Frauen-WM: Urlaub von der Nische

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WM-Sonderhefte, Tippspiele, Paninibilder, Podcasts und VAR: Vom 7. Juni bis 7. Juli darf sich der Frauenfußball bei der Weltmeisterschaft in Frankreich für vier Wochen lang ungewohnter Aufmerksamkeit erfreuen.

Lea Schüller bejubelt ihren Treffer für die DFB-Frauen in Frankreich
DFB-Stürmerin Lea Schüller traf beim Sieg in Frankreich © imago / PanoramiC

Am morgigen Freitag, 7. Juni (21 Uhr, ZDF und DAZN live), startet mit dem Eröffnungsspiel zwischen Gastgeber Frankreich und Südkorea die achte Frauenfußball-Weltmeisterschaft, deren Sieger am 7. Juli in Lyon gekürt wird.

Ungewohnte Aufmerksamkeit

24 Teams kämpfen in den vier Wochen um den Titel und gemeinhin rechnet man sechs bis acht Teams zum erweiterten Favoritenkreis. Wieder einmal sind die Erwartungen groß, dass der Frauenfußball auch nach dem Turnier die erhöhte Aufmerksamkeit in den Liga-Alltag transportieren kann.

Doppeltes Preisgeld, unbekannte Spielerinnen

Doch noch immer sind in nahezu allen Teilnehmerländern selbst die potenziellen Stars des Turniers – von wenigen Ausnahmen abgesehen – einer breiten Öffentlichkeit gänzlich unbekannt. Die Folge zahlreicher Versäumnisse im Bereich Marketing in der Vergangenheit auf nationaler und internationaler Ebene. Daran ändert auch die Verdopplung des Preisgelds auf 30 Millionen Dollar (rund 27 Mio. EURO) gegenüber der WM 2015 in Kanada nichts.

Vermarktung optimieren

Das räumte auch FIFA-Präsident Gianni Infantino nach seiner Wiederwahl am Mittwoch in Paris ein: „Wir müssen den Frauenfußball entwickeln und in ihn investieren. Wir müssen da mehr Aufschwung schaffen und ihn separat vom Männerfußball vermarkten.“

„Schnellste Frauen-WM aller Zeiten“

Sportlich hat der Frauenfußball längst mehr Respekt und Anerkennung verdient, das werden die 52 WM-Spiele an neun über ganz Frankreich verstreuten Spielorten in den kommenden Wochen zeigen. April Heinrichs, Leiterin der Technischen Studiengruppe (TSG) der FIFA, meint: „Meiner Meinung nach wird dies die schnellste Frauen-WM aller Zeiten werden, insbesondere mit Blick auf das Umschalten von Abwehr auf Angriff oder zwischen dem Spiel mit und ohne Ball“, so die 55-Jährige, die als Kapitänin die USA 1991 zum ersten WM-Titel führte und 2004 als Trainerin mit ihrem Team Olympia-Gold holte.

Frankreich unter Druck

Zu den Favoriten gehören allen voran Titelverteidiger und Weltranglistenerster USA, der mit einem Altersschnitt von 29 Jahren zwar das älteste Team des Turniers stellt, es bei jedem Turnier aber immer wieder aufs Neue schafft, zu den wichtigen K.-o.-Spielen in Topform zu gelangen. Doch die Konkurrenz aus Europa dürfte den Amerikanerinnen das Leben schwer machen. Allen voran Gastgeber Frankreich, der im eigenen Land die Gelegenheit hat, ein Jahr nach den französischen Männern erstmals dafür zu sorgen, dass ein Land beide Trophäen innehält. Von den drei vergangenen Duellen mit den USA gewannen die Französinnen zwei, doch es bleibt abzuwarten, wie die Spielerinnen mit dem Druck und der großen Erwartungshaltung der Öffentlichkeit umgehen werden – die Frauenfußball-WM 2011 in Deutschland lässt grüßen, wo Gastgeber Deutschland unter der Last des öffentlichen Drucks nie sein volles Potenzial entfalten konnte.

Starke Niederlande

Aber auch Europameister Niederlande, dessen Team nach dem Überraschungserfolg vor zwei Jahren bei der EM im eigenen Land weiter gereift ist und in allen Mannschaftsteilen über einen exzellent besetzten Kader verfügt, darf sich berechtigte Hoffnungen machen, sehr lange im Turnier zu verbleiben. Wie stark die häufig als Geheimfavorit titulierten Teams aus Australien und Spanien wirklich sein werden, bleibt abzuwarten. Die Australierinnen kassierten auf dem Weg zur WM unter anderem deutliche Niederlagen gegen die USA und die Niederlande. Die Spanierinnen sind bis heute bei einem großen Turnier den Beweis schuldig geblieben, ihr spielerisches Vermögen häufiger in Tore ummünzen zu können, auch wenn sie beim 0:0 gegen Deutschland im vergangenen November andeuteten, ein unbequemer Gegner sein zu können.

DFB-Elf: Olympia als Minimalziel

Ein Fragezeichen steht auch hinter dem Leistungsvermögen der deutschen Mannschaft, die in den vergangenen Monaten unter der neuen Trainerin Martina Voss-Tecklenburg in vier Testspielen ohne Niederlage blieb und dabei Auswärtssiege in Frankreich und Schweden feierte. Die Stimmung im Team ist gut, doch die WM-Vorbereitung war kurz und es blieb nur wenig Zeit, Automatismen einzustudieren. Auch aus diesem Grund war bei der Zielsetzung der DFB-Elf das Wort „Titel“ im Vorfeld des Turniers nur selten zu hören, als eines der besten drei europäischen Teams will man zumindest die Teilnahme am Olympischen Frauenfußball-Turnier 2020 in Tokio perfekt machen.

