Warum der englische Fußball der Frauen boomt

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90.000 Tickets sind für das heutige Freundschaftsspiel im Wembley-Stadion der Frauenfußball-Nationalmannschaft gegen Deutschland verkauft. Sold out: hierzulande derzeit ein unvorstellbares Szenario. Warum die Entwicklung in England so viel dynamischer ist als in Deutschland.

Zum Manchester-Derby kamen in der Liga mehr als 30.000 Zuschauer
Zum Manchester-Derby kamen in der Liga mehr als 30.000 Zuschauer © imago/PRiME Media Images

Schon Wochen vor dem Spiel vermeldete die Football Association (FA) den Ausverkauf. Die Aussicht auf einen neuen nationalen Zuschauerrekord im Wembley – zum Olympia-Finale 2012 kamen 80.203 – sorgt zweifellos für Optimismus auf der Insel: So weit, dass Nationaltrainer Phil Neville schon vor Anpfiff vorschlug, daraus ein jährliches Event zu machen. Das zeigt die Euphorie in England in Sachen Fußball der Frauen.

TV-Rekord gebrochen

Die WM im Sommer bescherte ungeahnte TV-Quoten (der Rekord verdreifachte sich nahezu, auf 11,7 Millionen beim Halbfinale), die Women’s Super League setzte mit neuen Zuschauerrekorden nach. Das Spiel im Wembley ist jetzt der nächste Höhepunkt – und dabei doch nur ein Mosaikstein in einem größeren Bild, an dem die FA seit Jahren laboriert. Die Zeichen stehen auf Wachstum – und das hat Gründe.

Ein Verband macht ernst

Die Zeiten sind vorbei, in denen die Fußballerinnen wenig mehr als geduldet wurden. Der Verband investiert dem „Guardian“ zufolge 18 Millionen Pfund im Jahr in den Mädchen- und Frauenfußball, der anders als der Männerfußball noch Wachstumspotenzial verspricht. Nach ersten Schritten ab 2011, die Liga zu professionalisieren, veröffentlichte die FA 2016 mit ihrer Wachstumsstrategie („The Gameplan for Growth“) ehrgeizige Ziele, von der Basis bis zum Spitzenfußball: Bis 2020 sollen landesweit die Zahl der fußballspielenden Mädchen und Frauen verdoppelt werden, ebenso die Zuschauerzahlen in der Women’s Super League (auf durchschnittlich 2.000 statt der zuletzt knapp 1.000) sowie bei Länderspielen. Auf sportlicher Ebene ist nichts anderes als die Weltspitze das Ziel, in allen Altersklassen. Es ist eine Gesamtstrategie, in der vieles ineinandergreift.

Der Ansatz: Gestalten statt verwalten

Nicht alles hat bislang funktioniert, aber eines muss man der FA lassen: Sie hat ausprobiert. In die Kategorie „Nicht gut gelaufen“ fiel noch die Empfehlung an Vereine, im Mädchenfußballtraining pinkfarbene Pfeifen und Twitter-Pausen einzusetzen. Das war 2016. „Wir sind keine hirnlosen Barbiepuppen“, schrieben daraufhin empörte Schülerinnen an die FA.

Ligarefom

Beim Format der WSL wurden Alternativen probiert: Um die direkte Konkurrenz zu den Männern zu umgehen, wurde anfangs zur Sommerspielzeit gewechselt. Als der erhoffte Effekt ausblieb, revidierte die FA die Entscheidung 2017. Sukzessive von acht auf zwölf Teams aufgestockt, besteht sie heute vor allem aus Premier-League-Klubs. Kleinere Vereine blieben auf der Strecke, dafür erntete die FA Kritik. Zugleich zeigen aber die neuen Standards Wirkung: Bedingungen werden professioneller, für die Fußballerinnen ebenso wie für Fans.

