Ein bisschen mehr Selbstkritik bitte, Frau Schneider!
„Errare humanum est“ (Irren ist menschlich) heißt ein altes lateinisches Sprichwort. Und in diesem Sinne will ich auch gar nicht auf Daniela Schneider, der Schiedsrichterin des DFB-Pokalfinales der Frauen rumhacken, obwohl sie am Samstag bei einigen Entscheidungen nicht gerade einen glücklichen Tag erwischt und - frei nach Voltaires „Candide“ gesprochen - sicherlich nicht die beste aller möglichen Schiedsrichterinnenleistungen gezeigt hat.
Natürlich war sie im Wissen um die Fans im weiten Rund des Berliner Olympiastadions und die 3,46 Millionen Zuschauern vor den Fernsehschirmen sicherlich auch nervös. „Als die Nationalhymne erklang, habe ich sogar Gänsehaut bekommen“, sagt Schneider, die seit 14 Jahren als Schiedsrichterin tätig ist und seit 2003 Spiele der Frauenfußball-Bundesliga und der Männer-Landesliga leitet.
Doch noch mehr als die Fehlentscheidungen während des Spiels hat mich die unerträgliche Leichtigkeit geärgert, mit der die 31-Jährige aus Limbach-Oberfrohna nach der Partie über ihre eigenen und die Fehler ihres Schiedsrichterinnengespanns etwas zu lapidar hinweg ging.
„Für mich ist das das Highlight der Saison“, hatte Schneider vor dem Spiel gesagt. Denn in der Vergangenheit war sie nur als vierte Schiedsrichterin oder Assistentin beim DFB-Pokalfinale dabei, aber noch nie als Hauptverantwortliche.
Tore des DFB-Pokalfinales im DFB-Video Fotos zum DFB-Pokalfinale Spielbericht von Womensoccer Spielbericht von Fansoccer Nach gerade einmal 70 Sekunden leistete sich das von Schneider angeführte Schiedsrichterinnengespann den ersten und eklatantesten Fauxpas, als es ein Tor von Kerstin Garefrekes „übersah“, deren Schuss deutlich die Torlinie passiert hatte, bevor der Ball von Saarbrückens Natalie Budge geklärt wurde.
Uneingespieltes Schiedsrichterteam Vielleicht lag es ja daran, dass das Team nicht aufeinander eingespielt war. Denn erst eine Woche zuvor hatte Schneider in der Bundesligapartie TSV Crailsheim gegen Bayern München erstmals zusammen mit einer ihrer Assistentinnen gearbeitet.
„Wir sind sonst alle Schiedsrichter und haben deshalb noch nie gemeinsam ein Spiel geleitet“, erklärt Schneider, die als 17-Jährige ihre Schiedsrichterinnenlaufbahn begann, in ihrer aktiven Zeit aber mehr zum Handball tendierte.
Doch warum lässt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ein uneingespieltes Team das wichtige DFB-Pokalfinale leiten?
„Wir sind ein Schiedsrichter-Team. Insofern will ich diese Fehlentscheidung nicht meiner Assistentin allein anlasten. Aus meiner Sicht stand sie nicht so schlecht, dass sie es nicht hätte sehen können“, räumt sie den Fehler im Interview mit der „Freien Presse“ zwar ein, ohne aber explizit die eigene Verantwortung zu übernehmen.
Fehler bleibt Fehler Und lässt eine seltsame Auffassung folgen: „Wir hatten Glück, dass es ein Tor für die Frankfurterinnen war. Deshalb wäre es fatal gewesen, wenn Saarbrücken am Ball gewesen wäre.“ Macht dies den Fehler etwa weniger schlimm? In meinen Augen eine arrogante, unangemessene und inakzeptable Einschätzung einer Unparteiischen. War der Fehler also weniger dramatisch, weil eh klar war, dass Frankfurt noch fünf Tore schießen und das DFB-Pokalfinale locker gewinnen würde?
Denn der Fehler als solcher bleibt ärgerlich, egal welches Team den Schaden davontrug, zumal der Ball so deutlich die Torlinie passiert hatte, dass die Beobachter auf der Tribüne nicht einmal die Wiederholung der TV-Bilder hätten zu Rate ziehen müssen. „Das Tor war ja nicht Spiel entscheidend.“ Doch sollte man sich als Schiedsrichterin wirklich mit solchen Worten trösten? „Fehlentscheidungen sind immer Mist“, räumt Schneider immerhin ein.
Fragwürdige Entscheidungen „Aber insgesamt hat das Lob überwogen“, so ihre gleichermaßen erstaunliche wie unangemessene Freude. Zwar hatte Schneider das Spiel insgesamt im Griff, doch das nicht gegebene Tor war beileibe nicht die einzige fragwürdige Entscheidung der Lehrerin für Sport und Deutsch am Chemnitzer Sportgymnasium.
Auch der Elfmeterpfiff für den 1. FFC Frankfurt nach einem Laufduell zwischen Birgit Prinz und Josephine Henning, das nach meiner Einschätzung eher mit einem Stolperer oder Einfädler denn mit einem Foul endete, war zumindest sehr zweifelhaft. „Als Schiedsrichterin habe ich nur den Bruchteil einer Sekunde Zeit, die Szene richtig zu bewerten.“ Was leider auch in einigen anderen Situationen weniger gut klappte.
Etwa in der 36. Minute bei einem heftigen Foul der Saarbrückerin Vicky Hinsberger von hinten in die Beine von Birgit Prinz, wo sie es bei einer Ermahnung beließ, obwohl eine Gelbe Karte Minimum gewesen, bei strenger Regelauslegung sogar die Rote Karte denkbar gewesen wäre. Gelb sah dafür später Henning nach einem Allerweltsfoul.
„Fußball ist letztlich Volkssport. Er lebt von den Diskussionen, die man darüber am Stammtisch führen kann“, sagte die Schiedsrichterin vor dem Spiel. Mag sein, Frau Schneider, doch ein wenig mehr Selbstkritik in der Beurteilung der eigenen Leistung darf es nach meinem Geschmack schon sein.