DFB-Elf: Stagnation statt Fortschritt

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1:4 gegen Brasilien im Halbfinale des olympischen Fußballturniers – so bitter sich das Ergebnis und die deutliche Niederlage für die erfolgsverwöhnten deutschen Spielerinnen auch lesen mag, völlig überraschend kam das böse Erwachen gegen die Südamerikanerinnen nicht.

Gegen individuell wie taktisch verbesserte Brasilianerinnen wurden die spielerischen, technischen und taktischen Defizite der deutschen Elf, die sich im gesamten Turnierverlauf bereits andeuteten, schonungslos aufgedeckt.

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Doch enttäuschender als die Niederlage selbst und der zerplatzte Traum von der Goldmedaille ist die Erkenntnis des gesamten Turniers, dass die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft auf der Weltbühne derzeit nicht mehr die erste Geige spielt.

„Wir hatten es in der ersten Halbzeit in der Hand, das Spiel zu entscheiden. Wir hatten das 2:0 auf dem Fuß, haben es aber nicht gemacht“, lamentierte Bundestrainerin Silvia Neid nach dem Spiel. Doch ob eine 2:0-Führung das Spiel entschieden hätte, ist hypothetisch. Denn der individuellen spielerischen Klasse der starken Cristiane und einer Marta hatte Deutschland trotz der zwischenzeitlichen Führung nichts Vergleichbares entgegenzusetzen.

Mangelnde individuelle Klasse
Nach einer halben Stunde deutete sich an, dass Brasilien gewillt war, das Kommando zu übernehmen. Die Brasilianerinnen zwangen den Deutschen nach und nach ihr Spiel auf, diktierten das Tempo und ließen die DFB-Kickerinnen immer weniger zur Entfaltung kommen.

Deutschland hatte zusehends Probleme, selber Druck aufzubauen, denn anders als in der Vergangenheit fehlt den Spielerinnen die individuelle Klasse, um mit präzisem Passspiel und überraschenden Einzelaktionen einem Gegner von der Stärke Brasiliens nachhaltig die eigene Linie aufzuzwingen.

Formiga bricht den Bann
Und als Formiga mit ihrem Ausgleichstreffer dann auch noch den Mythos der unbezwingbaren deutschen Verteidigung zerbröselte, war der Nährboden bereitet für die folgende brasilianische Demonstration der eigenen Fähigkeiten. Chirurgische Präzision bei ein paar Kontern reichte aus, um das Denkmal des deutschen Frauenfußballs innerhalb weniger Minuten zu demontieren.

„Wir haben stark gespielt“, sagte Weltfußballerin Marta nach der Partie, auch wenn Deutschlands Bundestrainerin dies im ersten Frust nicht wahrhaben wollte. „Ich finde nicht, dass Brasilien eine tolle Leistung geboten hat.“

Zenit überschritten
Anders als noch bei der WM 2003 und bei der EM 2005 fehlt es der deutschen Elf inzwischen an den überragenden Einzelkönnerinnen. So konnte etwa eine sichtlich bemühte Renate Lingor zum Ausklang ihrer Karriere nicht mehr an die Form früherer Tage anknüpfen. Spielerinnen vom Schlage einer Bettina Wiegmann oder Maren Meinert sucht man derzeit im Kader vergebens.

Defizite offenbarten sich im Turnier in allen Mannschaftsteilen. Die Innenverteidigung zeigte phasenweise eklatante Schwächen in puncto Schnelligkeit, Positionsspiel und spielerischer Klasse, die durch die Paraden von Nadine Angerer und einer guten Portion Glück bis zum Brasilien-Spiel noch überdeckt wurden.

Fehlende Kreativität
Auch Birgit Prinz tut sich trotz aller Anstrengungen zunehmend schwer, einem Spiel ihren Stempel aufzudrücken. „Wir haben uns auskontern lassen, das war Blödheit. Es ist so bitter, jetzt keine Chance mehr auf Gold zu haben“, meinte sie voller Frust. Dem Sturm wie auch dem Mittelfeld mangelt es an Kreativität.

„Die Mannschaft hat alles gegeben, aber es hat nicht gereicht“, traf Neid den Nagel auf den Kopf. Dass die DFB-Elf am Ende dennoch das Turnier als beste europäische Elf abschließen wird, spricht nicht für die aktuelle Entwicklung des europäischen Frauenfußballs an der Spitze.

