Thomas Wörle: „Uns fehlt noch Reife und Qualität“

Von am 3. September 2013 – 9.15 Uhr 28 Kommentare

Wenige Tage vor dem Start in die neue Saison der Frauen-Bundesliga spricht Bayern Münchens Trainer Thomas Wörle mit Womensoccer über seine Elf, das Auftaktspiel in Wolfsburg und die Saisonziele.

Womensoccer: Herr Wörle, in wenigen Tagen beginnt die neue Bundesligasaison, ist Ihr Team gerüstet?

Thomas Wörle: Wir sind soweit auf Kurs und haben in den vergangenen Wochen die Basis gelegt. Aber ich habe bereits die Erfahrung gemacht, dass Punktspiele in der Bundesliga eine ganz andere Sache sind. Jedes Testspiel ist zwar intensiv, aber man hat keinen Druck, es geht um keine Punkte und man hat nichts zu verlieren. Das ist in der Bundesliga ganz anders.

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Womensoccer: Nun wartet gleich zum Auftakt die vermeintlich schwerstmögliche aller Aufgaben. Es geht zum Tripelsieger VfL Wolfsburg. Ist das gut oder schlecht?

Wörle: Wir freuen uns auf das Spiel und sind hochmotiviert. Wir wissen, dass mit Wolfsburg die beste Mannschaft Europas auf uns zukommt, die sich noch einmal verstärkt hat, brutal gut aufgestellt und voller Selbstbewusstsein ist. Aber wir haben dort nichts zu verlieren. Wolfsburg ist haushoher Favorit, aber auch wir wissen um unsere Stärke. Letzte Saison waren wir zwar knapp dran [1:2-Niederlage], haben aber kein gutes Spiel gemacht. Wolfsburg war zudem damals schon ein bisschen platt. Aber wir haben eine kleine Chance, wenn wir ein perfektes Spiel machen, einen Glanztag erwischen und Wolfsburg vielleicht noch nicht ganz auf Topniveau ist. Eines ist klar: Wir dürfen uns nicht nur hinten reinstellen, sondern müssen sie auch beschäftigen.

Bayern-Trainer Thomas Wörle

Bayern-Trainer Thomas Wörle zählt sein Team nicht zu den Favoriten © Markus Juchem / Womensoccer.de

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Womensoccer: Wie schätzen Sie die Kräfteverhältnisse an der Spitze in der kommenden Saison ein?

Wörle: Manche zählen uns bereits zum Favoritenkreis, aber das ist natürlich absoluter Quatsch. Die Mannschaften, die letzte Saison oben standen, sind seit vielen Jahren dort. Wir waren Vierter und für uns ist es ein Prozess, ein bisschen näher zu kommen. In den Spielen gegen die Topteams haben wir gezeigt, welch unglaubliches Potenzial wir haben, aber uns fehlt die Konstanz und wir sind immer noch nicht die Mannschaft, die Spiele gegen etwas schwächere und defensivere Teams klar dominieren und in Serie gewinnen kann. Da fehlt uns Reife und auch noch Qualität. Im Vergleich zu Wolfsburg, Potsdam und Frankfurt haben wir auch bei weitem nicht die finanziellen Möglichkeiten. Dementsprechend sind auch die Kader aufgestellt. Wolfsburg und Frankfurt haben einen Wahnsinnskader, Potsdam ist auch gut aufgestellt. Deswegen glaube ich, dass wir zwar immer wieder jemanden ärgern können, aber über die gesamte Saison werden wir noch nicht unter den Top 3 landen können. Wenn wir die Saison wieder als Vierter abschließen, wäre es eine gute Saison.

Womensoccer: Fehlt zu mehr vor allem im Mittelfeld, im Kreativbereich noch Potenzial?

Wörle: Wir haben in den letzten zwei Jahren ja schon ohne Julia Simic auskommen müssen und haben das gut kompensiert, haben unseren eigenen Stil gefunden, ohne eigene Spielmacherin. Mit Sicherheit ist da etwas dran, wir arbeiten jetzt auch verstärkt mit Matthias [Novak; Kreativ-/Techniktrainer] an unserer Kreativität. Wir sind aber vor allem in der Breite nicht gut aufgestellt und unser Kader ist nicht allzu groß. Wir haben aktuell nur 14 gesunde Feldspielerinnen, mit Erika Tymrak, die am Donnerstag zu uns stößt, sind es dann 15.

