Steffi Jones: „Die WM ist schon jetzt ein Erfolg“

Von am 6. Juni 2011 – 15.01 Uhr 7 Kommentare

In weniger als drei Wochen beginnt in Deutschland die Frauenfußball-Weltmeisterschaft. Im Interview mit Womensoccer spricht WM-OK-Präsidentin Steffi Jones über den Stand der Vorbereitungen, überzogene Erwartungen und das Thema Nachhaltigkeit.

Womensoccer: Es sind nur noch 20 Tage bis zum Beginn der Frauen-WM. Welche Aufgaben gilt es auf der Zielgerade noch zu meistern?

Steffi Jones: Insgesamt betrachtet sind wir voll im Soll. Wir gehen jetzt in den letzten Tagen in die einzelnen Spielorte, machen Schulbesuche und die Spielfreude-Tour. Auch die Werbespots der Nationalmannschaft laufen jetzt alle an. Ich glaube, wir sind bestens aufgestellt und können sagen, wir haben unser Ziel erreicht.

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Womensoccer: Es sind aber noch nicht alle Spiele ausverkauft, war das nicht die Zielsetzung?

Jones: Im Vorfeld war für uns gar nicht greifbar, wie der Kartenverkauf laufen würde. Wir haben jetzt über 600 000 Tickets verkauft, wissen aber, dass wir noch ein paar Spiele haben, wo wir noch etwas nachlegen können. Wir können es nicht als selbstverständlich ansehen, dass eine Frauenfußball-WM komplett ausverkauft ist. Viele, die den Frauenfußball nicht so gut kennen, wissen nicht, dass jedes Spiel attraktiv sein kann. Dabei sind meistens die nicht so namhaften Spiele sogar die attraktiveren.

Womensoccer: Der Ticketverkauf in den Spielorten verlief aber dennoch unterschiedlich gut.

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Jones: Wir haben jetzt gar nicht mehr so schlechte Zahlen. In Augsburg haben wir 60 000 Tickets verkauft, was wirklich gut ist, aber auch in Leverkusen und Bochum ist es so, dass die Städte noch sehr viele Veranstaltungen durchführen. Wir hoffen, dass sich über das Tagesgeschäft noch einiges machen lässt. Aber auch wenn in Bochum oder Leverkusen mal nur 15 000 Zuschauer im Stadion sind, ist das trotzdem noch ein gutes Zeugnis, weil wir auch bei diesen Spielen eine tolle Stimmung haben werden.

Womensoccer: Waren vielleicht die Ticketpreise doch ein wenig zu hoch angesetzt?

Jones: Wir haben von Anfang an gesagt, dass die WM ein Highlight ist und es alle Mannschaften verdient haben, dass man ihre Spiele nicht unter Wert verkauft. Die Preise sind auf keinen Fall zu teuer, auch wenn ich Verständnis dafür habe, dass vielleicht nicht jeder die Möglichkeit hat, so viel Geld zu investieren. Aber das gilt ja auch für andere Veranstaltungen wie ein Konzert, wo man das auch bezahlen müsste und selbst ein Kinobesuch mit Popcorn kostet heute schon mancherorts 15 Euro. Wir haben es trotzdem geschafft, attraktive Pakete anzubieten, wie Städteserien, Gruppentickets oder auch generell Ermäßigungen für Kinder. Wir hatten da auch nicht so viel Spielraum, da wir ja neben den sechs Nationalen Förderern das restliche Budget durch den Ticketverkauf refinanzieren. Für eine WM finde ich die Preise insgesamt fair.

Womensoccer: Ab wann kann man davon sprechen, dass die WM ein Erfolg ist?

Jones: Wir spüren eine große Erwartungshaltung, aber organisatorisch gesehen ist die WM jetzt schon ein Erfolg. Sportlich kann sie erst dann einer sein, wenn die deutsche Mannschaft ins Halbfinale beziehungsweise hoffentlich auch ins Finale kommt. Das Halbfinale ist Pflicht, will man, dass die Menschen in ihren Erwartungen zufriedengestellt werden.

Womensoccer: Wie wichtig war es, im Vorfeld der WM die Teilnehmerländer vor Ort zu besuchen?

Jones: Wir waren vorher skeptisch und wussten nicht, ob die Medienresonanz groß sein würde und die höchsten Funktionsträger, sprich Präsidenten und Generalsekretäre kommen würden, denn wir haben ja den Austausch gesucht und wollten sehen, wo der Frauenfußball in den anderen Ländern steht. Diese Workshops haben aufgezeigt, dass wir in Deutschland ganz oben stehen, was die Struktur und Förderung angeht. Wir haben angeboten, dass wir zeigen, welche Möglichkeiten wir ausgenutzt haben, um diese Frauen-WM zu organisieren. Ich habe über die Schul- und Spielfreude-Tour sowie über die Partnerschaften mit den Medien gesprochen und sie haben gestaunt, dass man viele Dinge mit wenig Geld durchführen kann. Sie können sich die Bausteine herauspicken, die sich in ihrem jeweiligen Land realisieren lassen. Gerade am Thema Schulfußball waren alle interessiert, darüber und über das Thema Nachhaltigkeit werde ich auch auf dem FIFA-Symposium referieren.

Steffi Jones

Steffi Jones: "Müssen zwischen WM und Bundesliga-Alltag unterscheiden" © Womensoccer

Womensoccer: Nachhaltigkeit ist ein gutes Stichwort. Besteht bei uns im Land die Gefahr der Katerstimmung, wenn nach einer glanzvollen WM der Bundesliga-Alltag wieder einkehrt?

