Wenn der Blitz einschlägt

Von am 29. Juni 2011 – 11.00 Uhr 8 Kommentare

Pressekonferenzen mit dem Team Nordkoreas gehörten in der Vergangenheit zumeist nicht zu den spannendsten Momenten eines Journalistenlebens. Doch die nach dem Spiel der Frauen-WM gegen die USA in Dresden machte eine seltene Ausnahme.

Eine Halbzeit lang hatte das Team von Trainer Kim Kwang Min dem Weltranglistenersten mehr als Paroli geboten, dabei sogar die größere Torgefahr ausgestrahlt. Doch nach der Pause drehten die Amerikanerinnen auf und erzielten zwei Treffer beim 2:0-Erfolg, Nordkorea machte keinen Stich mehr. Kim lieferte für den Leistungsabfall seines Teams in den zweiten 45 Minuten eine abenteuerliche Begründung ab, die internationalen Medienvertreter trauten ihren Ohren nicht.

Blitzunfall in Pjöngjang
„Wir hatten am 8. Juni ein Testspiel in Pjöngjang, einige unserer Spielerinnen wurden vom Blitz getroffen und erlitten einen elektrischen Schock. Mehr als fünf von ihnen mussten ins Krankenhaus und mehrere Tage behandelt werden.“ Aus diesem Grund habe die „körperliche Kraft“ nicht ausgereicht, seine strategischen Maßnahmen hätten sie nicht mehr umsetzen können.

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Die betroffenen Spielerinnen seien vor der Frauen-WM gar erst später zum Team in Deutschland gestoßen, die Ärzte hätten von einem Einsatz beim Turnier abgeraten. „Betroffen waren die Torhüterin, vier Abwehrspielerinnen und auch einige Mittelfeldspielerinnen“, so Kim auf Nachfrage.

Nationalmannschaft Nordkorea

Blitzunfall im Team Nordkoreas? © Hanna Urbaniak

USA verdutzt und verärgert
Eine absurd anmutende Unfallgeschichte als Entschuldigung für die Niederlage gegen den politischen Erzfeind, von der auch Gegner USA bis dato nichts gehört hatte. „Ich weiß von nichts“, so eine verdutzte US-Stürmerin Abby Wambach, die zur besten Spielerin der Partie ausgezeichnet wurde. Auch Trainerin Pia Sundhage staunte ungläubig, als sie mit den Aussagen ihres Trainerkollegen konfrontiert wurde. „Um was geht es?“

Solo: „Ein Blitz, in Deutschland?“
Torhüterin Hope Solo wusste ebenfalls von nichts. „Ich bin jetzt ein bisschen verwirrt. Ein Blitz, in Deutschland?“, erklärte sie in der Mixed Zone. US-Sprecher Aaron Heifetz wurde es zu viel. Er wollte sich den Triumph des Augenblicks und die Wertschätzung der eigenen Leistung nicht kaputtmachen lassen und verbat sich weitere Fragen an seine Spielerinnen nach einem etwaigen Blitzunfall. „Dazu geben wir keine Statements ab, bitte nur noch Fragen zum Spiel.“

„Keine anderen Bedeutungen“
Ob wahre Begebenheit oder Propagandabefehl aus der Heimat wird sich wohl nicht abschließend klären lassen, zumal Kim eindrücklich versicherte, man habe „außer Sport an keine anderen Bedeutungen“ der Partie gedacht. Deprimiert seien seine Spielerinnen ob der Niederlage nicht, gegen Schweden am 2. Juli und Kolumbien am 6. Juli kündigte er eine Leistungssteigerung an. „Wir haben einen starken Willen, werden unser Bestes geben und haben heute Selbstvertrauen getankt.“

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Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

8 Kommentare »

  • Schnappa sagt:

    Tja, das hat man davon wenn man sich von der restlichen Welt dermaßen abkapselt. Da kann man die tollsten Geschichten erzählen, selbst wenn sie hundertprozentig der Wahrheit entsprechen glaubt einem das keiner mehr.

    Mal angenommen, die Geschichte stimmt tatsächlich: Wenn Ärzte von einem Einsatz abraten darf man sich ohnehin nicht beschweren, wenn man die Spielerinnen einsetzt. Lächerlich!

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  • Schenschtschina Futbolista sagt:

    Einen weiteren Blitz, aber vom Führer Kim Jong-Il selbst ausgesandt, gibt´s dann, wenn die Gruppenphase nicht erfolgreich abgeschlossen werden sollte… 😀

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  • laasee sagt:

    Oh, that is surreal.

    North Korea have closed down their universities and colleges for 10 months – is that also to protect the students from lighning?

    At least the PK was more interesting than usual.

    (maybe Sylvia can use the same excuse in the event of Germany failing to win WM)

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  • waiiy sagt:

    Sollte man nicht MEHR Energie haben, wenn man vom Blitz getroffen wird? 😉

    waiiy

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  • Jennifer sagt:

    Selber beruflich viel in China unterwegs ist mir diese Art von Ausrede nicht unbekannt und überrascht mich keineswegs. Leider weiss man immer nicht, was den Leuten vorgegeben wird oder eben nicht. Sie können nach Rückkehr der WM schnell in einem Arbeitslager verschwinden, wenn sie nicht das machen, was die Partei ihnen vorgibt. Traurig.

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  • Sven sagt:

    Hmm, und ich hab mich immer gefragt, warum Spiele bei Gewitter abgebrochen werden…

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  • Schenschtschina Futbolista sagt:

    > Sollte man nicht MEHR Energie haben, wenn man vom Blitz getroffen wird? 😉
    Du bist also derjenige, welcher bei Gewitter immer splitterfasernackt auf ´ner Alu-Leiter wartend inmitten einer brandenburgischen Wiese steht! 😀

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  • waiiy sagt:

    Also mal ehrlich, zu diesem Zeitpunkt war das Team von Nordkorea schon in Deutschland. Und wenn es da irgendeinen Blitzunfall (mit wem auch immer) gegeben hätte, wäre es durch die Presse gegangen. Und wenn ein Mensch sich mit einem Blitz anlegt, hat das nicht nur die Konsequenz eines Leistungsverlustes in der 2. Hälfte gegen die USA. Meist läuft es auch einen Leistungsverlust von 100% und zwar ruckartig hinaus. Und der Akku ist danach auch nicht wieder aufladbar. Und es war sicher auch ein Stromsparblitz…

    Also darf man diese Aussage sicher ins Reich der Legenden verweisen und nicht so ernst nehmen.

    Dass man den koreanischen Mädchen einen Ausweg bauen will, ist eine andere Sache. Aber man sollte die Welt nicht für blöd erklären…

    @SF: Genau, ich sammle auch alle Blitze. Das merkt man, dass die immer an derselben Stelle runtergehen. Da bin ich dann… 😉

    waiiy

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