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WomenSoccer

2011

Spannende Gesprächsrunde

Unter dem Motto „Gegnerinnen-Aufklärung“ tourt die Heinrich-Böll-Stiftung derzeit durch Deutschland, um über die Teilnehmerländer der Frauen-WM zu informieren. Eine der Veranstaltungen fand in Augsburg statt und Womensoccer war dabei, als sich prominente Gäste über den Frauenfußball in Mexiko und Deutschland austauschten.

WM-OK-Präsidentin Steffi Jones hatte es sich trotz eines voll gepackten Terminkalenders kurz vor der WM nicht nehmen lassen, an der vom FAZ-Redakteur und Frauenfußball-Experten Daniel Meuren geleiteten Podiumsdiskussion in der Gaststätte des Augsburger Rosenaustadions im Rahmen der bundesweiten Kampagne “Gender Kicks 2011″ teilzunehmen.

Illustre Runde Steffi Jones, Bayern Münchens Frauenfußball-Managerin Karin Danner und Claudia Stamm, Sprecherin für Gleichstellung von Bündnis 90/Die Grünen im Bayerischen Landtag, diskutierten mit der früheren mexikanischen Nationalspielerin Ana Montenegro und Mayerli Vargas, Gründerin des Straßenfußball-Projektes Street Soccer México, über den Stellenwert des Frauenfußballs in beiden Ländern, auch jenseits des sportlichen Horizonts.

Riesenunterschiede Und schnell wurde den Teilnehmerinnen klar, wie unterschiedlich die Voraussetzungen in den beiden Ländern sind. Während bei der Diskussion über den Frauenfußball in Deutschland Themen wie Medienkritik und Nachhaltigkeit nach der WM im Vordergrund standen, schilderten die beiden mexikanischen Gäste eindrucksvoll, wie schwierig die Rahmenbedingungen für den Frauenfußball in Mexiko sind.

Street Football für ein besseres Leben Die studierte Psychologin Mayerli Vargas, die mit ihrem Ehemann 2008 Street Soccer México ins Leben rief, um Problem-Jugendlichen unter dem Motto „De la Calle a la Cancha“ (Von der Straße auf den Fußballplatz) zu einer besseren Zukunft zu verhelfen, wies darauf hin, dass bereits bei grundsätzlichen Dingen Defizite bestehen. „Es fehlen noch viele Sachen. Wir brauchen Zentren, Ligen und Spielfelder, so dass die Jugendlichen Fußball spielen und ihr Leben ändern können. Es gibt viel Armut, Gewalt und Bandenkriege. Der Fußball kann eine Form sein, das zu ändern.“ Darüber hinaus betonte sie, in ihrem Land gebe es immer noch Machismo. „Der Fußball gehört den Männern. Wenn ein Mädchen Fußball spielen will, muss es immer noch ihre Eltern, Geschwister und Freunde um Erlaubnis fragen.“ Zudem fehle es an Ligen oder Schulen, wo die Mädchen Fußball spielen könnten. Auch sei kein Geld vorhanden, etwa um Ausrüstung zu kaufen.

Mangel an Organisation, falsche Wege Ana Montenegro ergänzte: „Es fehlt auch an der Organisation und mehr Personal, das sich für den Frauenfußball interessiert. Der Verband unterstützt den Frauenfußball nicht.“ Im Hinblick auf die WM erwartet Montenegro dennoch eine starke Leistung der Nationalelf. „Nach dem Sieg gegen die USA [2:1 in der WM-Qualifikation im November 2010] ist die Motivation noch viel größer geworden.“ Kritik übte sie an der Praxis von Nationaltrainer Leonardo Cuéllar, in den USA geborene Spielerinnen mit einem mexikanischen Elternteil in die Nationalelf zu berufen. „Cuéllar war sicherlich ein großartiger Spieler, er hat dem Fußball sehr geholfen und auch bei der Organisation unserer Nationalelf wertvolle Dienste geleistet. Aber ich denke, er ist ein wenig vom Weg abgekommen. Ich habe Probleme damit, wenn Spielerinnen kein Spanisch sprechen, die mexikanische Kultur und das Land, das sie repräsentieren sollen, gar nicht kennen. Woher soll die Leidenschaft kommen?“

Jones: “Mehr Initiativen und Projekte” Steffi Jones berichtete von ihren Eindrücken bei der Welcome Tour in Mexiko und ergänzte, dass man im Land noch einiges zur Förderung des Frauenfußballs tun könne. „Dazu bedarf es Initiativen und Projekte, die sich dafür einsetzen. Unser Auftritt vor Ort wurde von den Medien umfangreich aufgegriffen, ich hatte den Eindruck, wir haben etwas angestoßen.“ Mexikos First Lady Margarita Zavala versprach Jones gar, sich verstärkt für den Frauenfußball einsetzen zu wollen, doch davon sei vor Ort noch nicht viel zu merken, wussten die beiden Mexikanerinnen zu berichten.

Früher Bundesliga-Boom Karin Danner schlug einen Bogen zur Bundesliga und berichtete von den Anfängen des Frauenfußballs in Deutschland. Nach Aufhebung des Verbots habe es bereits in den 70er-Jahren ein Frauenfußball-Hoch gegeben. „Wir hatten am Anfang teilweise 15 000, 18 000 oder 20 000 Zuschauer bei den Bundesligaspielen. Vielleicht weil das Verbot aufgehoben wurde. Die Entwicklung ging nach oben, dann hat sie stagniert und auf einmal ist sie wieder rückläufig gewesen. Wir nähern uns nicht mehr diesen Zuschauerzahlen an. Die einzigen Erfolge verzeichnet die Nationalmannschaft als Aushängeschild, davon profitieren die Vereine.“ Die Kluft zwischen Nationalmannschaft und Liga sei zu groß, man habe es in all den Jahren nicht geschafft, sie zu schließen.

