Megan Rapinoe: Amerika hat eine neue Heldin

Von am 12. Juli 2011 – 15.18 Uhr 5 Kommentare

„Um einen großen Namen in der Szene zu bekommen, muss man bei einer Weltmeisterschaft etwas Besonderes leisten“, sagte mir Megan Rapinoe nur wenige Tage vor der Frauen-WM im Trainingslager in Österreich. Eine Frau, ein Wort: Gegen Brasilien schlug sie eine traumhafte Flanke, die den Weg ins Halbfinale ebnete und schon jetzt ein Stück Frauenfußball-Geschichte ist.

121 Minuten und 16 Sekunden waren im Viertelfinale in Dresden gespielt, die USA standen mit dem Rücken zur Wand, spielten in Unterzahl und hatten das Turnier-Aus vor Augen.

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„Pinoe“ schlägt Flanke ihres Lebens
Doch dann sah „Pinoe“ am linken Flügel, wie Abby Wambach an der Strafraumgrenze den Arm hob und sie zirkelte eine perfekte Flanke auf den Kopf der US-Stürmerin, die zum 2:2 ausglich und den K.o. Brasiliens einleitete. „Das war die bisher beste Aktion des Turniers“, so Wambach voller Bewunderung. Und Rapinoe freute sich: „Ich glaube, ich habe mit meinem linken Fuß noch nie so eine gute Flanke geschlagen.“ Für die 26-Jährige war die Torvorlage der vorläufige Höhepunkt eines steinigen Wegs, den sie in ihrer Karriere zurückzulegen hatte.

Frühes Karriereende drohte
Denn 2006 und 2007 drohte der Mittelfeldspielerin nach zwei Kreuzbandrissen das vorzeitige Karriereende. „Das war für mich die schwierigste Zeit, zwei Jahre nicht Fußball spielen zu können“, so Rapinoe im Gespräch mit Womensoccer. Doch sie kämpfte sich zurück und zog eine ganze Menge Lebensweisheit aus dieser kritischen Phase. „Das hat mich Geduld, Demut und echte Stärke gelehrt. Diese ‚schlechten‘ Jahre haben mich nach Deutschland gebracht.“ Und seitdem sie verletzungsfrei ist, hat sie sich zu einer der wertvollsten Spielerinnen im Team USA gemausert. Bis zur WM sah es so aus, also ob sie einen Stammplatz im Team von Trainerin Pia Sundhage sicher haben würde.

„Born in the USA“
Doch die setzte zunächst überraschend auf Rapinoes angestammten Position im linken Mittelfeld auf Lauren Cheney. „Natürlich will jede von Beginn an spielen“, sagt die ehrgeizige Kalifornierin, die sich dennoch klaglos mit ihrer Rolle abgefunden hat. Doch bereits beim 3:0-Sieg gegen Kolumbien bewies sie, dass sie auch als Einwechselspielerin wertvoll ist. Nur fünf Minuten, nachdem sie gegen Kolumbien ins Spiel gebracht worden war, erzielte sie den sehenswerten Treffer zum 2:0, der zweitschnellste einer Einwechselspielerin, der je bei einer WM erzielt wurde. Ihrer Freude verlieh sie spontan Ausdruck, indem sie am Spielfeldrand ein Mikrofon ergriff und den Refrain des patriotischen Bruce-Springsteen-Klassikers „Born in the USA“ ansang.

Lauren Cheney und Megan Rapinoe

Megan Rapinoe (re.) schlug gegen Brasilien die Flanke ihres Lebens © Zetbo / Framba.de

Neuer Look
Dass sie auf dem Rasen aufzufallen weiß, hat aber auch noch einen anderen Grund, die auffällige Frisur und das blondierte Haar. „Vor ein paar Monaten hatte ich noch braune Haare“, lacht sie. „Ich wollte einfach etwas verändern. Meine Teamkolleginnen meinten am Anfang nur ‚Oh mein Gott‘, aber inzwischen haben sie sich daran gewöhnt.“ Doch nach dem Turnier will sie wieder zur gewohnten Farbe zurückkehren. „Das ist überhaupt nicht pflegeleicht, es wächst schnell heraus und ist ungesund für die Haare.“

Unterhaltung ist Teil des Spiels
Nicht nur neben, sondern auch auf dem Rasen gehört sie zu den ganz besonderen Persönlichkeiten. „Ich bin so ein Typ, der auf dem Platz gerne kreativ ist und sich mit den anderen Spielerinnen verbindet“, beschreibt sie ihren ureigenen Stil, der sich ganz dem freien Fluss des Spiels verschreibt. „Ich mag es, wenn es einen guten Rhythmus gibt und man ein gutes Gefühl hat, miteinander verbunden zu sein. Ich versuche auch so zu spielen, dass mir Leute gerne zusehen, denn die Unterhaltung ist ein Teil des Spiels.“

Opa John hat Tränen in den Augen
Im Halbfinale gegen Frankreich (Mittwoch ab 18 Uhr live im ZDF) wird wieder die gesamte Familie mitzittern. Mutter Denise wird ihre Tochter im Stadion anfeuern, Vater Jim flog nach der Vorrunde nach Hause ins kalifornische Redding zurück. Seit der „Flanke“, die er am heimischen TV sah, steht das Telefon nicht mehr still, die Emotionen kochen über. Und „Pinoes“ Opa John standen gar die Tränen in den Augen. „Wir sind wirklich stolz auf sie.“

Mach’s noch einmal, Pinoe
Doch Rapinoe will mit ihrem Team für weitere Highlights sorgen. „Mit Abby im Sturmzentrum haben wir so eine dominierende Spielerin, eine echte Waffe. Wir müssen einfach über die Flügel spielen und den Ball zu ihr flanken, dann haben wir immer Optionen.“ Und vielleicht bietet sich dann im Turnier noch einmal die Gelegenheit, das Mikro zu ergreifen. Einen Song-Vorschlag hätten wir schon: „Oops!.. I did it again“ von Britney Spears.

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Markus Juchem (51) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

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