Nadine Keßler auf Wolke sieben
Mit zwei späten Toren beim 2:1-Sieg gegen Ex-Verein 1. FFC Turbine Potsdam bescherte VfL Wolfsburgs Kapitänin Nadine Keßler ihrem Team nicht nur drei wichtige Punkte im Kampf um die Deutsche Meisterschaft , sondern sendete auch kräftige Signale an Bundestrainerin Silvia Neid .
Nadine Keßler schien den Regen, den der Wolfsburger Abendhimmel über sie ergoss, im Überschwang der Gefühle gar nicht zu bemerken. Schon wenige Meter vor dem schützenden Spielertunnel des VfL-Stadions am Elsterweg erklärte die Kapitänin geduldig, wie sie ihr Team an einem Tag, an dem das gegnerische Tor wie vernagelt schien, mit zwei Treffern noch zu einem 2:1-Sieg gegen den 1. FFC Turbine Potsdam geführt hatte – nach einem 0:1-Rückstand bis in die Schlussphase, einem verschossenen Elfmeter und zahlreichen vergebenen hochkarätigen Chancen.
Wolfsburg belohnt sich spät „Wir geben uns nie auf und einen Fußballgott gibt es auch“, so die 24-Jährige freudestrahlend im Gespräch mit Womensoccer. 82 Minuten lang hatte der VfL Wolfsburg den Deutschen Meister in nur selten gesehener Weise beherrscht, das Tor der Potsdamerinnen unter Dauerbeschuss genommen und sich zahlreiche Chancen herausgearbeitet. Doch das Tor hatte kurz vor der Pause mit seiner einzigen nennenswerten Torchance Potsdam erzielt, als Stürmerin Lisa Evans eine Unachtsamkeit der Wolfsburger Abwehr bestrafte.
Mit Wut und Frust zum Erfolg „Wir haben alles probiert - köpfen, schlenzen, schieben. Das Tor war wie vernagelt und Naeher hat überragend gehalten“, so Keßler über die vergeblichen Versuche ihrer Elf auf dem nassen Rasen, der vor allem in der Mitte tief und matschig war und das Kombinationsspiel erschwerte. Doch dann brach die Ex-Potsdamerin acht Minuten vor Ende der regulären Spielzeit den Bann. „Irgendwann habe ich gedacht, schieß einfach mal drauf. Da war schon ein bisschen Wut und Frust dabei, vielleicht war das in dieser Situation gerade angebracht.“
Aufregende Schlussphase Nur wenige Minuten zuvor war die starke Lena Goeßling mit einem Foulelfmeter an Potsdams Torhüterin Alyssa Naeher gescheitert und wäre fast zur tragischen Figur des Spiels geworden. Doch der Ausgleichstreffer gegen die nach der Gelb-Roten Karte gegen Jeanette Ngock Yango in Unterzahl agierenden Potsdamerinnen war der Startschuss zu einer aufregenden Schlussphase mit Siegchancen auf beiden Seiten.
Kick durch Ausgleichstreffer „Der Treffer hat uns definitiv noch einmal motiviert und uns den letzten Kick gegeben“, so Keßler, der dann in der vierten Minute der Nachspielzeit mit der letzten Aktion des Spiels per Kopf der viel umjubelte Siegtreffer gelang. Besondere Genugtuung mit ihren beiden Treffern ausgerechnet ihren Ex-Verein bezwungen zu haben, empfand Keßler nicht. „Heute überwog die Freude, das Spiel noch gedreht zu haben.“
Argumente für die Nationalmannschaft Ihre Leistung und die beiden Treffer untermauerten sechs Tage vor dem Länderspiel gegen Frankreich in Halle an der Saale ihren Anspruch auf Spielzeit in der A-Nationalmannschaft. „Klar freue ich mich über die Nachnominierung. Ich hoffe, ich kann zeigen, dass ich ganz gut drauf bin. Ich werde versuchen mich zu beweisen und hoffe natürlich auf einen Einsatz, aber das liegt nicht in meinen Händen.“
Selbstkritik Innenverteidigerin Goeßling, die sich immer wieder geschickt in das Offensivspiel ihres Teams einschaltete, war nach der Partie erleichtert: „Ich bin froh, dass ‚Kessi‘ noch die zwei Tore gemacht hat. Zeitweise habe ich nicht mehr daran geglaubt.“ Doch sie gab sich auch selbstkritisch: „Gegen ein Spitzenteam darf man einfach nicht so viele Chancen brauchen.“
Goeßling mit Offensivpower Dass sich die 26-Jährige immer wieder in Richtung Offensive orientieren konnte, lag an den Potsdamerinnen. „Das hat sich so ergeben. Ich habe gemerkt, dass ich gar keinen Druck bekomme, deswegen habe ich den einen oder anderen Angriff eingeleitet. Ich habe schon mit ein bisschen mehr Gegenwehr gerechnet, denn im Sturm ist Potsdam gut besetzt. Aber im Endeffekt waren sie schon ein bisschen schwächer als Frankfurt“, so Goeßling über den verletzungsgeplagten Kader der Potsdamerinnen.
Unbändiger Wille Wolfsburgs Trainer Ralf Kellermann war nach dem dreifachen Punktgewinn erleichtert. „Normalerweise gewinnt man so ein Spiel nicht mehr. Aber wir waren heute die klar bessere Mannschaft, was auch den vielen Ausfällen von Potsdam geschuldet war. Die Mannschaft hat einen unbändigen Willen und hat auch in Überzahl bis zum Schluss versucht, mit spielerischen Mitteln zum Erfolg zu kommen und nicht nur lange Bälle nach vorne zu schlagen. Ich bin stolz, dass sie bis zum Ende an sich geglaubt hat.“
Chancen am Fließband Warum sein Team trotz mannschaftlich geschlossen starker Leistung reihenweise beste Chancen ausließ, konnte sich auch Kellermann nicht so recht erklären. „Wochenlang waren wir sehr effektiv. Heute haben wir sehr viele Chancen liegen lassen, der rutschige Boden kam dazu, dann ist es wie eine Spirale.“ Doch viel wichtiger war die Erkenntnis: „Wir haben uns gegen Potsdam unfassbar viele Chancen herausgespielt, das ist das Positive und Entscheidende.“
Kellermann: „Haben noch nichts gewonnen“ Trotz der komfortablen Ausgangsposition mit drei Punkten Vorsprung auf Potsdam und einem Spiel in der Hinterhand tritt Kellermann auf die Euphoriebremse: „Jetzt geht es zum Auswärtsspiel nach Bad Neuenahr, dann müssen wir nach München, das sind zwei schwere Auswärtsspiele. „Der Sieg heute war ein wichtiger Schritt, aber es hat noch nichts zu bedeuten, wir haben noch nichts gewonnen.“