Renate Lingors Kampf gegen die Zeit
Es hat schon tragische Züge, was sich am vorigen Samstag auf dem Rasen des Berliner Olympiastadions abgespielt hat. Da hatte sich Renate Lingor in den vergangenen Wochen nach internen Unstimmigkeiten gerade wieder mühsam an die Startelf herangearbeitet, da fiel sie in der 72. Minute nach einem Pressschlag mit Lisa Schwab derart unglücklich zu Boden, dass sie sich eine Schultereckgelenkssprengung zuzog.
Möglicherweise wird man in ein paar Monaten mit Wehmut auf diese Szene des DFB-Pokalfinales zwischen dem 1. FC Saarbrücken und dem 1. FFC Frankfurt zurückblicken, die den Schlusspunkt unter eine großartige Laufbahn gesetzt haben könnte.
Anders als beim „Berliner Kurier“ („Aufatmen! Lingor bei Olympia dabei“) überwiegt bei mir die Skepsis, was ihre Teilnahme am olympischen Frauenfußball-Turnier angeht, dass das letzte große Karriere-Highlight der zweifachen Weltmeisterin und 141-fachen Nationalspielerin werden soll.
Denn die Verletzung, deren Schweregrad wie der Spitzname eines CB-funkenden Truckerfahrers klingt (Tossy III), hat es in sich: Komplette Zerreißung des Kapselbandapparates mit Verschiebung des Schlüsselbein-Endes zum Schulterdach um mehr als eine Schaftbreite des Schlüsselbeins. Auf gut Deutsch: Lingor muss unters Messer und sich am Donnerstag im Frankfurter Rot-Kreuz-Krankenhaus einer Operation unterziehen, die von Mannschaftsarzt Dr. Ingo Tusk durchgeführt wird.
Problem mangelnde Spielpraxis Prognose: Die 32-Jährige wird frühestens nach einer sechs- bis achtwöchigen Heilungs- und Therapiephase wieder ins Training einsteigen können, sprich im besten Fall Anfang Juni. Die Luft für eine Olympia-Teilnahme wird somit mächtig dünn, denn im Optimalfall bleiben noch zwei Monate bis zum Turnierbeginn im chinesischen Shenyang am 6. August. Bedenkt man, dass sie seit dem WM-Sieg im Vorjahr nur eine Handvoll Spiele bestritten hat und nur selten in der Startformation stand, wird es ihr, selbst wenn sie körperlich wieder halbwegs in Schuss kommt, gewaltig an Spielpraxis mangeln.
Zwar hat sich die Verletzung nicht als der zunächst befürchtete Schlüsselbeinbruch herausgestellt, doch „sie ist mindestens genauso langwierig“, so Lingor. „Ich bin ein positiv denkender Mensch“, hat sie aber die Teilnahme am olympischen Frauenfußball-Turnier, das gleich mit der Neuauflage des WM-Finales gegen Brasilien beginnt, noch nicht abgehakt. Doch Zweifel dürften auch sie selbst plagen, ob das ersehnte Comeback gelingt. „Ich frage mich manchmal schon, ob mein Körper das alles noch leisten kann“, gab sie unlängst in einem lesenswerten FAZ-Interview zu.
Kurze Vorbereitungszeit „Idgie“ wird definitiv die beiden nächsten EM-Qualifikationsspiele der Nationalmannschaft am 7. Mai in Eupen gegen Belgien und am 29. Mai in Kassel gegen Wales verpassen sowie die beiden UEFA-Pokal-Endspiele mit dem 1. FFC Frankfurt gegen Umeå IK am 17. und 24. Mai. Vier Spiele auf hohem Niveau also, die als Vorbereitung auf Olympia unersetzlich gewesen wären. Bis zum Start der Olympischen Spiele gibt es somit kaum noch Gelegenheit, sich wieder in Form zu spielen.
Bisher ist vor dem neuerlichen Duell mit Brasilien zum Olympia-Auftakt nur ein einziges Länderspiel terminiert, am 17. Juli gegen England in Unterhaching. Die Bundesliga beschließt bereits am 17. Mai die Saison. Erschwerend hinzu kommt, dass die Vorbereitungszeit auf Olympia deutlich kürzer ausfallen wird als bei der WM, mit nur vier statt wie noch im Vorjahr sieben Lehrgängen.
Olympiastart gegen Topgegner „Das heißt, die Spielerinnen müssen schon in guter Verfassung zu den Lehrgängen in der direkten Vorbereitung kommen“, sagt Bundestrainerin Silvia Neid. Doch ist das bei Lingor überhaupt möglich? Es scheint mehr als fraglich, ob die Frankfurter Spielmacherin bereits Anfang August wieder in der Lage sein kann, auf Topniveau zu spielen, wenn es von Beginn an in den Spielen gegen Brasilien und Nordkorea gegen den Vierten und Sechsten der aktuellen Weltrangliste geht und keine Zeit bleibt zum lockeren Reinspielen ins Turnier .
Neid sitzt in der Bredouille, denn es wäre bei dem dünnen 18er-Kader, der für Peking zugelassen ist, fahrlässig, eine Spielerin mitzunehmen, die nicht hundertprozentig in Form ist. Doch andererseits verzichtet man nur ungerne und wenn es gar nicht anders geht auf eine derart routinierte Spielerin, die mit den Olympischen Spielen ihrer Karriere ein letztes Highlight verpassen will.
Daumendrücken für „Idgie“ Doch man sollte, so schwer es einem auch fällt, gut überlegen, ob man Lingor und der Mannschaft einen Gefallen tut, wenn man sie angeschlagen mit nach China nimmt. Denn sollte das Experiment schief gehen, Lingor vielleicht gar nicht zum Einsatz kommen und sich möglicherweise vor Ort noch die eine oder andere Spielerin verletzen, würde sich Neid heftiger Kritik ausgesetzt sehen, wenn Lingor einen wertvollen Platz im Kader blockieren würde. Und Lingor dazu womöglich einen unwürdigen und unverdienten Karriereabschluss bekommen.
Was also tun? In der Haut der Bundestrainerin möchte ich nicht stecken. Bleibt nur noch, die Daumen zu drücken, dass „Idgie“ doch noch mit ihrer schnellen Wiedergenesung alle Zweifel zerstreut. Verdient hätte sie es.