„Sind Fußballerinnen und keine Mädchen, die Fußball spielen“

Von am 14. Juni 2011 – 0.10 Uhr 15 Kommentare

Die französische Nationalelf veranstaltete am Wochenende in Clairefontaine einen Medientag der besonderen Art: Beim Event „Le Duel“ forderten die Spielerinnen die Journalisten zum Duell – und räumten dabei eindrucksvoll mit so manchem Vorurteil auf.

Pfingstsamstag, 13 Uhr: Durch den Wald von Rambouillet weht noch eine etwas kühle Brise hinauf nach Clairefontaine zum Centre Technique National Fernand Sastre, dem Leistungszentrum des französischen Fußballverbands (FFF). Fast eineinhalb Stunden haben wir für die rund 50 Kilometer lange Strecke vom Verbandssitz am Pariser Boulevard de Grenelle gebraucht, die Pariser Stadtautobahn Périphérique hat ihrem schlechten Ruf alle Ehre gemacht.

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Teambus der französischen Nationalelf

Teambus der französischen Nationalelf © Womensoccer

Barbecue mit Bini
Etwas ungeduldig steige ich aus dem Teambus der französischen Nationalelf, in dem wir nach Clairefontaine fahren durften. In dicken Lettern steht dort geschrieben: „Nous sommes des footballeuses et pas des fille qui jouent au foot“ („Wir sind Fußballerinnen und keine Mädchen, die Fußball spielen“). Es begrüßen uns einige Kamerateams, durch eine enge weiße Schwingtür gehe ich in einen Salon des renovierten Schlosses hinein, das heute den französischen Auswahlmannschaften als Wohngebäude dient. Auf der Terrasse bietet sich ein prachtvoller Anblick: Uns erwartet bereits ein Barbecue und der komplette französische WM-Kader – uns, das heißt eine Gruppe von rund 30 vorwiegend französische Journalisten, die sich hier zu einem ganz speziellen Anlass eingefunden haben. Wie auf Bestellung kommt die Sonne heraus, die Ungeduld ist verflogen, ich geselle mich mit einigen anderen an den Tisch zu Trainer Bruno Bini.

Französische Schmeicheleien
Vor zwei Monaten habe ich ihn am UEFA-Hauptsitz in Nyon interviewt, ob er sich an mich erinnert? Er schenkt sich ein Glas Rosé ein und begrüßt uns schmeichlerisch mit dem ihm eigenen Humor. „Bei der WM gibt es zwei klare Favoriten – „C’est l’Allemagne et…“ Kurze Pause. „L’Allemagne“ – das verstehen wir sogar mit unserem Schul-Französisch – Deutschland und… Deutschland sind die Topfavoriten erklärt er mit einem verschmitzten Lächeln auf dem Gesicht. „Die anderen 15 Teams spielen nur um Platz zwei“, will er uns glauben machen.

Respektlose Journalisten
Ich bin fast ein bisschen verwundert, wie viel Aufmerksamkeit er uns schenkt, denn auf die deutschen Journalisten ist er nicht besonders gut zu sprechen. „2007 haben wir beim Algarve Cup 1:0 gegen Deutschland gewonnen, es war mein erstes Turnier mit der Nationalmannschaft. Es waren rund 25 Journalisten in der Pressekonferenz. Als Silvia Neid fertig war, sind einfach alle gegangen, noch bevor ich was sagen konnte. Das war ganz schön respektlos. Ein einziger Journalist ist sitzengeblieben, Andreas Jörger von Eurosport. Er hat dann noch mit mir geredet.“

Bruno Bini

Frankreichs Nationaltrainer Bruno Bini versprüht Optimismus © Womensoccer

Bini: „Nicht die 21 besten Spielerinnen bei der WM“
Wir kommen auf das Thema WM-Nominierungen zu sprechen. Bini erklärt: „In keinem Land werden die 21 besten Einzelspielerinnen nominiert. Ich habe die 21 ausgewählt, die meiner Meinung nach die beste Gruppe bei der WM bilden werden.“ Warum denn etwa Torhüterin Sarah Bouhaddi nicht dabei sei, wird gefragt, das sei ja doch eine Überraschung. „Surprise, pour qui?“, runzelt er die Stirn. Für die, die wüssten, wie er arbeite, sei es keine Überraschung gewesen. Das Zusammenleben und der gegenseitige Respekt seien wichtig, um gut zu spielen, erklärt er. Wir nicken, denn wir haben verstanden.

