DFB-Frauen: Fragezeichen trotz Aufbruchstimmung

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Mit 15 WM-Neulingen und dem mit 25 Jahren und 10 Monaten fünftjüngsten Kader des Turniers startet die deutsche Frauenfußball-Nationalelf am morgigen Samstag, 8. Juni, 15 Uhr (ARD/DAZN live), gegen China in Rennes in die Frauenfußball-WM in Frankreich. Das Team um Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg versprüht gute Laune und Aufbruchstimmung, doch reichen die kurze WM-Vorbereitung und eine recht unerfahrene Defensive zum großen Wurf?

Sara Däbritz (li.), Alex Popp (Mi.) und Giulia Gwinn freuen sich
Strahlen um die Wette: Sara Däbritz, Alex Popp und Giulia Gwinn (v. li.) © imago/photoarena/Eisenhuth

Nach einer verkorksten EURO 2017 in den Niederlanden mit dem sang- und klanglosen Viertelfinal-Aus gegen Dänemark, einer Heimniederlage in der WM-Quali gegen Island und weiteren verunsicherten Auftritten beim SheBelievesCup in den USA zog der DFB Mitte März 2018 die Reißleine und installierte Horst Hrubesch als Interimstrainer für die glücklose Steffi Jones. Der sorgte dafür, dass die Spielerinnen den Kopf wieder frei bekamen, die Spielstruktur wurde vereinfacht und am Ende die Qualifikation mit einem 2:0 auf Island im Rückspiel doch noch einigermaßen souverän über die Bühne gebracht.

Aufbruchstimmung und gute Laune

Ende November vergangenen Jahres kam dann Martina Voss-Tecklenburg ins Amt, die die Fäden von Hrubesch aufnahm, dem Team ihre eigenen Ideen vermittelte und auch Dzsenifer Marozsán, den Dreh- und Angelpunkt des deutschen Spiels, von der Last der Kapitänsbinde befreite und Alex Popp zur neuen Kapitänin machte. Seit ihrem Amtsantritt gewann Voss-Tecklenburg schnell das Vertrauen ihrer Spielerinnen und gewann drei der vier Testspiele, darunter bei WM-Gastgeber Frankreich (1:0) und in Schweden (2:1). Nur individuelle Patzer von Torhüterin Almuth Schult verhinderten beim Remis gegen Japan (2:2) eine makellose Bilanz im Vorfeld der WM. In allen Testspielen deutete das Team seine Stärken an: Ein offensiv starkes, variables Mittelfeld und eine taktische Flexibilität, die den Gegner permanent beschäftigen und in seiner eigenen Spielgestaltung behindern.

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Kurze WM-Vorbereitung

Zu sehen war aber auch, dass das Team zu viele Chancen benötigt, um seine Treffer zu erzielen. So mussten etwa bei der siegreichen 2:0-WM-Generalprobe gegen einen klar unterlegenen Gegner aus Chile ein Standard und ein Kunstschuss herhalten, um trotz einer Vielzahl von Chancen zwei Tore zu erzielen. Bei den Siegen in Frankreich und Schweden war zu sehen, dass Defensivverhalten und Koordination bei schnellen Vorstößen der Gegner nicht immer sattelfest waren. Wie schon 2015 vor der WM in Kanada, als man ein zehntägiges Trainingslager in der Schweiz bezog, war auch diesmal nur wenig Zeit zur gemeinsamen WM-Vorbereitung. Eine Woche in Grassau sowie vier Trainingstage in Frankreich mussten vor dem ersten WM-Spiel in Rennes reichen, am Feinschliff muss im Turnierverlauf weiter gearbeitet werden.

Kader: Mehr Jugend als Erfahrung

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hat in ihrem 23er-Kader überraschend auf einige international äußerst erfahrene Spielerinnen verzichtet, allen voran Abwehrspielerin Babett Peter vom VfL Wolfsburg und Simone Laudehr vom FC Bayern München, deren WM-Ambitionen durchaus berechtigt waren. Mit der Nominierung zahlreicher junger Spielerinnen aus Freiburg und Essen, wie Giulia Gwinn, Lena Oberdorf und Klara Bühl, will Voss-Tecklenburg offenbar bereits Zeichen für die Zukunft setzen.