Jones: Wir müssen einfach ganz klar unterscheiden zwischen der WM und dem Bundesliga-Alltag. Ich lebe nicht in der Vorstellung, dass wir nach der WM in der Bundesliga 5 000 oder 10 000 Zuschauer in den Stadien haben werden. Wir haben einen guten Fan-Stamm, der auch weiterhin treu bleiben wird, und wir hoffen, dass vielleicht noch ein paar hinzu kommen werden. Wir leben nicht in den Dimensionen, die die Männer haben, wo es keinen Unterschied macht, ob ich ein Länderspiel oder ein Bundesligaspiel sehe, das ist im Frauenfußball nicht so. Man darf da auch kein falsches Bild übermitteln. Auch die Nationalspielerinnen müssen ganz klar wissen, dass derzeit alles auf die WM gemünzt ist. Wir werden nach der WM eine Analyse machen, nach einem halben Jahr wird man sehen, was wirklich hängen geblieben ist, dann können die Vereine berichten, ob es einen Zuwachs an Zuschauern und Sponsoren gegeben hat. Dann kann man auch realistische Ziele aussprechen und abschätzen, ob es in Richtung Profitum gehen wird oder nicht.

Womensoccer: Bayern Münchens Frauenfußball-Managerin Karin Danner befürchtet, dass die Kluft zwischen den Teams in der Liga immer größer wird. Teilen Sie diese Einschätzung?

Jones: Der 1. FFC Frankfurt mit seinen Einkäufen wird sicherlich auch oben mitspielen, aber wir haben doch alle bereits in der Vergangenheit gesehen, dass Geld nicht alles ist. Selbst viele starke individuelle Spielerinnen können heute alleine kein Spiel mehr entscheiden. Auch andere Mannschaften mit guten Trainerinnen und Trainern, die verstehen, aus einer Mannschaft eine Einheit zu bilden, haben dann eine Chance. Mannschaften mit jungen Spielerinnen, die reifen und kompakt auftreten, kommen dann gar nicht so schlecht weg. Die Nationalmannschaft braucht die Bundesliga und auch die zukünftige B-Juniorinnen-Bundesliga, damit der Unterbau bleibt. Die Vereine brauchen Sponsoren, um die Spielerinnen halten zu können, die immer mehr Geld fordern. Man muss aufpassen, dass die Forderungen und Vorstellungen sich nicht an den jetzigen Dimensionen vor der WM orientieren werden. Es wird immer Ausnahmespielerinnen geben, die einen großen Marktwert haben und die sich auch gut vermarkten lassen, aber die Bundesliga kann es sich nicht leisten, dass keine Spielerin mehr arbeiten muss. Wichtig wird sein, dass wir weiterhin mit den Vereinen und den Landesverbänden im Schulterschluss eine Zielsetzung haben, die für beide Seiten gut ist.

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Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

7 Kommentare »

  • Winter sagt:

    Das grundsätzliche Problem in Deutschland ist, dass man erst einmal alles als Erfolg verkauft. Auch wenn Tausende von Karten an Sponsoren und andere Organisationen weitergereicht werden um die Stadien voll zu kriegen, es ist dennoch ein „toller Erfolg“. Darin ist der DFB ganz GROß!

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  • Markus Juchem sagt:

    @Winter: Ich denke aber auch, dass wir in Deutschland immer oberkritisch sind und zu hohe Erwartungen haben. Erzähle mal jemandem im Ausland, dass wir mehr als 600 000 Tickets für die Frauen-WM los sind. Die verdrehen alle die Augen und können es kaum glauben… Wenn ich mir Woche für Woche anschaue, wie wenig Leute sich für den Ligabetrieb der Frauenfußball-Bundesliga interessieren, dann ist die Größenordnung doch wirklich ein Erfolg.

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  • Ulf sagt:

    Das grundsätzliche Problem in Deutschland ist, daß man erst einmal alles als Problem sieht. Darin sind die Deutschen ganz groß.

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  • laasee sagt:

    Steffi has done brilliant work and over 600,000 is very good.
    Also, other prominent personalities need to bang the drum – momentum creates momentum.
    I am very hopeful that this WM will be uber special.
    A very positive legacy will then follow.

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  • Jennifer sagt:

    Sehr interessanter Artikel, Markus. Danke für das Interview. Es schon traurig, dass in Deutschland immer soviel rumgenörgelt wird. Was Steffi berichtet, kann man durchaus als Erfolg werten. Meine Familie und ich wir freuen uns jedenfalls auf die WM. Ob wir uns Spiele auch im Stadion anschauen werden wir auch erst kurzfristig entscheiden. Ich denke, das werden auch viele Fans machen. Somit werden dann auch kurzfristig noch mehr Karten verkauft werden.

    Super, dass die WM bald losgeht!

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  • mrx sagt:

    Herzlichen Glückwunsch Frau Jones! Ich bin überwältigt von dieser erfreulichen Nachricht, aber vielleicht erklärt dieser „Erfolg“ bereits, dass das WM-OK deswegen nicht mehr auf Mail-Anfragen reagieren muss, weil: „Ist ja jetzt schon ein Erfolg.“

    Und zum Thema Nachhaltigkeit wird es zur Posse, wenn nicht mal die ehrenamtlichen Frauenfußballseiten von der (hochgelobten) WM (im eigenen Land) berichten dürfen. Aber später für die Bundesliga und Co sind sie wieder „gut genug“. Vielen Dank auch – für nichts.

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  • Ulf sagt:

    Wer eine Viertelstunde Zeit hat, hier ein Interview mit Doris Fitschen aus der vergangenen Woche
    https://j.mp/j0GvxJ

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