Herkulesaufgabe „In der Liga hat man bei den Topspielen vielleicht mal 5 000 Zuschauer einmal im Jahr, das ist einfach zu wenig. Wir würden auch lieber vor 10 000 Zuschauern spielen. Es ist trotz der WM im eigenen Land schwierig, wieder dahin zu kommen. Wir müssen in den Vereinen wahnsinnig viel tun, um diese Euphorie mitzunehmen, das haben wir 2003 und 2007 nicht geschafft. Aber ohne die Medien werden wir das nicht schaffen.“

Geld ist nicht alles Meuren warf ein, es gebe neben den Medien ja auch noch eine Macht namens Uli Hoeneß, der verstärkt in den Frauenfußball investieren könne. Geld sei nicht alles, entgegnete Danner. „Wenn es danach gehen würde, müsste Wolfsburg seit zwei Jahren Deutscher Meister sein und die Stadien voll haben. Ich habe das Budget nicht, wir wollen eigene Talente in Bayern ausbilden und das machen wir gut.“

Stamm: “Frauen-Geschichte geht immer wieder verloren” Claudia Stamm griff Danners Blick in die Historie auf: „Wir hatten sogar in den 50-er Jahren schon 18 000 Zuschauer bei Frauenfußball-Spielen. Aber das passiert oft mit Frauen-Geschichte; man hat schon etwas erreicht, dann kommt aus verschiedenen Gründen ein totaler Rückschlag. Zum Teil ist es psychologisch begründet worden, dass die Männer aus dem Krieg ohne Identität zurückkehrten und dann den Fußball für sich behalten wollten, deswegen sollten die Frauen weg. Der DFB hat den Frauenfußball dann 15 Jahre verboten, das ist vielen überhaupt nicht mehr bekannt. Frauen-Geschichte geht immer wieder verloren und muss wieder entdeckt werden.“

Medien und DFB in der Pflicht Und sie führte weiter aus: „Trotz Steffi Jones als toller Borschafterin schaffen wir es nicht, den Frauenfußball zu pushen.“ Sie führte ein Beispiel aus ihrer Heimatstadt Würzburg an: „Dort ist der ETSV gerade in die 2. Liga aufgestiegen, der Bayerische Rundfunk hat weder im Fernsehen noch im Radio berichtet, darüber bin ich entsetzt.“ Stamm nahm aber auch Jones in die Pflicht und hinterfragte, ob der DFB nicht mehr tun könne, um den Liga-Spielbetrieb zu pushen. Jones erwiderte, dass etwa die WM-Prämie von 60 000 Euro, die jede deutsche Spielerin im Falle eines WM-Titels erhalten würde, viel Geld sei für eine Sportart, die sowieso am Männerfußball partizipiere.

Jones fordert mehr Wertschätzung „Die TV-Gelder werden auf die Bundesligavereine aufgeteilt. Ich war als Spielerin immer kritisch und bin eine neutrale und sachliche Fürsprecherin für Frauen- und Mädchenfußball, aber ich weiß, was intern alles gemacht wird im DFB, um den Frauen- und Mädchenfußball mit ganz vielen Projekten zu fördern, und ich weiß auch, was die Vereine leisten und nicht jeder Verein hat dieselben Möglichkeiten. Was wir gerade auf dem Weg zur WM erleben, ist nicht selbstverständlich. Sechs Nationale Förderer geben jeweils vier Millionen Euro, die haben wir über Kontakte und Netzwerke des DFB bekommen, der auch ein großes Risiko trägt. Man sollte wertschätzen, wo der Frauenfußball heute im Gegensatz zu anderen Sportarten steht. Ich bin nicht der Meinung, dass wir rückläufig, sondern auf einem guten Weg sind. Man kann auch nicht sagen, dass die Medien uns nicht unterstützen, sie sind uns wohlgesonnen, das kann ich aufgrund meiner Zusammenarbeit sagen.“

Unbekannte Spielerinnen Ana Montenegro erklärte: „In Mexiko ist die Berichterstattung viel geringer, die Medien interessieren sich eigentlich gar nicht für den Frauenfußball. Der Sieg gegen die USA wurde in den Zeitungen nur in einem kleinen Artikel erwähnt. Die Spielerinnen wären froh, wenn sie von dieser Seite mehr Unterstützung bekommen würden. Wir sind aber sehr zufrieden, dass die WM-Spiele Mexikos im TV übertragen werden.“ Vargas hob den großen Unterschied zwischen Männer- und Frauenfußball in ihrem Land hervor: „Die Leute kennen nicht mal die Namen der Spielerinnen, geschweige denn wissen sie, dass eine WM stattfinden wird. Die Differenz zum Männerfußball ist enorm. Der Fußball liegt in Händen der Männer und man kennt ihn kaum.“

Mehr Frauen an die Macht Über diesen Punkt waren sich alle Anwesenden einig: Es gilt, mehr Frauen in die Führungspositionen zu hieven. Ana Montenegro erklärte, dass aktive Fußballerinnen in Mexiko nach Beendigung ihrer Karriere stärker in den Sport eingebunden werden müssten. „Heute werden sie Manager oder Hausfrauen, aber sie gehen dem Fußball verloren.“ Doch für sie steht dennoch gänzlich außer Frage, welches mexikanische Team eher einmal Weltmeister wird. „Definitiv eher die Frauen als die Männer.“