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2019

Maren Meinert: „Ich kann da nicht immer nur ein Schleifchen drum machen“

DFB-Trainerin Maren Meinert wird heute Abend im Finale der U19-EM gegen Frankreich ab 17 Uhr (SPORT1 live) zum letzten Mal ein deutsches Nachwuchsteam betreuen. Im Interview zieht die 46-Jährige Bilanz ihrer 14-jährigen Tätigkeit, spricht über die mentale Stärke der USA, ihren eigenen Führungsstil und die Enttäuschung über die Trennung vom DFB.

Maren Meinert hat den wohl größten Erfahrungsschatz im Nachwuchsbereich des deutschen Frauenfußballs. Als Nationaltrainerin der U19- und U20-Frauen hat die 46-Jährige mehr als 200 Spiele verantwortet, zweimal die U20-Weltmeisterschaft (2010 und 2014) und dreimal die U19-Europameisterschaft (2006, 2007 und 2011) gewonnen.

Nun bestreiten die deutschen U19-Fußballerinnen unter ihrer Regie wieder ein EM-Finale, wenn es in Paisley gegen Frankreich (Sonntag 17 Uhr/SPORT1 live) geht. Doch ihren erfolgreichen Job muss die Trainerin auf Geheiß des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) im August beenden. Richtig verstehen kann die 92-fache-Nationalspielerin, die selbst als Spielerin Welt- und Europameisterin wurde, die Entscheidung nicht.

Vorweg, ganz Deutschland stöhnt unter der Sommerhitze. Insofern haben Sie es mit der Frauen-U19-Nationalmannschaft bei der EM in Schottland richtig gut getroffen, oder?

Maren Meinert: Wir haben zwischendrin sehr viel Regen und kühles Wetter gehabt. Bei uns waren nicht so hohe Temperaturen, selten mehr als 20 Grad. Wir haben aber festgestellt, dass sich in Schottland die jungen Menschen schon sehr sommerlich kleiden, wenn nur 18 Grad sind.

Nach einer überzeugenden Vorrunde mit Siegen gegen England (2:1) , Belgien (5:0) und dem Remis gegen Spanien (0:0) hat ihr Team im Halbfinale auch die Niederlande (3:1) besiegt. Was erwarten Sie vom Finale gegen Frankreich?

Meinert: Frankreich hat eine sehr starke Mannschaft bei dieser EM. Sie spielen einen geradlinigen Stil mit viel Tempo nach vorne. Es wird ein Finale auf Augenhöhe werden. Wir müssen unser Bestes geben und unser eigenes Spiel durchziehen. Mit allem Selbstbewusstsein, das wir in den vergangenen Spielen gesammelt haben. Wir hatten unsere erste Mission im Grunde ja schon nach dem zweiten Gruppenspiel erfüllt, als wir uns für die U20-WM qualifiziert hatten. Jetzt haben wir eine zweite Mission: den Titel zu gewinnen. Es ist doch gut, zwei Sachen zusammen zu erledigen.

Können Sie Ihre Titel und Auszeichnungen im Nachwuchsbereich überhaupt noch zählen?

Meinert: Alle nicht (lacht). Ich glaube, dass wir allein bei Europameisterschaften zehnmal unter die besten Vier gekommen sind, und natürlich weiß ich von den fünf Siegen bei großen Turnieren. Wenn unsere ehemalige Bundestrainerin Tina Theune eine genaue Aufstellung macht, liest sich das wirklich sehr gut. Da bin ich schon ein bisschen stolz darauf.

FINALEEEEE Unsere U 19-Frauen haben es gepackt, wir spielen am Sonntag um den EM-Titel ! #WU19EURO #NichtOhneMeineMädels #IhrSeidDerKnaller

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Bei den deutschen U19-Frauen stimmte vielleicht nicht jedesmal die spielerische Klasse, aber die kämpferische Haltung. Es war eine Widerstandsfähigkeit und Wehrhaftigkeit zu beobachten, die der A-Nationalmannschaft in Frankreich gut getan hätte. Sich gegen einen Rückstand nicht zu wehren, hat Torhüterin Almuth Schult als Kardinalproblem identifiziert.

