Die unwürdige Demontage der Birgit Prinz

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Von der Trainerin gedemütigt, von den Medien demontiert: Deutschlands Rekordnationalspielerin Birgit Prinz hätte sich bei der Frauenfußball-WM im eigenen Land, ihrem letzten großen internationalen Wettbewerb, einen würdigeren und respektvolleren Umgang verdient.

In der 53. Minute des Spiels gegen Nigeria dürfte für die Kapitänin eine kleine Welt zusammengebrochen sein. Silvia Neid nahm sie vom Feld – in einem WM-Spiel beim Stand von 0:0 in ihrer Heimatstadt Frankfurt. Das ist ihr vorher in einem so wichtigen Spiel noch nicht widerfahren, größer hätte die Demütigung aus den eigenen Reihen wohl kaum ausfallen können.

Purer Frust
Und so schleuderte sie wütend die Kapitänsbinde vor die Füße von Linda Bresonik („Ich stand einfach am nächsten“), bevor sie am Seitenrand mit einem vehementen Handschlag Silvia Neid eindrücklich zu verstehen gab, was sie von der Auswechslung hält. Und danach immer noch dermaßen wütend war, dass sie dasselbe mit ihren Teamkolleginnen auf der Ersatzbank machte. Es war eine ungewöhnliche emotionale Gefühlsregung der sonst so beherrschten Birgit Prinz, die andeutete, wie es in der 33-Jährigen brodelte.

Leistungstief
Zugegeben: Die Leistung von Prinz war gegen Nigeria nicht berauschend. Doch dasselbe ließe sich wohl über nahezu ein halbes Dutzend ihrer Teamkolleginnen auch sagen. Dass direkt nach ihrer Auswechslung aus einer Standardsituation der deutsche Siegtreffer fiel, war eher dem Zufall geschuldet, denn einer verbesserten Mannschaftsleistung, denn das deutsche Spiel wurde auch nach der Führung nicht wirklich besser.

Nach dem Spiel wieder gefasst
Am liebsten hätte sich Prinz nach dem Spiel verkrochen, doch in der Mixed Zone stellte sie sich dann doch der Schar der wartenden Journalisten.  Ihr Ärger sei „eine Mixtur“ gewesen aus der Unzufriedenheit über die eigene Leistung und der Tatsache, dass sie vom Feld genommen wurde. „Glücklich war ich nicht, aber wer ist das, wenn er nach 50 Minuten ausgewechselt wird?“ Zu ihrer Leistung wollte sie nichts sagen. „Das sollen andere beurteilen.“

Birgit Prinz
Birgit Prinz steht derzeit unter öffentlichem Beschuss © Sven-E. Hafft / girlsplay.de

Prinz-Bashing ist in
Auch der 214-fachen Nationalspielerin sollte man das Recht auf eine glücklose Leistung einräumen, genauso wie ihren 20 Teamkolleginnen bei der WM.  Doch unverschämtes und niveauloses Prinz-Bashing ist derzeit  „in“. Ob Tom Bartels in der ARD-Übertragung, oder der „Berliner Kurier“, der die dreifache Weltfußballerin als Fremdkörper bezeichnet und ihr rät, sich selbst aus der Startelf zu nehmen, über „Focus Online“, der behauptet, das Team müsse eine „gealterte Rekord-Internationale Birgit Prinz durchschleppen“.

Physischer Gegner zeigt Grenzen auf
All dies wird weder Prinz‘ Verdiensten um den deutschen Frauenfußball gerecht, noch ihrem aktuellen Leistungsvermögen. Dass Prinz langsamer und weniger torgefährlich geworden ist und sich gegen international immer besser geschulte Abwehrspielerinnen immer schwerer tut, ist kein Geheimnis und seit längerer Zeit bekannt. Doch auch den jungen Spielerinnen wurden gegen Nigeria Grenzen aufgezeigt, im immer anspruchsvoller werdenden Frauenfußball.

