Kreuzbandrisse: „Die Tendenz ist beunruhigend“

Von am 22. November 2018 – 10.20 Uhr 7 Kommentare

Dr. Michael Lehnert, seit fast 20 Jahren im deutschen Frauenfußball als Teamarzt aktiv (1. FFC Turbine Potsdam, 2 Jahre VfL Wolfsburg), schlägt im Interview mit Womensoccer Alarm und spricht über die aktuelle Häufung an Kreuzbandrissen, vernachlässigte Prävention und Ideen zur Verbesserung.

Montagefoto mit Lara Dickenmann, Jessica Wich, Nicole Rolser und Isabel Kerschowski

Prominente Betroffene der aktuellen Saison (von links oben nach rechts unten): Lara Dickenmann, Jessica Wich, Nicole Rolser und Isabel Kerschowski © eigene Montage

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Womensoccer: In der noch jungen Saison 2018/19 der Frauenfußball-Bundesliga gab es bereits fast ein Dutzend Kreuzbandrisse. Ist diese Häufung nur Zufall oder läuft etwas grundsätzlich schief?

Dr. Michael Lehnert: Das Beunruhigende daran ist, dass wir ja alle seit mehreren Jahren daran arbeiten, die Kreuzbandrisse präventiv zu vermeiden, ob im Frauenfußball, im Männerfußball oder in anderen Sportarten. In puncto Prävention sind wir eigentlich auch gar nicht so schlecht, doch plötzlich gibt es ein Jahr wie 2018 mit einer massiven Häufung von Kreuzbandrissen. Diese Tendenz ist beunruhigend.

Am meisten betroffen sind junge Spielerinnen, die in ihrer Altersklasse bei dieser Verletzung ohnehin weit vorne liegen. Dazu gibt es einige Spielerinnen, bei denen die Verletzung im fortgeschrittenen Alter passiert und die Ursache sicherlich eine andere ist. Dort sind vielleicht über die Jahre Schäden entstanden, die diese Belastung nicht aushalten.

Womensoccer: Ist die Belastung für junge Spielerinnen heute zu groß oder wird in den Vereinen zu wenig Präventionsarbeit geleistet?

Dr. Lehnert: Fast 70 Prozent der 19- oder 20-Jährigen hatten mindestens einen Kreuzbandriss. Die jüngeren Spielerinnen sind oft nicht auf die hohe Spielbelastung der 1. Bundesliga vorbereitet und werden, möglicherweise auch aus finanziellen Gründen, zu früh nach oben gezogen. Dazu kommt, dass das Körperliche manchmal nicht mit der hohen Motivation der Spielerinnen Schritt hält. Darüber hinaus muss man sich fragen: Machen die Vereine etwas falsch?

Ich denke, dass die Präventionsprogramme – das Bekannteste in Deutschland ist FIFA 11+ – in den Vereinen immer noch nicht vernünftig gelebt werden, weil für diese Art des präventiven Trainings oftmals die Zeit fehlt. Wir dürfen nicht vergessen, dass gerade die jungen Spielerinnen zum Teil noch zur Schule gehen. Das sind nicht alle Vollzeitprofis, wie in Wolfsburg oder München. Die Präventionsarbeit zum muskulären Aufbau zur Vermeidung von Kreuzbandrupturen ist im Moment in der Frauen-Bundesliga nicht ausreichend.

Womensoccer: Hat das finanzielle Gründe?

Dr. Lehnert: Nur wenige Vereine können sich die entsprechenden Trainer dafür leisten. Jede Mannschaft hat natürlich eine mannschaftsärztliche Betreuung. Bei einem Verein wie dem SC Sand zum Beispiel hat man sicher nicht die Ressourcen und Möglichkeiten, noch zwei, drei Athletiktrainer oder Vollzeit-Physiotherapeuten einzustellen, die die ganze Zeit dabei sind und sich auch nach Verletzungen um die entsprechende Rehabilitation kümmern.

Foto von Dr. Michael Lehnert

Dr. Michael Lehnert ist besorgt über die Häufung an Kreuzbandrissen © privat

Womensoccer: Wird die Bedeutung der Prävention auch etwas unterschätzt?

