Von Platz sieben nach Stamford Bridge, und danach zweimal Lyon

Einer der frühen Wolfsburger Spielberichte dieser Chronik handelt von einem Unentschieden, das in Wolfsburg als Erfolg galt. Im Dezember 2007 verabschiedete sich die Liga mit einem 1:1 zwischen dem VfL und dem 1. FFC Frankfurt in die Winterpause, einer Nachholpartie vom vierten Spieltag. Frankfurt ging als Tabellenführer ins neue Jahr, Wolfsburg kletterte durch den Punkt auf Platz sieben. Die Überschrift lautete, der VfL habe den Meister ins Straucheln gebracht — ein Satz, der nur über einen Verein geschrieben wird, von dem niemand erwartet, dass er selbst Meister wird.
893 Beiträge führen den VfL Wolfsburg zwischen Februar 2007 und August 2019. In den ersten drei Jahren sind es je um die zwanzig, dann steigt die Zahl mit dem Erfolg: 90 im Jahr 2012, 141 im Jahr darauf, 179 im Jahr 2014, mehr als in jedem anderen.
Ein Scout übernimmt, und vier Jahre später ist Europa erreicht
Im Mai 2008 meldete die Redaktion einen „neuerlichen Paukenschlag“: Bernd Huneke, nach fünfeinhalb Jahren Trainer, wechselte in die Rolle des Sportdirektors, und die Mannschaft übernahm Ralf Kellermann, bis dahin Leiter der Scouting-Abteilung und früher Torwart beim MSV Duisburg. Co-Trainerin wurde die amtierende Spielführerin Britta Carlson. Es ist eine Personalie, die in der Akte zunächst unauffällig bleibt; Kellermann taucht in den folgenden Jahren vor allem mit Vertragsverlängerungen auf, 2009, 2010, 2014.
Der erste Schritt, der sich an einem Ergebnis ablesen lässt, fällt in den Mai 2012. Am Wochenende, an dem Turbine Potsdam in Duisburg die Weichen zur vierten Meisterschaft in Folge stellte, qualifizierte sich Wolfsburg zum ersten Mal für die Champions League — ausgerechnet durch einen Sieg gegen Frankfurt, den Verein, dem es fünf Jahre vorher ein Unentschieden abgerungen hatte.
Zwölf Tage im Mai 2013
Was danach kam, lässt sich im Archiv auf den Tag genau nachlesen, und es passt in weniger als zwei Wochen. Am 12. Mai 2013 sicherte sich der VfL mit einem 4:0 gegen den SC 07 Bad Neuenahr vor 5.859 Zuschauern in der Volkswagen-Arena die erste deutsche Meisterschaft der Vereinsgeschichte. Martina Müller traf zweimal, Conny Pohlers und Kapitänin Nadine Keßler je einmal; Alex Popp wurde in der ersten Halbzeit mit einer Fußverletzung vom Platz getragen.
Eine Woche später folgte in Köln der Pokal, und er wäre beinahe noch verloren gegangen. Müller und Pohlers hatten auf 3:0 gestellt, dann traf Potsdam zweimal binnen drei Minuten, und das 3:2 vor 14.269 Zuschauern hielt nur knapp. Wieder fünf Tage später stand die Mannschaft an der Londoner Stamford Bridge im Finale der Champions League, bei der ersten Teilnahme überhaupt, gegen den Titelverteidiger Olympique Lyonnais. Ein Handelfmeter von Müller in der 73. Minute entschied das Spiel, und mit dem 1:0 endete Lyons Serie von 95 Pflichtspielsiegen in Folge. Drei Titel zwischen dem 12. und dem 24. Mai.
Das Jahr darauf bestätigte beides. Im Mai 2014 verteidigte Wolfsburg die Champions League mit einem 4:3 gegen Tyresö, nach einem schnellen 0:2. Gut zwei Wochen später kam Frankfurt mit einem Punkt Vorsprung zum letzten Spieltag nach Wolfsburg, ein Remis hätte den Gästen gereicht. Vor 12.464 Zuschauern, einer Rekordkulisse für die Bundesliga, glich Kozue Ando in der 82. Minute die Führung von Verena Faißt aus, und in der 89. köpfte Popp den zweiten Meistertitel in Folge.
Lyon, zweimal, und dann die Lücke
Von da an verschiebt sich der Ton der Akte. Die Liga gehört Wolfsburg weiterhin: 2017 reichte zum Titel sogar eine Niederlage in Freiburg, 2019 folgte ein 1:0 in Hoffenheim und damit die dritte Meisterschaft in Folge, vier Tage nach dem Pokalsieg gegen den SC Freiburg. Pokalsiege stehen in diesem Archiv für jedes Frühjahr von 2015 bis 2019. In Europa aber verliert Wolfsburg zwei Endspiele gegen denselben Gegner, gegen den 2013 alles begonnen hatte.
Im Mai 2016 rettete Popp die Mannschaft mit einem Tor in der 88. Minute gegen Lyon in die Verlängerung, nachdem Ada Hegerberg früh getroffen hatte, und Wolfsburg verlor das Finale erst im Elfmeterschießen. Zwei Jahre später in Kiew führte der VfL in der Verlängerung durch Pernille Harder, dann sah Popp Gelb-Rot, und das Endspiel ging 1:4 verloren. In beiden Berichten dreht sich die entscheidende Szene um dieselbe Spielerin: einmal mit dem Ausgleich, einmal mit dem Platzverweis, den der Bericht aus Kiew den Knackpunkt nennt.
Der letzte Wolfsburger Eintrag stammt vom 21. August 2019 und ist keine Meldung über den Verein, sondern eine Ansetzung: In der 2. Runde des DFB-Pokals spielt der SV Berghofen am Samstag, dem 7. September 2019, um 14 Uhr gegen den VfL Wolfsburg. Wie das Spiel ausging, steht hier nicht. Über die Spielzeiten 2019/20 bis 2022/23 wurde auf dieser Seite nichts geschrieben, und die verfügbaren Ligadaten setzen erst mit 2023/24 wieder ein.
Was sie seitdem zeigen, ist eine Rangordnung, die sich nicht bewegt. Wolfsburg wurde in allen drei Spielzeiten Zweiter, jedes Mal hinter Bayern: mit 51 Punkten gegenüber 56, wieder mit 51 gegenüber 59, zuletzt mit 58 gegenüber 74. Der Abstand zum Ersten ist in dieser Zeit von fünf auf sechzehn Punkte gewachsen. Für 2023/24 führt der Feed Ewa Pajor mit 18 Toren als beste Wolfsburger Torschützin, für die vergangene Saison Alexandra Popp mit 14. Für 2024/25, die Saison dazwischen, nennt er 57 Wolfsburger Tore und keine einzige Schützin.
Damit steht ein Name auf beiden Seiten der Lücke: im Mai 2013 verletzt vom Platz getragen, im Juni 2014 mit dem Kopfball zum Titel, 2016 mit dem Ausgleich in einem Finale und 2018 mit dem Platzverweis in einem anderen, und in der vergangenen Saison als erfolgreichste Torschützin des Vereins. Nach fünf Spieltagen der laufenden Spielzeit steht Wolfsburg mit zwölf Punkten auf Platz drei, die erste Niederlage kam in Hoffenheim, an einem Ort, an dem der VfL in diesem Archiv sonst nur gewinnt. Am 4. Oktober kommt der Hamburger SV nach Wolfsburg, ein Verein, dessen eigener Bestand hier sieben Jahre vor dem Wolfsburger endet.