Mehr Sand im Getriebe als erwartet
Will man erfahren, wann Deutschland letztmals zwei Niederlagen in Folge einsteckte, muss man in der Statistik schon recht weit zurückgehen. Im Jahr 2000 beim hochkarätigen Einladungsturnier im Rahmen der 100-Jahres-Feierlichkeiten des DFB unterlag die Frauenfußball-Nationalmannschaft gar gleich dreimal hintereinander – gegen China, Norwegen und die USA.
Das Aufbauspiel der auf fünf Positionen veränderten deutschen Startelf bei der 0:1-Niederlage gegen Frankreich im zweiten Spiel beim Algarve Cup war sicherlich weitaus gefälliger war als bei der Niederlage zum Auftakt gegen Norwegen . Der Gegentreffer resultierte aus einem individuellen Stellungsfehler der noch zu den Besseren gehörenden Kerstin Stegemann. Dennoch bleibt festzuhalten: So unverdient, wie Eurosport-Kommentator Ralf Itzel die neuerliche Niederlage bewertete, war sie nicht.
Mangelnde Präzision bei den Pässen, fehlende Abstimmung bei den Laufwegen und Schwächen in der Chancenverwertung zeigen, dass die DFB-Elf von der WM-Form noch weit entfernt ist. Denn trotz optischer Überlegenheit und fast 60 Prozent Ballbesitz wirkte das Spiel der Deutschen seltsam uninspiriert, fehlten Kreativität und Überraschungsmomente.
Defizite im Bereich Fitness
Auch in punkto Fitness – sonst einer der großen Vorteile im deutschen Spiel – kann man derzeit nicht überzeugen. Dabei hatten die Spielerinnen nach dem Leistungstest im Dezember in Köln auf Basis der Ergebnisse individuelle Trainingspläne erhalten. Doch es war wenig zu sehen von den von Neid erwarteten positiven Tendenzen im spielerischen wie konditionellen Bereich.
Konnte man früher häufig Spiele, in denen es nicht rund lief, dank körperlicher Überlegenheit zu einem positiven Ende bringen, hat die Konkurrenz inzwischen sichtbar Boden gut gemacht. So hatte Frankreichs Defensive auch in der Schlussphase nur selten heikle Momente zu überstehen, die harte Gangart der „Bleues“ schien das deutsche Team zudem zu überraschen.
Beste Chance durch Linda Bresonik
Nur bei Einzelaktionen ließ Deutschland Klasse aufblitzen, wie etwa beim Lattenschuss der erstmals in der Verteidigung eingesetzten Linda Bresonik Mitte der zweiten Halbzeit oder dem Aufsetzer von Célia Okoyino da Mbabi in der Schlussviertelstunde. Auch die körperlich robusten Norwegerinnen kamen in der ersten Partie nur selten in Verlegenheit.
„Wir haben gegen Norwegen gespielt und nicht gegen irgendeine kleine Nation“, hatte DFB-Trainerin Silvia Neid nach der Auftaktniederlage gesagt. Doch gegen den Siebten der FIFA-Weltrangliste aus Frankreich hätte man schon ein wenig mehr erwarten dürfen und müssen. Von den in der WM-Qualifikation überwiegend leicht heraus gespielten acht Siegen in acht Spielen mit einem Torverhältnis von 31:3 hat sich das Team möglicherweise ein wenig einlullen lassen.
Das mangelnde Ineinandergreifen der verschiedenen Mannschaftsteile sorgt auch für Verunsicherung im Sturm. So fiel im Jahr 2007 in fünf Spielen ein einziger Treffer, der bezeichnenderweise aus einer Standardsituation und nicht aus dem Spiel heraus erzielt wurde.
Noch bleibt sicherlich genügend Zeit, um bis zur WM in China die Schwachstellen auszumerzen. Zudem sind auch andere Nationen, wie etwa die USA oder Schweden, noch deutlich von der Bestform entfernt. So mühten sich die USA zu einem knappen 1:0-Sieg gegen Finnland , Schweden konnte beim etwas glücklichen 1:0-Sieg gegen China ebenfalls nicht überzeugen. Einzig Dänemark wusste beim Algarve Cup bisher nahezu uneingeschränkt zu gefallen, beim 4:0 gegen Frankreich und 1:0 gegen Norwegen .
Den Respekt der anderen nicht verlieren
Dennoch gilt es für Deutschland nun möglichst schnell in die Erfolgsspur zurück zu finden, sonst könnte man einen weiteren Vorteil aus der Hand geben: den Respekt der anderen Nationen vor dem amtierenden Welt- und Europameister. Und bei der immer näher zusammen rückenden Weltspitze kann in China schon der kleinste psychologische Vorteil über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.
Abseits des Algarve Cup sorgte ein anderer WM-Teilnehmer am Donnerstag für Furore. Das englische Team von Trainerin Hope Powell fegte Russland mit 6:0 vom Platz . Wir dürfen uns also wohl schon jetzt auf eine spannende und ausgeglichene WM freuen. Möglicherweise spannender, als es dem einen oder anderen Deutschland-Fan recht sein dürfte.