Kreuzbandrisse: „Die Tendenz ist beunruhigend“

7

Dr. Michael Lehnert, seit fast 20 Jahren im deutschen Frauenfußball als Teamarzt aktiv (1. FFC Turbine Potsdam, 2 Jahre VfL Wolfsburg), schlägt im Interview mit Womensoccer Alarm und spricht über die aktuelle Häufung an Kreuzbandrissen, vernachlässigte Prävention und Ideen zur Verbesserung.

Montagefoto mit Lara Dickenmann, Jessica Wich, Nicole Rolser und Isabel Kerschowski
Prominente Betroffene der aktuellen Saison (von links oben nach rechts unten): Lara Dickenmann, Jessica Wich, Nicole Rolser und Isabel Kerschowski © eigene Montage

Womensoccer: In der noch jungen Saison 2018/19 der Frauenfußball-Bundesliga gab es bereits fast ein Dutzend Kreuzbandrisse. Ist diese Häufung nur Zufall oder läuft etwas grundsätzlich schief?

Dr. Michael Lehnert: Das Beunruhigende daran ist, dass wir ja alle seit mehreren Jahren daran arbeiten, die Kreuzbandrisse präventiv zu vermeiden, ob im Frauenfußball, im Männerfußball oder in anderen Sportarten. In puncto Prävention sind wir eigentlich auch gar nicht so schlecht, doch plötzlich gibt es ein Jahr wie 2018 mit einer massiven Häufung von Kreuzbandrissen. Diese Tendenz ist beunruhigend.

Am meisten betroffen sind junge Spielerinnen, die in ihrer Altersklasse bei dieser Verletzung ohnehin weit vorne liegen. Dazu gibt es einige Spielerinnen, bei denen die Verletzung im fortgeschrittenen Alter passiert und die Ursache sicherlich eine andere ist. Dort sind vielleicht über die Jahre Schäden entstanden, die diese Belastung nicht aushalten.

Womensoccer: Ist die Belastung für junge Spielerinnen heute zu groß oder wird in den Vereinen zu wenig Präventionsarbeit geleistet?

Dr. Lehnert: Fast 70 Prozent der 19- oder 20-Jährigen hatten mindestens einen Kreuzbandriss. Die jüngeren Spielerinnen sind oft nicht auf die hohe Spielbelastung der 1. Bundesliga vorbereitet und werden, möglicherweise auch aus finanziellen Gründen, zu früh nach oben gezogen. Dazu kommt, dass das Körperliche manchmal nicht mit der hohen Motivation der Spielerinnen Schritt hält. Darüber hinaus muss man sich fragen: Machen die Vereine etwas falsch?

Ich denke, dass die Präventionsprogramme – das Bekannteste in Deutschland ist FIFA 11+ – in den Vereinen immer noch nicht vernünftig gelebt werden, weil für diese Art des präventiven Trainings oftmals die Zeit fehlt. Wir dürfen nicht vergessen, dass gerade die jungen Spielerinnen zum Teil noch zur Schule gehen. Das sind nicht alle Vollzeitprofis, wie in Wolfsburg oder München. Die Präventionsarbeit zum muskulären Aufbau zur Vermeidung von Kreuzbandrupturen ist im Moment in der Frauen-Bundesliga nicht ausreichend.

Womensoccer: Hat das finanzielle Gründe?

Dr. Lehnert: Nur wenige Vereine können sich die entsprechenden Trainer dafür leisten. Jede Mannschaft hat natürlich eine mannschaftsärztliche Betreuung. Bei einem Verein wie dem SC Sand zum Beispiel hat man sicher nicht die Ressourcen und Möglichkeiten, noch zwei, drei Athletiktrainer oder Vollzeit-Physiotherapeuten einzustellen, die die ganze Zeit dabei sind und sich auch nach Verletzungen um die entsprechende Rehabilitation kümmern.

Foto von Dr. Michael Lehnert
Dr. Michael Lehnert ist besorgt über die Häufung an Kreuzbandrissen © privat

Womensoccer: Wird die Bedeutung der Prävention auch etwas unterschätzt?

Dr. Lehnert: Ich habe das Gefühl, die Präventionsarbeit in den Vereinen war schon einmal besser und wird gerade wieder schlechter. Es steht zu befürchten, dass die Prävention verstärkt in den Hintergrund rückt, weil wieder mehr am Ball gearbeitet wird, weil die Zeit knapper und die Spielbelastung höher wird. Man muss sicherlich das Bewusstsein weiter schulen, sonst werden wir immer mehr Verletzungen und Folgeerscheinungen sehen und die Spielerinnen werden immer früher aus dem Fußball ausscheiden.