Den Großteil des Kaders stellen Spielerinnen des FC Bayern München (7), überraschend gefolgt von der SGS Essen (5) und dem VfL Wolfsburg (4). Im Tor setzt Voss-Tecklenburg weiter auf Almuth Schult – vorausgesetzt, die lädierte rechte Schulter hält den Anforderungen eines internationalen Turniers mit Spielen im Rhythmus von wenigen Tagen stand. Ansonsten stünden die wieder genesene und spät auf den WM-Zug aufgesprungene Laura Benkarth oder Merle Frohms als Ersatz parat.

Die Position der linken Außenverteidigerin werden sich Carolin Simon und Verena Schweers teilen, auf rechts hat Voss-Tecklenburg in Kathy Hendrich und Giulia Gwinn ebenfalls Optionen. Als Innenverteidigerinnen scheinen derzeit Marina Hegering und Sara Doorsoun die Nase vorne zu haben, doch hier können sich auch Johanna Elsig und Lena Goeßling je nach Gegner berechtigte Hoffnungen auf einen Einsatz machen. Insgesamt fehlt es der deutschen Defensive an internationaler Erfahrung, was im weiteren Turnierverlauf zum Stolperstein werden könnte.

Auf der Doppel-Sechs scheint Voss-Tecklenburg das Münchener Duo Melanie Leupolz und Sara Däbritz zu favorisieren, hier könnte auch Goeßling mit ihrer Spielübersicht und Robustheit eine Alternative sein, auch wenn sie zuletzt kaum noch im Mittelfeld zum Einsatz kam. Davor soll Dzsenifer Marozán für die kreativen Momente im deutschen Spiel sorgen, Svenja Huth und Lea Schüller sind auf den Außenbahnen erste Wahl und sollen Bälle für die wuchtige Mittelstürmerin Alex Popp auflegen.

Doch in einem langen Turnier wird es vor allem auf die Tiefe im Kader ankommen, um eventuelle Verletzungen zu kompensieren und auch einmal Stammpersonal eine Verschnaufpause zu gekönnen. Und so werden auch Spielerinnen wie Linda Dallmann und Lina Magull oder sogar die beiden Küken Lena Oberdorf und Klara Bühl ihre Einsatzzeiten erhalten.

Turnierauftakt setzt den Ton

Auch für Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg ist die Herausforderung, der Druck und die öffentliche Erwartungshaltung mit dem DFB-Team sicherlich eine Stufe höher anzusiedeln, als ihre erstmalige WM-Teilnahme als Trainerin der Schweiz 2015 oder die EM-Endrundenteilnahme 2017. In beiden Turnieren verlor Voss-Tecklenburg mit den Schweizerinnen ihr Auftaktspiel. Umso mehr wird sie ihren Schützlingen die Bedeutung eines erfolgreichen WM-Auftakts gegen China vermitteln. Denn die Konstellation des Spielplans erlaubt keine Patzer, nur bei einem Sieg in der Gruppe B mit den Gegnern China, Spanien und Südafrika träfe man zu Beginn der K.-o.-Runde im Achtelfinale auf einen Gruppendritten, als Gruppenzweiter würde bereits in noch früher Phase des Turniers ein Duell mit dem amtierenden Weltmeister und Titelfavoriten Nr. 1, USA, drohen.

China anspruchsvoller Auftaktgegner

Gegen den Weltranglisten-16. aus China ist ein Sieg zum Auftakt fest eingeplant. Die Chinesinnen, die seit dem Vizeweltmeister-Titel 1999 einem vergleichbaren Erfolg hinterherlaufen, haben in den vergangenen Jahren mit der Verpflichtung von namhaften ausländischen Trainern (z. B. Bruno Bini) vergeblich versucht, hinter die Erfolgsformel des europäischen Frauenfußballs zu kommen. Geduld gehört nicht zu den Stärken chinesischer Verbandsfunktionäre, zumeist waren die Trainer nach ein bis zwei Jahren wieder entlassen. Doch nun ist wieder ein Chinese am Ruder, Xiuquan Jia, der mit dem Verweis auf die Männer-WM 2018 in Russland davon überzeugt ist, mit Teamspirit und schnellem Umschaltspiel auch überlegenen Teams beikommen zu können.

