VfL Wolfsburg: das Maß aller Dinge

Von am 10. Juni 2014 – 9.00 Uhr 23 Kommentare

Fünf von sechs möglichen Titeln hat der VfL Wolfsburg in den vergangenen zwei Jahren national und international gewonnen und damit die Kräfteverhältnisse im deutschen und europäischen Frauenfußball zu seinen Gunsten verschoben.

Die 89. Spielminute beim Titel-Showdown zwischen dem VfL Wolfsburg und dem 1. FFC Frankfurt hat sich schon jetzt einen festen Platz der deutsche Frauenfußball-Geschichte gesichert. In der Gluthitze des VfL-Stadions am Elsterweg war die Mehrheit der Rekord-Besucherzahl von 12 464 Zuschauern noch immer fassungslos, dass der späte Ausgleich des 1. FFC Frankfurt durch Kozue Ando sieben Minuten zuvor dem VfL Wolfsburg den Titel gekostet haben könnte. „Wir wussten, dass nicht mehr lange zu spielen ist“, erinnert sich Alex Popp an die Szene, die den Lauf der Dinge doch noch zugunsten des Champions-League-Siegers verändern sollte.

Popp beschreibt Goldenen Treffer
„Es gab ein Foulspiel an ‚Kess‘, ‚Simon‘ wollte den Ball noch weghauen und ich wollte ihn schnell fangen, dabei habe ich mir noch etwas am Knie wehgetan. Dann spielt Steffi Bunte den Freistoß sehr gut in die Mitte rein. Ich bin eigentlich eher für die längere Position da, aber ich dachte mir: ‚Egal, ich gehe da jetzt hin und dann fällt der Ball genau auf meine Birne und ich treffe ihn optimal.“ Das 2:1 brachte das VfL-Stadion zum Kochen und besiegelte den zweiten Deutschen Meistertitel in Folge für die Niedersachsen, während dem 1. FFC Frankfurt auf der Zielgerade der erste Meistertitel seit 2008 noch entrissen wurde. An Dramatik war dieser Titelkampf in der Endphase kaum noch zu überbieten.

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Jubel des VfL Wolfsburg

Moment der Erlösung: die Spielerinnen des VfL Wolfsburg bejubeln das 2:1 © Sven-E. Hafft / girlsplay.de

Wolfsburgs unglaubliche Nehmerqualität
„Das war VfL Wolfsburg in diesem Jahr“, so Wolfsburgs Trainer Ralf Kellermann voller Stolz über die Art und Weise, wie sich sein Team von dem Ausgleichstreffer erholte. „Die Mannschaft hat immer an sich geglaubt und ist nach Nackenschlägen immer wieder aufgestanden.“ Und Popp meinte: „Was wir in den letzten Wochen aufs Parkett gebracht haben, das ist der blanke Wahnsinn.“

Führungsspielerinnen mit Siegermentalität
Kellermann und sein Trainerteam haben in den vergangenen Jahren sukzessive Schwachstellen ausgemerzt und den Kader gezielt verstärkt, wie etwa durch die Verpflichtung der schwedischen Nationalspielerin Nilla Fischer, die in den entscheidenden Saisonspielen zur Höchstform auflief. Spielerinnen wie Nadine Keßler und Lena Goeßling reiften in Wolfsburg zur Weltklasse heran und impften dem Kader eine Siegermentalität ein, Mitspielerinnen wuchsen im Sog der Stars. Routinier Martina Müller rackert noch genauso wie zu Beginn ihrer Karriere von der ersten bis zur letzten Minute und lebt den Geist der Mannschaft vor. „Man muss solche Führungsspielerinnen im Kader haben, die vorneweg gehen und auch mit Nackenschlägen umgehen können. Wir haben diese entscheidenden Spielerinnen“, erklärt Kellermann.

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Vom Jäger zum Gejagten
In der vergangenen Saison räumte der VfL Wolfsburg noch als Herausforderer einen Titel nach dem anderen ab. „Letztes Jahr haben wir unsere Spiele über die Euphorie und ein sehr gutes Umschaltspiel gewonnen“, so Kellermann. Doch in die neue Saison startete das Team unter anderen Vorzeichen, aus dem Jäger wurde der Gejagte. „Wir wussten vor der Saison, dass sich Mannschaften gegen uns anders verhalten würden und wir haben unser Spiel ein bisschen umgestellt. Wir können uns jetzt auch gegen tiefer stehende Gegner gut durchkombinieren.“ Dabei sah es in der Bundesliga lange Zeit nicht nach einer Titelverteidigung aus.