Unterstützung durch Teamkolleginnen
Prinz ist aufgrund ihrer Präsenz und des Respekts, den sie bei den WM-Gegnern immer noch genießt nach wie vor ein wertvoller Bestandteil der DFB-Elf.  Doch dazu muss sie ihren Möglichkeiten entsprechend adäquat eingesetzt werden. Prinz‘ Mitspielerinnen lassen sich vom Medien-Gewitter jedenfalls nicht anstecken und zeigen Größe. „Wir stehen alle zu Birgit und wissen, was sie kann“, sagt etwa Linda Bresonik. „Wir unterstützen sie und sind alle für sie da und hoffen, dass es bald wieder aufwärts geht.“

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rockpommel
rockpommel

Sie hätte sich das alles selbst ersparen können, so sehr eine WM im eigenen Land auch reizen mag.
Aber vielleicht ist das „Loslassen“ insbesondere für Spieler/innen mit der Kapitänsbinde besonders schwer. 😉

Schenschtschina Futbolista
Schenschtschina Futbolista

Hinterher ist Mann in der Regel immer schlauer! 🙂

fribu
fribu

Prinz wie Ballack: wer nicht weiß, wann es Zeit ist, zu gehen, erlebt so etwas. Der Sturz ist umso tiefer, je höher die vorherige Leistung war. Zu Silvia Neid: was soll sie machen? Hätte sie BP vor der WM aus dem Kader gestrichen, wäre das vielstimmig kritisiert worden. Ich finde ehrlich gesagt, die Auswechselungen sind ein sehr dezenter, kameradschaftlicher Hinweis an die Spielerin, sich selber die Wirklichkeit einzugestehen. Muß SN denn nun noch deutlicher werden, bis BP versteht? Die Trainerin will nicht verletzen, kann aber auch nicht so tun, als wäre die Leistung der Spielerin akzeptabel. Ein Dilemma, an dem… Weiterlesen »

Camulos
Camulos

Es ist doch wirklich nichts neues, dass einfache Feindbilder für große Teile der Bevölkerung einfach notwendig sind. Das zeigt ja auch die Geschichte. In jeder Epoche werden Feindbilder geschaffen und dazu eingesetzt dem einfachen Menschen ein Ziel oder einen Grund zu geben. Erst neulich waren es die Griechen, die ja angeblich unsere Milliarden verschleudern würden. Aus sportlicher Ebene darf das natürlich auch nicht fehlen und da bietet sich doch nichts besseres als ein „gefallener Engel“ in Form einer Prinz an. Es ist doch einfach zu viel verlangt, dass der durchschnittliche Bundesbürger erkennen muss, dass in einem Mannschaftssport wie dem Fußball… Weiterlesen »

Speedcell
Speedcell

Sie hätte einfach nach der em aufhören sollen,denn schon damals hatte sie nicht mehr dieses topniveau. Und wenn SN nach leistungsprinzip aufstellen würde,wie sie es immer sagt, würde sie nicht mal für eine einwechslung in der 90. min in frage kommen. Ariane hingst ist auch nicht mehr gesetzt,obwohl sie viel für den DFB geleistet hat und da beschwert sich auch niemand. Aber das ist nur meine meinung.

mrx
mrx

Birgit kommt wieder – noch während dieser WM… und am Ende werden auch ihre Kritiker und Jetzt-schon-Abschreiber dankbar sein.

Ute
Ute

@mrx
Genau, und am Besten schon im nächsten Spiel gegen Frankreich, hoffe ich dass sie ihren „Frust“ produktiv rauslassen kann!!!!!!

kleinschwarz
kleinschwarz

Guter Artikel, Markus, bin ganz deiner Meinung. Die Mannschaft braucht die Erfahrung von Birgit Prinz. Ich bin mir sicher, dass sie im Laufe des Turniers noch sehr wichtig wird. Entweder wird sie ein entscheidendes Tor schießen oder dazu die Vorarbeit leisten. Birgit Prinz und Michael Ballack haben nichts gemeinsam.

