Chronik 2007 — 2019 8451 Beiträge 513 Transfers145 Vereine 540 Profile
WomenSoccer

2011

„Sind Fußballerinnen und keine Mädchen, die Fußball spielen“

Die französische Nationalelf veranstaltete am Wochenende in Clairefontaine einen Medientag der besonderen Art: Beim Event „Le Duel“ forderten die Spielerinnen die Journalisten zum Duell – und räumten dabei eindrucksvoll mit so manchem Vorurteil auf.

Pfingstsamstag, 13 Uhr: Durch den Wald von Rambouillet weht noch eine etwas kühle Brise hinauf nach Clairefontaine zum Centre Technique National Fernand Sastre, dem Leistungszentrum des französischen Fußballverbands (FFF). Fast eineinhalb Stunden haben wir für die rund 50 Kilometer lange Strecke vom Verbandssitz am Pariser Boulevard de Grenelle gebraucht, die Pariser Stadtautobahn Périphérique hat ihrem schlechten Ruf alle Ehre gemacht.

Barbecue mit Bini Etwas ungeduldig steige ich aus dem Teambus der französischen Nationalelf, in dem wir nach Clairefontaine fahren durften. In dicken Lettern steht dort geschrieben: “Nous sommes des footballeuses et pas des fille qui jouent au foot” („Wir sind Fußballerinnen und keine Mädchen, die Fußball spielen“). Es begrüßen uns einige Kamerateams, durch eine enge weiße Schwingtür gehe ich in einen Salon des renovierten Schlosses hinein, das heute den französischen Auswahlmannschaften als Wohngebäude dient. Auf der Terrasse bietet sich ein prachtvoller Anblick: Uns erwartet bereits ein Barbecue und der komplette französische WM-Kader – uns, das heißt eine Gruppe von rund 30 vorwiegend französische Journalisten, die sich hier zu einem ganz speziellen Anlass eingefunden haben. Wie auf Bestellung kommt die Sonne heraus, die Ungeduld ist verflogen, ich geselle mich mit einigen anderen an den Tisch zu Trainer Bruno Bini.

Französische Schmeicheleien Vor zwei Monaten habe ich ihn am UEFA-Hauptsitz in Nyon interviewt, ob er sich an mich erinnert? Er schenkt sich ein Glas Rosé ein und begrüßt uns schmeichlerisch mit dem ihm eigenen Humor. „Bei der WM gibt es zwei klare Favoriten – „C’est l’Allemagne et…“ Kurze Pause. „L’Allemagne“ – das verstehen wir sogar mit unserem Schul-Französisch – Deutschland und… Deutschland sind die Topfavoriten erklärt er mit einem verschmitzten Lächeln auf dem Gesicht. „Die anderen 15 Teams spielen nur um Platz zwei“, will er uns glauben machen.

Respektlose Journalisten Ich bin fast ein bisschen verwundert, wie viel Aufmerksamkeit er uns schenkt, denn auf die deutschen Journalisten ist er nicht besonders gut zu sprechen. „2007 haben wir beim Algarve Cup 1:0 gegen Deutschland gewonnen, es war mein erstes Turnier mit der Nationalmannschaft. Es waren rund 25 Journalisten in der Pressekonferenz. Als Silvia Neid fertig war, sind einfach alle gegangen, noch bevor ich was sagen konnte. Das war ganz schön respektlos. Ein einziger Journalist ist sitzengeblieben, Andreas Jörger von Eurosport. Er hat dann noch mit mir geredet.“

Bini: “Nicht die 21 besten Spielerinnen bei der WM” Wir kommen auf das Thema WM-Nominierungen zu sprechen. Bini erklärt: „In keinem Land werden die 21 besten Einzelspielerinnen nominiert. Ich habe die 21 ausgewählt, die meiner Meinung nach die beste Gruppe bei der WM bilden werden.“ Warum denn etwa Torhüterin Sarah Bouhaddi nicht dabei sei, wird gefragt, das sei ja doch eine Überraschung. „Surprise, pour qui?“, runzelt er die Stirn. Für die, die wüssten, wie er arbeite, sei es keine Überraschung gewesen. Das Zusammenleben und der gegenseitige Respekt seien wichtig, um gut zu spielen, erklärt er. Wir nicken, denn wir haben verstanden.

Hahn im Korb Bini nippt an seinem Glas Rosé und benennt die als Todesgruppe titulierte WM-Gruppe A kurzerhand in Lebensgruppe um. „Das ist doch ein Glück, dass ich zu den 16 Trainern gehöre, die bei der WM überhaupt dabei sind. In unserer Gruppe gibt es drei Trainerinnen und nur einen Trainer, das ist doch eine schöne Gruppe.“ Der deutschen Mannschaft bescheinigt er großes Potenzial, doch eine Spielerin hat es ihm besonders angetan. „Bajramaj“, zischt es im Dialekt seines Heimatdorfs La Chapelle Saint-Mesmin nahe Orléans zwischen seinen Lippen hervor. „Sie macht oft so überraschende Dinge auf dem Platz, das kann man nicht lernen“, erklärt er voller Respekt und Bewunderung.

