Dramatik pur bei US-Sieg gegen Brasilien

Von am 10. Juli 2011 – 20.20 Uhr 45 Kommentare

Dresden- Der Weltranglistenerste USA steht nach einem dramatischen Viertelfinale im Halbfinale der Frauen-WM. In Unterzahl rettete Abby Wambach die Amerikanerinnen in der Nachspielzeit der Verlängerung ins Elfmeterschießen, in dem Ally Krieger den entscheidenden Elfmeter verwandelte.

Beim 7:5 (2:2, 1:1, 0:1)-Sieg nach Elfmeterschießen gingen die Amerikanerinnen zwar durch ein Eigentor von Daiane (2.) früh in Führung, doch Martas verwandelter Foulelfmeter (68.) und ein weiterer Treffer der Weltfußballerin zu Beginn der Nachspielzeit (92.) schienen die Partie zugunsten der Brasilianerinnen zu drehen. Doch Abby Wambach gelang per Kopf in der 121. Minute der Ausgleich, im Elfmeterschießen trafen dann alle Amerikanerinnen, während Daiane zur tragischen Heldin wurde, da sie als Einzige nicht vom Punkt traf.

Marta gefasst, Wambach begeistert
Marta nahm das WM-Aus mit Fassung: „Wir haben uns nichts vorzuwerfen, uns hat in der regulären Spielzeit hier kein Gegner bezwungen und zu einem Aus im Elfmeterschießen gehört auch immer Pech.“ Für Abby Wambach gehört die Partie „schon jetzt zu den Top 3“ ihrer Karriere. „Wenn wir Weltmeister werden, wird das vielleicht sogar mein Top-1-Spiel“, erklärte sie nach der Partie.

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Die Partie begann mit einem Paukenschlag: Nicht einmal zwei Minuten waren gespielt, da schlug Shannon Boxx eine scharfe Hereingabe von links hinein, der Klärungsversuch von Brasiliens Verteidigerin Daiane landete im eigenen Netz zur 1:0-Führung der USA – das bisher schnellste Tor der Frauen-WM in Deutschland.

Starker US-Beginn
Brasilien musste sich erst einmal sammeln, die USA hätten daraus fast Kapital geschlagen, als Brasiliens Torhüterin Andreia einen Freistoß von US-Kapitänin Christie Rampone nur knapp vor Abby Wambach zur Ecke klärte (12.) und Amy LePeilbet nach Fehler von Cristiane das Gehäuse nur knapp verfehlte (17.).

Marta kommt ins Rollen
Doch der Südamerikameister fand nach und nach besser in die Partie, eine Aline-Kopfball sorgte für ein erstes Ausrufezeichen, nachdem Hope Solo an einer Ecke von Marta vorbeigegriffen hatte (22.). Die fünffache Weltfußballerin leistete sich kurz darauf ein packendes Laufduell mit der 36-jährigen Rampone, konnte diese aber nicht entscheidend abhängen und verzog übers Tor (23.).

Latte rettet Solo
Die USA zeigten die reifere Spielanlage, doch die Brasilianerinnen deuteten immer häufiger ihre individuelle Klasse an. So ging ein Formiga-Schuss übers Tor (27.), Solo hielt einen Versuch von Cristiane aus 20 Metern sicher (36.). Zwei Minuten später sah die US-Keeperin nicht gut aus, als sie einen Heber von Fabiana unterschätzte, doch die Latte kam ihr zu Hilfe (38.). Die letzte Chance der ersten Halbzeit gehörte aber den Amerikanerinnen, Boxx‘ Schuss aus 16 Metern wurde aber sichere Beute von Andreia (43.).

Lloyd köpft an die Latte
Die zweite Halbzeit begann verhalten, doch nach einer Stunde änderte sich dies, als Christiane mit einem schönen Schuss Solo zu einer Parade zwang (60.). Doch die Amerikanerinnen kamen einem zweiten Treffer nahe, als Carli Lloyd nach Freistoß der eingewechselten Megan Rapinoe einen Kopfball an die Latte setzte (63.).

