Pia Sundhage: „Stehen am Anfang von etwas ganz Wunderbarem“
Die vergangenen 12 Monate waren für den US-Frauenfußball nicht einfach: Die U20 scheiterte im WM-Viertelfinale, die U17 qualifizierte sich erstmals nicht für die WM und der A-Nationalelf gelang erst über die Play-offs der Sprung zur Frauen-WM . Doch US-Trainerin Pia Sundhage sagt ihrem Land und dem Frauenfußball im Gespräch mit Womensoccer eine rosige Zukunft voraus.
Wir sitzen im Restaurant des Hotels Krallerhof im österreichischen Leogang, wo sich die US-Nationalmannschaft auf die Frauenfußball-WM in Deutschland vorbereitet. Um uns herum fahren die Bediensteten den Nachmittagskuchen auf, eine kleine Gruppe spielt am Nebentisch lautstark Backgammon, ein paar Gäste schlendern vom Wellnessbereich kommend direkt in Bademantel und Badelatschen herein, trinken an der Bar eine Mélange oder schmieden Pläne für den Abend. Es ist laut, unruhig und nicht gerade die optimale Atmosphäre, um ein Interview mit Pia Sundhage zu führen.
Akribie und Leidenschaft Doch die 51-Jährige ist so fokussiert, dass sie von all dem nichts mitzubekommen scheint. 2007 hat sie das Traineramt der US-Nationalelf übernommen , mit Akribie und Leidenschaft will sie ihr Team nach dem Olympiasieg 2008 nun auch zum WM-Titel führen. „Wir werden bereit sein“, verspricht sie und die Entschlossenheit in ihrem Blick duldet keinen Widerspruch. Dabei hätte der Weltranglistenerste Grund, besorgt zu sein, betrachtet man die mangelnde Konstanz der vergangenen Monate und die teils empfindlichen Niederlagen.
Schmerzliche Niederlagen Im Halbfinale der CONCACAF-Meisterschaft setzte es im vorigen November eine sensationelle 1:2-Niederlage gegen Mexiko . Nur über den Hoffnungslauf, zwei Zittersiege gegen Italien in den Play-offs, sicherte sich die Elf das letzte verbliebene WM-Ticket. Es folgten in diesem Jahr weitere Niederlagen gegen Schweden (1:2) beim Vier-Nationen-Turnier in China und in England (1:2) , wo das Team eine Halbzeit lang gar an die Wand gespielt wurde. „Die Niederlage gegen Mexiko war für uns eine schmerzhafte Erfahrung und nur schwer zu verdauen“, erklärt Sundhage. Doch die Schwedin ist keine, die sich lange mit der Vergangenheit aufhält. „Mein Glas ist halbvoll. Anstatt die Fehler zu betrachten, die wir gemacht haben, schaue ich lieber darauf, wie wir mit dem Druck umgegangen sind. Das hat uns stärker gemacht.“
12 Jahre ohne WM-Titel So stark, dass es Sundhage kaum erwarten kann, in Deutschland zu zeigen, wozu ihr Team allen Niederlagen zum Trotz fähig ist. Denn 1999 gewannen die Amerikanerinnen zum bisher letzten Mal den WM-Titel, 12 lange Jahre sind seitdem vergangen, und der Stachel zweier Halbfinal-Niederlagen gegen Deutschland (0:3 bei der WM 2003 im eigenen Land) und Brasilien (0:4 bei der WM 2007 in China) sitzt noch tief – daran konnten auch die beiden Olympischen Goldmedaillen 2004 und 2008 nichts ändern. Mit menschlicher Wärme und „ansteckender Leidenschaft“, wie es Rekordnationalspielerin Kristine Lilly ausdrückte, hat Sundhage das Team nach der schwierigen WM 2007 und der Entlassung von Trainer Greg Ryan wieder zusammengeschweißt.
