Frankfurt aus allen Träumen gerissen

Von am 18. Mai 2012 – 14.59 Uhr 89 Kommentare

Vor drei Wochen tanzte der 1. FFC Frankfurt noch aussichtsreich auf allen drei Hochzeiten in Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions League. Doch nach drei Niederlagen in Folge steht der mit Nationalspielerinnen gespickte Kader mit leeren Händen und ohne Titel da, der Zutritt zur europäischen Bühne dürfte in der nächsten Saison verwehrt bleiben. Zu selten konnte die Frankfurter Weltauswahl ihr Potenzial ausschöpfen, auch verunsichert durch häufige Rotation.

Der Schlusspfiff im mit 50 212 Zuschauern prall gefüllten Münchner Olympiastadion war kaum ertönt, da verließ die groß gewachsene schwedische Stürmerin Jessica Landström als erste Spielerin den Ort der zerplatzten Frankfurter Titelträume und stapfte mit versteinerter Miene in Richtung Kabine. Ganze sieben Minuten lang hatte sie aktiv am Geschehen teilnehmen dürfen, eine zweijährige sportliche Leidenszeit seltener Beachtung fand einen neuerlichen Tiefpunkt. Dabei hätte der 1. FFC Frankfurt gegen die nicht immer sattelfest wirkende Lyoner Defensive eine wie sie gut gebrauchen können.

Keine Durchschlagskraft in der Offensive
Denn offensiv verbreitete der 1. FFC Frankfurt in den entscheidenden Spielen gegen die kompakten Abwehrreihen aus Potsdam, München und Lyon nicht gerade Angst und Schrecken. „Wir kommen nicht weiter als bis zum Strafraum“, analysierte Melanie Behringer, die mit dem von ihr verschuldeten Foulelfmeter und zwei ausgelassenen Großchancen zu einer tragischen Figur des Finales wurde, obwohl sie eine ihrer besseren Saisonleistungen zeigte.

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KL_Frankfurt_Trauer

Am Boden zerstört: Saki Kumagai (li.), Svenja Huth und Meike Weber © Karsten Lauer / girlsplay.de

Keine Automatismen
Dem eingespielten und kaum Schwachstellen aufweisenden Champions-League-Sieger Olympique Lyonnais reichte am Donnerstag eine durchschnittliche Leistung, um die Frankfurterinnen in Schach zu halten. „Es gab viele Automatismen, die bei uns nicht waren“, zollte Frankfurts Trainer Sven Kahlert dem Gegner Respekt. Bei seinem eigenen Team war hingegen wie schon oft in dieser Saison Sand im Getriebe. „Wir sind an unserer eigenen Abschlussschwäche und der individuellen Klasse von Lyon gescheitert.“

Baustelle Offensive
In der Abwehr ging die Integration neuer Spielerinnen wie Ria Percival oder Saki Kumagai zügig vonstatten, doch in der Offensive ist etwa die Abstimmung der Laufwege bis heute eine ungelöste Baustelle geblieben. So fällt der zuletzt von Verletzungen gebeutelten Fatmire Bajramaj nach wie vor die Umstellung schwer, ihr individuelles Können im Kollektiv und Spielsystem des 1. FFC Frankfurt zur Entfaltung zu bringen.

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Es fehlen die Persönlichkeiten
Das Karriereende von Birgit Prinz sowie die Abgänge von Ariane Hingst und Conny Pohlers ließen sich zudem schwerer als erwartet kompensieren. Auf dem Platz fehlt nach wie vor eine Führungsfigur, die in schwierigen Momenten wie dem 0:2-Rückstand im Finale die Ärmel hochkrempelt, das Spiel an sich reißt und für überraschende, kreative Impulse sorgt. Eine der zentralen Aufgaben der Zukunft wird es sein, aus den talentierten Spielerinnen Persönlichkeiten zu formen. „Das geht nicht von heute auf morgen“, sagt Kahlert.

Frauenfußball - Siegfried Dietrich und Sven Kahlert

FFC-Manager Dietrich stärkt Trainer Kahlert den Rücken © Sascha Pfeiler / girlsplay.de

Verunsicherung durch Rotation
Die häufige Rotation und der Einsatz von Spielerinnen auf verschiedenen Positionen haben das Team mehr verunsichert, als dazu beigetragen, dass das Team zu einer homogenen Einheit zusammenwächst.

Die verletzte Kapitänin Nadine Angerer meint: „Wenn ich Trainer wäre, würde ich eine gewisse Konstante bevorzugen.“ Selbst Kahlert räumt ein: „Vielleicht haben wir in manchen Spielen einen Tick zu viel rotiert.“

Da Mbabi auf der Wunschliste
Für die kommende Saison wird sich das Team weiter gezielt verstärken müssen, vor allem in der Offensive besteht Handlungsbedarf. Auf dem Wunschzettel ganz oben steht dabei Nationalstürmerin Célia Okoyino da Mbabi, deren Treueschwüre zum SC 07 Bad Neuenahr zuletzt an Intensität nachgelassen haben. Sie hat an der Ahr noch einen Vertrag bis zum 30. Juni 2013, der aber eine Ausstiegsklausel enthält.