Man muss an die Vereine appellieren, mehr Prävention zu leisten und auch gerade Vereine, die nicht so viel Geld haben oder niederklassig spielen, darauf hinweisen, dass es ja auch Präventionsprogramme gibt, die von privaten Firmen angeboten werden. Es gibt auch eine Internetseite, Soccer-Fit-You. Dort gibt es Präventions-Leitfäden und sie bieten sogar Schulungen für Trainer in den Vereinen an.

Womensoccer: Was sind denn die Hauptprobleme, dass es zu diesen Kreuzbandverletzungen kommt?

Dr. Lehnert: Das Abstoppen, die unkoordinierte Landung und häufig das Ungleichgewicht zwischen vorderer und hinterer Oberschenkelmuskulatur. Die hintere Oberschenkelmuskulatur ist ab einem bestimmten Winkel im Kniegelenk in der Lage, das Kreuzband zu schützen. Da sie dasselbe macht, wie das Kreuzband, spannt sie sich dann an, und das Knie läuft nicht nach vorne weg. Heute wird noch zu viel außerhalb des Feldes auf der vorderen Muskelkette trainiert. Das ist gar nicht notwendig, weil diese auf dem Platz sowieso trainiert wird.

Dr. Michael Lehnert im Kurzprofil

Ärztlicher Leiter MVZ meviva

1997-2015 Mannschaftsarzt beim 1. FFC Turbine Potsdam

Saison 2015/2016 und 2016/2017 Mannschaftsarzt beim VfL Wolfsburg

seit 2017 wieder Mannschaftsarzt 1. FFC Turbine Potsdam

Womensoccer: Müssen die jungen Spielerinnen auch noch früher geschult werden?

Dr. Lehnert: Sie müssen sensibilisiert werden und auch mit Videomaterial arbeiten. Dazu reicht ein normales Handy, um zu sehen, warum man falsch landet. Je früher man die Spielerinnen schult, umso besser. So machen es viele amerikanischen Programme und dort sind auch Erfolge zu sehen. Allerdings ist dort auch die sportliche Ausbildung der Heranwachsenden anders angelegt und sie fangen durch ihr Schulsystem viel früher mit dem Sport an. Mädchen und Jugendliche sind dort athletischer. Das haben wir oft festgestellt, wenn amerikanische Spielerinnen zu uns gekommen sind und in deutschen Ligen gespielt haben. Ihre bessere Athletik und Grundausbildung schützt sie.

Die Koordination und Propriozeption, das heißt, die Muskeln zur rechten Zeit anzuspannen, ist eine Schulungssache. Wenn die Spielerinnen das von klein auf lernen, verinnerlichen sie das. Hier gilt es, vernünftige Aufbauarbeit zu leisten und auf die muskuläre Stabilisierung achten. Die Spielerinnen müssen auch in ihrer Freizeit eigene Programme machen, weil es der Verein nicht leisten oder anbieten kann.

Womensoccer: Was lässt sich konkret verbessern?

Dr. Lehnert: Für jede Spielerin lässt sich ein individuelles Risikoprofil erarbeiten. Die Muskelkraft lässt sich messen und man kann auch feststellen, wie eine Spielerin landet. So können Bewegungen modifiziert, unterschiedliche Belastungsphasen erarbeitet sowie spezielles Muskeltraining durchgeführt werden. Der SC Freiburg macht das gut, er nutzt die Uni vor Ort und kooperiert mit Sportwissenschaftlern. Diesem Beispiel könnten sicherlich auch Vereine folgen, die über nicht so große finanzielle Mittel verfügen. Man kann sich auch mal jemanden für ein, zwei Tage holen. Als wir vor ein paar Jahren bei Turbine Potsdam Athletiktrainer eingestellt haben, ging die Rate der Kreuzbandrisse in einer Saison gegen Null zurück, der Effekt war sehr deutlich.