Optimaler Führungsstil „Am Anfang haben mich die Spielerinnen einfach ‚Trainerin‘ genannt, ich habe ihnen dann gesagt, dass ich Pia heiße. Manchmal sage ich heute noch ‚Hallo Spielerin‘, um sie damit aufzuziehen. Für mich ist es wichtig, ein Klima zu erzeugen, in dem sich die Spielerinnen wohl fühlen. Man muss sich manchmal auch einfach entspannen und Spaß haben. Wenn man blitzschnell zwischen Spaß und Ernst umschalten kann und auch weiß, was in welcher Situation angebracht ist, ist das für mich optimaler Führungsstil.“
Sprints und Flanken als Mittel zum Erfolg Trotz des holprigen Wegs zur WM gehören die USA in Deutschland zu den Topfavoriten auf den Titel. In Österreich arbeitete die Mannschaft vor allem am Konterspiel und an der Qualität der Flanken, mit denen die kopfballstarke Abby Wambach in Szene gesetzt werden soll. „Wir brauchen auch mehr Sprints, das macht das Spiel schneller und unberechenbarer.“ Im Flügelspiel liegt für Sundhage die Zukunft. „Wenn man im Männerfußball zwei starke Teams im Mittelfeld betrachtet, neutralisieren sie sich oft, weil sie so viel Respekt vor dem gegnerischen Offensivpotenzial haben, das erinnert mich ein bisschen an Handball, wo der Ball so lange zirkuliert, bis man eine bessere Position gefunden hat. In Zukunft wird das Spiel schneller werden und sich mehr auf die Flügel verlagern.“
Erfahrener Kader Im Training ließen es ihre Spielerinnen am nötigen Einsatz nicht vermissen: Ob Torhüterin Hope Solo, die nach Ende eines zweistündigen Trainings noch sich und ihre Bauchmuskulatur mit Extraeinheiten quält, die junge Tobin Heath, die schlaksig und unscheinbar wie einst Dietmar Hamann über den Platz hutscht, aber einen präzisen Pass nach dem anderen spielt, oder Heather O’Reilly, die so lautstark Kommandos gibt, als würde der WM-Titel bereits auf dem Trainingsplatz vergeben werden. Der US-Kader hat ein Durchschnittsalter von über 27 Jahren, der älteste, der bei der WM an den Start gehen wird. „Im Verhältnis zu den anderen Teams haben wir vielleicht einen alten Kader, aber aus amerikanischer Sicht ist er sogar eher jung, verglichen mit den guten, alten Tagen. A-Rod hat zum Beispiel viel Erfahrung, aber ist immer noch jung, genauso Lauren Cheney, auch Megan Rapinoe.“
Entwicklung stagniert Doch trotz allen Einsatzes ihrer Spielerinnen räumt Sundhage auch ein, dass sich der Frauenfußball in den USA in den vergangenen Jahren nicht richtig weiterentwickelt hat. „Seit April Heinrichs 2005 aufgehört hat, ist nicht allzu viel passiert, in Schweden, Norwegen, den Niederlanden, England und Deutschland hingegen eine ganze Menge.“ Deswegen hat der US-Verband zu Beginn des Jahres Heinrichs und Jill Ellis eingestellt. Sie sollen ein neues Konzept entwickeln, um dem Frauenfußball im Land auf neue Höhen zu hieven.
Auf der Suche nach den richtigen Spielerinnen „Wir haben so viele Spielerinnen im Land, aber finden wir wirklich die richtigen, nach denen wir suchen?“ Das ist die Frage, mit der sich Heinrichs und Ellis derzeit auseinandersetzen. „Bis das neue Konzept greift, werden sicherlich einige Jahre vergehen, aber die beiden werden mit ihrer Erfahrung dafür sorgen, dass das US-Team in Zukunft ein wenig anders aussehen und schwerer zu schlagen sein wird.“ In der Vergangenheit ließen sich über Athletik und Engagement Titel gewinnen, heute nicht mehr. „Der Frauenfußball ist so komplex geworden, 1991 waren die USA physisch überlegen und hatten einige gute Spielerinnen. Das reicht heute nicht mehr. Man muss das Spiel wirklich verstehen.“
Frauen-WM 2011 als Meilenstein Doch im Moment zählt nur das Hier und Jetzt für Sundhage. Sie ist sich sicher, dass die WM in Deutschland ein Meilenstein in der Geschichte des Frauenfußballs werden wird. „Die nächsten drei Jahre werden die Zukunft des Frauenfußballs verändern. Erst die WM in Deutschland mit den vielen verkauften Tickets, dann 2012 die Olympischen Spiele in einem weiteren Fußballland wie England und 2013 die EM in Schweden. Wir werden später einmal auf das Jahr 2011 zurückschauen und sagen, dass dies der Anfang von etwas ganz Wunderbarem war.“