Turbine Potsdam: Leaderin verzweifelt gesucht

Von am 26. April 2013 – 11.44 Uhr 26 Kommentare

Nach der dritten Auswärtsniederlage in Folge läuft der 1. FFC Turbine Potsdam Gefahr, in der kommenden Saison zum ersten Mal seit der Spielzeit 2008/09 nicht mehr in der UEFA Women’s Champions League vertreten zu sein. Dem Team fehlt es derzeit nicht nur an offensiver Durchschlagskraft, sondern auch an einer echten Führungsfigur.

0:2 in München, 0:1 in Essen, 0:1 in Frankfurt – die Chancen des 1. FFC Turbine Potsdam, in der kommenden Saison an der UEFA Women’s Champions League teilzunehmen, haben sich durch die letzten beiden Niederlagen innerhalb von drei Tagen bedeutend verschlechtert. Und das, obwohl der 1. FFC Frankfurt mit der Niederlage in Freiburg und dem Remis in Jena den Potsdamerinnen wie ein taumelnder Boxer eine Steilvorlage zum K.-o.-Schlag geliefert hatte. Doch die Potsdamerinnen hauchten dem kränkelnden Patienten vom Main mit der Niederlage in Essen neues Leben ein.

Ladehemmung im Sturm
„Frankfurt war schon tot, der Knackpunkt war das Spiel in Essen, dadurch sind wir ins Strudeln gekommen“, so Turbine-Trainer Bernd Schröder gegenüber Womensoccer. Ausgerechnet in den zwei Spielen, wo sein Team nicht auf Dritte angewiesen war, blieb das Team ohne Punkte. „Es ist auch eine Frage der Qualität, das muss man so sehen, auch wenn uns das nicht gefällt.“ Noch schlimmer als die Niederlagen wog die Tatsache, dass seine Elf in den Spielen keine Tore schoss. „Die Offensive funktioniert im Moment nicht, die Spielerinnen haben eine Ladehemmung.“

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Kein Aufbäumen
Dabei gab es sowohl in München, Essen und auch Frankfurt durchaus Momente, die Partie zum Positiven zu gestalten. „Der Unterschied ist, dass in Situationen, in denen es nicht läuft, kein nervlicher Ruck durch die Mannschaft geht.“ Bei der 0:1-Niederlage in Frankfurt steigerte sich Turbine zwar nach der blutleeren Vorstellung in Essen, doch auch der Gegner hatte mit dem Sieg gegen Duisburg drei Tage zuvor und dem dankbaren Potsdamer Ausrutscher in Essen den Hebel rechtzeitig vor dem Klassiker umgelegt.

Patricia Hanebeck

Fußballerisch top, aber keine Leaderin: Patricia Hanebeck © Herbert Heid / girlsplay.de

Team ohne Lautsprecher
In der derzeitigen Schwächephase gibt es keine Spielerin, die die Ärmel hochkrempelt, das Zepter in die Hand nimmt und ein Zeichen setzt. „Wir spielen gut, wenn alle gut spielen und die Mannschaft ist in ihrer Gesamtstruktur zu ruhig“, analysiert Schröder. Leaderin verzweifelt gesucht: „Wir haben in dieser Mannschaft keine“, sagt Schröder. Zwar gibt es hervorragende Akteurinnen, wie etwa Abwehrspielerin Steffi Draws, doch sie ist wie auch alle ausländischen Spielerinnen nicht der Typ, der die Mitspielerinnen wenn nötig zusammenstauchen und mitreißen kann. Stürmerin Genoveva Anonma wirkt blockiert, seit sie ihr selbst gestecktes Ziel, Torschützenkönigin zu werden, nicht mehr erreichen kann. Und Patricia Hanebeck hat zwar das fußballerische Vermögen, doch wenn es brennt, ist sie eine der ersten, die die Flügel hängen lässt.

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Simic und Wälti sollen für Kreativität sorgen
So ruhen die Hoffnungen schon jetzt darauf, dass Neuverpflichtung Julia Simic in der kommenden Saison diese Rolle im kreativen Mittelfeld für die zum SC 07 Bad Neuenahr wechselnde Hanebeck übernehmen kann, unterstützt von der Schweizer Nationalspielerin Lia Wälti, die auf wärmste Empfehlung von Martina Voss-Tecklenburg von Young Boys Bern nach Potsdam wechselt und die abwandernde Sara Doorsoun-Khajeh ersetzen soll, von der sich die Verantwortlichen ebenfalls mehr versprochen hatten. „Wälti ist zur Zeit das größte Talent, das die Schweiz zu bieten hat“, freut sich Schröder auf die Verstärkung.