Meinert: (überlegt). Ich möchte eigentlich gar nichts zu den Frauen sagen. Wer in den letzten 14 Jahren bei unseren Spielen den Fernseher eingeschaltet hat, konnte immer eine Mannschaft sehen, die bis in die Haarspitzen motiviert ist. Nur so funktioniert für mich Fußball. Manchmal hat das am Ende nicht ganz gereicht, aber die 100-prozentige Leidenschaft war immer gegeben.

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg hat gerade herausgestellt, dass die USA nicht aufgrund ihrer fußballerischen Klasse, sondern überragenden Mentalität erneut den Frauenfußball geprägt haben. Sie kennen diese Mentalität, sind 2001 gemeinsam mit Bettina Wiegmann als eine der ersten deutschen Nationalspielerinnen in die USA gewechselt, wurden 2003 bei den Boston Breakers zur wertvollsten Spielerin der amerikanischen Profiliga gewählt. Haben Sie dort den Input bekommen?

[pulledquote] „Am Anfang meiner drei Jahre in Amerika dachte ich, ich kenne doch schon viel. Aber das Bild hat sich für mich komplett gewandelt.“ [/pulledquote] Meinert: Am Anfang meiner drei Jahre in Amerika dachte ich, ich kenne doch schon viel. Aber das Bild hat sich für mich komplett gewandelt. Wenn die Trainerin aus dem Raum ging, hat keine Spielerin mit den Liegestützen aufgehört. Wenn eine pausieren wollte, hat gleich die Mitspielerin gerufen: Mach weiter, mach weiter! Die Eigenmotivation ist unglaublich, die Spielerinnen pushen sich gegenseitig zu Höchstleistungen. Wer sich nur einmal hängen lässt, bekommt das im Team sehr, sehr deutlich zu spüren. Das geht uns ein bisschen ab, weil wir immer sehr freundlich miteinander sind. Und gerade die jungen Spielerinnen nehmen noch mehr Rücksicht aufeinander: Keiner will dem anderen heute weh tun.

Meinert: Ich glaube, dass das erste halbe Jahr bei der U19 bei mir schon eine harte Prüfung ist. Ich sehe meinen Job auch darin, den Spielerinnen zu sagen, was nicht geht – um ihnen damit zu helfen. Ich kann da nicht immer nur ein Schleifchen drum machen, dafür bin ich auch bekannt. Ich habe viele Spielerinnen trainiert, die mir nach zwei Jahren Zusammenarbeit gestanden haben, dass sie das erste halbe Jahr Schwierigkeiten mit der vielen Kritik gehabt hätten. Dabei haben wir nur feste Regeln für die Gruppe.

Gerade hat die Abschluss-PK mit Kapitänin Sophia Kleinherne vom @1_FFCFrankfurt und Trainerin Maren Meinert stattgefunden. Beide freuen sich riesig auf unser Finale gegen ! #WU19EURO #frager #NichtOhneMeineMädels pic.twitter.com/ljpBOtlFX4

— DFB-Frauenfußball (@DFB_Frauen) July 27, 2019

Wie sehen die aus? Nicht bei Instagram über die Mitspielerin lästern?

Meinert: (lacht). Natürlich machen wir auch eine Medienschulung. Und ich bin da auch mal eine Predigerin, die Akzeptanz für Entscheidungen einfordert. Die jungen Spielerinnen sollen verstehen, dass es in diesem Alter noch zu Leistungsschwankungen kommt. Bislang haben wir es immer geschafft, dass die Spielerinnen für die Zeit eines Turniers den Fußball als Lebensmittelpunkt anerkannt haben.

Sie sind keine, die Spielerinnen in Watte packt?