Neuer Sponsor, eigenes Profil

So wurde die laufende Saison in großen Stadien eröffnet, mit 31.213 Zuschauern beim Manchester-Derby und 24.564 beim London-Derby. Die FA setzt auf ein eigenes Profil der Liga, zugleich profitiert sie von den großen Namen der Männerklubs. Ein echtes Ausrufezeichen war zuletzt der 12-Millionen-Euro-Deal mit dem neuen Ligasponsor Barclays-Bank.

Die Wirkung: Nie war es so einfach Fan zu sein

Die Strategie setzt auch auf einen wichtigen Punkt: Zugänglichkeit. Seit Beginn dieser Saison sind die Spiele im kostenfreiem Streaming-Kanal zu sehen, zusätzlich zu einer Live-Übertragung durch die Fernsehsender BBC und BT Sports. Lücken im Männer-Spielplan nutzt die FA gezielt: Am kommenden Wochenende wird beispielsweise vom Verband erstmals dazu aufgerufen, in der Premier-League-Pause zu einem Spiel der Frauen, egal welcher Liga, zu gehen. Tottenham Hotspur gegen Arsenal, Liverpool gegen Everton in Anfield, Chelsea gegen Manchester United bietet dann die WSL.

Gesellschaftliche Entwicklung

Die erhöhte Aufmerksamkeit profitiert auch von einer gesellschaftlichen Entwicklung: Neben dem Gender Pay Gap im Sport wurde jüngst die Unterrepräsentanz von Frauensport in den Medien vermehrt thematisiert. Der Organisation Women in Sport zufolge liegt der Anteil zwischen vier bis zehn Prozent in der täglichen Sportberichterstattung (UK). Große Medienhäuser wie BBC und „Telegraph“ haben ihre Berichterstattung inzwischen ausgeweitet.

Von England lernen

Wie viel Fanpotenzial ist für den Fußball der Frauen wirklich drin? Es wird spannend, heute ins Wembley zu schauen. Mit dem deutschen Team ist auch eine ganze DFB-Delegation angereist, auch um am Rande Gespräche über die Entwicklung zu führen. Zum Anpfiff um 18.30 Uhr deutscher Zeit (Eurosport) hat Kapitänin Alex Popp unterdessen eine klare Ansage an ihre Mannschaft gemacht: „Genießen!“

Letzte Aktualisierung am 5.12.2019 / * = Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API

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JürgenSchwarzwaldmarie Neueste Kommentartoren
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Schwarzwaldmarie
Schwarzwaldmarie

Ein weiterer wichtiger Aspekt, neben der gender-gerechteren Berichterstattung in den Medien ist auch das Verhalten der Sponsoren im englischen Fußball. Wie aus dem Interview während der Englandreise mit dem neuen DFB-Präsidenten Fritz Keller hervorgeht (bei dfb.de nachzuhören), üben die Sponsoren auf die englische Vereine schon einen gewissen Druck auf, auch den Frauenfussball zu unterstützen. Da diese Reise vor allem auch zur Forbildung für die DFB Delegation gedacht war, denke ich, dass dies in Zukunft auch in Deutschland diskutiert werden muß. Ansonsten muß man feststellen, dass in dieser Hinsicht gerade die angloamerikanischen und skandinavischen Ländern einen gewissen Vorsprung haben.

Jürgen
Jürgen

„Wir müssen von den Engländern lernen, wie der Frauenfußball hier in der Gesellschaft festgeschrieben ist“, meinte der DFB-Präsident. Es wird sich zeigen, ob die Verhältnisse in England (und Spanien, Frankreich, Niederlande, Skandinavien …) mit Marketingmaßnahmen nach Deutschland zu übertragen sind. In den genannten Ländern ist mit Sicherheit nicht alles Gold, aber zumindest was N11-Spiele angeht herrscht da eine Begeisterung, die hier mehr und mehr nachlässt. Die BBC hat sich vor ein paar Wochen die Top-Vereine der Männer-CL angesehen und festgestellt, dass Dortmund der einzige Verein ohne FF-Abteilung ist. Auf Nachfrage erklärte die Geschäftsführung, man habe doch schon ein Frauenhandballteam. Dass… Weiterlesen »