Frauenfußball-Nationalmannschaft: Vom schnöden Zahlenwerk geblendet?
Zugegeben: Die Bilanz der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft in der EM-Qualifikation liest sich imposant. Acht Siege in acht Spielen stehen dort zu Buche, bei einem Torverhältnis von 34:1. „Das war ein guter Abschluss eines erfolgreichen Jahres”, zog Bundestrainerin Silvia Neid nach dem 3:0 in der Schweiz Bilanz . Doch die Statistik lässt sich auch anders lesen. Gleich viermal ging die DFB-Elf im Länderspieljahr 2008 als Verlierer vom Platz. So häufig, wie schon seit dem Jahr 2000 nicht mehr.
Der Sieg bei den bemühten, aber harmlosen Schweizerinnen fiel selbst bei wohl wollender Betrachtungsweise im besten Fall in die Kategorie Durchschnittskick. So haperte es am Passspiel, am Tempo und an der Konzentration im Abschluss, gepaart mit Unsicherheiten in der Defensive und mangelnder Kreativität im Mittelfeld. Sportlich war die Partie allerdings für die DFB-Elf auch bedeutungslos, nachdem die Qualifikation für die EM bereits vor einigen Monaten unter Dach und Fach gebracht wurde.
„Teilweise gute Kombinationen“ Auch wenn nach einigen guten Ansätzen in der ersten Halbzeit nur noch Schonkost geboten wurde, war Neid „total zufrieden“ mit dem Auftritt. Eine Einschätzung, die von der Mehrheit der Öffentlichkeit nicht geteilt werden dürfte. Nur der „letzte Pass“ sei wieder einmal nicht angekommen, sonst habe man die Begegnung über die kompletten 90 Minuten kontrolliert. Doch unter anderem die Schärfe und Präzision im Passspiel will man ja international im Vergleich zur Bundesliga verbessern. Wurde das Spiel also ernsthaft den eigenen Ansprüchen gerecht?
„Teilweise gute Kombinationen“ gegen einen zweitklassigen Konkurrenten, den man im Hinspiel noch locker mit 7:0 nach Hause geschickt hatte – viel mehr hatte die DFB-Elf nicht zu bieten. Nur noch selten gelingt es dem deutschen Team in letzter Zeit, überzeugende Partien abzuliefern. Und so wirkte das Bemühen im Stadion Schützenmatte von Basel, wie so oft in den Länderspielen des Jahres 2008, etwas müde, uninspiriert und oft überhastet.
Auf Formsuche Sicherlich mögen die verletzungsbedingten Ausfälle von Birgit Prinz, Fatmire Bajramaj und Linda Bresonik ihren Teil zur durchwachsenen Leistung beigetragen haben, doch insgesamt sind zu viele Spielerinnen derzeit nicht in der Lage, ihre optimale Leistung abzurufen. Einige wirken saft- und kraftlos, wie etwa Kerstin Garefrekes, der es nicht gelang, die im Verein zuletzt wieder gezeigten guten Leistungen abzurufen.
Doch vielleicht wollte sie auch Kräfte sparen für die schweren anstehenden Aufgaben beim 1. FFC Frankfurt. Simone Laudehr ist immer noch auf der Suche nach der Form des Vorjahres, vielleicht täte es ihr besser, ein paar Länderspiele auszusetzen. Und auch in anderen Mannschaftsteilen sieht es nicht besser aus.
Dankbare Verschnaufpause Die punktuelle Verunsicherung in der Abwehrkette knüpfte nahtlos an die Probleme bei den Olympischen Spielen an, und lässt nicht unbedingt Gutes erwarten im Hinblick auf die nächste große Aufgabe, die Europameisterschaft 2009 in Finnland. Melanie Behringer gehörte zu den wenigen Lichtblicken im Team, ihr hat der Wechsel vom SC Freiburg zum FC Bayern München sichtlich noch einmal einen Schub verliehen.
Erstmals räumt Neid nun ein , dass man sich in Peking nicht in Topform präsentiert hat, weil „die mentale Frische fehlte“. Aufgrund mangelnder Erholungspausen habe es einen Substanzverlust gegeben. „Bei uns lief es nach vorne nicht so, wie wir uns das gewünscht haben.“ Und so dürfte unter anderem eine Birgit Prinz gar nicht undankbar gewesen sein, eine - wenn auch ungewollte - Verschnaufpause bekommen zu haben. Denn viele weitere werden bis zum nächsten Sommer nicht folgen.
Erstarkte Konkurrenz Erstmals 12 Teams werden im kommenden Jahr bei der EM-Endrunde in Finnland vom 23. August bis 10. September 2009 an den Start gehen. Neben den bereits qualifizierten Teams aus Deutschland, Finnland, Frankreich, Schweden, Norwegen, Dänemark und England werden sich fünf weitere Mannschaften über die Play-offs dazu gesellen, darunter vermutlich einige viel versprechende Aufsteiger wie Italien, Spanien oder die Ukraine. Schon jetzt steht fest: Das Turnier wird für die DFB-Elf alles andere als ein Selbstläufer werden.
Bereits am 18. November werden die deutschen Spielerinnen ihre Vorrundengegner kennen. Dann findet in der Finlandia Hall von Helsinki die Gruppenauslosung statt. „Es wird auch mal schlechtere Zeiten geben“, prophezeite Neid kürzlich in einem Interview. Mir schwant, sie haben bereits begonnen.