Meinert: Das ist nicht mein Ding, habe ich nie gemacht. Da bin ich auch nicht der Typ zu. Aber wenn jemand ein tröstendes Wort braucht, bin ich dafür auch zuständig. Wenn jemand im Verein als junge Spielerin drei Spiele gemacht hat, klopft ihnen jeder auf die Schulter. Aber wenn sie dann nicht mehr spielen, kümmert sich keiner.

Das Viertelfinal-Aus der Frauen-Nationalmannschaft bei der WM in Frankreich wird von der Bundestrainerin noch öffentlich aufgearbeitet. Martina Voss-Tecklenburg wird am Mittwoch beim Trainerkongress in Kassel weitere Ergebnisse vorstellen. Sie können den Leistungsstand im Nachwuchsbereich beurteilen. Muss man sich ähnliche Sorgen wie bei den Männern machen, dass der Nachschub in den kommenden Jahrgängen ausbleibt?

[pulledquote] „Wenn man sich die Leistungen im Nachwuchsbereich anschaut, dann kann man nicht von Krise sprechen – das ist fast schon frech.“ [/pulledquote] Meinert: Ich finde, diese Frage stellt sich nicht. Wir haben mit der U16 den Nordic-Cup in Schweden gewonnen, sind mit der U17 Europameisterin geworden und stehen mit der U19 im Finale. Im letzten Jahr waren wir mit der U17 und der U19 auch im EM-Finale. Und wenn wir weiterschauen, ist Giulia Gwinn mit 19 Jahren gerade die beste Nachwuchsspielerin der Welt geworden. Zudem kamen mit Klara Bühl und Lena Oberdorf zwei Spielerinnen regelmäßig bei der WM zum Einsatz, die in meiner U19 hätten spielen können. Wenn man sich die Leistungen im Nachwuchsbereich anschaut, dann kann man nicht von Krise sprechen – das ist fast schon frech.

Wenn die Basis so gut ist, müsste dauerhaft für das Aushängeschild aber auch mehr herausspringen als nur das Erreichen des Viertelfinals, wie bei EM 2017 und WM 2019? Meinert: Natürlich war das Abschneiden nicht wie erwartet. Wir alle haben die Hoffnung, dass das in Zukunft besser wird. Die Voraussetzungen sind dafür vom Spielermaterial auf jeden Fall geschaffen.

Wurden Sie eigentlich in anderthalb Jahrzehnten nie gefragt, mal Bundestrainerin zu werden?

Meinert: Ich wurde tatsächlich einmal gefragt (nach der Trennung von Steffi Jones im Frühjahr 2018, Anm. d. Red.). Das habe ich mir gut überlegt, aber für mich entschieden, dass dies nicht der richtige Job ist. Neben dem Familienleben, das mir sehr wichtig ist, fühle ich mich im Jugendbereich besser aufgehoben, weil nicht jede Entscheidung in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Es war eine harte Entscheidung, die ich aber bis heute nicht bereut habe.

[pulledquote]“Ich bin über die Entscheidung natürlich nicht glücklich gewesen und finde sie persönlich auch falsch…“[/pulledquote]Können Sie verstehen, dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) die Zusammenarbeit mit Ihnen beendet?

Meinert: Ich bin über die Entscheidung natürlich nicht glücklich gewesen und finde sie persönlich auch falsch…

…was Ihnen vor fünf Monaten von der Sportlichen Leitung Nationalmannschaften durch Joti Chatzialexiou mitgeteilt wurde. Waren Sie überrascht?

Meinert: Ich war sehr überrascht. Aber ich gehe im Guten, weil mir der DFB als sehr junger Mensch und sehr unerfahrene Trainerin damals die Chance gegeben hat, die U19 zu trainieren. Ich hatte 14 wunderbare Jahre.

Meinert: Da ich noch nicht unterschrieben habe, möchte ich das nicht verraten. Ich werde im Fußball bleiben, aber es ist wirklich noch nicht final entschieden. In der Frauen-Bundesliga wird man mich nicht sehen.