Frankfurt aus allen Träumen gerissen

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Vor drei Wochen tanzte der 1. FFC Frankfurt noch aussichtsreich auf allen drei Hochzeiten in Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions League. Doch nach drei Niederlagen in Folge steht der mit Nationalspielerinnen gespickte Kader mit leeren Händen und ohne Titel da, der Zutritt zur europäischen Bühne dürfte in der nächsten Saison verwehrt bleiben. Zu selten konnte die Frankfurter Weltauswahl ihr Potenzial ausschöpfen, auch verunsichert durch häufige Rotation.

Der Schlusspfiff im mit 50 212 Zuschauern prall gefüllten Münchner Olympiastadion war kaum ertönt, da verließ die groß gewachsene schwedische Stürmerin Jessica Landström als erste Spielerin den Ort der zerplatzten Frankfurter Titelträume und stapfte mit versteinerter Miene in Richtung Kabine. Ganze sieben Minuten lang hatte sie aktiv am Geschehen teilnehmen dürfen, eine zweijährige sportliche Leidenszeit seltener Beachtung fand einen neuerlichen Tiefpunkt. Dabei hätte der 1. FFC Frankfurt gegen die nicht immer sattelfest wirkende Lyoner Defensive eine wie sie gut gebrauchen können.

Keine Durchschlagskraft in der Offensive
Denn offensiv verbreitete der 1. FFC Frankfurt in den entscheidenden Spielen gegen die kompakten Abwehrreihen aus Potsdam, München und Lyon nicht gerade Angst und Schrecken. „Wir kommen nicht weiter als bis zum Strafraum“, analysierte Melanie Behringer, die mit dem von ihr verschuldeten Foulelfmeter und zwei ausgelassenen Großchancen zu einer tragischen Figur des Finales wurde, obwohl sie eine ihrer besseren Saisonleistungen zeigte.

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Am Boden zerstört: Saki Kumagai (li.), Svenja Huth und Meike Weber © Karsten Lauer / girlsplay.de

Keine Automatismen
Dem eingespielten und kaum Schwachstellen aufweisenden Champions-League-Sieger Olympique Lyonnais reichte am Donnerstag eine durchschnittliche Leistung, um die Frankfurterinnen in Schach zu halten. „Es gab viele Automatismen, die bei uns nicht waren“, zollte Frankfurts Trainer Sven Kahlert dem Gegner Respekt. Bei seinem eigenen Team war hingegen wie schon oft in dieser Saison Sand im Getriebe. „Wir sind an unserer eigenen Abschlussschwäche und der individuellen Klasse von Lyon gescheitert.“

Baustelle Offensive
In der Abwehr ging die Integration neuer Spielerinnen wie Ria Percival oder Saki Kumagai zügig vonstatten, doch in der Offensive ist etwa die Abstimmung der Laufwege bis heute eine ungelöste Baustelle geblieben. So fällt der zuletzt von Verletzungen gebeutelten Fatmire Bajramaj nach wie vor die Umstellung schwer, ihr individuelles Können im Kollektiv und Spielsystem des 1. FFC Frankfurt zur Entfaltung zu bringen.

Es fehlen die Persönlichkeiten
Das Karriereende von Birgit Prinz sowie die Abgänge von Ariane Hingst und Conny Pohlers ließen sich zudem schwerer als erwartet kompensieren. Auf dem Platz fehlt nach wie vor eine Führungsfigur, die in schwierigen Momenten wie dem 0:2-Rückstand im Finale die Ärmel hochkrempelt, das Spiel an sich reißt und für überraschende, kreative Impulse sorgt. Eine der zentralen Aufgaben der Zukunft wird es sein, aus den talentierten Spielerinnen Persönlichkeiten zu formen. „Das geht nicht von heute auf morgen“, sagt Kahlert.

Frauenfußball - Siegfried Dietrich und Sven Kahlert
FFC-Manager Dietrich stärkt Trainer Kahlert den Rücken © Sascha Pfeiler / girlsplay.de

Verunsicherung durch Rotation
Die häufige Rotation und der Einsatz von Spielerinnen auf verschiedenen Positionen haben das Team mehr verunsichert, als dazu beigetragen, dass das Team zu einer homogenen Einheit zusammenwächst.

Die verletzte Kapitänin Nadine Angerer meint: „Wenn ich Trainer wäre, würde ich eine gewisse Konstante bevorzugen.“ Selbst Kahlert räumt ein: „Vielleicht haben wir in manchen Spielen einen Tick zu viel rotiert.“

Da Mbabi auf der Wunschliste
Für die kommende Saison wird sich das Team weiter gezielt verstärken müssen, vor allem in der Offensive besteht Handlungsbedarf. Auf dem Wunschzettel ganz oben steht dabei Nationalstürmerin Célia Okoyino da Mbabi, deren Treueschwüre zum SC 07 Bad Neuenahr zuletzt an Intensität nachgelassen haben. Sie hat an der Ahr noch einen Vertrag bis zum 30. Juni 2013, der aber eine Ausstiegsklausel enthält.