Schwindender Erfolgshunger
Seit 2004 hat der 1. FFC Turbine Potsdam in 9 Jahren 17 Titel geholt, 6 Meistertitel, 3 DFB-Pokal-Sieg, 6 Hallenpokal-Titel und zweimal gar die europäische Krone gewonnen, so dass die Erwartungshaltung ins Unermessliche gestiegen ist. Nach zuletzt vier Meistertiteln in Folge ist es auch ein ganz normaler Prozess, dass die Spannung und auch der Erfolgshunger im Team ein wenig nachlassen. Ärgerlich ist dennoch, dass ausgerechnet in der entscheidenden Endphase der Meisterschaft der Startplatz in der Champions League womöglich verspielt wird, auch wenn die Bundesliga-Konkurrenz aus Wolfsburg und Frankfurt sicherlich über einen stärkeren Kader verfügt.

Pauline Bremer (Mi.) ist eine der großen Hoffnungen für die Zukunft © Sascha Pfeiler / girlsplay.de

Pauline Bremer (Mi.) ist eine der großen Hoffnungen für die Zukunft © Sascha Pfeiler / girlsplay.de

Hoffen auf Champions League
Denn mit den Neuverpflichtungen und den nach und nach aus der Reha zurückkehrenden Spielerinnen wie Jennifer Zietz oder Johanna Elsig sowie den noch in der Anpassung befindlichen Norwegerinnen, wie der jungen Ada Hegerberg oder der viel versprechenden Pauline Bremer, hat der 1. FFC Turbine Potsdam auch in der kommenden Saison einen Kader, der europäischen Ansprüchen genügt. „Wir werden eine gute Mannschaft haben, deswegen ist der zweite Platz wichtig.“

Mehr Spirit im Team
Zumal die Potsdamerinnen noch ein weiteres heißes Eisen im Feuer haben, denn eine noch junge, aber bereits erfahrene Spielerin aus den USA soll dem Team in Zukunft auch ein Quäntchen Fighting Spirit einhauchen. „Mit Amerikanerinnen haben wir gute Erfahrungen gemacht, die haben diese Power. Wenn wir so eine in der Mannschaft hätten, würde sie ganz anders funktionieren.“

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Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

26 Kommentare »

  • Detlef sagt:

    @Spielerfrau,
    Ist Schröder wirklich eine „unantastbare“ Person???
    Er selber fordert immer wieder eine Streitkultur, also muß er sich auch gefallen lassen, daß man ihn kritisiert!!!

    Ich weiß nicht so recht, ob sein 3-4-3 wirklich in die Mottenkiste gehört!!!
    Warum muß man denn unbedingt immer dem Mainstream folgen, wenn man auch mit einem anderen System Erfolg hat???
    Needle hat einen wichtigen Punkt angesprochen, als er die gute Chemie in WOB mit deren Erfolgswelle in Verbindung brachte!!!
    Erfolg macht bekanntlich nicht nur sexy, sondern er übertüncht auch viele kleinere- und einige größere Mankos im Team!!!
    Wer wüßte dies besser als wir TURBINE-Fans!!!

    Wenige Zentimeter entscheiden im Fußball über Sieg oder Niederlage!!!
    Und wenn AYOMA bei ihren beiden 100%-igen Chancen den Ball nur ein paar Zentimeter weiter rechts (bzw links) getroffen hätte, oder YUKIS Freistoß nur ein paar Zentimeter (vielleicht hätten da schon Millimeter gereicht) weiter links den Pfosten berührt hätte, oder ADA ein paar Zentimeter höher gesprungen wäre, um so besser hinter den Ball zu kommen, dann gäbe es die ganze Diskussion hier gar nicht!!!
    Alle hätten sich wieder auf Mainhatten gestürzt, und Sidi zum Teufel gewünscht, obwohl Frankfurt an diesem Tag seine wahrscheinlich beste Saisonleistung zeigte, wie mir einige Frankfurt-Fans nach dem Spiel sagten!!!
    Also wegen diesen wenigen fehlenden Zentimetern, muß man doch nicht gleich die Systemfrage stellen!!!

    Man kann immer Dinge verbessern, und da gäbe es beim noch amtierenden deutschen Meister sicherlich einige Baustellen!!!
    Und wenn man die ganze Vorgeschichte kennt, mit den ständigen Aderlässen und Neuformierungen seit Jahren, mit dem unfassbaren Verletzungspech in dieser Saison, usw, dafür hat Potsdam eine hervorragende Saison gespielt!!!
    Es kann also gar nicht so viel falsch gelaufen sein an der Havel!!!
    Und sie können sich selber dafür immer noch belohnen, wenn sie die restlichen Ligaspiele gewinnen, und in Köln den Pokal holen!!!

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  • Meta sagt:

    @ Sheldon: Britta ist vom Markt. Sie geht zur neuen Saison als „Nachwuchs-Chefin“ & Co-Trainerin zum VfL zurück.

    Im bin ich, was die zukünftige Rolle von Herrn Schröder angeht, eher für einen echten Cut. Entweder ganz oder gar nicht. Als Präsident wäre er immer eine Art „Schattentrainer“! So ähnlich wie SD in Frankfurt.