Bayern-Trainer Thomas Wörle und Assistenztrainer Thorsten Zaunmüller

Bayern-Trainer Thomas Wörle und Assistenztrainer Thorsten Zaunmüller © Markus Juchem / Womensoccer.de

Womensoccer: Inwieweit können die neuen US-Spielerinnen in der kurzen Zeit weiterhelfen?

Wörle: Der Vertrag der beiden Spielerinnen läuft über vier Monate, aber danach müssen wir weiter sehen und Gespräche führen. Ich bin froh, dass wir im Fall von Katja Schroffenegger so kurzfristig in Bianca Henninger Ersatz gefunden haben. Das musste ja innerhalb von ein paar Tagen geschehen. Mit Erika stehen wir schon länger in Kontakt. Sie ist eine richtig gute Spielerin, aber man muss sehen, wie schnell sie sich bei uns nach der Profisaison in den USA einfinden wird. Wir brauchen definitiv Optionen, leider haben wir jetzt nochmal Verletzungssorgen hinzubekommen, die sich erst langfristig zerstreuen werden, wir sind wirklich sehr dünn besetzt. Allerdings haben wir uns auch sinnvoll verstärkt und die Mannschaft im Großen und Ganzen zusammengehalten.

Womensoccer: Erhoffen Sie sich durch den Umzug von Aschheim ins innerstädtische Grünwalder Stadion mehr Zuschauer?

Wörle: Das erste Spiel [am 14. September gegen den SC Freiburg] ist eingebettet in ein  Fanfest der Stadt München. So erhalten viele die Möglichkeit, sich so ein Spiel einmal anzuschauen. Wir werden uns zukünftig sicherlich einfacher tun, Zuschauer zu gewinnen, aber wir müssen sie mit unserer Spielweise auch einfangen und sie mit gutem Fußball bei der Stange halten. Aber ich freue mich auf das neue Stadion, ich habe zu meiner aktiven Zeit noch dort gespielt, es ist ganz toll dort.

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Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

28 Kommentare »

  • noworever sagt:

    was die einschätzungen des leistungsvermögen der bayern-ladies betrifft, befinde ich mich wohl in der illustren gesellschaft von @waiiy und @altwolf … die mit ihren aussagen, wie
    „Es ist die Fähigkeit, ein Spiel selbst zu machen und gegen einen tief stehenden Gegner, der nur das Spiel zerstören will, ordentlich Druck aufzubauen. Das ist auch der Grund, warum sie gegen die Favoriten immer gut aussehen. Dort müssen sie das Spiel nicht machen.“
    … es auf den knackpunkt bringen.

    hat eine mannschaft einfach eine bestimmte qualität, ist sie immer in der lage die sog. großen zu ärgern … und diese qualität hat dieses team definitiv. (das hat sie gezeigt)
    in der lage aber zu sein, ein spiel konsequent auf-&durchzuziehen, egal, ob es ein ‚großer‘ oder ‚kleiner‘ ist … das können nur ganz wenige … und nur die, die dies wirklich können … finden sich dann am ende auch ganz ganz vorne wieder.
    vielleicht gehören die bayern ja jetzt dazu … vielleicht … gezeigt haben sie es jedenfalls bis JETZT noch nicht (und deswegen waren sie auch (noch) nicht … ganz ganz vorne).

    träumereien aus dem reich der „hätte & wäre’s“ sind zwar legitim, aber letztenendes einfach nicht seriös und taugen höchstens um gewisse gähn-effekte zu provozieren …
    „Bad Neuenahr(?), Leverkusen, Duisburg, das sind alles Teams, die man schlagen muss, auch auswärts. Hätte man gegen diese Teams im letzten Jahr alle Spiele gewonnen, wäre man am Ende der Saison Meister gewesen. Soweit weg ist der Titel nicht.“
    sorry @sheldon, solch eine feststellung ist zwar in sich durchaus stimmig … andererseits, ist eine solche weisheit auf ein jedes team übertragbar … auf einen der sog. ‚großen‘, wie potsdam und frankfurt … als auch auf einen ‚mittleren‘ oder ‚kleinen‘ … der, z.b., „dann nicht abgestiegen wären …“hätte“ … „wäre“ … „nicht in dem EINEN spiel … in dem jeweiligen, alles entscheidenden moment … der pfosten, die latte (oder die fliege im auge) im weg gewesen“.