Beim 1:2 bei der WM-Generalprobe in Frankreich am vergangenen Freitag deuteten die Chinesinnen an, zumindest phasenweise ein äußerst unbequemer Gegner sein zu können, der auch in der Offensive punktuell Nadelstiche setzen kann, etwa durch Stürmerin Shuang Wang, die als einzige chinesische Spielerin außerhalb Chinas bei Paris Saint-Germain unter Vertrag steht. Die 24-Jährige, die für Paris in der vergangenen Saison sieben Tore in 18 Ligaspielen und einen Treffer in der Champions League erzielte, war 2018 Asiens Spielerin des Jahres und gilt als das Sinnbild des verjüngten chinesischen Kaders. Ebenso zu beachten: Die junge, hoch gewachsene Torhüterin Shimeng Peng. Dennoch sollte die DFB-Elf über 90 Minuten dank spielerischer und physischer Überlegenheit knapp die Oberhand behalten können.

Schlüsselspiel gegen Spanien

Das Schlüsselspiel der Vorrunde steigt dann am Mittwoch, 12. Juni, 18 Uhr (ZDF und DAZN live), wenn die DFB-Frauen auf Spanien treffen werden. Spanien, dessen Kader mehrheitlich mit Spielerinnen von Champions-League-Finalist FC Barcelona (10) bestückt ist, gewann in der Qualifikation alle seine acht Spiele. Das Team von Trainer Jorge Vilda, der nach der Revolte gegen seinen Vorgänger Ignacio Quereda nach der WM 2015 ins Amt gehievt wurde, gehört sicherlich mit seinem Ballbesitzfußball zu den spielstärksten des Turniers, doch im Torabschluss haben die Spanierinnen deutliche Defizite, auch wenn Jennifer Hermoso von Atlético Madrid in der abgelaufenen Saison mit 24 Toren zum dritten Mal innerhalb von vier Jahren Torschützenkönigin wurde. Weitere spannende Spielerinnen: Verteidigerin Mapi León und die lange verletzte offensive Mittelfeldspielerin Patricia Guijarro, die im Vorjahr bei der U20-WM in Frankreich den Goldenen Ball und Goldenen Schuh als beste Spielerin und beste Torschützin gewann. Das stärkere Offensivspiel der DFB-Elf sollte sich auch hier am Ende durchsetzen.

Südafrika kein Stolperstein

Zum Abschluss der Gruppe kommt es dann am Montag, 17. Juni, 18 Uhr (ARD live) in Montpellier zum Duell mit WM-Neuling und Weltranglisten-49. Südafrika, der mit großer Begeisterung und Leidenschaft antreten wird, aber vor allem zum Lernen nach Frankreich gekommen ist und für die DFB-Elf nicht zum Stolperstein werden kann. Die Banyana Banyana genannte Elf musste in Vorbereitung auf die WM teils empfindliche Niederlagen hinnehmen, etwa ein 2:7 in Norwegen bei der WM-Generalprobe kurz vor dem Turnier. Die erfahrensten Spielerinnen sind Kapitänin Janine van Wyk (32) mit mehr als 160 Länderspielen und Noko Matlou (33), die 2008 die erstmals verliehene Auszeichnung zur Afrikas Fußballerin des Jahres gewann und unter Trainerin Denise Ellis von einer Stürmerin zu einer Abwehrspielerin umfunktioniert wurde. Zwei weitere interessante Spielerinnen sind Thembi Kgatlana, aktuell Afrikas Fußballerin des Jahres, und Linda „Mimi“ Motlhalo, die beide bereits Erfahrung in den USA bei Houston Dash sammeln konnten, bevor sie in die chinesische Liga wechselten.

Prognose Halbfinale

In der Vorrunde dürfte die DFB-Elf in den Spielen gegen China und Spanien phasenweise gefordert sein, sollte aber dank Physis und Vorteilen im Offensivspiel in der Lage sein, die Gruppe B als Sieger abzuschließen. Danach würde im Achtelfinale gegen einen der Dritten aus den Gruppen A, C oder D warten, eine Aufgabe, die ebenfalls als lösbar zu bezeichnen ist. Erst ab dem Viertelfinale warten auf die DFB-Elf Gegner, die auch über das offensive Potenzial verfügen, die Defensive ernsthaft ins Wanken zu bringen. Hier wird sich zeigen, inwieweit sich die deutsche Mannschaft im Turnierlauf hat einspielen und steigern können. Unser Tipp: Die deutsche Mannschaft erreicht im Optimalfall das Halbfinale und löst das Olympia-Ticket für Tokio.

