Tolle Kulisse, Neville unter Druck: Was die Presse schrieb
Was für das deutsche Team zum versöhnlichen Jahresabschluss wurde, hat in England die Diskussion um Trainer Phil Neville und die Post-WM-Leistung seines Teams neu befeuert. Die Presseschau zum 2:1-Sieg Deutschlands gegen England vor einer Rekordkulisse.
Letzteres stand außer Zweifel: Dieses Spiel hat mit seinen über 77.000 Zuschauern und einer 1A-durchchoreografierten Kulisse neue Maßstäbe gesetzt. „DFB-Frauen mit Last-Minute-Sieg beim Wembley-Wahnsinn“ titelte etwa Sport.de .
Auch in England wurde die Kulisse unisono als wichtiger Schritt in der Entwicklung des Frauenfußballs gewertet. Molly McElwee schreibt im „Telegraph“ : „Samstag wird der Tag bleiben, an dem England und die FA ein Zeichen gesetzt haben.“
Auch die „taz“ sah eine „elektrisierende Kulisse“ , blickte dann aber auf den sportlichen Erkenntniswert: Autor Frank Hellmann sieht mit der guten Leistung von Merle Frohms einen neuen Konkurrenzkampf im Tor.
„Die auch objektiv beste Darbietung in einem „facettenreichen Jahr“ (Voss-Tecklenburg) besaß viele Erzählstränge. Auch einen echten Konkurrenzkampf auf der Torwartposition gibt es jetzt im DFB-Team. Merle Frohms. Die Vertreterin der verletzten Almuth Schult ließ jedenfalls Taten sprechen. Die nur von Ellen White (44.) bezwungene Torhüterin vom SC Freiburg wertete ihren selbst verursachten und spektakulär abgewehrten Elfmeter gegen Nikita Parris (36.) als „das Mindeste, was ich tun konnte“. Was in Zukunft passiere, werde man sehen.“
Anna Drehers Fazit für die Süddeutsche Zeitung nach dem letzten Spiel des Jahres für die deutsche Elf: „Die endgültige Beantwortung der drängenden Fragen konnte dieser Abend nicht allein leisten. Aber dieser Leistungsschub von zehn Prozent – der sah schon ganz gut aus.“
Bildungsreise nach England machte anlässlich des Spiels eine hochrangige DFB-Delegation, unter anderem dabei: Präsident Fritz Keller. So schreibt der Kicker: „Dass er nicht in München, sondern in London auf der Tribüne saß, soll den Stellenwert verdeutlichen, den er dem Frauenfußball fortan geben will.“ Weiter: „Wir müssen von den Engländern lernen, wie der Frauenfußball hier in der Gesellschaft festgeschrieben ist“, meinte der DFB-Präsident. In mehreren Arbeitsgesprächen wurde dazu rund um das Spiel der Austausch mit den Kollegen der FA und den großen Vereinen vorangetrieben.“
Jan Göbel vom Spiegel sieht unterdessen auch nach dem Spiel in Dzsenifer Marozsán eine Schlüsselfigur, nicht allein als Spielgestalterin: „Auch neben dem Platz wird Dzsenifer Marozsán gebraucht. Natürlich ist sie nicht das einzige Zugpferd dieser Mannschaft, aber wegen ihrer Tricks gehen Menschen ins Fußballstadion. Und die vielleicht beste Spielerin der Welt in den eigenen Reihen zu haben? Das muss sich doch irgendwie vermarkten lassen.“
Sean Ingle hat für den Sportsblog des „Guardian“ die Stimmung so festgehalten: „Viele Fans waren ganz offensichtlich zum ersten Mal bei einem Fußballspiel und wollten es genießen, unabhängig vom Ausgang. (…) Diese Energie blieb erhalten, trotz einer unbeständigen englischen Performance, die über lange Strecken die Dynamik der WM-Spiel vermissen ließ. Das Spiel der englischen Mannschaft war nervös und nicht aufeinander abgestimmt, besonders in der ersten Halbzeit.
Mit der enttäuschenden sportlichen Leistung stand Trainer Phil Neville erneut in der Kritik. Schon vor der Partie wurden Taktik, Rotationen und die schlechte Ausbeute seit der WM thematisiert. Claire Bloomfield schreibt nach Abpfiff in der „Mail on Sunday“ : „Besorgniserregend ist, dass die Mannschaft nachlässig und müde wirkte, trotz Nevilles Ausrichtung, die Mannschaft schneller, fitter und ausdauernder zu machen (…).“ Nach fünf Niederlagen in sieben Spielen müsse die Mannschaft jetzt Antworten finden, wenn sie in Zukunft solche Rekordkulissen regelmäßig erleben wolle.
Suzanne Wrack schließt noch am Samstagabend ihren Live-Bericht mit den Worten: „Er kann behaupten, dass er verschiedene Taktiken probiert, aber das erklärt nicht, warum [seine Mannschaft] über weite Strecken des Spiels so nachlässig und langsam gespielt hat. (…)
Es war ein schönes Ereignis, mit so vielen Menschen im Wembley, aber Phil Neville hat jetzt mehr Fragen als Antworten. Parris hat den dritten Elfmeter in Folge für England nicht gemacht, Earps hat sich nicht als potenzielle Nummer 1 empfohlen und Williamson offenbarte ihre Unerfahrenheit.“ Deutschland habe effizienter, aber auch nicht spektakulär gespielt.
James Westwood zitiert Nevilles Reaktion nach dem Spiel ausführlich für „goal.com“. Das Länderspieljahr ist für die Engländerinnen damit noch nicht vorbei: Fortsetzung folgt am Dienstag mit einem letzten Test gegen Tschechien.