Frecher Werbespot der Namenlosen

Verstecken müssen sich die DFB-Frauen sicherlich nicht. Und es bleibt zu hoffen, dass die DFB-Frauen dank guter Leistungen für die breite Öffentlichkeit kein Team der Namenlosen bleiben – der freche WM-Werbespot („Wir brauchen keine Eier, wir haben Pferdeschwänze“) lässt grüßen.

VAR soll irreguläre Tore verhindern

Von den vier Neulingen aus Chile, Jamaika, Schottland und Südafrika dürften nur die Schottinnen realistische Chancen auf ein Überstehen der Vorrunde haben, die anderen Teams werden ihre erste WM-Teilnahme unter dem Motto Lernen verbuchen. Bei der Frauenfußball-WM wird auch erstmals wie schon bei der Männer-WM in Russland im vergangenen Jahr der Videoschiedsrichter-Assistent zum Einsatz kommen. Insgesamt wurden 15 Video-Assistenten aus 11 unterschiedlichen Ländern für das Turnier berufen. So dürften die sonst fünf bis zehn pro Turnier erzielten strittigen Tore mehrheitlich der Vergangenheit angehören.

Sonderheft, Tippspiel, Panini und Podcasts

Wer noch tiefer in die Materie einsteigen möchte, kann diese über diverse WM-Sonderhefte online und offline tun und zudem wie schon bei der WM 2015 in Kanada Paninibilder sammeln. Wer mehr auf akustische Informationsversorgung steht, kann sich mit verschiedenen Podcasts die volle Dröhnung geben, unter anderem bei „Lottes Erbinnen“, die in acht verschiedenen Podcasts auf das Turnier insgesamt, die Gruppen A bis F sowie auf das Thema „Schiedsrichter und VAR“ blicken. Für die deutsche Gruppe B durfte Womensoccer als Pate seine Einschätzung abgeben. Insgesamt gibt es mehr als 9 Stunden auf Eure Ohren! Und beim WM-Tippspiel kann man sich mit Freunden, Verwandten und Bekannten messen.

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Dussel Duck
Dussel Duck

Für das Abschneiden der deutschen Frauen bei dieser WM dürfte die Vorrunde von überragender Bedeutung sein. Wenn sie Gruppenerste werden, bleiben ihnen – wahrscheinlich – bis zum Finale die USA und Frankreich erspart. Als Gruppenzweite erwartete sie wahrscheinlich ein frühes Aus gegen die Amis sowie das Verpassen der Olympia-Quali.
Na, ich habe mich sicherheitshalber (als echter Schönwetterfan) schon mal geistig darauf eingestimmt, auch Frankreich/Holland/Norwegen anzufeuern. Irgendeiner muss doch die doofen Amis stoppen 🙂 .

Rudi
Rudi

@Markus,

also bis jetzt hab ich noch kein WM-Sonderheft ausser dem FFMagazin gefunden. Können Sie da ein paar Tips geben welche anderen Sonderhefte es offline in gedruckter Form gibt?

Per Larssen
Per Larssen

Der heutige KICKER beinhaltet 15 Sonderseiten zur Frauenfußball-WM.

Bernd
Bernd

Danke Markus und Per für die Info!

never-rest
never-rest

Ganz angenehm, dass nicht so viel Trallala um die FF-WM wie bei den Männern oder bei der Heim WM gemacht wird. Wenn die N11 guten Fußball zeigt und weit kommt, wird sich das geneigte Publikum schon begeistern lassen.

Heinrich Rosenstaub
Heinrich Rosenstaub

@Markus

Herzlichen Dank für den großartigen Artkel! Das ist mit das Beste, was ich je zum Thema „Frauenfußball“ gelesen habe. Und das wohltuend frei von Rechtschreibfehlern. Glückwunsch zu der journalistischen Glanzleistung!

PS: Für einen akribischen Fehlersucher wie mich gibt es leider nur einen klitzkleinen Grund zu klammheimlicher Genugtuung: Der supercoole Videoclip unserer frechen Fußballgöttinnen heißt: „Wir BRAUCHEN keine Eier, wir haben Pferdeschwänze.“

Fan2
Fan2

Urlaub ist ein gutes Stichwort, vielmehr wird es nämlich nicht. Ab September ist man wieder da, wo man aktuell ist: Ein Sport von 20jährigen Damen, für den sich v.a. Männer über 50 interessieren.

Dussel Duck
Dussel Duck

Vorhin hat mich ein genervter Freund angerufen, der sich extra das neueste Kicker-Heft gekauft hatte in der Hoffnung, auf den 15 Sonderseiten zur WM Interessantes über die verschiedenen teilnehmenden Teams zu erfahren, über die man selbst als durchschnittlicher Frauenfußballfan eher weniger weiß. Zu seinem Leid bot das Heft aber fast ausschließlich Artikel über die deutsche Elf. Das Beste, was ich bisher im Netz gelesen habe, ist die Reihe von bald 24 Artikeln im Guardian – über jedes einzelne Team und geschrieben jeweils von kundigen Landsleuten. Dort finden sich auch einige nette Trivia, etwa dass Jackie Groenen einen guten alten Schallplattenspieler… Weiterlesen »

speedy75
speedy75

Wirklich interessant zu lesen, schönen Dank für den Link. Warum schaffen das nur deutsche nicht, so was zu schreiben?

speedy75
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