so sicher. Ich weiß nicht genau wie es beim Fußball ist, aber beim Handball wird Falltraining gemacht. Da soll man sich gerade nicht mit dem freien Fuß oder gar dem Knie abfangen, sondern mit den Händen etwas bremsen/abfangen, um dann auf einer möglichst großen Fläche des Körpers zu landen, um die Kräfte besser zu verteilen. Im Judo ist es wohl ähnlich. Fängst du dich nur mit dem Bein ab, ist die Verletzungsgefahr relativ groß. Kann also sein, dass diese natürliche Reaktion abtrainiert wurde.

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  • Altwolf sagt:

    @Sonic

    Trainieren kann man das sicherlich, wobei es beim Handball vornehmlich die Kreisläufer und Aussen betrifft, doch da wird je nach Absprung das Standbein bzw. Absprungbein nicht blockiert und bei relativ flachem Hineinspringen mit dem Oberkörper voran ist es dann nätürlich sinnvoll die Beine bei der Landung bzw.vor dem Kontakt mit dem Boden bewusst gestreckt zu lassen, da, wie du schon angesprochen hast, die Verletzungsgefahr für die Kniee relativ groß ist.

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