Es deutet sich an, dass in den kommenden Jahren außereuropäische Teams die Messlatte legen werden, wie Brasilien, USA, Nordkorea oder auch Japan und vielleicht sogar Australien. Und auch in Europa werden in Zukunft Teams wie Italien oder die Ukraine in die Phalanx der Arrivierten einbrechen.

Arbeit in den Vereinen gefragt
Dem deutschen Frauenfußball mangelt es sicherlich nicht an talentierten Spielerinnen, doch nur eine verbesserte Basisarbeit in den Vereinen und individualisierte Trainingskonzepte werden diese in Zukunft auf die Anforderungen des modernen internationalen Frauenfußballs vorbereiten können. Sonst droht ausgerechnet bei der Heim-WM 2011 ein böses Erwachen.

So paradox es klingen mag – für die weitere Entwicklung der Nationalmannschaft wäre eine Niederlage im Spiel um Platz 3 gegen Japan am Donnerstag und eine verpasste Medaille möglicherweise hilfreicher als ein Erfolg, der so manches erneut kaschieren würde.

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ViolA
ViolA

hm in gewisser weise ist es ja richtig. wir haben definitiv nicht gut gespielt und es nie auf die reihe gebracht unser kombinationsspiel zum laufen zu bringen oder die individuellen fehler auszumerzen. woran das nun liegt ist wohl kaum zu beantworten. allerdings sehe ich da nun kein drama drin, auch wenn es natürlich sehr schade ist, dass wir die probleme nicht haben abstellen können. natürlich holt die internationale ff-welt auf und der kampf an der spitze wird immer härter und intensiver geführt. dies ist aber letztendlich doch etwas, was wir uns alle gewünscht haben und was dem ff auf lange… Weiterlesen »

Markus Juchem
Markus Juchem

Viola, es geht nicht darum, die deutsche Mannschaft als Versagertruppe hinzustellen. Man kann verlieren, man kann ein schlechtes Turnier spielen, das ist ja alles kein Thema. Aber man muss auch dann offen und auch öffentlich an- und aussprechen, dass es insgesamt kein gutes Turnier war, unabhängig davon, ob wir nun Bronze holen oder nicht. Ich fand, anders als Du, auch die Partie gegen Schweden nicht überragend, die Schwedinnen haben auch nicht mehr die Klasse von vor fünf Jahren, sie sind für mich international kein Gradmesser. Schon die deutsche Leistung bei der WM im Vorjahr war trotz des Titelgewinns eher durchwachsen,… Weiterlesen »

Manne
Manne

Es geht auch meiner Meinung nicht darum, die Mannschaft als Versagertruppe darzustellen – das Halbfinale und evtl. die Bronzemedaille sind natürlich auch ein Erfolg. Ich habe im anderen Beitrag davon gesprochen, dass m.M. nach Brasilien zukünftig beispielgebend sein wird – das heisst natürlich nicht, dass Deutschland dann keine Rolle mehr spielen wird, natürlich können sie auch weiterhin oben mitspielen. Dazu ist genug Potential vorhanden! Aber etwas anderes: Wenn es um die Benennung der Probleme und Defizite geht und der immer wieder genannten Kritik an der Bundestrainerin, dann würde mich interessieren – ich kenne die Interna zu wenig – wie steht… Weiterlesen »

flaneur
flaneur

das spiel gestern weckte durch seine analogie erinnerungen an ein anderes spiel: das uefa cup spiel der bayern gegen st.petersburg. entweder man war nicht willens alles zu investieren oder aber, und das finde ich ist realistisch und der season entsprechend, nicht in der lage. man wurde stehend KO ausgekontert. die konter waren harmlos, wurden aber entscheident, weil die gegenwehr nicht kam. ich sah gestern keine apriori überlegene brasilianische mannschaft, sondern, wie schon das ganze turnier, eine total fertige deutsche, die das glück herausforderte. alle spiele davor hätten auch anders ausgehen können, der verlauf war nie eindeutig. nach einer erfolgreichen und… Weiterlesen »