Hahn im Korb
Bini nippt an seinem Glas Rosé und benennt die als Todesgruppe titulierte WM-Gruppe A kurzerhand in Lebensgruppe um. „Das ist doch ein Glück, dass ich zu den 16 Trainern gehöre, die bei der WM überhaupt dabei sind. In unserer Gruppe gibt es drei Trainerinnen und nur einen Trainer, das ist doch eine schöne Gruppe.“ Der deutschen Mannschaft bescheinigt er großes Potenzial, doch eine Spielerin hat es ihm besonders angetan. „Bajramaj“, zischt es im Dialekt seines Heimatdorfs La Chapelle Saint-Mesmin nahe Orléans zwischen seinen Lippen hervor. „Sie macht oft so überraschende Dinge auf dem Platz, das kann man nicht lernen“, erklärt er voller Respekt und Bewunderung.

Camille Abily

Camille Abily jongliert den Ball auf dem Kopf © Womensoccer

Lektion für die Journalisten
Nun wird es ernst: Wir steigen die steilen Treppen zum „Terrain Platini“ hinab, dem Platz, der normalerweise für die Männer-Nationalmannschaft reserviert ist. Beim „Le Duel“ (Das Duell) getauften Event wollen die Spielerinnen den Journalisten zeigen, was sie drauf haben. Laura Georges erklärt mir, um was es geht: „Wenn sie selber aufs Feld müssen, respektieren sie uns vielleicht hinterher mehr und schreiben anders über uns.“

Bei den fünf Aufgaben Elfmeterschießen, Freistoßschießen, Ball jonglieren, Dribbling und Fußball-Tennis schlugen sich die Medienvertreter nicht schlecht, doch trotz einiger guter Ansätze war gegen die Nationalspielerinnen kein Kraut gewachsen. Camille Abily schien der Ball beim Jonglieren am Kopf zu kleben, Eugénie Le Sommer versenkte einen Elfmeter nach dem anderen in den Maschen.

Vorurteile abgebaut
Die 19 WM-Fahrerinnen – Wendie Renard (Oberschenkelprobleme) schaute vom Spielfeldrand amüsiert zu und auch Laure Boulleau musste passen – genossen ihren Triumph beim spielerischen Kräftemessen still, aber mit tief entspannten und zufriedenen Gesichtszügen. Ganz getreu dem auf dem Mannschaftsbus prangenden Motto „Wir sind Fußballerinnen und keine Mädchen, die Fußball spielen“ durfte sich die Journalistenschar hautnah von den Qualitäten des WM-Kaders überzeugen und umgehend von so manchem Vorurteil Abschied nehmen. Am Schluss kommt Laura noch einmal auf mich zu.

Laura Georges

Laura Georges stand geduldig Rede und Antwort © Womensoccer

Wo die Stars geboren werden
„Willst Du noch irgendwas wissen, kann ich Dir noch irgendwas erklären?“ Ich bin ein wenig baff, eine solches Entgegenkommen bin ich aus der Heimat nicht gewohnt. Sie erzählt ein wenig mehr über die tollen Rahmenbedingungen, die Clairefontaine bietet. „Ich habe hier fünf Jahre verbracht, bin zur Schule gegangen und habe trainiert. Die Spielerinnen und Spieler hier sind in der Regel zwischen 15 und 19, die meisten heutigen Nationalspieler waren irgendwann einmal hier.“ Etwa Thierry Henry, Nicolas Anelka oder William Gallas.

Das nach dem früheren FFF-Präsidenten Fernand Sastre benannte, 1988 eröffnete Ausbildungszentrum lässt kaum einen Wunsch offen. Sieben Naturrasen- und zwei Kunstrasenplätze, ein weiterer überdachter Platz, beste medizinische Bedingungen, Schwimmbad, Jacuzzi und vieles mehr haben Clairefontaine auch zu einem Vorbild für andere Fußballverbände werden lassen. Seit 1998 beherbergt das 56 Hektar große Gelände auch ein Ausbildungszentrum für den Frauenfußball.

Clairefontaine

Das ehemalige Schloss beherbergt inzwischen die Fußballstars von heute und morgen © Womensoccer

„Außenseiter? Haben Sie unsere WM-Qualifikation gesehen?“
Ich nehme Abschied von Bruno Bini und seinen sympathischen Spielerinnen, von Laura, Sonia (Bompastor) und Camille (Abily), die mir einen stimmungsvollen Nachmittag bereitet haben. Und ich freue mich schon jetzt auf ein Wiedersehen am 5. Juli in Mönchengladbach, wenn sich die Wege von Frankreich und Deutschland im Turnier kreuzen werden. „Wenn wir Deutschland schlagen, ist die WM für mich gelaufen“, scherzt Laura.

„Die WM wird ein großer Spaß, ich bin schon ganz aufgeregt, Druck verspüre ich kaum. Wir müssen gut spielen und wollen weit kommen, dann sehen wir weiter.“ Und auch Bini will der Konkurrenz dann doch nicht kampflos das Feld überlassen. „Außenseiter? Haben Sie unsere WM-Qualifikation gesehen? Wir haben 50 Tore geschossen und keines kassiert und Lyon hat die Champions League gewonnen. Ich glaube, unsere Statur hat sich ein wenig verändert“, sagt der Mann, der selbst seit der EM in Finnland vor zwei Jahren 40 Kilo verloren hat.