Steigerung nach Stotterstart
Zu Saisonbeginn waren die Wolfsburger Nationalspielerinnen nach der Triple-Saison und der EURO 2013 in Schweden körperlich wie mental ausgelaugt, hinzu kamen verletzungsbedingte Ausfälle. Und nach der 1:3-Niederlage beim FC Bayern München Ende Februar schienen alle Titelträume geplatzt. „Diese Niederlage hat unser Ego gekränkt“, so Popp. „Wir haben nach diesem Spiel viel gesprochen und jeder hat sich an die eigene Nase gefasst. Danach konnten wir den Schalter umlegen.“ Seitdem fuhr das Team einen Sieg nach dem anderen ein und belohnte sich mit dem Champions-League-Sieg und dem Last-Minute-Meistertitel. „Titel zu holen ist leichter als sie zu verteidigen, deswegen sind diese zwei noch höher einzuschätzen“, so Lena Goeßling. „Wir ernten jetzt die Früchte der langen Arbeit hier in Wolfsburg. Wir sind ganz oben angekommen.“

Nadine Keßler und Josephine Henning

Kapitänin Nadine Keßler (li.) und Josephine Henning feiern den Meistertitel © Sven-E. Hafft / girlsplay.de

Perfekte Rahmenbedingungen
Dabei profitiert der VfL Wolfsburg in hohem Maße von den professionellen Rahmenbedingungen, einer perfekten Infrastruktur und kurzen Wegen. Unter anderem aufgrund der Möglichkeiten des VW-Konzerns ist der Verein in der Lage, seinen Spielerinnen konsequenter als anderen Vereinen die Chance zu geben, auch beruflich Fuß zu fassen. Dazu werden derzeit die Weichen für die Zukunft gestellt, im Allerpark einen Steinwurf von der Volkswagen Arena entfernt entsteht ein neues Stadion mit einer Kapazität von 5 200 Zuschauern, das ab der Rückrunde der Saison 2014/15 die neue Heimat der VfL-Frauen sein wird.

Erstmals Zuschauer-Krösus
Seit der Frauen-WM 2011, als in Wolfsburg vier Spiele stattfanden, darunter das Viertelfinale zwischen Deutschland und Japan, ist der Zuschauerschnitt kontinuierlich gewachsen, der Frauenfußball hat sich den Respekt in der Stadt erworben. Mit einem Schnitt von fast 3 000 Zuschauern ist der VfL Wolfsburg in dieser Saison auch in der Zuschauertabelle erstmals an der Spitze. Ein Garant für zukünftige Erfolge sind die zahlreichen Titel und die perfekten Rahmenbedingungen aber nicht, denn die Konkurrenz im In- und Ausland schläft nicht.

Wachsende Konkurrenz
Kellermann betont: „In der Bundesliga geht es sehr eng zu, nächste Saison wird Bayern München dazu kommen. In Europa ist die Konkurrenz wahnsinnig, wenn man sieht, was in Frankreich passiert, da wird es wirklich schwer.“ Doch bange ist Kellermann vor der Konkurrenz in der kommenden Saison nicht. „Wir haben schon zwei Spielerinnen verpflichtet [Babett Peter und Caroline Graham Hansen] und wir werden noch ein oder zwei weitere Spielerinnen holen, dann sehe ich uns auch in der Breite gut gerüstet.“

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Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

23 Kommentare »

  • Sheldon sagt:

    @Detlef: Wichtig ist erstmal, dass die Abwehr bei Frankfurt gut genug verstärkt wird. Bereits vor der Saison gab es hier kritische Stimmen, nur mit 2 fitten Innenverteidigerinnen in die Saison zu starten. Diese Stimmen wurden bestätigt, es mussten immer wieder Spielerinnen wie Laudehr und Crno einspringen, die woanders gebraucht wurden!

    Den Ausfall von Bartusiak wird man hoffentlich mit dem Transfer von Henning kompensieren, sollte die nicht auch noch nach PSG gehen, sodass da langfristig eine deutsche Mannschaft spielen wird.

    Dazu ist Huth endlich wieder fit, die über links kommen wird (Abwehr, vermute ich). Wenn dann für vorne noch Islacker kommt, hat man einen fantastischen Sturm (Islacker – Celia – Garefrekes), dahinter mit Marozsan, Laudehr und einer weiteren Spielerin ein fabelhaftes Mittelfeld und in der Abwehr dann mit Schmidt, Henning, Huth und Prießen/Hendrich eine stabile Kette. Es fehlt nur die ultimative „6“, mal schauen, vielleicht wird Kulig ja wieder fit! Ansonsten wird man sich umschauen müssen (vllt Doorsoun, oder im Ausland Katrin Schmidt oder Jill Scott) oder aber Hendrich/Laudehr diese Aufgabe übertragen und dafür im OM noch eine Spielerin suchen. Ich fände ja immer noch Pernille Harder eine klasse Alternative für die „10“, sie verkörpert den Spieltyp, der genau ins Konzept Bell passen würde: schnell, spritzig, gute Spielintelligenz, torgefährlich (letztes Jahr zweitbeste Torschützin in Schweden, vor Marta, Mittag, Vidarsdottir und Co.) und dennoch defensiv mitarbeitend.

