Anna Sarholz: „Können das Ruder noch herumreißen“
Zwei Spieltage vor Saisonende in der Frauenfußball- Bundesliga steht der Tabellendritte 1. FFC Turbine Potsdam am Sonntag, 1. Juni, 14 Uhr (live in HR, RBB und DFB-TV) im Klassiker bei Tabellenführer 1. FFC Frankfurt nach dem Patzer gegen den BV Cloppenburg unter Zugzwang. Doch Potsdams Torhüterin Anna Sarholz verrät im Gespräch mit Womensoccer , warum sie und ihr Team die Flinte längst noch nicht ins Korn geworfen haben.
Womensoccer: Wie fühlt es sich an, nach so langer Zeit in der Bundesliga wieder zwischen den Pfosten zu stehen?
Anna Sarholz: Es tut definitiv gut, wieder das Vertrauen des Trainers zu spüren. Es war in der Vergangenheit nicht immer einfach und es freut mich, dass ich jetzt wieder die Chance bekommen und ich mich nach meinen Verletzungen wieder herangekämpft habe. Im Dezember habe ich beschlossen, mich noch einmal voll auf den Fußball zu konzentrieren, denn ich dachte mir, mit 21 Jahren kann das noch nicht alles gewesen sein. Ich wollte dem Trainer unbedingt zeigen, dass ich will und das hat sich offenbar Gott sei Dank bezahlt gemacht.
Womensoccer: Ist der Zeitpunkt des Comebacks in der Endphase der Meisterschaft schwierig und mussten Sie sich Ihr Standing erst wieder erarbeiten?
Sarholz: Ich bin ja immer bei der Mannschaft dabei gewesen und wir haben alle zusammen trainiert. Nur weil man nicht spielt, heißt es ja nicht, dass man nicht dazu gehört. Natürlich ist es schwierig, in so einer Phase wieder reinzukommen, aber ich glaube, dieser Druck tut mir gut, um die beste Leistung abzurufen.
Womensoccer: Im Kampf um die Meisterschaft und einen Startplatz in der Champions League haben Sie am vergangenen Sonntag beim Remis gegen Cloppenburg wichtige Punkte liegen lassen. Herrscht jetzt Katerstimmung oder eine Jetzt-erst-recht-Haltung?
Sarholz: Wir haben auf jeden Fall eine Jetzt-erst-recht-Stimmung. Wir wollen wieder Titel gewinnen, denn das ist schon wieder viel zu lange her. Wir müssen nach vorne schauen, das nächste Spiel ist wichtig und da müssen wir versuchen, das Beste herauszuholen. Jede Spielerin wird dafür alles geben.
Womensoccer: Was ist gegen Cloppenburg schiefgelaufen?
Sarholz: Wir waren vielleicht ein bisschen überrascht, dass Cloppenburg so druckvoll nach vorne gespielt hat. Das Spiel ging für uns nicht gut los, das hat uns einem Moment lang geschockt. Und dann kamen viele Kleinigkeiten und kleine Fehler hinzu. Cloppenburg hat uns früh gestört und das hat uns ein wenig aus dem Konzept gebracht, auch wenn uns das gegen eine Mannschaft im unteren Tabellendrittel nicht passieren sollte. Man sollte diese Situationen besser lösen, aber man kann es jetzt nicht mehr ändern.
Womensoccer: Am Sonntag geht es nun zum 1. FFC Frankfurt. Ist es vielleicht sogar ein Vorteil, gegen ein Topteam zu spielen, weil man dort weiß, was einen erwartet?
Sarholz: Es ist egal, gegen wen wir spielen. Die Spiele gegen Frankfurt sind immer brisant, weil sich diese Duelle über Jahre hinweg in der Bundesliga etabliert haben und sie immer hitzig waren. Von daher ist es nicht schlecht, dass wir gegen Frankfurt spielen, auf der anderen Seite müssen wir jetzt alle Spiele gewinnen, egal gegen wen wir spielen würden.
Womensoccer: Was wird der Schlüssel zum Erfolg in Frankfurt sein?
Sarholz: Dieses Spiel wird über den Kampf und den Willen entschieden werden. Es wird darum gehen, zu 110 Prozent zu fighten und sich sprichwörtlich den Allerwertesten aufzureißen. Dann gehört sicherlich auch ein Quäntchen Glück dazu, aber das muss man auch erzwingen. Ich bin optimistisch.
Womensoccer: Und es wäre nicht das erste Mal in dieser Saison, dass Ihr Team Stehaufmännchen-Qualität beweist, wenn wir an das Spiel in Lyon denken.
Sarholz: Wir haben den Charakter, das Ruder noch einmal herumzureißen und es gibt für uns keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Platz 2 können wir noch aus eigener Kraft schaffen und selbst Platz 1 ist noch drin. Wolfsburg muss auch noch gegen Frankfurt spielen, die Nummer ist noch nicht durch. Ich erinnere mich gerne an die Saison 2008/09, wo wir mit einem Tor Unterschied gegen Bayern München Meister geworden sind. Daran hatte damals auch niemand geglaubt. Von daher ist alles möglich und es ist noch spannend und ich hoffe natürlich auf den bestmöglichen Ausgang.
Womensoccer: Helfen denn die Erinnerungen an Lyon?
Sarholz: Man kann das nicht vergleichen, weil es zwei verschiedene Spiele sind. Was vorher war, interessiert keinen mehr. Es ist schön, dass es damals geklappt hat und es war eine großartige Leistung, aber es ist ein neues Spiel. Man kann sicherlich das Positive daraus mitnehmen, aber zu sehr fokussieren sollte man sich darauf nicht.
Womensoccer: Inwieweit belasten die fehlenden Spielerinnen, beschäftigen Sie sich damit?
Sarholz: Natürlich ist es vor allem zu diesem Zeitpunkt der Saison alles andere als optimal, dass uns so viele Spielerinnen nicht zur Verfügung stehen. Aber das soll keine Ausrede sein. Wir trainieren alle zusammen, wir kennen uns lange und jede, die auf dem Platz steht, kann ihre Leistung abrufen und wird das auch zu 100 Prozent tun.
Womensoccer: Wäre es besonders ärgerlich, die Teilnahme an der Champions League zu verpassen, weil das Finale in der kommenden Saison im Berliner Olympiastadion stattfinden wird?
Sarholz: Das ist natürlich eine besondere Motivation, wenn das Finale hier vor der Tür stattfindet. Aber im Endeffekt ist es egal, Champions League ist Champions League, die will man immer spielen, ganz egal, wo das Finale stattfindet. Wichtig ist erst einmal, dass man es schafft, sich für diesen Wettbewerb zu qualifizieren, da braucht man noch nicht drüber nachzudenken, wo das Finale stattfindet.
Womensoccer: Es ist zu hören, dass einige Spielerinnen den Verein verlassen werden. Müssen wir uns um den 1. FFC Turbine Potsdam in der kommenden Saison Sorgen machen?
Sarholz: Ich vertraue Herrn Schröder, er hat es immer wieder geschafft, etwas aus dem Hut zu zaubern, selbst wenn keiner daran geglaubt hat. Er will Spielerinnen aus dem Nachwuchs hochziehen und wird sicherlich wieder ein Ass im Ärmel haben, womit er uns alle wieder einmal überraschen kann.