Dr. Lehnert: Ich habe das Gefühl, die Präventionsarbeit in den Vereinen war schon einmal besser und wird gerade wieder schlechter. Es steht zu befürchten, dass die Prävention verstärkt in den Hintergrund rückt, weil wieder mehr am Ball gearbeitet wird, weil die Zeit knapper und die Spielbelastung höher wird. Man muss sicherlich das Bewusstsein weiter schulen, sonst werden wir immer mehr Verletzungen und Folgeerscheinungen sehen und die Spielerinnen werden immer früher aus dem Fußball ausscheiden.

Man muss an die Vereine appellieren, mehr Prävention zu leisten und auch gerade Vereine, die nicht so viel Geld haben oder niederklassig spielen, darauf hinweisen, dass es ja auch Präventionsprogramme gibt, die von privaten Firmen angeboten werden. Es gibt auch eine Internetseite, Soccer-Fit-You. Dort gibt es Präventions-Leitfäden und sie bieten sogar Schulungen für Trainer in den Vereinen an.

Womensoccer: Was sind denn die Hauptprobleme, dass es zu diesen Kreuzbandverletzungen kommt?

Dr. Lehnert: Das Abstoppen, die unkoordinierte Landung und häufig das Ungleichgewicht zwischen vorderer und hinterer Oberschenkelmuskulatur. Die hintere Oberschenkelmuskulatur ist ab einem bestimmten Winkel im Kniegelenk in der Lage, das Kreuzband zu schützen. Da sie dasselbe macht, wie das Kreuzband, spannt sie sich dann an, und das Knie läuft nicht nach vorne weg. Heute wird noch zu viel außerhalb des Feldes auf der vorderen Muskelkette trainiert. Das ist gar nicht notwendig, weil diese auf dem Platz sowieso trainiert wird.

Dr. Michael Lehnert im Kurzprofil

Ärztlicher Leiter MVZ meviva

1997-2015 Mannschaftsarzt beim 1. FFC Turbine Potsdam

Saison 2015/2016 und 2016/2017 Mannschaftsarzt beim VfL Wolfsburg

seit 2017 wieder Mannschaftsarzt 1. FFC Turbine Potsdam

Womensoccer: Müssen die jungen Spielerinnen auch noch früher geschult werden?

Dr. Lehnert: Sie müssen sensibilisiert werden und auch mit Videomaterial arbeiten. Dazu reicht ein normales Handy, um zu sehen, warum man falsch landet. Je früher man die Spielerinnen schult, umso besser. So machen es viele amerikanischen Programme und dort sind auch Erfolge zu sehen. Allerdings ist dort auch die sportliche Ausbildung der Heranwachsenden anders angelegt und sie fangen durch ihr Schulsystem viel früher mit dem Sport an. Mädchen und Jugendliche sind dort athletischer. Das haben wir oft festgestellt, wenn amerikanische Spielerinnen zu uns gekommen sind und in deutschen Ligen gespielt haben. Ihre bessere Athletik und Grundausbildung schützt sie.

Die Koordination und Propriozeption, das heißt, die Muskeln zur rechten Zeit anzuspannen, ist eine Schulungssache. Wenn die Spielerinnen das von klein auf lernen, verinnerlichen sie das. Hier gilt es, vernünftige Aufbauarbeit zu leisten und auf die muskuläre Stabilisierung achten. Die Spielerinnen müssen auch in ihrer Freizeit eigene Programme machen, weil es der Verein nicht leisten oder anbieten kann.

Womensoccer: Was lässt sich konkret verbessern?

Dr. Lehnert: Für jede Spielerin lässt sich ein individuelles Risikoprofil erarbeiten. Die Muskelkraft lässt sich messen und man kann auch feststellen, wie eine Spielerin landet. So können Bewegungen modifiziert, unterschiedliche Belastungsphasen erarbeitet sowie spezielles Muskeltraining durchgeführt werden. Der SC Freiburg macht das gut, er nutzt die Uni vor Ort und kooperiert mit Sportwissenschaftlern. Diesem Beispiel könnten sicherlich auch Vereine folgen, die über nicht so große finanzielle Mittel verfügen. Man kann sich auch mal jemanden für ein, zwei Tage holen. Als wir vor ein paar Jahren bei Turbine Potsdam Athletiktrainer eingestellt haben, ging die Rate der Kreuzbandrisse in einer Saison gegen Null zurück, der Effekt war sehr deutlich.