Striker
Striker

Ihre Sonderstellung ist doch genau Teil des Problems. Wäre die WM in Togo, würde kein Journalist Notiz nehmen und Prinz würde noch zwanzig Jahre nach ihrer Karriere aus Tradition zu Deutschlands Fußballerin des Jahres und in die Endausscheidung zur Weltfußballerin des Jahres gewählt – so aber merkt plötzlich die Öffentlichkeit, dass die Überfigur des letzten Jahrzehnts gar nicht mehr so gut ist – was diejenigen, die auch die FBL anschauen, natürlich längst wussten, aber das machen halt nur 5000 Menschen am Spieltag. Der DFB hat so seine Probleme mit dem Umgang mit verdienten alten Spielern. Bei Jogi Löw hätte Prinz… Weiterlesen »

Johannes
Johannes

@Markus Juchem. „Die Leistung von Prinz war gegen Nigeria nicht berauschend. Doch dasselbe ließe sich wohl über nahezu ein halbes Dutzend ihrer Teamkolleginnen auch sagen.“ Absolut meine Meinung. Birgit Prinz hatte eine gute Bundesligasaison gespielt und war bisher in der Natio immer gesetzt. Sie wurde dafür gelobt, dass sie uneigennützig spielt, Löcher in die gegnerische Abwehr reißt und dann den entscheidenden Pass in die Spitze spielt. Also warum plötzlich loslassen, wenn nach dem Turnier ohnehin Schluss ist? Ich denke ein Problem ist, dass Silvia Neid sie nun wieder als „echte Spitze“ einsetzt, nachdem sie Birgit jahrelang als Torvorbereiterin spielen ließ.… Weiterlesen »

Garrincha
Garrincha

Auf der einen Seite wird mediale Aufmerksamkeit für den FF gefordert. Auch sollen Fußballerinnen mehr verdienen (hier wird dann der MF als Vergleich zugelassen). Der DFB tut ALLES, um den FF ins Rampenlicht zu rücken. Aber mit den eventuell negativen Folgen will keiner Leben: Bashing in den Medien, Pfiffe im Stadion, vielleicht demnächst Personenschutz (Gott behüte!), die Sponsoren wollen permanten Zugriff, die Medien sowieso. Ist denn nicht allen klar, was hier passiert? Ich kann nicht wirklich ausschließen, daß die Fußballspielerinnen auf der Straße angepöppelt werden, sollte Deustchland mal verlieren. Die Medien haben eine enorme Macht. Die Verisse im Internet sind… Weiterlesen »

Spiro
Spiro

Es zählt nun mal die Mannschaft, nicht eine einzelne Spielerin. Dass der Nachwuchs es momentan allemal besser macht, haben die Tore bewiesen. Der mediale Umgang mit „früheren“ Stars ist für mich so la la. Natürlich haben die mal Leistungen gebracht, die erwähnenswert waren, muss man die Leute dennoch selbst Jahre hinaus noch pushen? Bestes Beispiel, um mal einen kleinen Haken zu schlagen, ist Nia Künzer – wie viele Jahre spielt sie inzwischen nicht mehr? Sie wird dennoch immer und immer wieder gepusht und geradezu als Göttin verehrt, weil sie damals das Golden Goal gegen Schweden gemacht hat. Ich persönlich würde… Weiterlesen »

Webcam
Webcam

Das Problem ist einfach, dass sie und ihr Platz in der Startelf von SN und ihrem Umfeld so sehr tabuisiert wurde und wird, dass die Medien – unter Hinweis, dass bei SN doch sonst auch nur die Leistung zähle – nun einen Gegendruck aufbauen. Der ist in dieser Form tatsächlich einfach nicht o.k. Aber es ist ja auch nicht richtig, dass allein BP kritisiert wird, sondern das ganze Team. Richtig ist aber auch, dass sich das dt. Team bei dieser WM von BPs Verdiensten in der Vergangenheit nichts kaufen kann, sondern zu seiner Form finden muss, mit BP oder ohne… Weiterlesen »