Vertrauen in Kahlert
Und so wird Manager Siegfried Dietrich alles daran setzen, die Offensive mit ihr oder einer anderen europäischen Topstürmerin zu besetzen. Trotz der titellosen Saison sprach er seinem Trainerteam schon vor dem Champions-League-Finale das Vertrauen aus. „Es wäre eine Farce, wenn von einem Champions-League-Endspiel Schicksale abhängen.“ Der Erfolgsdruck auf Kahlert und sein Trainerteam werden jedoch wachsen, denn auch die Geduld Dietrichs und seiner Sponsoren wird nicht endlos sein.

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Alexander Heer
Alexander Heer

Das die Frankfurterinnen ihren Traum leben wollten, war im Spiel leider nicht wirklich anzumerken. Sicher fielen die Tore durch zwei letztlich dumme individuelle Fehler, ebenso, wie eigene Chancen leichtfertig vergeben wurden. Aber im Gesamteindruck wirkte Lyon stets gefährlicher, willensstärker. Vor allem aber zweikampfbereiter und – stärker. Und was eklatant auffiel, war der technische Unterschied zwischen den Frankfurterinnen und Lyon.

Schenschtschina Futbolista
Schenschtschina Futbolista

Da Mbabi nach Frankfurt und damit wie der Rest ein Jahr internationale Abstinenz auf sich nehmen? – Nein, danke! (sollte ihre Antwort lauten!)
Genauso ver- bzw. weggeschenktes Jahr, wie für Peter und Schmidt, aber auch Laudehr.

gerd karl
gerd karl

kahlert
ist das problem, wie im bericht zu lesen war hätte eine stürmerin, eine
stürmerin, was sagt kahlert, er spielt nicht gerne mit einer stürmerin,
wie landström helfen können.
zu spät, nicht die spielerinnen sind auf die knochen blamiert, sondern
der trainer, der kein system, keine taktik und wahrscheinlich noch nie
gehört hat das man stürmerinnen einsetzen kann damit sie tore schiessen.
cherno, maro, bajramaj, huth, landström und thunebro alles spitzen
spielerinnen, ja man könnte sagen weltklasse spielerinnen, wenn sie denn
richtigen trainer hätten.
herr dietrich, rufen sie caroline morace an, das wäre ein coup der neue
kräfte freisetzen würde.

Sylvijaaa
Sylvijaaa

Was soll das für eine „Frankfurter Weltauswahl“ sein?
Mit der Ersatztorhüterin und ohne Stürmerin. Dazu ist wohl einigen entgangen, dass gestern genau 2 Stammspielerinnen der Nationalmannschaft auf dem Platz waren.
Und wie man Behringer eine „bessere“ Leistung attestieren kann, nachdem sie das Spiel fast im Alleingang verloren hat, bleibt wahrscheinlich nur mir unverständlich.
Gegen Bayern war Frankfurt einfach nur schlecht, aber gestern hat man aufgrund zweier fürchterlicher individueller Fehler verloren.

Richard Murray
Richard Murray

I disagree with the coach, on the pitch MArozsan was the leader, for me. The problem with Frankfurt was the absence of Bajramaj. Whenever Kumagai or MArozsan got the ball they only had each other as outlets. The individual pace of OL’s players took Weber out of the game, took the older Garefrekes out, took the less mobile Behringer out. I was angry with the coach for not starting Crnogorcevic. He should have for no other reason than OL have the strongest midfield. As we learned from Barca against Chelsea. When you have someone who can hold the ball up… Weiterlesen »

Caslaks
Caslaks

Der 1.FFC Frankfurt hat genug große Namen auf der Liste stehen um, rein theoretisch, den Weltmeistertitel holen zu können. Andere Teams wie zum Beispiel Duisburg, auch gebeutelt von hundert Verletzungen diese Saison haben es dennoch geschafft sich irgendwie durchzumogeln. Und dass obwohl sie nobodys auf der Bank haben. Zudem noch oft Mädchen aus der 2. oder der U17 Mannschaft in den Kader stellen mussten, weil sie sonst keine Spielerinnen mehr hatten. Der 1.FFC Frankfurt hat dieses Problem nicht. Selbst deren Bank kann eine eigenständige erstklassige Mannschaft stellen. Und trotzdem läuft es schief.

Caslaks
Caslaks

Zudem möchte ich hinzufügen, dass Lyon nicht einmal 50% ihres Könnens abgerufen haben. Ohne Mühe und Not haben sie dieses Spiel gewonnen. Ich verstehe keinen Trainer, der gegen eine Mannschaft wie Lyon auf eine Stürmerin in der Startaufstellung verzichten kann. Absoluter Nonsens und für mich sogar der Spielentscheidende Fehler.