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Markus Juchem (51) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

7 Kommentare »

  • Altwolf sagt:

    @Markus Juchem

    Danke, das diese Problematik nochmals thematisiert wurde und auch durch e. spezifischen Kommentar/Stellungnahme aus Sicht e. Teamarztes aufgearbeitet wurde.
    Vielleicht kann man auch noch den ein o. anderen Sportwissenschaftler dazu Stellung nehmen lassen.

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  • ajki sagt:

    Ganz unbedingt ein wichtiges Thema. Mich würde im Zusammenhang eigentlich am meisten interessieren, was aktive Spielerinnen zu dem Komplex „Trainingssteuerung“ / „Prophylaxe“ / Vermeidungstraining etc. zu sagen haben. Denn: das sind alles intelligente junge Frauen, denen im Rahmen ihrer Ausbildung und durch eigene Erfahrungswerte (entweder an sich selbst oder indirekt durch andere) die Problematik durchaus bewußt und klar sein muss. Wie sehen das die Spielerinnen, wie beurteilen sie das persönliche Risiko und was wünschen sie sich von den Trainerstäben und Vereinen?

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  • ollerRentner sagt:

    Oha! Das beantwortet jetzt auch die Frage, die ich ja neulich bezüglich der Häufigkeiten von Knieverletzungen in der Frauen-Bundesliga gestellt habe.

    Das dürfte ja dann keine Besonderheit der weiblichen Anatomie sein, sondern mit der das fussballerische Training begleitenden körperlichen Vorbereitung zu tun haben.

    Ich hoffe, dass die Vereine reagieren und gegebenenfalls der DFB diesbezüglich bei den Vereinen, die aus finanziellen Gründen nicht voll professionell aufgestellt sind, in irgend einer Form unterstützend wirken kann.

    Obwohl sie zwar körperlich ausgesprochen robust erscheint, fällt mir bei der beschriebenen Problematik sofort Lena Oberdorf ein. Sie ist eine 16-jährige Schülerin, die im Hochleistungsbereich der 1. Bundesliga eingesetzt wird. Ich kann nur hoffen, dass alle Beteiligten sich der Verantwortung bewusst sind – auch der DFB.

    Zu was unzureichende Begleitaktivitäten führen können konnte man in einem Extrembeispiel vor langer Zeit gut erkennen, obwohl es damals noch lange nicht so athletisch zuging, wie heute.

    In den 1970er Jahren wurde im damaligen West-Berlin die Freizeitliga auf die Beine gestellt. Ich spielte zu dieser Zeit in einer Mannschaft der Uni-Runde und nahm gelegentlich an den Spielen der Freizeitliga teil („FC Anapuma“ hiess der Verein meiner Erinnerung nach – er bildete sich aus Gästen der heutigen „Luise“ in Dahlem-Dorf). Dort spielten diverse Personen, die wie ich auch relativ regelmässig anderweitig Fussball spielten, aber eben auch solche, die sonst nicht auf dem Platz standen und weitere Trainingseinheiten absolvierten.

    Das war auch bei anderen Freizeit-Vereinen der Fall. Das war wohl in erster Linie die Ursache dafür, dass während der ersten Wochen und Monate die Sanitätsdienste laufend wegen Verletzungen benötigt wurden, die sich Spieler zuzogen. Viele waren einfach nicht darauf vorbereitet, dass zum Wettkampfsport mehr als nur Kicken gehört, sondern auch eine intensive Vorbereitung.

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  • Hans–Peter Friedli sagt:

    Herr Dr. Lehnert, Sie werden mit der Aussage zitiert „fast 70 % der 19– und 20–jährigen (Fussballerinnen) hatten mindestens einen Kreuzbandriss“.
    Es gibt eine Häufung dieser Verletzung. Aber die Prozentzahl scheint mir übertrieben hoch. Können Sie bitte präzisieren? Vielen Dank im Voraus.

