Teamporträt Deutschland

Von am 24. Juni 2011 – 11.25 Uhr 7 Kommentare

Weltmeister 2003, Weltmeister 2007 und auch Weltmeister 2011? Bei der Heim-WM geht Gastgeber Deutschland als Topfavorit auf den Titel ins Turnier.

In einem sind sich nahezu alle sicher: Der WM-Titel wird 2011 nur über die deutsche Mannschaft führen. Mit den Titelgewinnen bei den vorigen zwei Weltmeisterschaften und weiteren Triumphen bei den kontinentalen Titelkämpfen hat sich die DFB-Elf internationales Ansehen und Respekt erworben und in die Favoritenrolle gespielt.

Erwartungsdruck
Die durch sechs WM-Lehrgänge und vier Testspiele gut vorbereitete deutsche Elf dürfte bei der WM nur wenige Gegner ernsthaft zu fürchten haben, doch es bleibt abzuwarten, wie die erfahrenen und jungen Spielerinnen gleichermaßen mit dem immensen Erwartungsdruck der Öffentlichkeit während des Turniers zurechtkommen werden. Von zwei der drei Gruppengegner in der Gruppe A konnte man sich in Testspielen 2010 schon mal einen Eindruck machen, doch das 5:0 gegen Kanada und das 8:0 gegen Nigeria waren kein Gradmesser für die Leistungsstärke der beiden Gegner bei der WM.

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Neid: „Spielen und Spaß haben“
Bundestrainerin Silvia Neid geht optimistisch an die Aufgabe heran. „Wir dürfen uns nicht verrückt machen lassen, denn wir wissen, was wir können, müssen unser Spiel spielen und Spaß haben. Wir freuen uns auf das Eröffnungsspiel.“ Doch unterschätzen wird sie die Gegner nicht. „Carolina (Morace, Kanadas Trainerin) wird in die Trickkiste greifen, um uns zu schlagen, Nigeria wird ganz anders auftreten als in Leverkusen und gegen Frankreich wird es auch sehr schwierig, weil sie technisch versierte Spielerinnen sind.“

Doch die DFB-Elf scheint auf einem guten Weg, die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen zu können. 2010 gewann man sieben seiner neun Länderspiele, nur gegen die USA musste man sich zweimal geschlagen geben, beim Algarve Cup knapp mit 2:3, in Cleveland deutlich mit 0:4. Bei der Reise in die USA fehlten damals allerdings die Spielerinnen des 1. FFC Turbine Potsdam. Und auch die vier Testspiele vor der WM im Jahr 2011, darunter immerhin zwei gegen WM-Teilnehmer, wurden allesamt gewonnen, bei einem Torverhältnis von 15:0.

DFB-Elf

Schlagkräftiges Trio: Fatmire Bajramaj (li.), Inka Grings (Mi.) und Simone Laudehr © Sven-E. Hafft / girlsplay.de

Flexibilität ist Trumpf
Mit einer Mischung aus erfahrenen und jungen Spielerinnen will Deutschland den dritten WM-Titel in Folge erobern, was noch keinem Team zuvor gelang. Der 21er-Kader bietet in puncto Flexibilität vielfältige Optionen, die Ersatzbank wird stärker besetzt sein, also noch beim Triumph in China vor vier Jahren. Die jungen Wilden machen Druck auf die Arrivierten, eine solche Ausgangsposition wünscht sich jeder Trainer und jede Trainerin.

Innenverteidigung noch nicht ganz sattelfest
Vor Weltklasse-Torhüterin Nadine Angerer vertraut Neid auf eine Viererkette aus Linda Bresonik, Annike Krahn, Saskia Bartusiak und Babett Peter. „Mit der Viererkette und dem Abwehrverbund bin ich sehr zufrieden“, so Angerer. Peter und Bresonik lassen auf den Außenbahnen nur selten etwas anbrennen, die oft gescholtene Innenverteidigung ist besser als ihr Ruf, wenngleich Krahn noch nicht wieder bei 100 Prozent angelangt ist, und Bartusiak ihre gelegentlichen Schnitzer abstellen muss.

Vabanquespiel auf der Torhüterposition
Als Alternativen stehen auf der Bank Lena Goeßling und Verena Faißt bereit, die allerdings über keine große internationale Erfahrung verfügen, Bianca Schmidt ist eine Bresonik-Alternative für die rechte Außenbahn. Bleibt zu hoffen, dass sich Angerer nicht verletzt, denn dann müsste Uschi Holl zwischen die Posten, die im November ihr letztes Bundesligaspiel bestritt und auch in den Testspielen nicht zum Einsatz kam, oder Zweitliga-Torhüterin Almuth Schult, der man mit einem Einsatz wohl kaum einen Gefallen tun würde.