KarlMai
KarlMai

Ich sehe überhaupt keine Demütigung seitens der Trainerin. Die Mannschaft steht über allen, und es muss für jede Spielerin ein völlig normaler Vorgang sein, auch mal ausgewechselt zu werden. Wenn die Leistung nicht stimmt. Bei Birgit Prinz stimmte sie an diesem Tag nicht. Dass sie auch bei anderen nicht gut war, ist zwar richtig. Aber kein Argument dafür, dass die Auswechslung ein Fehler war oder gar eine Demütigung. Medienkritik: Die ist immer heftig bei herausgehobenen Persönlichkeiten, das muss man dann auch akzeptieren. Wenn sie sachlich berechtigt ist. Ob der Ton stimmt, das kann Markus sicherlich besser beurteilen, der hat die… Weiterlesen »

wfm
wfm

Es gibt schon einige merkwürdige Beiträge hier, was Birgit Prinz betrifft. Zum Leistungsprinzip: Der beste Fußball der vergangenen Saison – das haben selbst Potsdamfans zugegeben – wurde in der letzten Saison in Frankfurt gespielt. Daran hatte BP einen ganz entscheidenden Anteil. Obwohl nicht mehr in der Spitze spielend hat sie trotzdem nur 2 Tore weniger geschossen als die Torschützenkönigin. Im meiner Meinung nach besten Spiel der Saison zwischen Frankfurt und Potsdam im November 2010 war sie an allen vier Toren für Frankfurt direkt oder indirekt beteiligt. Ein Vergleich mit Klose wie er auch in den Medien zu finden war, zeugt… Weiterlesen »

Kit
Kit

@ Markus: Vielen Dank für diesen Artikel! Die öffentlich geübte Kritik steht in keinem Verhältnis zur Realität. Es ist traurig zu sehen, wie undankbar BP als „Renterin“ dargestellt wird, die sich nicht von ihrer Position in der Nationalelf lösen kann. Es sei nur mal am Rande angemerkt, dass auch eine Marta bislang enttäuscht hat – die ist aber noch zu jung, um es auf das Alter schieben zu können. Es ist nicht zu leugnen, dass BP nicht mehr an die Leistung in der besten Zeit herankommt. Aber mir wird hier der Faktor der Erfahrung zu sehr vernachlässigt. Ich möchte mal… Weiterlesen »

Fee
Fee

Darf man eine Birgit Prinz nicht auswechseln? Ist das dann gleich eine Demütigung? Wenn Garefrekes ausgewechselt worden wäre, wäre das dann auch eine Demütigung? Frau Neid wechselt so aus wie sie denkt das es für die Mannschaft von Vorteil ist, schließlich ist gerade eine WM. Da sollte man eine Spielerin die schlecht spielt auch auswechseln dürfen, egal wie der Name lautet. Etwas weniger Aufgeregtheit zu dem Thema wäre angebracht, und Womensoccer sollte sich nicht wieder zum moralischen Gewissen des Frauenfußballs aufschwingen, wie schon einmal als Duisburg mit einer verstärkten 2. Mannschaft in München spielen wollte. Das derzeitige Prinz-Bashing in den… Weiterlesen »

moya
moya

Kann dem Artikel nur zustimmen. Im Nigeria-Spiel gab es genug andere (alt und jung), die über 90 Minuten auch nicht mehr gute Aktionen hatten als BP. Sie zu isolieren macht nur Sinn, weil die Medien nix anderes kennen als Ballack-Drama, wenn jemand seine letzten Spiele spielt. Das ist so unoriginell…

Was mich interessiert: Hat schon mal jemand von den Myriaden an Fußballjournalist_innen nachgefragt, warum BP jetzt wieder Stürmerin spielt? Die konkrete Antwort des Trainergespanns darauf hab ich noch nirgends gelesen.

wfm
wfm

@Kit
Das gilt interessanterweise auch für Kelly Smith und Caren Carney. Im Vergleich zu ihren tollen Leistungen im Finale der EM 2009 sind beide – bisher – nur ein Schatten ihrer selbst.

uwe
uwe

Ich kann nicht sagen bei der NM gehts nur nach Leistung, dies im ersten Spiel konsequent durchziehen und Lira und Inka auf die Bank setzten, aber bei Birgit Prinz das Leistungsprinzip ausser Kraft setzten. Das geht nicht bei einer WM in Deutschland. Wo die mediale Aufmerksamkeit so gross ist.
Vielleicht ist es aber auch viel banaler. Die Medien sind einfach sauer, das bei ihrer Ikone Lira das Leistungsprinzip gelten soll und bei Birgit scheinbar nicht.