Max Diderot
Max Diderot

Anämisch, blutleer, dieses Wort verwendete ich des öfteren in den vergangenen Tagen, um aus subjektiver Sicht die Darbietungen der DFB-Frauen möglichst treffend zu umschreiben. Die Schwierigkeit, die Realität wahrzunehmen und sie gegebenenfalls auch (und nicht nur der Fairness wegen) zu respektieren, dürfte sich nach den aktuellen Aussagen einiger Personen als weiterer Befund erweisen. Mir ist es rätselhaft, weshalb Silvia Neid dahingehend zitiert wird, sie „… finde nicht, dass Brasilien eine tolle Leistung geboten hat.“. Im Umkehrschluss müsste sich doch daraus das Argument entwickeln, ein durchschnittliches Potenzial genügt schon, um die Weltmeisterinnen von 2007 aus dem olympischen Turnier eliminieren zu können.… Weiterlesen »

Manne
Manne

@Max Diderot:

kann mir zu deinem Satz

„Man darf sich doch nach den teilweise verheerenden Darbietungen der Athletinnen und Athleten (und insbesondere der Mannschaftssportarten) bei der Olympiade 2008 zurecht fragen, weshalb es eine Nation wie Deutschland es nur unzureichend fertig bringt, seine sportlichen Koryphäen auf dieses Großereignis adäquat vorzubereiten“

den Kommentar nicht verkneifen:

vielleicht hat das Anti-Doping-Programm in Deutschland grössere Früchte getragen als anderswo in der Welt??! Könnte das sein?

Nichts für ungut, hat jetzt mit dem fussballerischen Problem nichts zu tun …

Max Diderot
Max Diderot

Manne, natürlich könnte das Doping-Argument ins Feld geführt werden. Gerade in den Ausdauersportarten. Aber es sind ja essentiell die seit Jahren in Deutschland existierenden strukturellen Mängel. Vor allem in der Jugendförderung respektive dem Schulsport. Von der EM 08 in Österreich und der Schweiz wird mir lange Zeit ein Interview mit dem kroatischen Trainer Slaven Bilic in Erinnerung bleiben. Der antwortete sinngemäß auf die Frage, weshalb sein kleines Land auf der sportlichen Weltbühne so erfolgreich sei, dass das darauf zurückzuführen sei, dass dem Sportunterricht in den Schulen soviel Bedeutung zukäme. Dort werden nicht, wie beispielsweise in Bayern und vielen anderen Bundesländern,… Weiterlesen »

lilei
lilei

Folgender Satz aus dem Kommentar von Manne trifft die Sache auf den Punkt: „Wäre eine Trainerdiskussion angebracht?“ Eine Trainerdiskussion ist längst überfällig. Es gärt bei vielen Frauenfußballfans, insbesondere bei denen, die die Entwicklung der Nationalmannschaft seit vielen Jahren verfolgen und die Rückwärtsentwicklung der Mannschaft deutlich erkennen. Seit Tina Theune-Meyers Rücktritt und der Übernahme des Amtes durch Silvia Neid hat das Nationalteam peu a peu seine spielerische ebenso wie taktische Weiterentwicklung vermissen lassen, ist zu einer Stagnation gelangt und mittlerweile muss man wohl sogar von einem Rückschritt sprechen. Die Geschehnisse des Olympia-Halbfinales, ein schonungsloses Aufzeigen der Schwächen der Nationalmannschaft, waren längst… Weiterlesen »

Max Diderot
Max Diderot

lilei, aus meinem reduzierten Blickwinkel kann ich Deinen Worten, „…technisch in den Bundesligavereinen bestens ausgebildeten Spielerinnen …“ nur vehement widersprechen. In der vergangenen Saison sah ich drei Erstligaspiele und ein Match eines Zweitligisten vor Ort. Mit meinen Töchtern besuchte ich das Länderspiel gegen England, und unsere Älteste spielt auch Fußball, wobei ich sie ab und an zum Training fahre und mir diese Übungseinheiten auch anschaue. Technisch, in der Ballführung und im kombinationssicheren Spiel, meine ich überall eklatante Mängel gesehen zu haben. Wenn Nationalspielerinnen nicht in der Lage sind, den Ball quasi blind zu führen, d.h. den Blick auch auf das… Weiterlesen »

Crackfly
Crackfly

Mal ne Frage an Markus, oder die anderen Blogger hier: wenn ihr Frau Neid begegnet, könntet ihr ihr dann die Frage nach Conny Pohlers stellen? Das traut sich irgendwie keiner!

