WM-Kader: Hat es die Richtigen erwischt?
Am Freitagvormittag ließ Bundestrainerin Silvia Neid die Katze aus dem Sack. Fünf Spielerinnen ereilte der gefürchtete Telefonanruf. Doch bleiben die richtigen Spielerinnen bei der Frauen-WM in Deutschland außen vor?
Für die größte Überraschung sorgte die Nominierung von Torhüterin Almuth Schult von Zweitligist Magdeburger FFC. Im November hatte Neid im Rahmen des Testspiels gegen Nigeria die Nominierung der U20-Weltmeisterin noch mit der Verletzung von Lisa Weiß begründet. Doch seitdem hat Schult offenbar ihre Konkurrentin um Platz 3 im DFB-Kader überflügelt. Eine Zweitliga-Torhüterin bei der WM, geht das? „Für uns zählt primär die Leistung und wie sich jemand weiterentwickeln könnte, für uns hat sie Perspektive, wenn sie weiter hart an sich arbeitet“, so Neid damals.
Entscheidung hinterlässt Fragezeichen Für Weiß ist die Entscheidung ein Schlag ins Gesicht, denn bei ihrem bisher einzigen A-Länderspiel im DFB-Dress zeigte sie im Februar 2010 beim 3:0 gegen Nordkorea eine fehlerfreie Leistung. Doch Neid wollte offenbar ein Signal für die Zukunft setzen, neben Weiß dürften sich dennoch auch einige andere Erstliga-Torhüterinnen fragen, ob ihre Perspektiven wirklich schlechter sind als die der zukünftigen Torhüterin des SC 07 Bad Neuenahr.
Routinier Fuss muss zuhause bleiben In der Abwehr erwischte es Josephine Henning (1. FFC Turbine Potsdam) und etwas überraschend auch die erfahrene Sonja Fuss, die extra im Winter zum FCR 2001 Duisburg in die Bundesliga zurückgekehrt war, um sich für ein WM-Ticket zu empfehlen, doch sich in den Bundesligaspielen und auch in den Lehrgängen offenbar nicht nachhaltig genug aufgedrängt hat. Dass die zukünftige Wolfsburgerin Henning nicht nominiert wurde, ist nachvollziehbar, denn wie rau der Wind auf dem internationalen Parkett weht, bekam sie am Donnerstag im Champions-League-Finale gegen Olympique Lyonnais schmerzhaft zu spüren, in dem sich andeutete, dass eine WM-Nominierung für die 21-Jährige wohl zu früh käme. Für die 32-jährige Fuss dürfte die WM-Ausmusterung das Ende ihrer internationalen Karriere bedeute.
Top-Sturmduo Pohlers und Mittag ausgemustert Neben Fuss gab es zwei weitere prominente Opfer: Bundesliga-Torschützenkönigin Conny Pohlers vom 1. FFC Frankfurt wird genauso wenig in den Genuss der Heim-WM kommen wie Anja Mittag vom 1. FFC Turbine Potsdam, die nach dem verloren gegangenen Champions-League-Finale somit den zweiten Nackenschlag binnen weniger Stunden einstecken musste. Bereits gestern Abend sprach Mittags Mimik im ZDF-Interview Bände.
Sie habe schon vorher ein „mulmiges Gefühl“ beschlichen. „Das sagte mir, dass es mich treffen könnte. Ich kann das schon gut einschätzen, ich war ja jetzt lange dabei in der Vorbereitung“, so Mittag in einer ersten Stellungnahme. Zu selten hat die 67-fache Nationalspielerin, die weiterhin zu den technisch besten Fußballerinnen in Deutschland gehört, ihr Potenzial bei den Länderspielen abrufen können. Und beim aktuellen Spielsystem mit nur einer Spitze hätte sich Mittag wohl nur als treffsicherer Edeljoker aufdrängen können.
Müller darf mit Doch diese Rolle wird bei der WM erneut Martina Müller zuteil, die im Kampf gegen Pohlers die Nase vorn hat. Gegen die erst nachträglich für die verletzte Dzsenifer Maroszan in den vorläufigen WM-Kader gerutschte Frankfurterin könnte auch gesprochen haben, dass nach den atmosphärischen Störungen zwischen ihr und Neid bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking die Bundestrainerin Pohlers als möglichen Unruheherd für das Team ausgemacht hat. „Im Hinterkopf hatte ich die WM auf jeden Fall, wenn man Torschützenkönigin wird. Ich glaube, ein Löw hätte einen trotzdem mitgenommen“, hatte sie bereits zunächst nach ihrer Nicht-Berücksichtigung für den vorläufigen WM-Kader gesagt.
Ab Sonntag nächster Lehrgang Bundestrainerin Neid hofft, hofft, dass die „verständliche Enttäuschung“ bei den Aussortierten bald verflogen ist. Wie schon bei der WM in China nominierte Neid auch diesmal neben den obligatorischen drei Torhüterinnen, sieben Verteidigerinnen, sieben Mittelfeldspielerinnen und vier Stürmerinnen. Mit dem 21er-Kader geht es bereits ab Sonntag in Marienfeld nahe Gütersloh in den nächsten und vorletzten WM-Lehrgang. „Ich bin sehr zufrieden mit den Trainingsleistungen in den bisherigen fünf Lehrgängen, alle haben hervorragend mitgezogen. Dafür möchte ich mich gerade auch bei den Spielerinnen bedanken, die nun nicht mehr dabei sind“, so Neid.
Noch drei Testspiele Nach dem 2:0 gegen Nordkorea stehen noch bis zur WM noch drei Testspiele auf dem Programm: am 3. Juni in Osnabrück gegen Italien, am 7. Juni in Aachen gegen die Niederlande und am 16. Juni in Mainz gegen Norwegen. Am 21. Juni trifft sich der WM-Kader dann in Berlin. Fünf Tage später startet die DFB-Elf mit dem Eröffnungsspiel gegen Kanada in die WM.