Mein Leben als Hope Solo
  • 340 Seiten - 01.07.2013 (Veröffentlichungsdatum) - Edel Books - Ein Verlag der Edel Germany GmbH (Herausgeber)

Letzte Aktualisierung am 9.12.2019 / * = Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API

7
Hinterlasse einen Kommentar

avatar
7 Kommentar-Themen
0 Themen-Antworten
0 Follower
 
Kommentar, auf den am meisten reagiert wurde
Beliebtestes Kommentar-Thema
4 Kommentatoren
ollerRentnerajkiAltwolfHans–Peter Friedli Neueste Kommentartoren
  Abonnieren  
neueste älteste meiste Bewertungen
Benachrichtige mich bei
Altwolf
Altwolf

@Markus Juchem

Danke, das diese Problematik nochmals thematisiert wurde und auch durch e. spezifischen Kommentar/Stellungnahme aus Sicht e. Teamarztes aufgearbeitet wurde.
Vielleicht kann man auch noch den ein o. anderen Sportwissenschaftler dazu Stellung nehmen lassen.

ajki
ajki

Ganz unbedingt ein wichtiges Thema. Mich würde im Zusammenhang eigentlich am meisten interessieren, was aktive Spielerinnen zu dem Komplex „Trainingssteuerung“ / „Prophylaxe“ / Vermeidungstraining etc. zu sagen haben. Denn: das sind alles intelligente junge Frauen, denen im Rahmen ihrer Ausbildung und durch eigene Erfahrungswerte (entweder an sich selbst oder indirekt durch andere) die Problematik durchaus bewußt und klar sein muss. Wie sehen das die Spielerinnen, wie beurteilen sie das persönliche Risiko und was wünschen sie sich von den Trainerstäben und Vereinen?

ollerRentner
ollerRentner

Oha! Das beantwortet jetzt auch die Frage, die ich ja neulich bezüglich der Häufigkeiten von Knieverletzungen in der Frauen-Bundesliga gestellt habe. Das dürfte ja dann keine Besonderheit der weiblichen Anatomie sein, sondern mit der das fussballerische Training begleitenden körperlichen Vorbereitung zu tun haben. Ich hoffe, dass die Vereine reagieren und gegebenenfalls der DFB diesbezüglich bei den Vereinen, die aus finanziellen Gründen nicht voll professionell aufgestellt sind, in irgend einer Form unterstützend wirken kann. Obwohl sie zwar körperlich ausgesprochen robust erscheint, fällt mir bei der beschriebenen Problematik sofort Lena Oberdorf ein. Sie ist eine 16-jährige Schülerin, die im Hochleistungsbereich der 1.… Weiterlesen »

Hans–Peter Friedli
Hans–Peter Friedli

Herr Dr. Lehnert, Sie werden mit der Aussage zitiert „fast 70 % der 19– und 20–jährigen (Fussballerinnen) hatten mindestens einen Kreuzbandriss“.
Es gibt eine Häufung dieser Verletzung. Aber die Prozentzahl scheint mir übertrieben hoch. Können Sie bitte präzisieren? Vielen Dank im Voraus.

Altwolf
Altwolf

Da es ja trotz der anatomisch bedingten „Schwachstellen“ im Knie bei Spielerinnen Möglichkeiten gibt durch gezielte Aufwärmprogramme und Trainingsmaßnahmen das Risiko der Kreuzbandverletzungen u. letztendlich auch anderer Verletzungen zu reduzieren, stellt sich schon die Frage, wie das in den Clubs denn gehandhabt wird. Ohne jetzt Namen der Clubs nennen zu wollen, ist mir als Zuschauer, der meist rechtzeitig vor Spielbeginn im Stadion ist, aufgefallen, wie doch recht unterschiedlich die Aufwärmphasen bei den FF-Teams erfolgen. Da gibt es zunächst das Vorbereiten der Torfrauen. Bei den sehr professionell geführten Clubs gibt es einen Torfrau-Trainer, der beide Torhüterinnen nach etwas Lauftraining u. Aufwärmgymnastik… Weiterlesen »

ajki
ajki

Das stimmt wohl, Altwolf – mit inhaltlich relevanten Sätzen aus dem Kreis der Betroffenen ist wie immer eher nicht zu rechnen.

ollerRentner
ollerRentner

@Altwolf: Ich finde die Beobachtungen recht beunruhigend. Das widerspricht der von mir angesprochenen Verantwortung der beteiligten Vereine und des Verbandes gegenüber den teils sehr jungen Spielerinnen.

Man kann nur hoffen, dass sich diesbezüglich etwas bewegen wird um die Gesundheit der Sportlerinnen nicht verantwortungslos aufs Spiel zu setzen.

Der DFB sollte auch deshalb ein Interesse daran haben, weil es ansonsten irgendwann einmal heisst: Komm zum Frauenfussball, wenn du deine Gesundheit gefährden willst.