WM-Kader: Hat es die Richtigen erwischt?

Von am 27. Mai 2011 – 17.32 Uhr 125 Kommentare

Am Freitagvormittag ließ Bundestrainerin Silvia Neid die Katze aus dem Sack. Fünf Spielerinnen ereilte der gefürchtete Telefonanruf. Doch bleiben die richtigen Spielerinnen bei der Frauen-WM in Deutschland außen vor?

Für die größte Überraschung sorgte die Nominierung von Torhüterin Almuth Schult von Zweitligist Magdeburger FFC. Im November hatte Neid im Rahmen des Testspiels gegen Nigeria die Nominierung der U20-Weltmeisterin noch mit der Verletzung von Lisa Weiß begründet. Doch seitdem hat Schult offenbar ihre Konkurrentin um Platz 3 im DFB-Kader überflügelt. Eine Zweitliga-Torhüterin bei der WM, geht das? „Für uns zählt primär die Leistung und wie sich jemand weiterentwickeln könnte, für uns hat sie Perspektive, wenn sie weiter hart an sich arbeitet“, so Neid damals.

Entscheidung hinterlässt Fragezeichen
Für Weiß ist die Entscheidung ein Schlag ins Gesicht, denn bei ihrem bisher einzigen A-Länderspiel im DFB-Dress zeigte sie im Februar 2010 beim 3:0 gegen Nordkorea eine fehlerfreie Leistung. Doch Neid wollte offenbar ein Signal für die Zukunft setzen, neben Weiß dürften sich dennoch auch einige andere Erstliga-Torhüterinnen fragen, ob ihre Perspektiven wirklich schlechter sind als die der zukünftigen Torhüterin des SC 07 Bad Neuenahr.

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Routinier Fuss muss zuhause bleiben
In der Abwehr erwischte es Josephine Henning (1. FFC Turbine Potsdam) und etwas überraschend auch die erfahrene Sonja Fuss, die extra im Winter zum FCR 2001 Duisburg in die Bundesliga zurückgekehrt war, um sich für ein WM-Ticket zu empfehlen, doch sich in den Bundesligaspielen und auch in den Lehrgängen offenbar nicht nachhaltig genug aufgedrängt hat. Dass die zukünftige Wolfsburgerin Henning nicht nominiert wurde, ist nachvollziehbar, denn wie rau der Wind auf dem internationalen Parkett weht, bekam sie am Donnerstag im Champions-League-Finale gegen Olympique Lyonnais schmerzhaft zu spüren, in dem sich andeutete, dass eine WM-Nominierung für die 21-Jährige wohl zu früh käme. Für die 32-jährige Fuss dürfte die WM-Ausmusterung das Ende ihrer internationalen Karriere bedeute.

Anja Mittag

Stürmerin Anja Mittag fand im WM-Kader keine Berücksichtigung © Sven-E. Hafft / girlsplay.de

Top-Sturmduo Pohlers und Mittag ausgemustert
Neben Fuss gab es zwei weitere prominente Opfer: Bundesliga-Torschützenkönigin Conny Pohlers vom 1. FFC Frankfurt wird genauso wenig in den Genuss der Heim-WM kommen wie Anja Mittag vom 1. FFC Turbine Potsdam, die nach dem verloren gegangenen Champions-League-Finale somit den zweiten Nackenschlag binnen weniger Stunden einstecken musste. Bereits gestern Abend sprach Mittags Mimik im ZDF-Interview Bände.

Sie habe schon vorher ein „mulmiges Gefühl“ beschlichen. „Das sagte mir, dass es mich treffen könnte. Ich kann das schon gut einschätzen, ich war ja jetzt lange dabei in der Vorbereitung“, so Mittag in einer ersten Stellungnahme. Zu selten hat die 67-fache Nationalspielerin, die weiterhin zu den technisch besten Fußballerinnen in Deutschland gehört, ihr Potenzial bei den Länderspielen abrufen können. Und beim aktuellen Spielsystem mit nur einer Spitze hätte sich Mittag wohl nur als treffsicherer Edeljoker aufdrängen können.

Müller darf mit
Doch diese Rolle wird bei der WM erneut Martina Müller zuteil, die im Kampf gegen Pohlers die Nase vorn hat. Gegen die erst nachträglich für die verletzte Dzsenifer Maroszan in den vorläufigen WM-Kader gerutschte Frankfurterin könnte auch gesprochen haben, dass nach den atmosphärischen Störungen zwischen ihr und Neid bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking die Bundestrainerin Pohlers als möglichen Unruheherd für das Team ausgemacht hat. „Im Hinterkopf hatte ich die WM auf jeden Fall, wenn man Torschützenkönigin wird. Ich glaube, ein Löw hätte einen trotzdem mitgenommen“, hatte sie bereits zunächst nach ihrer Nicht-Berücksichtigung für den vorläufigen WM-Kader gesagt.