    Das Team: Schumann – Schmidt, Henning, Prießen (Bartusiak), Huth – Harder, Laudehr, Marozsan – Garefrekes, Celia, Islacker

    Dazu auf der Bank: Preuß, Hendrich, Kuznik, Tanaka, Kulig, Ando, Crno, Munk

    Dazu noch zwei drei Ergänzungsspielerinnen plus Jugendspielerinnen und Frankfurt ist wieder ganz oben dabei, wenn alle einigermaßen fit bleiben! Für mich die Creme de la Creme.

    Insbesondere die Läuferreihe Schmidt – Laudehr – Huth wird deutlich mehr Tempo hineinbringen als diese Saison, Marozsan und Harder würden in die Lücken stoßen, die sich vorne in der Sturmreihe auftun.

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  • GG sagt:

    @sheldon: Zugegeben, die dargelegte Team-Zusammenstellung deutet stark auf Titelkandidat hin. Allerdings gibt es einige Aspekte, die mich zweifeln lassen, das der FFC in der Lage sein wird an WOB vorbeizukommen:
    -> Auch dieses Team wird sich finden müssen. 3 ausländische Nationalspielerinnen auf der Bank, dazu eine Hendrich, die sehr gerne die WM mitmachen würde. Zudem noch Kuznik und Kulig, die sich jeweils sicherlich mehr ausrechnen. Das Störfeuerpotential ist sehr groß.
    -> Warum hat es den nicht schon in der abgelaufenen Saison für die Meisterschaft gereicht ? Bis zum 1. Rückrundenspieltag hätte es beinahe nicht besser laufen können; und am letzten Spieltag ist die hochkarätig besetzte Mannschaft (allein 5 aktuelle deutsche N11-Spielerinnen auf dem Platz) nicht in der Lage, auch nach 82 min. Spielzeit ein Unentschieden über die Zeit zu bringen ? Mir hat am Sonntag der unbedingte Wille gefehlt – und WOB weiß auch in der nächsten Spielzeit wie es geht, trotz des bedauerlichen Weggangs (?) von Josie Henning.
    -> Für ausschlaggebend halte ich in der kommenden Saison die Bereitschaft, den Einsatzwillen und auch eine gewisse Leidensfähigkeit, sich für die WM in Kanada zu empfehlen. 6 Spielerinnen von WOB – berücksichtigt man den bereits bestätigten Wechsel von Babett Peter sogar 7 – nehmen an der aktuellen „Lustreise“ teil. Für mich ein klarer Vorteil für WOB. Dieser Umstand wird die Girls noch weiter zusammenschweißen und – so meine Hoffnung auch für die Phase der Vorbereitung auf die neue Saison – nochmals weiter fokussieren. Und so wie ich die Zeichen deute, hat die sog. „Leitwölfin“ Nadine Keßler ihr Leben bereits entsprechend ausgerichtet.
    Kurzum, es wird wieder eine spannende Spielzeit, meines Erachtens aber mit klaren Vorteilen für WOB. Ein erneutes Triple halte ich für möglich, wobei ich allerdings die Verteidigung der UWCL als oberstes Ziel der Mannschaft prognostiziere. Sollte WOB Finals erreichen, ist diese Mannschaft für mich – egal wer der Gegner ist – eindeutiger Favorit.

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  • Jan sagt:

    Ob 2 solch spektakulärer Finalsiege müsste Wolfsburg doch gute Aussichten haben, Mannschaft des Jahres 2014 zu werden, oder? – vorausgesetzt, Deutschland wird 2014 NICHT Fußball-Weltmeister.

    Glosse:
    Liebe FF-Fundamentalisten u. – listinnen, da nun WM ist (also die richtige, echte WM) , und damit Wolfsburg Mannschaft des Jahres 2014 werden kann, drückt bitte ganz doll die Daumen, dass Deutschland NICHT! Fußball-Weltmeister 2014 wird! Die Chancen dafür stehen ganz gut, nämlich statistisch bei 32 bzw. 31 zu 1. 😉

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