Die ARD auf der Suche nach der WM-Form
Die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft darf stolz auf sich sein. Zum zweiten Mal in Folge steht sie im Finale einer Frauenfußball-Weltmeisterschaft, wo sie am Sonntag auf den Sieger der Partie USA gegen Brasilien treffen wird.
Weniger Grund stolz zu sein hat hingegen die ARD. Denn es ist schon bemerkenswert, wie lieblos die Übertragungen von der WM in China abgewickelt werden. So unterliefen dem Sender bereits bei der Vorrundenpartie gegen Japan zahlreiche Fauxpas.
Doch wer gedachte hatte, im WM-Halbfinale gegen Norwegen würde alles besser, sah sich getäuscht. Zwar wurden einige Kinderkrankheiten der ersten Übertragung ausgemerzt (so verpasste man diesmal nicht den Einlauf der Mannschaften und den Beginn der Nationalhymnen), doch erneut wurde einem eindrucksvoll vor Augen geführt, dass die Übertragungen aus China alles andere als WM-würdig auf Sparflamme gekocht werden.
Gegen Japan noch passabel, schien sich Kommentator Carsten Flügel gegen Norwegen der allgemeinen Formschwäche der ARD anpassen zu wollen und leistete sich ebenfalls ärgerliche Ausrutscher.
So behauptete Flügel mehrfach hartnäckig, die Norwegerinnen seien gegen Deutschland erstmals im Turnier in Rückstand geraten. Das WM-Auftaktspiel Norwegens gegen Kanada hatte er wohl verpasst. Dort lag Norwegen nämlich mit 0:1 im Rückstand, ehe man das Spiel noch mit 2:1 gewann.
Norwegens Trainer Bjarne Berntsen bescheinigte er, mit seinem Team „das erste Endspiel“ erreichen zu können, obwohl man doch bereits zusammen im EM-Endspiel 2005 stand. Flügel dürfte wohl auch einer der wenigen gewesen sein, die in der ersten Halbzeit „ein richtig schönes Fußballspiel“ gesehen haben. Zugegeben: Es war spannend, taktisch nicht uninteressant. Aber schön? Gut, vielleicht Geschmackssache.
Nicht mehr mit persönlichem Geschmack war jedoch zu erklären, dass er offenbar partout nicht akzeptieren wollte, dass das 1:0 für Deutschland ein klares Eigentor war. „Das Tor wird vom Weltverband als Eigentor gewertet“, stellte er Minuten nach dem Treffer überrascht fest. Dabei war für jeden offensichtlich, dass der von Birgit Prinz geschossene Ball ohne die gütige Mithilfe von Trine Rønning nicht ins Tor gegangen wäre.
Dass er den Deutschen in der ersten Halbzeit zudem eine Überlegenheit attestierte und dies mit der Torschussstatistik untermauerte, die sowohl zur Halbzeit als auch am Ende aber die Norwegerinnen im Vorteil sah, sei nur am Rande erwähnt.
Der NDR-Kommentator schien im Stadion von Tianjin auch keine Aufstellung mehr abbekommen zu haben. Beharrlich taufte er den Vornamen von Norwegens Mittelfeldspielerin Ingvild Stensland in Ingrid um. Als ich mich zu Beginn der zweiten Halbzeit langsam an Ingrid Stensland gewöhnt hatte, überraschte mich Flügel mit einer neuen Namensschöpfung: aus den beiden Gulbrandsens wurden flugs die Gulbrandssons.
Norwegens Spielsystem früherer Jahre betitelte er als „lupenreines Kick-and-Rush“, eine echte Beleidigung etwa für die Weltmeistermannschaft von 1995, die durch spielerische Klasse bestach. Gegen Ende des Spiels wurde dem Gegner dann in fast schon impertinenter Überheblichkeit die Klasse abgesprochen.
„Wenn man sein Spiel nur auf Gulbrandsson zuschneidet und keine anderen Optionen hat, ist das in der Weltspitze zu wenig“, so Flügels erstaunliches Fazit über den 4. der FIFA-Weltrangliste.
Doch nicht der Kommentator alleine war ein Ärgernis. Auch im Studio war von WM-Form und WM-Atmosphäre wenig zu spüren. Vielleicht lag es ja daran, dass das ARD-Budget offenbar nicht dafür gereicht hatte, Moderatorin Ursula Hoffmann und Expertin Nia Künzer nach China zu schicken. Routiniert und langweilig spulten die beiden im Studio in Deutschland ihr Programm ab.
Bei der nicht viel länger als fünf Minuten dauernden Nachbetrachtung wartete man vergeblich auf eine echte Analyse. Schon gegen Japan vermisste man bei Künzer Klartext. Wer will es sich schon mit ehemaligen und aktuellen Teamkolleginnen verscherzen?
Aber ein Lob wollen wir dann doch auch noch los werden: Die ARD überträgt, anders als ursprünglich geplant, am Donnerstag ab 13.50 Uhr live das zweite Halbfinalspiel zwischen den USA und Brasilien, in dem Deutschlands Finalgegner ermittelt wird.
Vielleicht schafft es die ARD dann ja bei einem der Höhepunkte der Titelkämpfe auch noch, in WM-Form zu kommen.