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2015

Schluss mit der Schönfärberei!

Die deutsche Frauenfußball-Nationalelf hat durch eine 0:2-Niederlage gegen die USA den Einzug ins Finale der Frauenfußball-WM in Kanada verpasst. Doch es war nicht Pech, das die DFB-Elf ausgebremst hat.

Zugegeben: Das Glück war der deutschen Frauenfußball-Nationalelf im WM-Halbfinale gegen die USA nicht hold. Erst verschoss Célia Sasic einen Elfmeter, dann gab es einen fragwürdigen Elfmeter für die Amerikanerinnen. Dennoch: Verdient hätte die DFB-Elf den Finaleinzug nach den Leistungen gegen Frankreich und die USA nicht. Schon das Erreichen des Halbfinales kam unter glücklichen Umständen zustande. In den Duellen mit den neben Japan beiden besten spielerischen WM-Teams aus Frankreich und den USA traten sowohl die individuellen als auch die taktischen Defizite offen zutage. „Wie wir uns im Verein technisch weiterentwickeln müssen, so muss sich auch die Nationalelf technisch weiterentwickeln, dass man sich auf engem Raum fußballerisch befreien kann. Frankreich und Japan haben im Spielaufbau Vorteile“, sagt etwa VfL Wolfsburgs Trainer Ralf Kellermann.

Nur zwei Weltklassespielerinnen Das Prädikat Weltklasse verdienten sich innerhalb der DFB-Elf nur Torhüterin Nadine Angerer und mit Abstrichen Simone Laudehr. Das ist heute zu wenig, um den WM-Titel zu holen. Spielerinnen wie Annike Krahn mögen über reichlich Erfahrung sowie ein gutes Auge und Stellungsspiel verfügen, in der Endphase einer WM ist das auf dem Topniveau gegen Gegner mit individuellen Einzelkönnerinnen wie etwa Alex Morgan aber nicht mehr genug. Dabei stand auf der Bank in der dreifachen Champions-League-Siegerin Josephine Henning eine bessere Alternative bereit. Im gemeinsamen Verein Paris St. Germain spielte Krahn in der Regel nur, wenn Henning verletzt war.

Sasic mit Defiziten Auch Célia Sasic blieb den Beweis der Weltklasse einmal mehr schuldig. In 1:1-Situationen gegen starke Abwehrspielerinnen kann sie sich trotz allen Bemühens nicht durchsetzen, bei der Ballannahme und Ballmitnahme hat sie weiterhin technische Defizite. Auch wenn es womöglich vor allem dank dreier Tore gegen Fußballzwerg Elfenbeinküste und zweier verwandelter Elfmeter für den Goldenen Schuh als beste WM-Torschützin reichen wird – Oleg Salenko, Torschützenkönig der Männer-WM 1994, lässt grüßen, der fünf seiner sechs Treffer in einem einzigen Spiel gegen einen unterlegenen Gegner erzielte. Auch andere Spielerinnen müssen sich hinterfragen, ob sie genug dafür tun, ihre individuellen Schwächen abzustellen.

Zu früh zufrieden Bei der WM zeigte die DFB-Elf eine gute Halbzeit gegen Norwegen , holte einen überzeugenden Sieg gegen allerdings schwache Schwedinnen und bot eine kämpferisch ansprechende Leistung gegen Frankreich. Unterbewusst hat sich eine gewisse Selbstzufriedenheit breit gemacht. So wurden die erfolgreiche Olympia-Qualifikation und das Erreichen des WM-Halbfinales bereits vor dem Spiel gegen die USA als großer Erfolg gewertet. Nicht unbedingt der Nährboden für eine weitere Leistungssteigerung. Diese schmerzhafte Erfahrung musste auch schon Paris St. Germains Trainer Farid Benstiti vor dem Champions-League-Finale gegen den 1. FFC Frankfurt machen, als er seinem Team öffentlich attestierte, mit dem Finaleinzug bereits mehr als erwartet geleistet zu haben und somit den Druck aus dem Kessel nahm.

Kein Überraschungsfaktor Nach der durchwachsenen Leistung gegen Frankreich gegen die USA eine nahezu unveränderte Startformation aufzubieten, setzte ebenfalls ein falsches Signal sowohl an die Spielerinnen auf dem Platz wie die auf der Ersatzbank. Taktisch erinnerte das Halbfinale fatal an das Viertelfinale gegen Japan vor vier Jahren. Schon gegen Frankreich war das 4-2-3-1-System nicht die beste Variante, gegen die USA blieben überzeugende taktische Umstellungen vor und während des Spiels aus.

Falsche Signale Ganz anders der Gegner, dem mit dem Wechsel von Carli Lloyd in eine offensivere Position mit vielen individuellen Freiheiten ein entscheidender Schachzug gelang. Dass dann ausgerechnet die noch angeschlagene Dzsenifer Marozsán in der Schlussphase als einzige Einwechselspielerin die Kohlen aus dem Feuer holen sollte, passte da in das Gesamtbild. Genauso wie das falsche Signal, trotz eines Rückstands eine gleichermaßen vorlagenstarke wie treffsichere Stürmerin vom Platz zu holen und durch eine Mittelfeldspielerin zu ersetzen.

Kein Plan B Wie vor vier Jahren verstand es Bundestrainerin Silvia Neid nicht, mit einem wie auch immer gearteten Wechsel, sei es einer taktischen Änderung auf dem Feld oder individuell von der Bank, frische Impulse zu setzen. Ein Plan B war wie schon damals in Wolfsburg nicht zu erkennen. Es wurde verpasst, in der Schlussphase das starre taktische Korsett aufzubrechen – wenigstens hätte man es allein schon wegen der Signalwirkung auf die eigenen und die gegnerischen Spielerinnen probieren können.

Bell: “Deutschland hat nur reagiert” Colin Bell, Trainer von Champions-League-Sieger 1. FFC Frankfurt, sagt: “Die deutsche Mannschaft hat nur reagiert, nicht agiert. Dabei ist sie in der Lage, ein Spiel zu dominieren.“ Und so bleibt auf den Tag genau zehn Jahre, nachdem Silvia Neid das Amt übernommen hat, wie schon bei der Heim-WM das Bild einer eher ratlosen Neid in den Köpfen hängen. Doch auch auf dem Feld vermochte es keine Spielerin, mit einer ungewöhnlichen Aktion Akzente zu setzen. Womöglich, weil Individualität und individuelle Geniestreiche im von der U15 an gelehrten, einheitlichen taktischen Konzept des DFB keinen Platz haben und auch nicht honoriert werden.

Schönfärberei statt kritischer Analyse „Ich bin stolz auf meine Mannschaft“, sagte Neid auf der Pressekonferenz nach der Niederlage gegen die USA. Bleibt zu hoffen, dass zumindest nach Turnierende die Schönfärberei in der Schublade verschwindet und Platz schafft für eine schonungslose, kritische Analyse. Denn es gilt noch bevor der Staffelstab an Steffi Jones weitergereicht wird, sich kritische Fragen zu stellen. Etwa, wie die individuelle, technische Ausbildung der Spielerinnen optimiert werden kann, mit welchen Mitteln man in den kommenden Jahren den zunehmenden Trend des ballbesitzorientierten Kombinationsfußballs begegnen will und wie man in Zukunft den Spielerinnen ein größeres taktisches Know-how verpasst. Dabei sollten auch externe Experten ein Wörtchen mitreden dürfen, wie es etwa bei der Männer-Nationalmannschaft unter der Leitung von Urs Siegenthaler bereits seit Ende 2004 praktiziert wird.