Teamporträt England
Bei der Weltmeisterschaft 2007 kam die englische Nationalmannschaft bis ins Viertelfinale. Dies soll in diesem Jahr mindestens wiederholt werden. Denn schließlich reisen die „Three Lions“ diesmal nicht als knapp qualifiziertes unbeschriebenes Blatt an sondern als Vize-Europameister, der den Sprung zur WM souverän gemeistert hat.
„Priorität hat, die Gruppenphase zu überstehen“, sagt Nationaltrainerin Hope Powell. Was danach kommt, werde man sehen. Und in der Tat dürfte es dann schwierig werden, schließlich könnte es schon im Viertelfinale zum Aufeinandertreffen mit Deutschland kommen. Gegen die DFB-Elf gelang in 19 Begegnungen kein einziger Sieg.
Enorme Fortschritte Dennoch muss man die Engländerinnen bei dieser WM zumindest zu den Halbfinalanwärtern zählen. Die „Lionesses“ haben sich seit der Europameisterschaft 2005 im eigenen Land enorm verbessert. Damals war man in der Gruppenphase ausgeschieden, doch die EM wurde zum Anlass für verstärkte Investitionen, finanziell und sportlich, genommen. Dies zahlte sich aus: Die Engländerinnen qualifizierten für die WM 2007, wurden bei der EM 2009 zweiter und schafften den Sprung in die Top 10 der Weltrangliste.
Taktikerin Hope Powell Bereits seit 13 Jahren ist Hope Powell für das Team verantwortlich. Die 44-Jährige zeichnete sich in der dieser Zeit auch als gute Taktikerin aus, die die im Hockey üblichen Headsets und Taktiktafeln übernahm und die Schwächen ihrer Mannschaft immer wieder mit taktischen Finessen auszugleichen vermag. Bei der WM 2007 traf England bereits in der Gruppenphase auf Deutschland – eine Niederlage hätte das WM-Aus bedeutet, ein Sieg war unerreichbar. Powell entschied sich für neunzig Minuten Defensivfußball, mit dem ein 0:0 gehalten werden sollte. Es gelang.
Kein Tempofußball über 90 Minuten Doch genau darin liegt seit Jahren auch eine Schwäche der Engländerinnen, die nicht abzustellen ist. Gegen schwächere Teams können sie offensiv, häufig gar mit drei Spitzen, auflaufen. Einem nominell stärkeren Gegner haben sie aber meist über 90 Minuten nicht entgegenzusetzen. Das war im EM-Finale 2009 gegen Deutschland so – und sogar beim 2:1-Sieg gegen die USA Anfang des Monats. Eine Halbzeit lang spielte man die Amerikanerinnen nahezu an die Wand, doch insbesondere in den letzten 25 Minuten spielte nur noch der zweifache Weltmeister, und der knappe Erfolg war für die “Three Lions” sehr glücklich.
Kelly Smith als Schlüssel zum Erfolg England ist eine Mannschaft, deren Stärke im Teamgeist liegt – das Prädikat „weltklasse“ würde man wohl nur Kelly Smith verleihen. Die offensive Mittelfeldspielerin steht in ihren fußballerischen Fähigkeiten Marta in nichts nach – zeichnet sich dafür durch eine größere Mannschaftsdienlichkeit aus. Ist Smith fit, ist sie eine Akteurin, die die entscheidenden Akzente setzen kann. Ist sie es nicht, lahmt das englische Spiel, das zu stark von ihr abhängig ist.
Wichtige, nur schwer zu ersetzende Spielerinnen sind darüber hinaus Katie Chapman und Faye White. Doch auf Chapman muss verzichtet werden, die zweifache Mutter erklärte erst kürzlich ihren Rücktritt aus der Nationalmannschaft , weil es nicht mehr mit ihren familiären Verpflichtungen vereinbar sei. White, die in der Innenverteidigung nicht die filigranste Fußballerin ist, aber über enorm viel Erfahrung verfügt und die Ansagen gibt, hat sich in der vergangenen Woche in der Partie gegen Bristol Academy WFC verletzt. Im FA-Cup-Halbfinale konnte sie nicht auflaufen. Es bleibt abzuwarten, wie es sich bei der 33-Jährigen in den kommenden Wochen entwickeln wird.
US-Erfahrung hilft Wenngleich es für einen erfolgreichen englischen Frauenfußball auf Dauer keine Option sein kann, dass die erfolgreichsten Spielerinnen im Ausland aktiv sind, wird es der Nationalmannschaft dennoch mittelfristig helfen. Insgesamt sind fünf Nationalspielerinnen (Kelly Smith, Alex Scott, Karen Bardsley, Eniola Aluko und Anita Asante) in der US-amerikanischen Profiliga aktiv – eine Erfahrung, die den „Three Lions“ bei der vergangenen EM half.
Stürmerin Aluko, technisch enorm versiert, aber zumeist abschlussschwach, erzielte drei Treffer und zeigte sich darüber hinaus als wertvolle Vorbereiterin. An ihrer Seite könnte bei dieser WM die große Stunde der Ellen White schlagen, die 2010 ihr Debüt und gleichzeitig den großen Durchbruch in der Nationalmannschaft feierte. Sie könnte werden, was der englischen Mannschaft fehlt: eine echte Goalgetterin. Powell ist sich schon jetzt sicher: “Eine Stürmerin wie sie hatten wir noch nie.”
Perspektive Halbfinale? Der Einzug ins Viertelfinale sollte für die Engländerinnen machbar sein. Eine Halbfinalteilnahme dürfte schwierig werden. Doch wenn sie es schaffen, den Deutschen im Viertelfinale aus dem Weg zu gehen, nicht ausgeschlossen.