Alexandra Popp

Alexandra Popp, mehr als eine Alternative © Frank Scheuring

Effektive Doppel-Sechs, Offensivpower pur
Davor haben sich Kim Kulig und Simone Laudehr als schlagkräftige Doppel-Sechs etabliert, die einen starken Drive nach vorne entwickeln, dabei aber nie die Defensivarbeit aus den Augen verlieren. Im Hintergrund kann jederzeit die routinierte Ariane Hingst als Backup-Lösung ins Spiel kommen. Im offensiven Mittelfeld hat Neid die Qual der Wahl, zentral soll Birgit Prinz mit ihrer Technik und Athletik Löcher in die gegnerischen Abwehrreihen reißen, über die Außen können wahlweise Kerstin Garefrekes, Fatmire Bajramaj, Melanie Behringer oder Célia Okoyino da Mbabi für Schwung im Offensivspiel sorgen.

Instinktstürmerin Popp
Ganz vorne soll Inka Grings als einzige nominelle Sturmspitze für die Tore sorgen, auf der Bank sitzt die Trumpfkarte Alexandra Popp, die Grings jederzeit adäquat ersetzen kann und sich wie eine Birgit Prinz in jungen Jahren mit vollem Einsatz ins Getümmel schmeißt, wenn es nötig ist – eine echte Brecherin, die aber auch über viel technisches Feingefühl und den nötigen Torinstinkt verfügt. Als echte Konterstürmerin steht Martina Müller bereit, die aber zum WM-Auftakt wegen einer Oberschenkelverletzung passen muss.

Erfolgskarriere
Silvia Neid übernahm 2005 nach der gewonnenen Europameisterschaft das Zepter von Tina Theune, sie kann mit dem Gewinn der WM 2007 und der EM 2009 auf erfolgreiche Turniere zurückblicken. Zuvor hatte die 111-fache Nationalspielerin 2004 in Thailand bereits die U19 zum WM-Titel geführt. Anfang 2011 wurde sie von der FIFA zur ersten Welttrainerin des Jahres gekürt. „Das oberste Ziel heißt Titelverteidigung“, so Neid. „Das wird schwer, aber wir werden alles dafür tun und von Spiel zu Spiel denken.“ Der DFB setzt vollstes Vertrauen in sie, wie die kürzlich erfolgte Vertragsverlängerung bis 2016 belegt.

Deutschlands WM-Spielplan

26.6., 18.00 Uhr, Deutschland – Kanada
30.6., 20.45 Uhr, Deutschland  – Nigeria
5.7., 20.45 Uhr, Frankreich – Deutschland

Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

7 Kommentare »

  • fribu sagt:

    Achtung, Gerücht bei RTL!

    Im RTL-Teletext auf Seite 237 steht, daß Frau Neid sich für die Startbesetzung am Sonntag entschieden hätte: angeblich sollen Inka Grings und Birgit Prinz von Anfang an spielen. Habe beim DFB keinen entsprechenden Bericht gefunden…

    Weiß jemand mehr??

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  • fribu sagt:

    Jetzt hab ich was, einen Artikel in der „ZEIT“…

    https://j.mp/iCecrs

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  • Hans sagt:

    Im Netz entdeckt. Eine Kolumne von U20-Weltmeisterin Inka Wesely zur Frauen WM 2011! Schaut mal rin! 😉

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  • Hans sagt:

    Oh…den Link vergessen, hier ist das Ding:
    https://j.mp/l7yOHK

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  • waiiy sagt:

    Gleiche Meldung bei FFNews. Damit sind sowohl Behringer als auch Bajramaj nicht von Anfang an dabei. Lachende Dritte ist Celia…

    waiiy

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  • Paul sagt:

    Silke Rottenberg: Formchek im Zdf.de Sport— (Viererkette) einige kommen so langsam ins Spiel (kleine Fehler— noch nicht ganz bei 100%)—- was soll das? Morgen sind 100% gefragt—

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  • waiiy sagt:

    Das ist das Problem, dass sie „langsam“ ins Spiel kommen… 😉

    Aber wir machen das hinten alles mit „Auge“ und „Stellungsspiel“.

    Ich sehe Kanada übrigens als schwierigstes Spiel überhaupt an. Wenn einer noch eine gute Vorbereitung gespielt hat, dann Kanada. Seit dem „Wachküssen“ von Deutschland in Dresden geht es mit dem Team nur noch vorwärts. Und wenn wir morgen straucheln, ist das ein mieser Beginn für eine WM. Da sind mehr als 100% benötigt.

    waiiy

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