DFB-Elf: Stagnation statt Fortschritt

Von am 19. August 2008 – 9.24 Uhr 42 Kommentare

1:4 gegen Brasilien im Halbfinale des olympischen Fußballturniers – so bitter sich das Ergebnis und die deutliche Niederlage für die erfolgsverwöhnten deutschen Spielerinnen auch lesen mag, völlig überraschend kam das böse Erwachen gegen die Südamerikanerinnen nicht.

Gegen individuell wie taktisch verbesserte Brasilianerinnen wurden die spielerischen, technischen und taktischen Defizite der deutschen Elf, die sich im gesamten Turnierverlauf bereits andeuteten, schonungslos aufgedeckt.

Doch enttäuschender als die Niederlage selbst und der zerplatzte Traum von der Goldmedaille ist die Erkenntnis des gesamten Turniers, dass die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft auf der Weltbühne derzeit nicht mehr die erste Geige spielt.

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„Wir hatten es in der ersten Halbzeit in der Hand, das Spiel zu entscheiden. Wir hatten das 2:0 auf dem Fuß, haben es aber nicht gemacht“, lamentierte Bundestrainerin Silvia Neid nach dem Spiel. Doch ob eine 2:0-Führung das Spiel entschieden hätte, ist hypothetisch. Denn der individuellen spielerischen Klasse der starken Cristiane und einer Marta hatte Deutschland trotz der zwischenzeitlichen Führung nichts Vergleichbares entgegenzusetzen.

Mangelnde individuelle Klasse
Nach einer halben Stunde deutete sich an, dass Brasilien gewillt war, das Kommando zu übernehmen. Die Brasilianerinnen zwangen den Deutschen nach und nach ihr Spiel auf, diktierten das Tempo und ließen die DFB-Kickerinnen immer weniger zur Entfaltung kommen.

Deutschland hatte zusehends Probleme, selber Druck aufzubauen, denn anders als in der Vergangenheit fehlt den Spielerinnen die individuelle Klasse, um mit präzisem Passspiel und überraschenden Einzelaktionen einem Gegner von der Stärke Brasiliens nachhaltig die eigene Linie aufzuzwingen.

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Formiga bricht den Bann
Und als Formiga mit ihrem Ausgleichstreffer dann auch noch den Mythos der unbezwingbaren deutschen Verteidigung zerbröselte, war der Nährboden bereitet für die folgende brasilianische Demonstration der eigenen Fähigkeiten. Chirurgische Präzision bei ein paar Kontern reichte aus, um das Denkmal des deutschen Frauenfußballs innerhalb weniger Minuten zu demontieren.

„Wir haben stark gespielt“, sagte Weltfußballerin Marta nach der Partie, auch wenn Deutschlands Bundestrainerin dies im ersten Frust nicht wahrhaben wollte. „Ich finde nicht, dass Brasilien eine tolle Leistung geboten hat.“

Zenit überschritten
Anders als noch bei der WM 2003 und bei der EM 2005 fehlt es der deutschen Elf inzwischen an den überragenden Einzelkönnerinnen. So konnte etwa eine sichtlich bemühte Renate Lingor zum Ausklang ihrer Karriere nicht mehr an die Form früherer Tage anknüpfen. Spielerinnen vom Schlage einer Bettina Wiegmann oder Maren Meinert sucht man derzeit im Kader vergebens.

Defizite offenbarten sich im Turnier in allen Mannschaftsteilen. Die Innenverteidigung zeigte phasenweise eklatante Schwächen in puncto Schnelligkeit, Positionsspiel und spielerischer Klasse, die durch die Paraden von Nadine Angerer und einer guten Portion Glück bis zum Brasilien-Spiel noch überdeckt wurden.

Fehlende Kreativität
Auch Birgit Prinz tut sich trotz aller Anstrengungen zunehmend schwer, einem Spiel ihren Stempel aufzudrücken. „Wir haben uns auskontern lassen, das war Blödheit. Es ist so bitter, jetzt keine Chance mehr auf Gold zu haben“, meinte sie voller Frust. Dem Sturm wie auch dem Mittelfeld mangelt es an Kreativität.

„Die Mannschaft hat alles gegeben, aber es hat nicht gereicht“, traf Neid den Nagel auf den Kopf. Dass die DFB-Elf am Ende dennoch das Turnier als beste europäische Elf abschließen wird, spricht nicht für die aktuelle Entwicklung des europäischen Frauenfußballs an der Spitze.

Es deutet sich an, dass in den kommenden Jahren außereuropäische Teams die Messlatte legen werden, wie Brasilien, USA, Nordkorea oder auch Japan und vielleicht sogar Australien. Und auch in Europa werden in Zukunft Teams wie Italien oder die Ukraine in die Phalanx der Arrivierten einbrechen.

Arbeit in den Vereinen gefragt
Dem deutschen Frauenfußball mangelt es sicherlich nicht an talentierten Spielerinnen, doch nur eine verbesserte Basisarbeit in den Vereinen und individualisierte Trainingskonzepte werden diese in Zukunft auf die Anforderungen des modernen internationalen Frauenfußballs vorbereiten können. Sonst droht ausgerechnet bei der Heim-WM 2011 ein böses Erwachen.

So paradox es klingen mag – für die weitere Entwicklung der Nationalmannschaft wäre eine Niederlage im Spiel um Platz 3 gegen Japan am Donnerstag und eine verpasste Medaille möglicherweise hilfreicher als ein Erfolg, der so manches erneut kaschieren würde.

Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

42 Kommentare »

  • jayden sagt:

    Simone Laudehr war laut Fitnesstests (die in Deutschland gemacht wurden) sehr fit!

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  • lilei sagt:

    >> Ich könnte mir vorstellen, dass genau diese Aussage, die sie womöglich auch intern getätigt hatte, ihr zum Verhängnis wurde.

    So siehts woh aus. Conny Pohlers wurde nach dem zweiten Gruppenspiel in der Presse als „unzufrieden mit der Reservistenrolle“ benannt und sinngemäß zitiert „… Ich bin wieder fit. Jetzt möchte ich auch spielen. …“

    Jeder der Frau Neids Verhaltensweise kennt weiß, dass sich Conny damit selbst aus dem Kader katapultiert hat. Öffentlich eine nicht stromgemäße und wie hier schon so schön bezeichnete „wische-waschi-weichgespülte-wir-haben-uns-alle-lieb-und-alles-ist-toll“ Meinung zu äußern kommt bei Frau Neid gar nicht gut und wird dementsprechend bestraft. Es ist das gleiche Spiel wie bei Inka Grings…

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