Vertrauen in Kahlert
Und so wird Manager Siegfried Dietrich alles daran setzen, die Offensive mit ihr oder einer anderen europäischen Topstürmerin zu besetzen. Trotz der titellosen Saison sprach er seinem Trainerteam schon vor dem Champions-League-Finale das Vertrauen aus. „Es wäre eine Farce, wenn von einem Champions-League-Endspiel Schicksale abhängen.“ Der Erfolgsdruck auf Kahlert und sein Trainerteam werden jedoch wachsen, denn auch die Geduld Dietrichs und seiner Sponsoren wird nicht endlos sein.

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Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

89 Kommentare »

  • Sheldon sagt:

    @karl: Nur das damals Frankfurt noch halbwegs vernünftig trainiert wurde unter Monika Staab und/oder die zentralen Spielerinnen immer in anderen Klubs gespielt haben.

    @Doc: Ich bin mir sehr, sehr sicher, dass Schröder die Meisterschaft wieder als Ziel ausgeben wird. Es gilt ja zunächst einmal nur unbeschadet durch die Hinrunde zu kommen. Danach stoßen ja eine Menge Spielerinnen (auch schon im Verlauf der Hinrunde) zum Kader: Zietz, Elsig, de Ridder, Kemme, Wesely, Sarholz, …

    Und ich traue Schröder zu, aus 1+1 nicht nur 2, sondern 4-10 zu machen. Auch er wächst immer noch an seinen Herausforderungen.
    Er wird auch sicherlich nochmal nachrüsten. Eine Abwehrspielerin und eine Außenstürmerin dürften mit Sicherheit nicht kommen

    Und dann weiß ich nicht, was dann noch das Problem liegt:

    Naeher/Sarholz
    Doorsoun/Mirlach, Singer, Kemme
    Doorsoun/Mirlach/Cramer, Winters, Hanebeck, Göransson
    ???, Anonma, Nagasato

    Mit Naeher, Singer, Kemme, Hanebeck, Göransson, Anonma und Nagasato stehen immer noch 7 Stammspielerinnen dieser Spielzeit auf dem Platz. Und die sind ein wichtiges Gerüst.

    In der Abwehr würde ich Seifert, Wiegand oder Meister mal ausprobieren, vorne hat man mit Andonova, Kulis oder de Ridder doch genügend Auswahl! Ich sehe da keine Probleme 🙂

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  • FF.Freund sagt:

    Es kursieren das Gerüch im Japanischen Web und Medien, dass die Japanische Nationalspielerin Aya Sameshima wahrscheinlich nächste Saison bei einem Bundesligaklub anheuert. Ich bin Neugierig, welcher Vereint es sein wird?. Ich Persönlich tippe auf Potsdam.

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  • womensoccerfan sagt:

    @ff.freund: hat sie nicht erst im september einen 2-jahresvertrag bei montpellier unterschrieben?

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  • FF.Freund sagt:

    @wsf, es steht definitiv fest, dass sie MHSC verlässt. Aber sie bleibt in Europa. bis jetzt habe ich nur Gerüchte im zusammenhang mit Deutschland gehört, nicht schweden, England oder sonst wo.

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  • Sheldon sagt:

    Wie wäre es mit Duisburg? Da spielt ja schließlich noch ihre Teamkollegin Kozue Ando!
    Ist neben Potsdam meines Erachtens die einzige wirkliche Adresse, die in Frage kommt, da in beiden Vereinen eine Japanerin bereits vorhanden ist, beide Vereine noch eine Linksverteidigerin brauchen (im Gegensatz zu Frankfurt und Wolfsburg) und Sameshima schon zu einem Topklub wechseln wird!

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  • Ulf sagt:

    Bei Duisburg war schon vor 2 Jahren Iwashimizu zum Probetraining, aber die fiel wohl bei den damals herrschenden Gentlewomen durch.
    Sie ist ja auch nur die erfahrenste Nadeshiko-Verteidigerin neben Kinga.

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  • FF.Freund sagt:

    Im Bezug auf Kozue Ando, habe ich gelesen, dass sie wahrscheinlich nicht beim FCR verlängert. Es wurde aber auch geschrieben, dass sich ihr Vertrag beim FCR nach Ablauf automatisch verlängert, aber sowas habe ich auch zum ersten Mal gehört im Fußball.

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  • FF.Freund sagt:

    Die Viererkette Japans ist m.E. eines der besten zurzeit im FF. Als ganzes sind sie wenn nicht sogar die beste Viererkette der Welt. Als Einzelne gibt es auch nicht gerade viele gleichwertige Abwehrspielerinnen, um einige hier zu nennen Peter und Bartusiak von Deutschland, Bombastor und Renard aus Frankreich. Iwashimizu, die ist so Erfahren und abgebrüht, wie kann man die nur ablehnen?.

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  • Chefchen sagt:

    @FF.Freund

    was soll das sinnfreie Gerede über Duisburg und die Welt im Thread in dem es um Frankfurt geht ?

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