DFB-Elf zu hektisch und unkonstant

Von am 25. November 2011 – 15.12 Uhr 21 Kommentare

13 Spiele, 11 Siege, 1 Remis und 1 Niederlage – das schnöde Zahlenwerk des Frauenfußball-Jahres 2011 mag auch nach dem 2:2 gegen Spanien weiterhin beeindrucken, doch es kann nicht kaschieren, dass die neu formierte deutsche Frauenfußball-Nationalelf von der Dominanz und Stärke früherer Tage derzeit ein gutes Stück entfernt ist – Prinz, Hingst und Garefrekes lassen grüßen.

Zum ersten Mal seit 12 Jahren hat die DFB-Elf einen Zwei-Tore-Vorsprung nicht in einen Sieg ummünzen können, zum ersten Mal nach 36 Qualifikationssiegen in Folge ging das Team nicht als Sieger vom Platz – zuletzt hatte man beim 4:4 in Italien im Jahr 1999 Federn lassen müssen und auch damals einen Zwei-Tore-Vorsprung verspielt.

Straucheln in wichtigen Spielen
Und das ausgerechnet im ersten von zwei direkten Duellen mit Emporkömmling Spanien, dem schärfsten Konkurrenten um den Gruppensieg, der einen direkten Startplatz für die Frauenfußball-EM 2013 in Schweden garantiert. Nach dem WM-Aus im Viertelfinale gegen Japan war es bereits das zweite wichtige Spiel in diesem Jahr, in dem es dem Team von Bundestrainerin Silvia Neid nicht gelang, die eigene Überlegenheit in einen zählbaren Erfolg zu verwandeln.

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Den Faden verloren
Die Spielerinnen werteten die in Motril aus der Hand gegebene Führung als Betriebsunfall. „Ich sehe nicht alles schwarz“, sagte etwa Torhüterin Nadine Angerer, die sich aber wie beim Gegentor gegen Japan auch diesmal eine Teilschuld zumindest am zweiten der beiden spanischen Treffer ankreiden lassen musste. „Wir haben ein bisschen unser Konzept und auf verschiedenen Positionen den Faden verloren und uns von unglücklichen Schiedsrichterentscheidungen beeinflussen lassen.“

Mangel an Konstanz
Eine Halbzeit lang dominierte die DFB-Elf den Gegner nach Belieben, eine konzentrierte und solide Leistung reichten nach dem Treffer von Lena Goeßling und dem Eigentor von Ruth García zur verdienten Zwei-Tore-Führung gegen ein spanisches Team, das unter dem Eindruck des 17:0-Siegs Deutschlands gegen Kasachstan 45 Minuten lang vor Ehrfurcht zu erstarren schien und nicht einmal aufs deutsche Tor schoss. „Wir wollten in der zweiten Halbzeit daran anknüpfen, aber wir wurden in unserem Spiel immer hektischer“, so die Analyse von Silvia Neid, die einen Großteil der zweiten Halbzeit von der Tribüne aus verfolgen musste, wohin sie nach einem wegen Abseits nicht gegebenen deutschen Treffer wegen Meckerns verbannt worden war.

Melanie Behringer

Stolperte mit der DFB-Elf in Spanien: Melanie Behringer © Sascha Pfeiler / girlsplay.de

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Zunehmende Hektik
Denn nach dem 1:2-Anschlusstreffer der starken Verónica Boquete, deren Qualitäten sich bis in die deutsche Mannschaft noch nicht herumgesprochen zu haben schienen, so viel Raum wie ihr gewährt wurde, verfiel die DFB-Elf in Hektik und ließ sich auch von den hoch kochenden Emotionen der knapp 3 000 Zuschauer im Estadio Municipal Escribano Castilla beeindrucken. „Wir haben uns von der Atmosphäre ein bisschen anstecken lassen“, räumte Lena Goeßling ein, die mit ihrem zweiten Treffer im Nationaldress die DFB-Elf in Führung gebracht hatte und zu den Besseren im Team gehörte.

Da Mbabi vergibt Matchball
Und so wurden zwar die Bälle weiterhin schnell zurückerobert, aber genauso schnell auch wieder verloren. Die Passgenauigkeit ließ zu wünschen übrig und die zwar defensiv gut arbeitende, aber offensiv unglücklich agierende Célia Okoyino da Mbabi vergab nach Pass von Bajramaj den Matchball, als sie aus sechs Metern den Ball über das Tor setzte und dann etwas zu spät zehn Minuten vor Schluss ihren Platz für Martina Müller räumen musste.