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  • Altwolf sagt:

    @Detlef.Gut möglich,daß sich die Kaderqualität von Bayern und TP auf ähnlichem Niveau bewegen und in den einzelnen Mannschaftsteilen bzw. in der individuellen Qualität nur um Nuancen unterscheiden.Es wäre daher schon interessant, ob sich die Spielweise der Bayuwarinnen gegen WOB und d.FFC wieder erfolgreich zeigt, denn wenn dem so sein sollte, könnte Turbine ja mal in München sein Spielkonzept ändern.Sich mal deutlich defensiver aufstellen und Bayern das Spiel gestalten lassen und entsprechend bei Balleroberung ein Konterspiel aufziehen und so München mit der eigenen Spielweise konfrontieren.
    WOB und d.1.FFC werden sich hierauf sicher nicht einlassen,da sie zu starke Einzelspielerinnen haben und gewohnt sind das Spiel von Beginn an zu gestalten.Aber B.Schröder könnte ich so eine Taktik schon mal zutrauen,wie er es in WOB auch schon hat spielen lassen.
    @noworever.Genau dieser Konjunktiv mit hätte,könnte,wenn und aber erhält uns unsere Diskussionen und Stellungnahmen und laut @Sheldon dem FC Bayern die Titelchance, die er eigentlich schon vergangene Saison „hätte“ holen können.

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  • noworever sagt:

    @Altwolf

    du sagst es … wenn wir nicht mehr träumen können, sähe oft alles viel trister aus. 🙁

    … dagegen sollte man die traum-deutung nicht allzu ernst nehmen. 😉

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  • Sheldon sagt:

    Ich frage mich, wieso hier alle ans Träumen denken. Wir geben Prognosen für die nächste Saison.
    Man könnte den Satz von oben auch anders formulieren: „Wenn es Bayern schafft, die Punkte gegen die kleinen Vereine zu holen, dann ist in dieser Saison alles drin.“

    Darum geht es doch, ob sie ihre Qualität gegen Teams wie Leverkusen und Duisburg abrufen können. Mannschaften wie Wolfsburg oder Frankfurt können sie dank ihrer starken Defensivbesetzung komplett aus dem Spiel nehmen.

    Außerdem haben sich alle Mannschaften deutlich sinnvoller verstärkt als Wolfsburg und werden auch im Vergleich zum letzten Jahr mit einem deutlich stärkeren Kader in die Liga starten.

    Wolfsburg hat mit Fischer und Schult nur zwei nennenswerte Neuzugänge geholt, die tatsächlich eine Verstärkung darstellen. Doch für Schult ist Vetterlein gegangen und damit wurde das Tor wahrscheinlich eher geschwächt. Außerdem haben sie mehrere Langzeitverletzte, so dass unter dem Strich ein Minus herauskommt.
    Potsdam hat dagegen mit Simic Hanebeck deutlich stärker ersetzt, zudem kehren mit Andonova, Elsig, Zietz und Wesely mehrere Spielerinnen zurück, die langzeitverletzt waren und vorher zum Stamm bei Potsdam gehörten.
    Bayern hat mit Bachor und Banecki nur zwei Ergänzungsspielerinnen verloren, hat mit Maier und Tymrak zwei Stammspielerinnen dazu bekommen. Zudem sind Baunach und Schöne fit, die letzte Saison beide lange Zeit verletzt waren und die Defensive weiter stärken werden.

    Ich wüsste also nicht, wieso nicht Potsdam und Bayern die Liga in diesem Jahr nicht so dominieren sollten wie es Wolfsburg im letzten Jahr getan hat.

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  • Tiberias sagt:

    Wow… was für ein Hin und Her an Kommentaren, aber alle sind sich m.o.w. einig: Den Bayern-Mädels ist in dieser Saison einiges zuzutrauen! Deshalb bleibe ich dabei: Sie sollen sich mehr trauen, sie müssen angreifen, und mit Thomas Wörle haben sie einen absolut fähigen Trainer dazu.
    Wenn ihnen Platz 3 oder gar mehr gelingt, bin ich sicher, haben sie den Beifall der ganzen Liga (auch, schluck, aus Potsdam). Wenn nicht – Wörle ist jung, sein Team ist jung und hat jede Menge Perspektive. Und vor allem Qualität!
    Wenn es doch wieder nur Platz 4 oder weniger werden sollte, bricht in München keine Welt zusammen. Das wissen alle.
    Wie viele Anläufe hat Potsdam gebraucht, um gesamtdeutscher Meister zu werden… das war auch kein Durchmarsch! Und damals gab es einen Bernd Schröder in Topform!

