Brasilien demütigt desolates U.S.-Team
Man ist immer nur so gut, wie es der Gegner zulässt, heißt eine der beliebtesten Fußball-Floskeln. Und steckt auch nur ein Körnchen Wahrheit dahinter, dann müsste die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft vor dem Endspiel am Sonntag in Ehrfurcht vor Finalgegner Brasilien erstarren, so schwach war der Weltranglistenerste USA bei der 0:4-Halbfinalniederlage gegen das Team aus Südamerika.
Die Südamerikanerinnen trieben den dezimierten Gegner in der zweiten Halbzeit wie ein angeschossenes Tier durch die Arena in Hangzhou. An eine derart schwache Vorstellung einer U.S.-Frauenfußball-Nationalmannschaft können sich wohl nur wenige erinnern, sollte es je eine gegeben haben. Das 0:4 war die höchste Niederlage, die eine amerikanische Frauenfußball-Nationalmannschaft je einstecken musste.
Ohne Biss, Leidenschaft und Gegenwehr überließen die Amerikanerinnen das Spiel nahezu kampflos den Brasilianerinnen. Und wenn man das Kombinationsspiel der Kanariengelben nicht einmal mehr im Ansatz zu unterbinden versucht, darf man am Ende noch froh sein, nur mit vier Gegentreffern aus dem Stadion geschossen worden zu sein.
Doch vielleicht war es ja auch die nicht nachvollziehbare Entscheidung von U.S.-Trainer Greg Ryan, für das Halbfinale gegen Brasilien seine Torhüterin zu wechseln und Briana Scurry anstatt Hope Solo aufzubieten, die das Team im Mark erschütterte und das letzte Quäntchen Sicherheit und Selbstbewusstsein abhanden kommen ließ.
Denn es gab keinen Grund, das siegreiche Team auseinander zu reißen, das im Viertelfinale mit 3:0 gegen England gewonnen hatte. Ohne Not wechselte Ryan auf einer der empfindlichsten Positionen im Fußball, die gerade für die Viererkette in der Abwehr in punkto Eingespieltheit von entscheidender Bedeutung ist. Mit bittersaurer Miene verfolgte Solo fassungslos von der Ersatzbank aus das Geschehen. „Es war die falsche Entscheidung, und jeder, der auch nur ein bisschen was von Fußball versteht, weiß das“, so Solos deutliche Worte nach dem Spiel.
Eigenartig leblos ergaben sich die Amerikanerinnen in ihr Schicksal. Das seltsam anmutende Eigentor von Leslie Osborne, die in der 20. Minute vollkommen unbedrängt nach einer Ecke von Formiga den Ball ins eigene Tor köpfte, war der Auftakt zu einer indiskutablen Vorstellung.
Marta erzielte nur sieben Minuten später, halbherzig von der U.S.-Abwehr bedrängt, das 2:0, als sie mit einem strammen 15-Meter-Schuss Scurry überraschte. Als dann die Schweizer Schiedsrichterin Nicole Petignat auch noch unverständlicherweise Shannon Boxx mit einer Gelb-Roten Karte vom Feld schickte, obwohl Cristiane der Amerikanerin in die Hacken gelaufen war, war es um die Gegenwehr der USA vollends bestellt.
Kein Protest gegen Fehlentscheidung
Jeder Fan vorm TV-Bildschirm schien sich allerdings mehr über die eklatante Fehlentscheidung aufzuregen, als das gesamte U.S.-Team. Weder Boxx selbst, die kommentarlos vom Platz schritt, noch Trainer Ryan oder anderen Spielerinnen protestierten gegen die Entscheidung.
Die restliche Geschichte des Spiels ist schnell erzählt. Das erhoffte Aufbäumen der Amerikanerinnen blieb aus, Cristiane erhöhte nach 56 Minuten auf 3:0, Marta gelang nach einer feinen Einzelleistung das 4:0 (79.), mit dem sie ihr Trefferkonto bei der WM auf sieben schraubte.
Die zweifache Torschützin und FIFA-Weltfußballerin, die auch zur Spielerin des Spiels gewählt wurde, erklärte nach dem Spiel bescheiden: „Wir haben mit unserem Finaleinzug Fußballgeschichte geschrieben, doch das ist nicht mein Verdienst, sondern der Verdienst einer Mannschaft, die eine Spitzenleistung gezeigt hat.“
U.S.-Trainer Ryan machte den Platzverweis gegen Boxx für das schwache Abschneiden seines Teams verantwortlich: „Wir mussten den Brasilianerinnen in der gesamten zweiten Halbzeit mit zehn Spielerinnen hinterherlaufen.“