Lektion für die Journalisten Nun wird es ernst: Wir steigen die steilen Treppen zum „Terrain Platini“ hinab, dem Platz, der normalerweise für die Männer-Nationalmannschaft reserviert ist. Beim „Le Duel“ (Das Duell) getauften Event wollen die Spielerinnen den Journalisten zeigen, was sie drauf haben. Laura Georges erklärt mir, um was es geht: „Wenn sie selber aufs Feld müssen, respektieren sie uns vielleicht hinterher mehr und schreiben anders über uns.“

Bei den fünf Aufgaben Elfmeterschießen, Freistoßschießen, Ball jonglieren, Dribbling und Fußball-Tennis schlugen sich die Medienvertreter nicht schlecht, doch trotz einiger guter Ansätze war gegen die Nationalspielerinnen kein Kraut gewachsen. Camille Abily schien der Ball beim Jonglieren am Kopf zu kleben, Eugénie Le Sommer versenkte einen Elfmeter nach dem anderen in den Maschen.

Vorurteile abgebaut Die 19 WM-Fahrerinnen – Wendie Renard (Oberschenkelprobleme) schaute vom Spielfeldrand amüsiert zu und auch Laure Boulleau musste passen – genossen ihren Triumph beim spielerischen Kräftemessen still, aber mit tief entspannten und zufriedenen Gesichtszügen. Ganz getreu dem auf dem Mannschaftsbus prangenden Motto „Wir sind Fußballerinnen und keine Mädchen, die Fußball spielen“ durfte sich die Journalistenschar hautnah von den Qualitäten des WM-Kaders überzeugen und umgehend von so manchem Vorurteil Abschied nehmen. Am Schluss kommt Laura noch einmal auf mich zu.

Wo die Stars geboren werden „Willst Du noch irgendwas wissen, kann ich Dir noch irgendwas erklären?“ Ich bin ein wenig baff, eine solches Entgegenkommen bin ich aus der Heimat nicht gewohnt. Sie erzählt ein wenig mehr über die tollen Rahmenbedingungen, die Clairefontaine bietet. „Ich habe hier fünf Jahre verbracht, bin zur Schule gegangen und habe trainiert. Die Spielerinnen und Spieler hier sind in der Regel zwischen 15 und 19, die meisten heutigen Nationalspieler waren irgendwann einmal hier.“ Etwa Thierry Henry, Nicolas Anelka oder William Gallas.

Das nach dem früheren FFF-Präsidenten Fernand Sastre benannte, 1988 eröffnete Ausbildungszentrum lässt kaum einen Wunsch offen. Sieben Naturrasen- und zwei Kunstrasenplätze, ein weiterer überdachter Platz, beste medizinische Bedingungen, Schwimmbad, Jacuzzi und vieles mehr haben Clairefontaine auch zu einem Vorbild für andere Fußballverbände werden lassen. Seit 1998 beherbergt das 56 Hektar große Gelände auch ein Ausbildungszentrum für den Frauenfußball.

„Außenseiter? Haben Sie unsere WM-Qualifikation gesehen?” Ich nehme Abschied von Bruno Bini und seinen sympathischen Spielerinnen, von Laura, Sonia (Bompastor) und Camille (Abily), die mir einen stimmungsvollen Nachmittag bereitet haben. Und ich freue mich schon jetzt auf ein Wiedersehen am 5. Juli in Mönchengladbach, wenn sich die Wege von Frankreich und Deutschland im Turnier kreuzen werden. „Wenn wir Deutschland schlagen, ist die WM für mich gelaufen“, scherzt Laura.

„Die WM wird ein großer Spaß, ich bin schon ganz aufgeregt, Druck verspüre ich kaum. Wir müssen gut spielen und wollen weit kommen, dann sehen wir weiter.“ Und auch Bini will der Konkurrenz dann doch nicht kampflos das Feld überlassen. „Außenseiter? Haben Sie unsere WM-Qualifikation gesehen? Wir haben 50 Tore geschossen und keines kassiert und Lyon hat die Champions League gewonnen. Ich glaube, unsere Statur hat sich ein wenig verändert“, sagt der Mann, der selbst seit der EM in Finnland vor zwei Jahren 40 Kilo verloren hat.

Die Medien ins Boot geholt Eines haben er uns seine 21 Spielerinnen an diesem Nachmittag bereits erreicht: Geschickt die Aufmerksamkeit der Medien auf sich gezogen, bevor das Team mit zwei Länderspielen gegen Belgien die WM-Vorbereitung abschließen und am 20. Juni nach Deutschland reisen wird. Und wer weiß: Vielleicht dürfen die Verantwortlichen des Centre Technique National Fernand Sastre in ein paar Wochen an der Einfahrt neben der Nachbildung des FIFA-Weltpokals, den Frankreichs Männer 1998 gewannen, eine weitere Trophäe anbringen.