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  • Dummkopf sagt:

    @waiiy
    bei der WM fand ich deine Posts ja super, aber dieser?
    Na ja, ein bisschen.
    Auch für das Problem gegen tiefstehende Mannschaften und fehlende „Kreativität“ gilt doch, dass es für ALLE Mannschaften gilt, nicht nur für die Isar-Nixen.
    Wer genau bringt und was genau ist denn diese Kreativität? Ribery, Müller, Robben? Reus, Götze, Ronaldo, Bale? Den 10er gibt es nicht mehr. Oder Maroszan. Ist die nun „kreativ“ gut oder nicht? Kann man lange drüber streiten.

    Ich glaube eher, die Bayern haben hier ein Taktik-Problem. So ordentlich sie hinten organisiert sind, so wenig sieht das nach vorne geordnet aus.

    Eine tiefe Abwehr knackt man zB. mit lauffreudigen Spielern (wie Müller), oder klar angewiesenem Spiel über die Flügel (mit Ribery und Robben). Hagen hat den berühmten Bierdeckelradius, Lotzen läuft sehr viel, aber da unerfahren oft ineffektiv. Flügelspiel ist eher wie es halt gerade so kommt.

    Ich habe kein Spiel gegen die „Schwachen“ gesehen. Aber diese Mängel kommen schon gegen gute Gegner klar zum Vorschein. Hoffentlich liege ich für die Zukunft falsch.

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  • Aldur sagt:

    Sheldon sagt:
    „…zudem kehren mit Andonova, Elsig, Zietz und Wesely mehrere Spielerinnen zurück, die langzeitverletzt waren und vorher zum Stamm bei Potsdam gehörten.“

    Nach meiner Erinnerung hat sich Elsig ihren Kreuzbandriss in ihrem letzten Spiel für Leverkusen zugezogen. Wie soll sie denn vorher zum Stamm in Potsdam gehört haben?

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  • Sheldon sagt:

    @Aldur: Sie wurde als Stammspielerin verpflichtet und war designierte Nachfolgerin von Peter als Libero.

    @Tiberias: Ich selbst bin gerade bei jungen Mannschaften kein Freund von Saisonzielen und Prognosen. Eine Saison hat 22 Spiele. 22x die Möglichkeit, dass ein Spiel durch einen unberechtigten Elfmeter für den Gegner entschieden wird. 22x die Möglichkeit, durch einen dummen Zweikampf irgendeine wichtige Spielerin zu verlieren. 22x die Möglichkeit, zu gewinnen oder zu verlieren. Es kann viel, sehr viel passieren.
    Für junge Spielerinnen, die noch nicht unbedingt die Reife haben, mit solchen Situationen umzugehen, ist der Druck eines festen Saisonzieles, das auch von unbeeinflussbaren Faktoren mitabhängt, einfach sehr gefährlich.

    Es mag sein, dass für Bayern nicht die Welt untergeht, wenn es nur wieder Platz 7 oder 8 wird, auch wenn das Ziel höher war. Doch für manch eine Spielerin kann das einen tiefen, mentalen Knick geben, der ihr die Fähigkeit raubt, sich später vernünftig zu entwickeln.

    Gerade für solche Spielerinnen ist es wichtig, jedes Spiel neu zu denken. Das ist in einem absehbaren Zeitraum, da kann man sich voll darauf konzentrieren, da geht es erstmal bloß um 3 Punkte, das ist viel besser handhabbar.

    Und dann kann man ja auch gerne angreifen, aber sich bitte nicht von Zielen abhängig machen!

    @Dummkopf: Ich vermute stark, dass das Problem bei Bayern die fehlende Verbindung zwischen den Mannschaftsteilen sein wird. Das Verschieben funktioniert kaum. Taktische Überlegungen, nach denen sich beispielsweise einer der DMs zwischen die IVs zurückfallen lässt, während die AVs das Flügelspiel ankurbeln und die Flügelstürmerinnen unterstützen, die derweil stärker nach innen rücken und mit dem „6“er das Kreativspiel anregen, um dann die beiden Sturmspitzen zu bedienen, da fehlt es noch massiv dran.

    Doch mit Maier, Schöne, Tymrak und Lotzen hat und bekommt man nun einige Spielerinnen, die das bereits beherzigen und damit für Variabilität sorgen könnten. Insbesondere Tymrak könnte ein wichtiger Verbindungsfaktor zwischen Mittelfeld und Sturm sein, denn bis jetzt wirkte das System bei Bayern immer wie ein 4-2-4, wo zwischen den 2 MF und den 4 ST kaum Verbindung bestand.

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