Markus Juchem
Markus Juchem

Hallo Crackfly, das können wir gerne machen. Ich habe das Thema Conny Pohlers mit Absicht ausgeklammert, weil es von Deutschland aus schwer zu beurteilen ist, warum sie nicht zum Einsatz gekommen ist. Alles andere wäre einfach nur Spekulation.

ViolA
ViolA

dass es kein gutes turnier war ist wohl eigentlich jedem klar. ich wehre mich nur gegen solche sätze wie „Doch enttäuschender als die Niederlage selbst und der zerplatzte Traum von der Goldmedaille ist die Erkenntnis des gesamten Turniers, dass die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft auf der Weltbühne derzeit nicht mehr die erste Geige spielt.“ weil ich diese zeit einfach für natürlich abgelaufen empfinde. keine nation ist in der lage sich über jahre und jahrzehnte alleine an der spitze zu halten und alles abzuräumen was nur geht. das haben wir in der tenniswelt mit roger federer und rafael nadal gesehen. das war mit… Weiterlesen »

Markus Juchem
Markus Juchem

ViolA, ich denke nicht, dass vor dem Turnier jemand erwartet hätte, dass Brasilien in einem Halbfinale Deutschland vier Tore einschenken und in allen Belangen dermaßen überlegen sein würde. Die DFB-Elf rennt der Musik gewaltig hinterher und man hat nur mit Glück die Vorrunde überstanden. Man hat sich eben gegen Brasilien nicht nur in ein paar Kontern blöd verhalten, sondern insgesamt Defizite, die es anzusprechen gilt. Wie Dr. Zwanziger zur Einschätzung kommt, die DFB-Elf habe im Turnier wieder Werbung für den Frauenfußball betrieben, weiß ich nicht. Es geht auch eben nicht darum, jedes Turnier zu gewinnen und es war klar, dass… Weiterlesen »

ViolA
ViolA

nein erwartet hat das sicherlich niemand. weder die kritiker noch die brasilienfans. mich hat der sieg brasiliens nicht gewundert und das hätte er auch im letzten jahr bei der wm nicht. trotzdem sehe ich die brasilianerinnen allgemein nicht als so stark an, dass von vorne herein klar wäre, dass sie alle partien gegen uns gewinnen. vielmehr rechne ich bei einer solchen partie – wie wohl die meisten – mit einem knappen ergebnis. dass das ergebnis nun so klar ausfiel ist wiederrum auch keine überraschung und auch wenn ich der meinung bin, dass das spiel anders ausgegangen wäre, wenn wir 2:0… Weiterlesen »

thoddey
thoddey

Ich gebe ja nicht viel auf die Bild. Aber hier haben sie die richtigen Worte gefunden.

Markus Juchem
Markus Juchem

Tja, und so sieht dann die sachliche Auseinandersetzung mit der Turnierleistung aus:

Ralf
Ralf

Also, träum‘ ich jetzt nur – oder bin ich wirklich im falschen Film?

Wie kann die DFB-Vizepräsidentin denn diese Turnierleistung derart schönfaseln?

Brandy74
Brandy74

@ja,die Überschrift in der Bild war sehr treffend….

thoddey
thoddey

Der Anfang klingt schon gut: „Dennoch weiß die DFB-Vizepräsidentin und Delegationsleiterin der DFB-Auswahl in China die Leistung sachlich und nüchtern einzuschätzen.“ „Es war uns von vornherein klar, dass wir in Brasilien auf eine sehr starke Mannschaft treffen. Nicht von ungefähr standen die Brasilianerinnen im vergangenen Jahr im WM-Finale. Und auch im ersten Gruppen-Spiel hier bei den Olympischen Spielen haben sie gegen uns eine starke Leistung gezeigt.“ -Genau, wenn man wusste, wie stark Brasilien einzuschätzen ist, hätte man sich vielleicht im Vorfeld besser vorbereiten müssen, oder zumindest während des Spiel anerkennen müssen, das man schlicht überfordert ist. „Wir stehen unter den… Weiterlesen »

Crackfly
Crackfly

@Markus:
Mir ist klar, dass du das Thema Conny Pohlers ausgeklammert hast, nur interessieren wohl nicht nur mich die Gründe, warum man eine Conny Pohlers mitnimmt, sie aber nicht zum Einsatz kommen lässt, wo man doch offensichtlich ein Torjäger-Problem hatte! Vielleicht gibt es hierfür ja auch ganz erklärliche Gründe.