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  • Altwolf sagt:

    Da es ja trotz der anatomisch bedingten „Schwachstellen“ im Knie bei Spielerinnen Möglichkeiten gibt durch gezielte Aufwärmprogramme und Trainingsmaßnahmen das Risiko der Kreuzbandverletzungen u. letztendlich auch anderer Verletzungen zu reduzieren, stellt sich schon die Frage, wie das in den Clubs denn gehandhabt wird.

    Ohne jetzt Namen der Clubs nennen zu wollen, ist mir als Zuschauer, der meist rechtzeitig vor Spielbeginn im Stadion ist, aufgefallen, wie doch recht unterschiedlich die Aufwärmphasen bei den FF-Teams erfolgen.

    Da gibt es zunächst das Vorbereiten der Torfrauen.
    Bei den sehr professionell geführten Clubs gibt es einen Torfrau-Trainer, der beide Torhüterinnen nach etwas Lauftraining u. Aufwärmgymnastik mit Balltraining durch Torschüsse, Flanken u.Abschlägen einstimmt.
    Es gibt jedoch auch Clubs, wo sich die beiden Torfrauen in Eigenregie vorbereiten. Die Intensität dabei erscheint mir geringer u. nur phasenweise sehr konzentriert.

    Auch bei den Vorbereitungen für die Spielerinnen selbst zeigt sich ein ähnlicher Ablauf. Auf der einen Seite die Co-Trainer dabei,den Kader unter Anleitung, oft auch durch e. Athletiktrainer, entsprechende Laufarbeit u. Gymnastik durchführen zu lassen. Die Startelf wird dann danach gesondert intensiver mit Ballarbeit vorbereitet, während der Rest des Kaders mit Torwart-Trainer die Torfrauen mit Schüssen auf das Tor einspielen.

    Auf der anderen Seite FF-Teams, die sich einem ähnlichen Vorbereitungsprogramm unterziehen, jedoch hier auch mal ohne Co-Trainer unter Führung ein o. zweier Spielerinnen dieses ableisten.

    Auch wenn alle ernsthaft bemüht sind, sich gut vorzubereiten, habe ich jedoch meine Zweifel an der entsprechenden Intensität e. solchen Vorbereitung ohne die Anwesenheit e. Trainers o. Co-Trainers.
    Jede(r) Spielerin/Spieler möchte in erster Linie Fußball spielen, also zumindest mit dem Ball arbeiten und die Lauf- u./o. Gymnastik in der Vorbereitung auf das Training u. das Spiel wird dabei doch eher als „lästige Pflicht“ empfunden, was insbes. auch für die noch jüngeren Spielerinnen gilt.
    Auch wenn inzwischen jeder Spielerin klar ist, wie wichtig diese Vorbereitungen sind, so sollten die Trainer die Ernsthaftigkeit dieser Vorbereitungen nicht allein der Eigenverantwortung der Spielerinnen überlassen.

    Selbst wenn der Co-Trainer mal ausfallen sollte – warum steht dann der Cheftrainer beobachtend am Spielfeldrand, anstatt selbst die Anleitung zu übernehmen.

    @ajki

    Auch wenn das wirklich interessant wäre, glaube ich nicht, das Du von den Spielerinnen da eine wirkliche Einschätzung bekommst, denn wer möchte dem eigenen Club da ein „schlechtes“ Zeugnis ausstellen, zumal ja jede einzelne Spielerin selbst, wenn sie da Defizite erkennt, diese durch Intensivierung u. Anpassung ihrer vorbereitenden Maßnahmen kompensieren könnte.

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  • ajki sagt:

    Das stimmt wohl, Altwolf – mit inhaltlich relevanten Sätzen aus dem Kreis der Betroffenen ist wie immer eher nicht zu rechnen.

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  • ollerRentner sagt:

    @Altwolf: Ich finde die Beobachtungen recht beunruhigend. Das widerspricht der von mir angesprochenen Verantwortung der beteiligten Vereine und des Verbandes gegenüber den teils sehr jungen Spielerinnen.

    Man kann nur hoffen, dass sich diesbezüglich etwas bewegen wird um die Gesundheit der Sportlerinnen nicht verantwortungslos aufs Spiel zu setzen.

    Der DFB sollte auch deshalb ein Interesse daran haben, weil es ansonsten irgendwann einmal heisst: Komm zum Frauenfussball, wenn du deine Gesundheit gefährden willst.

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