Fragwürdige Entscheidungen
Zwei Minuten später überschlugen sich die Ereignisse, Marta düpierte im Strafraum Rampone und Rachel Buehler, Schiedsrichterin Jacqui Melksham zeigte Buehler für das anschließende Foul an Marta eine harte Rote Karte und entschied auf Elfmeter. Den hielt Solo gegen Cristiane nur scheinbar, denn Melksham ließ den Elfmeter wiederholen, diesmal trat Marta an und verwandelte zum 1:1 (68.). Brasilien witterte mit personeller Überzahl nun Morgenluft, doch die Amerikanerinnen hielten dagegen, so dass es in die Verlängerung ging.

Christie Rampone und Marta

Laufduell der beiden besten Spielerinnen auf dem Platz: Christie Rampone (li.) und Marta © Zetbo / Framba.de

Martas Schuss ins Glück
Die Nachspielzeit war kaum angepfiffen, da hob Maurine eine Flanke unweit der Eckfahne nach innen, Marta traf den Ball zentral zwar nicht richtig, doch via Innenpfosten landete der Ball zur 2:1-Führung im Netz (92.). Doch die US-Spielerinnen bissen auf die Zähne, Andreia drehte einen Wambach-Schuss mit den Fingerspitzen in Weltklassemanier um den Pfosten (98.). Auf der Gegenseite zeichnete sich Solo bei einer Ecke von Marta aus (101.).

Wambach gleicht in Schlusssekunden aus
In der zweiten Halbzeit der Verlängerung ergriffen die USA trotz Unterzahl noch einmal die Initiative. Mit lauten „Come-On-Rufen“ trieb Wambach ihre Mitspielerinnen noch einmal an, die Fans waren auf Seiten der Amerikanerinnen, nachdem Erika eine Verletzung vortäuschte und dafür Gelb sah (117.). Carli Lloyd versuchte es noch einmal mit einem Schuss von der Strafraumgrenze (120.), doch die Zeit lief den Amerikanerinnen davon. Doch dann schlug Rapinoe eine Maßflanke in den Strafraum, Wambach nickte zum viel umjubelten Ausgleich ein (120.+2). Das Spiel nahm endgültig eine Wendung, die das kitschigste Hollywood-Drehbuch nicht hätte besser schreiben können.

Daiane wird zur tragischen Heldin
Doch noch war nicht Schluss, Solo musste noch einmal gegen Marta klären (120.+3), bevor es ins Elfmeterschießen ging, in dem Daiane nach ihrem Eigentor zur tragischen Heldin wurde, da sie als einzige ihren Elfmeter verschoss, Solo hingegen nach ihrer bitteren Ausbootung vor vier Jahren zur Matchwinnerin aufstieg.

Elfmeterschießen

1:0 Boxx
1:1 Cristiane
2:1 Lloyd
2:2 Marta
3:2 Wambach
3:2 Daiane verschießt
4:2 Rapinoe
4:3 Erika
5:3 Krieger

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Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

45 Kommentare »

  • Mika sagt:

    Die arme Schiedsrichterin hat bei dem Spiel wirklich alles falsch gemacht. Angefangen hat es mit einigen pingeligen gelben Karten für Brasilien. Dann der wiederholte Elfmeter und die sehr harte rote Karte. Danach wusste sie selbst, dass sie versagt hatte und hat unter Druck noch einige dumme Fehler gemacht.

    Schade, denn die Schiedsrichterin hat dadurch ein sehr schönes Spiel kaputt gemacht. Erstaunlich, dass die Amerikanerinnen trotz Unterzahl noch so gekämpft haben, und dadurch das Spiel einigermaßen gerettet haben.

    @XQ: Die Amerikanerinnen waren für mich trotz Unterzahl über 120 Minuten die weit gefährlichere Mannschaft. Und das gegen Brasilien! Ein durchaus verdienter Sieg.

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  • Eurycantha sagt:

    @Daniela & Markus,

    Soweit ich das gesehen habe, bekam Solo die Gelbe Karte wegen Meckerns, dass der Elfer wiederholt wird.

    Stimmt!

    Sie darf sich ja bewegen beim Elfer, sie muss nur auf der Linie bleiben.

    Stimmt auch!

    Vielleicht erinnert euch Bianca Henninger (Torfrau USA) im Elfmeterschiessen gegen Nigeria (WM U20).

    link: https://www.youtube.com/watch?v=7JA8zHOkYVE&feature=related

    Sie darf AUF der Linie bewegen, aber NICHT vorwaerts Richtung Elfmeterpunkt!, deshalb durfte Nigeria U20 dreimal versuchen
    ein Elfmetertor zu schiessen! Aber nicht alle Schiedsrichter (M/F)
    achten darauf!