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  • balea sagt:

    In einem Interview – ich meine im TV, aber weiss nicht mehr wo, schon ein paar Monate her – hat Bernd Schröder sehr selbstkritisch erkärt, dass die Nachwuchsarbeit des Vereins in den letzten 2 Jahren schlecht gewesen sei. Bzw. sei sie schlecht gewesen, dass für etwa 2 Jahre keine grosse Verstärkung aus dem Nachwuchskader zu erwarten sei, anders als in der Vergangenheit. Er meinte, dass das Manko aber erkannt und abgestellt wurde. Bis aber aus dem eigenen Nachwuchs für die erste Mannschaft wirklich gute Talente nachkommen dauert es eben eine Weile.

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  • Sheldon sagt:

    @grammofon: Es geht nicht darum, was Schröder macht, sondern was er machen sollte. Professionell heißt eben auch Veränderung, wenn es nicht läuft.

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  • Antje sagt:

    Vor einem Jahr bekam ich hier im Forum eine fette Schelte und unzählige Daumen runter, als ich monierte, dass es in Potsdam keine selbsternannte Leitdame in Aktion gäbe. Lediglich Viola machte damals etwas Fantumulte, und Radau im Spiel und auf’m Platz, doch dies oft auch nur im Alleingang. Die anderen Spielerinnen wirkten verschüchtert und demotiviert, auch eine Babett oder Bianca – Anja sowieso.
    Nun wird hier festgestellt, dass eine Leaderin in Potsdam fehle, eine Macherin – ach was?
    Gab es die nach 2007 überhaupt? Seit den Weggängen von Pohlers, Hingst, Angerer und Co fehlt mE auch jede Persönlichkeit/Individualität im Stadion. Es ist lediglich ein Züngeln, mal hier mal da flammt es auf. Es ist ein Plätschern, oder wie ein Stückwerk aus kleineren und größeren Stars, Individualistinnen und Mitläuferinnen fighten auf’m Acker. Und immer fieber ich mit.
    Doch bei aller Liebe zu Potsdam – mir fehlt schon lange das Format und jeglich modernes Geschick, neben und auf’m Platz, um solch einen Haufen unterschiedlichen Alters und verschiedenster Kulturen zu inspirieren und zueinander zu führen.
    Da brüllt ein Bernd, die Teambetreuerin wütet sowieso mit, der Heini fässt sich an den Kopf und aufgebrachte Fans wissen, was die Schiedsrichterinnen längst hätten wissen sollen. Überall ist angespannte Stimmung, ach weh, und es werden erneut irgendwelche Ertwartungen nicht erfüllt.

    Nicht falsch verstehen: Ich liebe diese Heimspiele! Doch irgendwie ist der Drops gelutscht und ich frage mich, woran das liegen könnte.
    Vielleicht sollte sich das Turbineteam tatsächlich erst einmal finden, zusammen erwachsener und reifer werden. Doch eine Saison geht nur eine Saison, da kommen neue Spielerinnen und die liebgewonnenen gehen. So ist das wohl!

    Bei dem Geschick, das Schröder an den Tag legt, um neue Talente zu suchen und sie ins Team zu holen, muss doch in der Ausführung wesentlich mehr drin sein. Ich rede nicht von Titeln, sondern auch von schönem und leidenschaftlichem Fußball, von Spaß im Stadion, von echtem Kult.
    Bin ich die einzige, der das alles nur noch zu mechanisch vorkommt?
    Viele der Turbinespielerinnen (Yuki, Lisa, Anonma usw.) haben ein dermaßen beeindruckendes Ballverständnis und jede ihre eigene Athletik, da kann man doch nur staunen? Aber spielen sie zusammen, da fehlt ihnen oft der Zauber, das gewisse Etwas. Und immer will man glauben: Heute wird’s!

    Doch selbst wenn es mal gelingt, dass die Bälle für die Noch-Meisterinnen standesgemäß in die Kästen flutschen, fehlt der Erwartungserfüllung oft die Magie, der sogenannte Funke, der überspringen sollte, um neue Feuer zu entfachen.

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  • Schenschtschina Futbolista sagt:

    Obgleich mir der von Dir angesprochene und mit zahlreichen Daumen runter benotete Beitrag nichts sagt, gebe ich Dir für den obigen 30 sinnbildliche Daumen hoch, Antje!
    Auch wenn ich die Aussage „da brüllt ein Bernd“ als schon lange nicht mehr zutreffend, weil einer gehörigen Portion Resignation gewichen, einstufe.
    Ansonsten treffen alle Kritikpunkte auch meinen Nerv, stelle ich doch identische Defizite schon seit geraumer Zeit fest, wie auch das unerfüllte Wunschdenken, diese alten, guten und erfolgreichen Zeiten mögen nicht nur FF-Nostalgie bleiben!

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