Lisa Weiß

Bittere Ausmusterung: Lisa Weiß ©Sascha Pfeiler / girlsplay.de

Ab Sonntag nächster Lehrgang
Bundestrainerin Neid hofft, hofft, dass die „verständliche Enttäuschung“ bei den Aussortierten bald verflogen ist. Wie schon bei der WM in China nominierte Neid auch diesmal neben den obligatorischen drei Torhüterinnen, sieben Verteidigerinnen, sieben Mittelfeldspielerinnen und vier Stürmerinnen. Mit dem 21er-Kader geht es bereits ab Sonntag in Marienfeld nahe Gütersloh in den nächsten und vorletzten WM-Lehrgang. „Ich bin sehr zufrieden mit den Trainingsleistungen in den bisherigen fünf Lehrgängen, alle haben hervorragend mitgezogen. Dafür möchte ich mich gerade auch bei den Spielerinnen bedanken, die nun nicht mehr dabei sind“, so Neid.

Noch drei Testspiele
Nach dem 2:0 gegen Nordkorea stehen noch bis zur WM noch drei Testspiele auf dem Programm: am 3. Juni in Osnabrück gegen Italien, am 7. Juni in Aachen gegen die Niederlande und am 16. Juni in Mainz gegen Norwegen. Am 21. Juni trifft sich der WM-Kader dann in Berlin. Fünf Tage später startet die DFB-Elf mit dem Eröffnungsspiel gegen Kanada in die WM.

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Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

125 Kommentare »

  • laasee sagt:

    Lyon is not the model club – they are primarily a MF club.
    They deserve big applause for the FF success but Lyon will always place the interests of MF first.

    A ’super club‘ would have to be one of the independent clubs, FCR, Essen, Jena, etc. Maybe Potsdam – but Turbine has strong DFB connections.

    Also, a simple, immediate and not expensive creation would be a trade union organisation for FF players.
    That could be created very quickly.
    First a ‚Players Union‘ for German footballers and then a ‚European Players Union‘.
    FF needs a voice at all levels.
    FF must get organised and create the conditions for making progress.
    Blatter, Platini and Zwanzigger will not agree to full equality and fairness unless they are pressured to do so.

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  • NCB sagt:

    Lyon ist für die Auswirkungen deines Versuchs schon ein Modellclub, weil du siehst, dass sie nur auf den eigenen Erfolg aussind und andere nicht fördern.
    FFC wäre ja auch ein Verein, der unabhängig ist, aber sobald du einen Investor hast, gerätst du in den Fokus des DFB und kaufst und kaufst und kaufst, nur um deine Stellung im Fußball halten zu können.

    Spielervereinigung finde ich deswegen problematisch, weil die Spieler alle unterschiedliche Interessen haben. Außerdem würde ich die Problematiken des FF nicht auch noch zusätzlich auf die Spielerinnen verlegen.

    Da wäre die Vereins-Vereinigung doch viel ausschlagkräftiger. Schau, wir brauchen natürlich erstmal einen oder zwei große Ligasponsor(en), sowas wie Toyota bei der HBL. Und dessen/deren Sponsorgelder, die fließen dann in einen großen Pott, der dann nach bestimmten Kriterien aufgeteilt wird, eben Kultstatus, Fanauslastung des Stadions (prozentual), Verankerung in der Region (Gesellschaft), wirtschaftliche Ressourcen, kreative Ideen zur nachhaltigen Vermarktung des Frauenfußballs, Jugendförderungsmaßnahmen und noch ein paar mehr. Das gegeneinander abgewogen, ergibt dann den jeweiligen Anteil am Pott. Wenn der Sponsor so 3 Millionen hinblättert, dann wäre da schon einiges gesichert und der Aufbau könnte gefördert werden.

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  • laasee sagt:

    Players need a voice. Players need to influence the development of FF.

    In England (MF) there was for almost a century a maximum wage for players.
    In the 1960’s the players got organised and the ‚Players Union‘ challenged the football establishment and won.
    The maximum wage was abolished and players got freedom to negotiate better wages.

    In tennis – women had to fight in the 1960’s and 1970’s for their rights.
    Progress and fairness is never presented on a plate.
    People have to stand up and fight for change.
    So it must be for FF as well.

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  • NCB sagt:

    Tennis ist eine Einzelsportart, das ist was vollkommen anderes. Fußball ist eine Mannschaftssportart, weswegen es keinen Sinn hat, eine Spielervereinigung zu gründen, in denen dann Vereine regelrecht gesprengt werden, weil in sich Spielerlager gebildet haben. Sowas ist nicht gut. Es wäre besser, einen von Vereinen und Spielerinnen gewählten, wenn auch inoffiziellen Ligarat einzuberufen, der dann sich um die Anwerbung von Ligasponsoren kümmert, die Vergabe dieser Gelder nach den oben genannten Kriterien vollzieht und somit die Vereine der Liga und ihren Umgang auch mit den Spielerinnen, die Vereinsatmosphäre kontrollieren kann und somit es zu einer gegenseitigen Kontrolle von Ligarat und Vereinen zugunsten der Spielerinnen und des FF insgesamt kommt.

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  • laasee sagt:

    „Fußball ist eine Mannschaftssportart, weswegen es keinen Sinn hat, eine Spielervereinigung zu gründen, in denen dann Vereine regelrecht gesprengt werden, weil in sich Spielerlager gebildet haben“

    The DFB already recognise that the players need a voice and need representation.
    There is a joint committee that negotiates the financial payments for National players – it has representatives of the players and officials of the DFB.

    I am a big critic of Theo Zwanzigger on many issues but on this matter I congratulate him.

    It seems that Herr Zwanzigger and myself on this matter are reading from the same page – but you are reading from a totally different book.

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