Cristianes Wahl unter die Top 3 ist ein falsches Signal
In der vergangenen Woche hat der Weltfußballverband FIFA die Namen der drei Spielerinnen bekannt gegeben , die von den Spielführerinnen und Trainern der Nationalmannschaften die meisten Stimmen für die Wahl zur Weltfußballerin erhielten. Aus den 26 von FIFA-Kommissionen vornominierten Spielerinnen wählten sie ihre Favoriten für die Plätze 1 bis 3.
Neben der dreifachen Weltfußballerin Birgit Prinz und Vorjahressiegerin Marta , deren Wahl allenthalben erwartet wurde, komplettiert die Brasilianerin Cristiane, die den deutschen Frauenfußballfreunden aus ihrer Zeit bei Turbine Potsdam und dem VfL Wolfsburg bestens bekannt ist, das Spitzentrio. Eine Entscheidung, die Fragen aufwirft. Auch danach, welche Bedeutung dem Fairplay beigemessen wird.
Das Dilemma der dennoch wichtigen Weltfußballerinnen-Wahl
Wie etwa sind Leistungen auf Vereinsebene in den Jahren zu gewichten, in denen der Fokus auf einem großen Turnier wie einer Welt- und Europameisterschaft oder im nächsten Jahr den Olympischen Spielen liegt?
Schadet es nicht der öffentlichen Wahrnehmung des Frauenfußballs in der Breite - und der wird Woche für Woche in den Vereinen gespielt -, wenn lediglich das All-Star-Team der WM um einige wenige Spielerinnen ergänzt wird, um auf 26 Vornominierte zu kommen?
Wird dadurch nicht gerade das Dilemma offensichtlich, dass die ohnehin subjektiven Personenwahlen im Frauenfußball mangels ausreichender TV-Übertragungen eine so dünne Beurteilungsgrundlage aufweisen, dass man um jedes TV-Spiel dankbar ist, das einem die Entscheidung erleichtert?
Ja, alle drei Fragen lassen sich mit Ja beantworten. Das Dilemma ist evident. Doch gleichzeitig erfährt der Frauenfußball durch seine Einbeziehung in die alljährliche Fußballer-Gala Mitte Dezember in Zürich eine Beachtung, die in ihrer Bedeutung für die öffentliche Wahrnehmung des Frauenfußballs nicht unterschätzt werden sollte.
Auf welcher Grundlage wird gewählt?
Das sieht auch die niederländische Nationaltrainerin Vera Pauw so, die im Interview mit FanSoccer den Finger in die Wunden des Abstimmungssystems legt. Zwar bestehe kein Zweifel daran, dass die kommende Weltfußballerin auch bei dem Top-Ereignis schlechthin, also in diesem Jahr der Weltmeisterschaft, auf hohem Niveau überzeugt haben sollte. Doch: “Insgesamt sehen die TrainerInnen und Spielerinnen, die schließlich wählen, jedoch nicht das Niveau der Spielerinnen außerhalb der WM-Mannschaften.”
Und damit kommen wir zurück auf Cristiane. Die 22-Jährige spielte zweifelsohne ein starkes Turnier in China, schoss fünf Tore und legte ihrer Sturmpartnerin Marta mit mehreren Zuckerpässen in fast schon genialer Art und Weise die Tore auf. Auch bei den Panamerikanischen Spielen im Juli trumpfte die ehemalige Wolfsburgerin groß auf. Doch abgesehen von diesen Turnieren absolvierte die brasilianische Nationalmannschaft bis Ende Juni kein einziges Länderspiel, bleiben also nur noch ihre Leistungen in der Rückrunde beim VfL Wolfsburg.
Beim VfL Wolfsburg nicht überzeugt
Sowohl Prinz als auch Marta wussten auch auf Vereinsebene zu überzeugen. Gewiss, Titel allein sind kein Gradmesser, weil der VfL Wolfsburg kein Titelkandidat ist. Dafür gibt es andere Maßstäbe, und die sprechen gegen Cristiane. Zwar erzielte die Brasilianerin in der abgelaufenen Saison sieben Tore, blieb insgesamt aber weit hinter den Erwartungen zurück und erhielt keinen neuen Vertrag bei den Wölfen.
Andere Spielerinnen hingegen bleiben außen vor, die über das gesamte Jahr hinweg zu überzeugen wussten. Zu nennen ist da allen voran die Engländerin Kelly Smith, die mit Arsenal LFC den UEFA-Pokal gewann und aus einer sehr soliden englischen Mannschaft bei der WM positiv herausragte. Was ist mit einer Bente Nordby, die mit Djurgården Zweiter der Damallsvenskan wurde, in 22 Spielen lediglich 20 Gegentreffer zuließ und ihrer Mannschaft in China ein sicherer Rückhalt war?
Gelb-Rot für Shannon Boxx und triumphierender Jubel bei Cristiane
Sportlich lässt sich über diese Wahl also trefflich streiten. Nicht nur strittig, sondern fragwürdig ist das Votum für Cristiane aber vor dem Hintergrund der stetigen Bemühungen um Fairplay im Sport. Auf die Frage, wann sie gewusst habe, dass Deutschland Weltmeister werde, antwortete Nationaltorfrau Nadine Angerer kurz nach dem Titelgewinn in der NDR Talk Show : “Als wir beim Halbfinale gegen die USA gesehen haben, wie Cristiane nach der gelb-roten Karte an Shannon Boxx gejubelt hat. Da haben wir uns gedacht: sowas Unfaires, das kriegt ihr zurück!”
YouTube Shannon Boxx carded out
In der Tat löste diese Szene nach dem WM-Halbfinale heftige Diskussionen aus. Im Laufduell mit der Amerikanerin Shannon Boxx (siehe Videoclip) kam Cristiane ins Straucheln, weil sie der vor ihr laufenden Boxx aus Versehen auf die Füße trat. Schiedsrichterin Nicole Petignat , die die Szene nicht sehen konnte, offenbar aber auch nicht Rücksprache mit ihren Assistentinnen hielt, entschied auf Platzverweis für Boxx. Eine gelb-rote Karte, die Cristiane vehement gefordert hatte und anschließend triumphierend bejubelte, obwohl Boxx auch für sie offensichtlich kein Foul begangen hatte.
Viele, die Sympathien für den Frauenfußball entwickeln, werden nicht müde zu betonen, dass sich das fairere Spiel, weniger Theatralik und das Akzeptieren von Schiedsrichterentscheidungen wohltuend vom Männerfußball abheben. Nun sollte man nicht den Fehler machen, den Frauenfußball zu idealisieren, denn selbstverständlich gibt es überall Diskussionen und Auseinandersetzungen, wenn Emotionen im Spiel sind.
Ist Cristianes Wahl unter die Top 3 also gut oder schlecht, berechtigt oder unberechtigt?
Doch sollte nicht auch der Gesichtspunkt Fairplay hier eine Rolle spielen? Ich sage: Ja, er sollte eine Rolle spielen. Oder ist das komplett von den sportlichen Leistungen zu trennen? Ich sage: Nein. Könnt ihr Cristianes Wahl unter die Top3 sportlich nachvollziehen? Auch hier von mir ein klares Nein, denn eine Kelly Smith oder Bente Nordby hätten es mehr verdient. Doch die Frage ist zu komplex, um darüber mit einer schlichten Ja-Nein-Umfrage abstimmen zu lassen. Deshalb - haut in die Tasten und sagt, was ihr davon haltet.