Die alte Garde fehlt
Schmerzlich vermisst wurde in der letzten halben Stunde die Abgeklärtheit von Spielerinnen wie Birgit Prinz, Ariane Hingst oder Kerstin Garefrekes, die der Mannschaft Halt in schwierigen Situationen gaben und in der Lage waren, das Tempo wenn nötig aus dem Spiel zu nehmen. „Wir hätten einfach insgesamt mehr Ruhe gebraucht“, meinte Neid.

Effektive Spanierinnen
Annike Krahn, die zur zweiten Halbzeit eher unverständlich und ohne ersichtlichen Grund für die starke Saskia Bartusiak eingewechselt wurde, ärgerte sich: „Nach einer 2:0-Führung darf man am Ende nicht 2:2 spielen. Wir haben uns das Heft aus der Hand nehmen lassen, das darf nicht passieren.“ Fatmire Bajramaj erklärte hingegen: „Wir haben uns das Spiel gar nicht aus der Hand nehmen lassen, wir haben nur unsere Chancen nicht verwertet. Spanien hat gut dagegen gehalten und aus zwei Chancen zwei Tore gemacht.“

90 Minuten Konzentration gefragt
Die nach den Rücktritten etwas umformierte deutsche Mannschaft wird wohl noch eine Weile brauchen, um die frühere Stabilität und Souveränität zurückzugewinnen und neue Führungsfiguren herauszubilden. Und die Spielerinnen werden begreifen müssen, dass gegen aufstrebende internationale Teams vom Kaliber Spaniens über volle 90 Minuten die Konzentration hoch gehalten werden muss, um als Sieger vom Platz zu gehen. „Wenn Spanien zum Rückspiel zu uns kommt, müssen wir es vom Anfang bis zum Ende durchziehen. Wir haben noch alles in der eigenen Hand“, so Neid.

Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

21 Kommentare »

  • Andreas sagt:

    Ich fand das Spiel der N11 nicht so schlecht, wie einige es hier machen. In der 1.HZ hatten sie es gut im Griff und haben es anfangs der 2.HZ verpasst, den Sack zuzumachen, als da wären der Pfostenschuss von Lira, das nicht gegebene Tor und die 2 Großchancen von Celia. Dann fällt irgendwo dazwischen der Anschlußtreffer und natürlich wird es dann hektischer. Das ist schon ganz anderen Mannschaften passiert. Unglücklich ist natürlich der späte Ausgleich, obwohl die Spanierinnen schon länger körperlich platt waren. Aus so einer Situation kann aber auch viel Gutes entstehen, wenn die Spielerinnen daraus lernen. Ich habe jedenfalls eine ganze Menge Vielversprechendes gesehen. Die Abwehr der 1.HZ hat sehr viel Perspektive. Goeßling hat mir in der Innenverteidigung sehr gut gefallen. Sie tut der Spieleröffnung sehr gut. Außerdem nimmt sie da etwas den Druck aus dem Überangebot an 6´ern, das da ist, wenn Kulig zurückkommt. Mir gefällt auch Viola Odebrecht sehr gut, auch wenn noch nicht alles funktioniert bei ihr, vor allem im Spiel nach vorne. Man sieht aber schon, dass sie vor allem in der Defensive ein Fels in der Brandung sein kann. Dann hat mir Lira sehr gut gefallen, gute Dribblings und teilweise tolle Flanken ins Sturmzentrum. Leider wurden diese Zuspiele heute nicht verwertet. Das ist natürlich zu verbessern, aber immerhin standen die Stürmerinnen oft an der richtigen Stellen. Mit etwas mehr Kaltschnäuzigkeit, die sicher noch kommen wird, braucht man sich dann auch keine Sorgen zu machen, dass so ein Spiel noch kippen kann. Leider fehlte den Zuspielen auf Lira auch häufig die Präzision, so dass sie das ein oder andere Mal dem Ball nur auf dem Weg ins Aus hinterherschauen konnte. Da muss sich auch noch einiges tun, wie an der Passgenauigkeit insgesamt. Im Spiel nach vorne sehe ich die größten Baustellen momentan bei Melanie Behringer und Binca Schmidt, wobei es bei der Behringer schon ein Schritt in die richtige Richtung wäre, wenn mal jemand anders die Standards ausführt.

    Alles in allem sehe ich deutlich positiver in die Zukunft als noch kurz nach der WM. Ich hoffe, dass sich die vielen positiven Dinge, die sich gerade entwicklen noch vertiefen. Dazu dient dann auch der Algarve Cup im nächsten Jahr, wo auch einige Top-Mannschaften teilnehmen. Ich bin recht optimistisch, dass der Weg zum EM-Titel auch 2013 nur über Deutschland geht.

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