Hedvig Lindahl: „Manchmal ein bisschen faul und locker“

Von am 28. Juni 2011 – 8.11 Uhr 1 Kommentar

Mit einer lösbaren Aufgabe gegen WM-Neuling Kolumbien steigt Schweden heute (ab 15 Uhr live im ZDF), in Leverkusen in die Frauen-WM ein. Torhüterin Hedvig Lindahl erklärt Womensoccer, warum es ihr Team diesmal ganz nach oben schaffen kann – trotz oder wegen der besonderen schwedischen Mentalität.

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Womensoccer: Frau Lindahl, seit der tollen WM 2003 in den USA, als Schweden Vizeweltmeister wurde, hat die Nationalmannschaft keinen großen Erfolg mehr gehabt. Warum?

Hedvig Lindahl: Wenn wir das so genau wüssten! Bei der WM 2007 kam ich gerade von einer Verletzung zurück und habe nicht mein volles Leistungsvermögen abrufen können, mir hat auch ein bisschen das Selbstvertrauen gefehlt. Bei einer WM geht das nicht, da muss man seine beste Leistung zeigen. Bei einer Europameisterschaft kann man vielleicht ein bisschen länger im Turnier bleiben, weil es eine Kontinentalmeisterschaft und kein Weltturnier ist. Aber auch bei der EURO wird es immer schwieriger.

Womensoccer: Aber 2011 wird wieder das Jahr der Schwedinnen?

Lindahl: Ich denke, wir sind in der Lage, richtig guten Fußball zu spielen. Unser Team ist seit der EURO 2009 physisch stärker geworden, innerhalb des Teams gibt es einen größeren Wettbewerb und mehr Spielerinnen auf höchstem Level. Wir haben auf jeder Position mehrere Optionen und ich hoffe auch, dass wir mental stärker geworden sind, denn sonst hilft die ganze Vorbereitung nichts. Seit dem Algarve Cup haben wir an der Effizienz und am Timing gearbeitet, das hat dort noch nicht so gut geklappt. Wenn wir die WM gewinnen wollen, müssen wir mehr Vorwärtsdrang entwickeln. Wir Schweden sind manchmal ein bisschen faul und locker. Vielleicht liegt das an unserer Gesellschaft, die uns eine ganze Menge Dinge bietet, in anderen Ländern muss man mehr kämpfen. Wir müssen nun einfach den nächsten Schritt gehen und von Beginn an jedes Spiel wie ein Endspiel angehen, denn schon gegen Kolumbien wird es wirklich schwierig werden.

Womensoccer: Zu faul und zu locker und dann auch noch zu harmonisch, wie Nadine Angerer gerne mal die Schwedinnen aufzieht. Das klingt nicht wie ein kommender Weltmeister.

Lindahl: Was die Harmonie angeht, muss ich ihr da schon recht geben. Ich denke aber, der schwedische Weg ist ein guter Weg. In Deutschland geht es viel strikter zu, da wird man wegen jedes einzelnen Fehlers angebrüllt. Da muss man eine starke Persönlichkeit sein, um damit umzugehen. Wenn man versuchen würde, dies auf das schwedische Team zu übertragen, würde manche Spielerin daran zerbrechen. Wir sind das nicht gewohnt und unsere Gesellschaft fordert das auch nicht von uns. Ich sage nicht, dass unser Weg der bessere ist, aber der andere wäre nicht gut für uns, weil wir ihn nicht gewohnt sind. Natürlich ist es wichtig, dass man Herausforderungen annimmt, sich gegenseitig fordert und auch Erwartungen hat, aber das lässt sich auch auf positive Art und Weise machen. Ich hoffe, wir können das während der WM umsetzen, aber halt auf schwedische Art.

Womensoccer: Ein Spiel gegen Deutschland wäre ein Alptraum?

Lindahl: Deutschland hat 80 Millionen Einwohner, Schweden hat 9, sie habe natürlich andere Möglichkeiten. Aber wir wissen, dass wir sie schlagen können, wenn wir einen guten Tag haben, das liegt ganz an uns. Aber vielleicht treffen wir im Turnierverlauf gar nicht auf Deutschland. Ich bin beeindruckt, dass schon im Vorfeld viel über die WM geredet wurde und ich hoffe, dass sie den Durchbruch für den Frauenfußball in Europa bescheren wird, die Zuschauer Vorbilder bekommen und dann uns auch in den Ligen sehen wollen.

Womensoccer: Bei der WM 2007 waren die schwachen Leistungen der Torhüterinnen eines der Themen. Wird das diesmal besser?

Lindahl: Insgesamt wird es besser und besser, vielleicht weil die Torhüterinnen reifer werden und sich gegenseitig inspirieren. Wenn ich mir Highlights aus der WPS anschaue, denke ich mir oft: ‚Wow, richtig gutes Torwartspiel‘, dabei kenne ich nicht mal den Namen der Torhüterin. Ich denke, das ist ein gutes Zeichen, dass sogar eher unbekannte Torhüterinnen solche Leistungen zeigen können. Allerdings muss ich auch sagen, dass alle Torhüterinnen einen Schritt zurück gemacht haben, seit es diesen neuen Ball gibt, damit haben wir ein kleines Problem. Die Bälle werden besser und auch die Technik der Spielerinnen. Wenn die Spielerinnen über eine entsprechende Technik oder eine gewisse Schussstärke verfügen, sind sie im Vorteil. Das ist aber auch eine Herausforderung, dass wir uns darauf einstellen. Wenn man in einem der stärksten Teams spielt, ist es auch eine Kunst Torhüterin zu sein, weil man oft nicht viel zu tun hat und dann aber im richtigen Moment hellwach sein muss. Ich hoffe, das klappt bei mir während der WM (lacht).

Womensoccer: Wollten Sie schon von Kindheit an Torhüterin werden?

Lindahl: Ich habe als Stürmerin begonnen, als ich klein war, das hat mir riesig Spaß gemacht. Dann konnte ich mich bis ich 14 war nicht entscheiden. Ich habe auf dem Feld gespielt, manchmal aber auch im Tor. Mit 12 oder 13 hatte ich mein erstes echtes Torwarttraining, da wurde die Sache ernster und dann hat es seinen Weg genommen, als ich für eine Auswahlmannschaft unserer kleinen Region ausgewählt wurde. Da wurde mir bewusst, dass ich mich entscheiden muss. Und dann ging es weiter nach oben bis in die Nationalmannschaft. Aber ich habe beides genossen, sowohl als Stürmerin Tore zu schießen als sie als Torhüterin zu verhindern.

Beliebt bei den deutschen Fans: Hedvig Lindahl © Nora Kruse, ff-archiv.de

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Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

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