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Pauline Leon
Pauline Leon

wenn ich als fernseh-user mal den antiquierten videotext zitieren darf:
auf die frage, wer bei einem duell zwischen olympique lyon und der deutschen nationalelf gewinnen würde antwortete dm10 in einem interview „wenn ich für deutschland spiele, gewinnen wir.“

das freut mich sehr. die richtige antwort. also mindestens halbfinale. das sehe ich auch so und wünsche den dfb-spielerinnen alles gute, viel erfolg, viele tore, gesundheit und den titel!!!

ajki
ajki

Eine „Prognose“ (eigentlich eher: frommer Wunsch) hätte ich mich nicht getraut zu wagen. Bislang habe ich zumindest noch nichts gesehen aus der MvT-Zeit woraufhin ich eine „Prognose“ wagen würde. Das ist kein Wunder, denn die WM ist der erste Meilenstein, aus dem heraus sich mal was entwickeln könnte (wenn sich denn mal was entwickelt). Natürlich wünsche ich dem DFB-Team viel Glück und wünsche ihnen das Beste. Aber zu den Halbfinalistinnen gehören sie für mich frühestens dann, wenn sie es mit überzeugendem Spiel bis dahin schaffen. Und, als nörgelnder Pessimist gesprochen 😉 : das sehe ich derzeit noch nicht und habe… Weiterlesen »

Bernd
Bernd

„Aber zu den Halbfinalistinnen gehören sie für mich frühestens dann, wenn sie es mit überzeugendem Spiel bis dahin schaffen.“ @ ajki Zu den Halbfinalisten gehört man, sobald man sich für das Halbfinale qualifiziert hat. Es gibt auch selten „Weltmeister“ die immer überzeugend gespielt haben und alles gewinnen. Etwas Spielglück im Laufe des Turniers gehört meistens dazu. Auch wenn Deutschland im Viertelfinale überzeugend spielt und unglücklich verliert, sind sie nicht im Halbfinale. Einziges Kriterium für das Weiterkommen in den K.O.-Spielen ist es, mindestens ein Tor mehr zu schiessen als der Gegner. Wie ein Team welches Weltmeister wird, im Viertelfinale gespielt hat,… Weiterlesen »

ajki
ajki

Ich habe nicht umsonst „überzeugend“ geschrieben – denn ansonsten wäre es nur banal. Naklar ist man Halbfinalist, wenn man es ins Halbfinale schafft. Aber hier ging es ja um so etwas wie eine „Prognose“ – also um eine *begründete* Vorhersage (was wg. der vielen Variablen immer schwierig ist). Wäre es so, dass die dt. N11 in den letzten Jahren kontinuierlich überzeugende Spiele abgeliefert hätte und gäbe es keine großartigen Abweichungen der WM-Mannschaft von diesen Vorjahren, dann würde ich „erwarten“, dass wiederum/weiterhin „überzeugende“ Leistungen abgeliefert würden. Dabei geht es nicht um Willen und persönlichen Einsatz auf dem Feld – daran hat… Weiterlesen »

never-rest
never-rest

Gute Analyse MJ.

Pauline Leon
Pauline Leon

die letzten weltmeisterinnen, die überzeugend gespielt haben waren japan, u-20 wm in frankreich, letztes jahr.

Bernd
Bernd

@ ajki
Deinem post von 21.09 Uhr stimme ich vollkommen zu!
Danke für die Erläuterung.
Heute hoffe ich auf einen verdienten Sieg des deutschen Teams um mit Selbstvertrauen in das Spiel gegen Spanien gehen zu können.

Webcam
Webcam

Die Zeit der im internationalen Vergleich herausragenden Einzelspielerinnen ist eben vorbei, da hatten Theune-Meyer und Neid es viel einfacher, sie konnten auf Wiegmann, Meinert, Prinz, Grings, im Tor Rottenberg / Angerer und wie sie alle hießen (Aufzählung natürlich unvollständig) zurückgreifen.
Andere Nationen haben aufgeholt, wenn nicht den DFB überholt – viel wird an Taktik, Teamgeist, Spielglück liegen, aber letzteres hat MvT nicht in der Hand …