    @Uwe,
    Es kann also nur sein, das Spieler minimal zu früh in den Strafraum gelaufen sind.

    Falls moeglich, siehst dich nochmal die Bilder an und du wirst sehen dass eine Amerikanerin (ich koennte nicht sehen wen) laeuft
    bereits EINIGE Meter im Strafraum waehrend Cristiane schiesst!
    Ganz oben im Bild! Für mich ist das KEINE kleinliche Regelauslegung!

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  • Uwe sagt:

    @Eurycantha

    Auf den Videos, die ich mir noch einmal angeschaut habe, ist der obere Strafraumbereich leider nicht zu erkennen. Erst als Hope Solo abgewehrt hat, sieht man einige US-Spielerinnen im Strafraum. Entscheidend ist aber der Moment, in dem Christiane schießt. O.K., wollen wir mal die Schiedsrichterin entlasten, ist ja auch so alles gut gelaufen für die USA.

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  • elfi oemml sagt:

    Eurycantha sagt:
    *eine Amerikanerin (ich koennte nicht sehen wen) laeuft
    bereits EINIGE Meter im Strafraum waehrend Cristiane schiesst!*

    Also ich würde da mal nicht so maßlos übertreiben, bei Abgabe des Schusses ist die Amerikanische Spielerin vielleicht ein paar Zentimeter im 16er (hauptsächlich mit dem nach vorne gelehnten Oberkörper – was man nicht mal wirklich in der Wiederholung, sondern grade mal im Standbild erkennen kann) und mir soll niemand erzählen, dass die Schieds- oder Linienrichterin das gesehen haben wollen. Es war schlicht weg eine völlig willkürliche und dabei falsche Entscheidung.

    Die Wiederholung des ersten Strafstosses im Elfmeterschießen war dagegen völlig korrekt, da Andreia, als Boxx den Ball trifft, tatsächlich schon mindestens 2m vor der Torlinie ist und sich dadurch einen regelwidrigen Vorteil verschafft.

    Ich fand übrigens den Elfmeter im Spiel an sich relativ zweifelhaft, da im gleichen Maß wie Rachel Buehler mit dem Arm an Marta gezerrt hat, umgekehrt Marta mit dem Arm an Rachel Buehler gezerrt hat.

    Bei allem Gemaule und Gemeckere und der ganzen Schauspielerei der Brazilianerinnen bin ich heil froh (und das obwohl ich alles andere als ein Fan des US-Teams bin), dass die USA doch noch gewonnen haben.

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  • belzebub sagt:

    Ich war vor dem Spiel für Brasilien und während der ersten Halbzeit auch, die US-Frauen enttäuschten sehr aber auch die Brasilianerinnen. Ich fand die erste Halbzeit ziemlich langweilig, weil keine der beiden Mannschaften so richtig in die Pötte kam und wenig inspiriert spielten. Weiter so in der zweiten HZ bis zum Elfmeter, da wurde es richtig spannend, aber die dauernd meckernde Marta vermieste mir meine Laune zunehmend. Was hat man denn noch zu meckern, wenn man einen Elfmeter bekommt und eine Gegenspielerin vom Platz gestellt wird? Wenn man für einmal (ungehobeltes, aggressives) Meckern die gelbe Karte bekommen kann, hätte Marta diese in diesem Spiel 20mal bekommen müssen. Ich wäre als Schiedsrichterin dem gegenüber nicht so gelassen geblieben. Außerdem gefiel mir die Mannschaftsleistung der Brasilianerinnen gar nicht. Man bemerkte überhaupt nicht, dass nur noch 10 Amerikanerinnen auf dem Platz waren. Vor Allem wurde Rapinoe gar nicht gedeckt oder die Brasilianerinnen waren häufig zu langsam, denn Rapinoe konnte auf dem linken Flügel schalten und walten wie sie wollte, und sie war für mich die auffälligste Spielerin ab der 68. Minute. Man hätte meinen können es waren nur noch zehn Brasilianerinnen auf dem Platz und nicht umgekehrt.

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