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2018

Kreuzbandrisse: „Die Tendenz ist beunruhigend“

Dr. Michael Lehnert, seit fast 20 Jahren im deutschen Frauenfußball als Teamarzt aktiv (1. FFC Turbine Potsdam, 2 Jahre VfL Wolfsburg), schlägt im Interview mit Womensoccer Alarm und spricht über die aktuelle Häufung an Kreuzbandrissen, vernachlässigte Prävention und Ideen zur Verbesserung.

Womensoccer: In der noch jungen Saison 2018/19 der Frauenfußball-Bundesliga gab es bereits fast ein Dutzend Kreuzbandrisse. Ist diese Häufung nur Zufall oder läuft etwas grundsätzlich schief?

Dr. Michael Lehnert: Das Beunruhigende daran ist, dass wir ja alle seit mehreren Jahren daran arbeiten, die Kreuzbandrisse präventiv zu vermeiden, ob im Frauenfußball, im Männerfußball oder in anderen Sportarten. In puncto Prävention sind wir eigentlich auch gar nicht so schlecht, doch plötzlich gibt es ein Jahr wie 2018 mit einer massiven Häufung von Kreuzbandrissen. Diese Tendenz ist beunruhigend.

Am meisten betroffen sind junge Spielerinnen, die in ihrer Altersklasse bei dieser Verletzung ohnehin weit vorne liegen. Dazu gibt es einige Spielerinnen, bei denen die Verletzung im fortgeschrittenen Alter passiert und die Ursache sicherlich eine andere ist. Dort sind vielleicht über die Jahre Schäden entstanden, die diese Belastung nicht aushalten.

Womensoccer: Ist die Belastung für junge Spielerinnen heute zu groß oder wird in den Vereinen zu wenig Präventionsarbeit geleistet?

Dr. Lehnert: Fast 70 Prozent der 19- oder 20-Jährigen hatten mindestens einen Kreuzbandriss. Die jüngeren Spielerinnen sind oft nicht auf die hohe Spielbelastung der 1. Bundesliga vorbereitet und werden, möglicherweise auch aus finanziellen Gründen, zu früh nach oben gezogen. Dazu kommt, dass das Körperliche manchmal nicht mit der hohen Motivation der Spielerinnen Schritt hält. Darüber hinaus muss man sich fragen: Machen die Vereine etwas falsch?

Ich denke, dass die Präventionsprogramme – das Bekannteste in Deutschland ist FIFA 11+ – in den Vereinen immer noch nicht vernünftig gelebt werden, weil für diese Art des präventiven Trainings oftmals die Zeit fehlt. Wir dürfen nicht vergessen, dass gerade die jungen Spielerinnen zum Teil noch zur Schule gehen. Das sind nicht alle Vollzeitprofis, wie in Wolfsburg oder München. Die Präventionsarbeit zum muskulären Aufbau zur Vermeidung von Kreuzbandrupturen ist im Moment in der Frauen-Bundesliga nicht ausreichend.

Womensoccer: Hat das finanzielle Gründe?

Dr. Lehnert: Nur wenige Vereine können sich die entsprechenden Trainer dafür leisten. Jede Mannschaft hat natürlich eine mannschaftsärztliche Betreuung. Bei einem Verein wie dem SC Sand zum Beispiel hat man sicher nicht die Ressourcen und Möglichkeiten, noch zwei, drei Athletiktrainer oder Vollzeit-Physiotherapeuten einzustellen, die die ganze Zeit dabei sind und sich auch nach Verletzungen um die entsprechende Rehabilitation kümmern.

Womensoccer: Wird die Bedeutung der Prävention auch etwas unterschätzt?

Dr. Lehnert: Ich habe das Gefühl, die Präventionsarbeit in den Vereinen war schon einmal besser und wird gerade wieder schlechter. Es steht zu befürchten, dass die Prävention verstärkt in den Hintergrund rückt, weil wieder mehr am Ball gearbeitet wird, weil die Zeit knapper und die Spielbelastung höher wird. Man muss sicherlich das Bewusstsein weiter schulen, sonst werden wir immer mehr Verletzungen und Folgeerscheinungen sehen und die Spielerinnen werden immer früher aus dem Fußball ausscheiden.

Man muss an die Vereine appellieren, mehr Prävention zu leisten und auch gerade Vereine, die nicht so viel Geld haben oder niederklassig spielen, darauf hinweisen, dass es ja auch Präventionsprogramme gibt, die von privaten Firmen angeboten werden. Es gibt auch eine Internetseite, Soccer-Fit-You . Dort gibt es Präventions-Leitfäden und sie bieten sogar Schulungen für Trainer in den Vereinen an.

Womensoccer: Was sind denn die Hauptprobleme, dass es zu diesen Kreuzbandverletzungen kommt?

Dr. Lehnert: Das Abstoppen, die unkoordinierte Landung und häufig das Ungleichgewicht zwischen vorderer und hinterer Oberschenkelmuskulatur. Die hintere Oberschenkelmuskulatur ist ab einem bestimmten Winkel im Kniegelenk in der Lage, das Kreuzband zu schützen. Da sie dasselbe macht, wie das Kreuzband, spannt sie sich dann an, und das Knie läuft nicht nach vorne weg. Heute wird noch zu viel außerhalb des Feldes auf der vorderen Muskelkette trainiert. Das ist gar nicht notwendig, weil diese auf dem Platz sowieso trainiert wird.