Pauline
Pauline

was soll all das Geschwätz von Trainer und so weiter…
hier wurde den Spielerinnen deutlich ihre Leistungsdefizite aufgezeigt es reicht nicht nur drippeln… um dann den Ball wieder zu verlieren oder ein strafer Schuss… Athletik fehlt …. und der rechtzeitigen Absprung wird auch verpasst…

hanah
hanah

@ Richard Murray: Ich gebe dir recht dass das Fehlen von Bajramaj die Offensive sehr schwecht, da sie eine wichtige offensiv spielerinnen mit vielen Ideen ist aber sie würde besser nach Duisburg passen!!!:)

Richard Murray
Richard Murray

@Hanah :Danke, Bajramaj sollte verlassen Frankfurt?

Herr Schulze
Herr Schulze

Der FFC entpuppt sich immer mehr als ein Privatunternehmen denn als ein Verein, weswegen es immer mir immer schwerer fällt die vorhandene Sympathie beizubehalten. Dass ich nun auch Herrn Dietrich selbst im Fernsehen hören durfte, ist meine Hoffnug auf Besserung ziemlich geschrumpft. Ich bin empört, wie selbstgefällig der Frankfurter Mißerfolgstrainer nach den Rekordniederlagenserien noch immer agiert (und agieren darf), die mutmaßlich ja noch nicht abgeschlossen ist. Statt von „Automatismen“ bei Lyon zu reden, die der FFC nicht drauf hätte, sollte jemand, auf den er hört, ihm doch mal verraten, dass es sich dabei lediglich um ein präzises Passspiel handelt und… Weiterlesen »

waiiy
waiiy

Celia zu Frankfurt? Das passt prima: da Kahlert gern ohne Stürmerin spielt, kann sie dann auf der Bank mit Crno und Lira (die ja als Offensivkraft auch kaum Chancen hat) Skat spielen. 🙂

Außerdem sichert sich Frankfurt so, dass man vor Bad Neuenahr bleibt, weil man sie geschwächt hat. Und Celia spielt genauso weiter ohne internationales Geschäft wie jetzt. Da braucht sie sich nicht umstellen. 🙂

waiiy

Jennifer
Jennifer

Seit ich denken kann interessiere ich mich schon für Frauenfussball und habe früher selber gespielt. Aber allein die Tatsache, dass ein Trainer versucht ohne Stürmerinnen ein Finale zu gewinnen, das ist seit dieser Saison auch für mich neu. Zumal da jetzt auch nicht „irgendwer“ auf der Bank sitzt sondern die Nationalspielerinnen der Schweiz und Schweden. *Kopfschüttel* Kahlert ist es in der gesamten Saison nicht gelungen aus individuell starken Spielerinnen ein Team zu formen. Den einzelnen Spielerinnen Selbstvertrauen zu geben und sie zu bestätigen, kann er ebenfalls nicht. Warum er jetzt eine Jobgarantie bekommen hat kann ich beim besten Willen nicht… Weiterlesen »

karl
karl

Celia wuerde wirklich sehr gut zu Frankfurt passen. Harmoniert sehr gut mit Bajramaj und Behringer, da fehlt dann nur noch Anja Mittag und Frankfurt haette sich fuer die naechste Saison ideal verstaerkt. Aber wie Waiiy schon treffend bemerkt hat nuetzt es nichts wenn die dann auf der Bank Skat spielen. Aber Spass mal beiseite : Dass Frankfurt von einer Verpflichtung von Celia profitieren wuerde ist klar. Die brauchen dringend einen excellenten Ersatz fuer Prinz und Pohlers , aber was haette denn Celia davon? Da faellt mir nicht viel dazu ein….

mas
mas

@ karl
Was Celia davon hätte ist doch klar: So dringend wie der ffc sie braucht, wird ihr mind. 2000€ im Monat mehr angeboten als Bajramaj verdiehnt 🙂

Zur Ausstiegsklausel: Was steht denn da drin?

Mika
Mika

Ich habe hier wohl was verpasst. Warum reden alle davon, dass Celia nach Frankfurt geht? Gibt es dazu etwa ernsthafte Gerüchte?

hopkins
hopkins

Warum sollte Celia nach Frankfurt wechseln? Bei diesem Trainer bleibt ihr nur die Ersatzbank.

mas
mas

@Mika
wenn man sie so reden hört – z.B. war sie zusammen mit einem Manager? von Mainz im WDR oder SWR in einer Sportsendung zu sehen – deutet einiges auf einen Wechsel hin.

wrack
wrack

Es gibt mehrere klare Aussagen von Celia Okoyino da Mbabi aus jüngster Zeit, dass sie zur neuen Saison nicht wechseln wird.

NaviDrH
NaviDrH

@ mas – hier ist der Link zum genannten Sendungsausschnitt („Flutlicht“ im SWR Regionalfernsehen Rheinland-Pfalz vom 06.05.2012) mit Celia und dem Manager vom FSV Mainz 05 Christian Heidel.

Also man kann bestimmt jedes Wort anders interpretieren, aber aus dem Interview irgendwelche Wechselabsichten herauszuhören erschliesst sich mir nicht.