Die Medien ins Boot geholt
Eines haben er uns seine 21 Spielerinnen an diesem Nachmittag bereits erreicht: Geschickt die Aufmerksamkeit der Medien auf sich gezogen, bevor das Team mit zwei Länderspielen gegen Belgien die WM-Vorbereitung abschließen und am 20. Juni nach Deutschland reisen wird. Und wer weiß: Vielleicht dürfen die Verantwortlichen des Centre Technique National Fernand Sastre in ein paar Wochen an der Einfahrt neben der Nachbildung des FIFA-Weltpokals, den Frankreichs Männer 1998 gewannen, eine weitere Trophäe anbringen.

Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

15 Kommentare »

  • FFFan sagt:

    Schöner Artikel! Danke für den Blick hinter die Kulissen der ‚Equipe Tricolore‘!

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  • ballander sagt:

    ach, ich mag die lockerheit, den humor und die offenheit der franzosen! das nenne ich mal gute pressearbeit des verbandes. unverkrampft und sehr zeilführend. wessen herz jetzt nicht für die franzosen schlägt 😉

    danke für den tollen bericht!

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  • intersoccer sagt:

    wirklich ein schöner Bericht! Solche Artikel mit Hintergrund-Info´s liebe ich 😀

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  • Jan sagt:

    Herr Juchem, an Ihnen ist ja ein Poet verloren gegangen! 🙂

    Und was Bruno Bini sagte, war mir damals bei den Fotos zur Auslosung der WM-Gruppen auch aufgefallen, wo die 4 National-Trainer/innen jeder WM-Gruppe gemeinsam um den WM-Pokal posierten:

    Dass nämlich von insgesamt 6 National-Trainerinnen 3 in „seiner“ Gruppe sind – während sich die restlichen 3 gleichmäßig auf die anderen 3 WM-Gruppen verteilen; also 1 pro WM-Gruppe.

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  • Detlef sagt:

    ballander schrieb;
    „wessen herz jetzt nicht für die franzosen schlägt ;-)“

    Ich mag die Franzosen nicht!!!
    Sie sind wohl das Arroganteste was auf diesem Planeten rumläuft!!!
    Damit übertreffen sie sogar noch die US-Amerikaner und die Deutschen, was ja schon einiges heißen mag!!!

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  • intersoccer sagt:

    @ Detlef:
    auch hier gilt mal wieder, dass Pauschalierungen nie hilfreich sind. Arrogante Menschen gibt es wohl in jedem Team, genauso wie sympathische…

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  • Lucy sagt:

    Die Franzosen sind gar nicht so arrogant, sie wirken nur manchmal so, nehmen halt alles etwas lockerer 😉 Arbeite für eine franz. Firma und sage nur: liebevolle Chaoten und gut, dass wir Deutschen immer alles so ordentlich archivieren… 😉 😀

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  • ballander sagt:

    @ detlef: ich habe ein jahr in frankreich gelebt und habe viele liebenswerte menschen kennengelernt. deshalb musste ich bei dem artikel auch sehr schmunzeln, weil ich diesen humor wiedererkenne und er mir hervorragend gefällt 🙂

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  • Ralf sagt:

    🙂

    https://j.mp/iCZWJH

    Alfons klärt uns über Deutschland auf!

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  • Jan sagt:

    Ist Herr Juchem eigtl. auch auf den Fotos od. Videos über „Le Duel“ bei fff . fr zu sehen? 🙂

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  • berggruen1 sagt:

    Etwas verwirrend: Fabian Kunze behauptet unter „Selbsttest im Kampf der Geschlechter“ auf Eurosport-Yahoo, er sei der einzige deutsche Journalist vor Ort gewesen?!? Markus war aber doch offensichtlich auch dort?

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  • Lucy sagt:

    Vielleicht hat sich Markus als Bayer ausgegeben und nicht als Deutscher… 😉

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  • Fabian Kunze sagt:

    Hallo berggruen1,
    ich sage nicht, dass ich der einzige deutsche Journalist vor Ort war, sondern dass ich als einziger die Möglichkeit hatte, die Mannschaft direkt zu testen. Insgesamt waren wir zu dritt: Markus, eine Kollegin von dapd und ich.
    Ich hoffe, ich konnte das Missverständnis aufklären 🙂

    Viele Grüße,
    Fabian Kunze

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  • berggruen1 sagt:

    @Fabian Kunze: Jo, danke :-). Da habe ich wohl nicht sorgfältig genug gelesen.

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  • Ralf sagt:

    @Lucy

    Na! … Wenn schon, dann als Franke! 🙂

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