Homberger Hilflosigkeit

Von am 20. Februar 2011 – 22.50 Uhr 38 Kommentare

Drei Tage nach der Entlassung von Trainerin Martina Voss-Tecklenburg versuchten Vorstand und Aufsichtsrat des FCR 2001 Duisburg gemeinsam das zerschlagene Porzellan der vergangenen 72 Stunden zu kitten. Vergeblich, denn die offizielle Stellungnahme des Vereins lieferte keine neuen Erkenntnisse, und der Burgfriede mit dem Team scheint brüchig.

„Wir sind der Meinung, dass die Mannschaft derzeit ihre mögliche Leistung nicht abliefert; und dann ist nun mal der Trainer das schwächste Glied“, versuchte Aufsichtsratsvorsitzender Joachim Bellinghoven auf der Pressekonferenz nach dem Spiel gegen den VfL Wolfsburg eine nachvollziehbare Begründung zu finden.

Impuls an die Mannschaft
Auch die gemeinsame schriftliche Erklärung von Vorstand und Aufsichtsrat hinterließ nicht die gewünschte Wirkung. „Der Vorstand des FCR 2001 Duisburg hat sich deshalb entschlossen, jetzt eine Veränderung herbeizuführen, um einen Impuls an die Mannschaft zu geben, möglichst wieder zur alten spielerischen Stärke zurückzufinden.“ Noch einmal betonte man die Befürchtung, dass das Erreichen der sportlichen Zeile fraglich sei, zumindest rang man sich nach der öffentlichen Schelte der vergangenen Tage zu einem Dank an das Ehrenmitglied des Vereins durch.

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Offener Brief
Inka Grings verlas, flankiert von ihren Teamkolleginnen Annike Krahn, Ursula Holl, Simone Laudehr, Sonja Fuss und Christina Bellinghoven, auf der emotional aufgeladenen Veranstaltung im Namen der Mannschaft einen Dankesbrief an Martina Voss-Tecklenburg, in dem Bedauern über die Trennung geäußert wurde. Zugegen war dabei überraschend auch die geschasste Trainerin selbst, die nächste in einer ganzen Kette von Ungereimtheiten.

Grings vor dem Absprung?
In der anschließenden Mixed Zone wurde Grings deutlicher: „Wir müssen die Entscheidung hinnehmen, über dessen sind wir uns bewusst.“ Mehr wollte sie nicht sagen, um Ärger aus dem Weg zu gehen, aber zynischer kann man seinen Unmut kaum zum Ausdruck bringen. „Hinnehmen“ – Rückendeckung für die Vereinsführung klingt anders. Und so sollte man nicht allzu überrascht sein, wenn die düpierte Spielführerin zur kommenden Saison das Weite suchen wird, nur die bevorstehende WM dürfte Grings am sofortigen Ausbruch aus dem Löwinnenkäfig gehindert haben.

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Logo des FCR 2001 Duisburg

Logo des FCR 2001 Duisburg ©FCR 2001 Duisburg

Absagen für die Erste, Adieu für die Zweite
Der Verein steuert nicht erst mit dem Abgang von Voss-Tecklenburg einer unsicheren Zukunft entgegen. Denn die Suche nach zahlungskräftigen Sponsoren für die kommende Saison gestaltet sich nach wie vor schwierig, ob sich potenzielle neue Spielerinnen für das unruhige Umfeld derzeit erwärmen können, bleibt abzuwarten.

Erste Absagen für die neue Saison hat sich das Team bereits eingefangen, wie die von den Banecki-Zwillingen vom FC Bayern München und Jessica Bade von der SG Essen-Schönebeck. Gespräche über Vertragsverlängerungen sind vorerst auf Eis gelegt. Neben Femke Maes, Annemieke Kiesel und Grings dürften weitere Nationalspielerinnen den Verein verlassen, Simone Laudehr gilt als eine weitere heiße Kandidatin auf einen Weggang. Zudem gibt es Pläne, die zweite Mannschaft in die Regionalliga zu verbannen.

Ketelaer: „Will noch viel erreichen“
Auch für Interimstrainer Marco Ketelaer ist die derzeitige Situation alles andere als leicht: „Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht; ich bedauere die Trennung und habe gerne mit Martina zusammen gearbeitet, die mich auch zum FCR geholt hat; aber nun will ich zusammen mit der Mannschaft noch viel erreichen und ich kann sagen, dass wir uns gegenseitig vertrauen.“ Wohl nur ein Einzug ins Finale der Champions League kann die Wogen kurzfristig wieder glätten.

Zukunft ungewiss
Ketelaer selbst scheint ebenfalls noch nicht überzeugt zu sein, ob er auf dem schwankenden Schiff bleiben will. „Ich habe die Mannschaft fürs Erste kurzfristig übernommen und bin bereit, die Sache so auszufüllen. Alles weitere, was auch die genaue Position meiner Person angeht, das sind Dinge, die in den nächsten Tagen konkretisiert werden müssen.“

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Markus Juchem (50) schreibt seit 2003 über Frauenfußball, für Medien wie Womensoccer.de, UEFA.com, FIFA.com, DFB.de, FAZ, NZZ und Kicker.

38 Kommentare »

  • kleinschwarz sagt:

    Hoffentlich hat das keine Auswirkungen auf die Nationalmannschaft. Bei der WM müssen die Duisburger Nationalspielerinnen in Topform sein. Ich hoffe, das ganze Hickhack zieht die Nationalspielerinnen Grings, Laudehr, Bresonik etc. nicht runter.

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  • Fredi sagt:

    Die Zweite soll wohl zwangsabsteigen!!!

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  • laasee sagt:

    @Barbel

    I agree with you.

    @kleinschwarz

    WM2006 was won by Italy – with a background of a massive scandal in Italian football.

    Perhaps history repeats itself and the WM2011 winner also has a big football scandal in the background.

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  • Schenschtschina Futbolista sagt:

    @kleinschwarz

    Ich glaube nicht, dass die WM-Leistung dadurch negativ beeinflusst wird! Es gibt reichlich Beispiele in Deutschland, wo gerade das Gegenteil von dem eintritt.
    Man weiss auch um die Bedeutung eines solchen Events, sich auf internationaler Bühne präsentieren zu können, um ggf. auf diesem Weg einen neuen Verein zu finden, und der kann ja auch im Ausland liegen.
    Vielleicht nutzt ja die Eine oder Andere bereits die noch ausstehenden CL-Spiele dafür, wer kann das wissen!

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  • Winter sagt:

    Respekt vor der Stellungnahme der Mannschaft, insbesondere vor Inka Grings! Gut das auch eine Mannschaft in solch einer Situation Charakter zeigt, diesen hätte man sich von der Vereinsführung gewünscht. Dort wurde mit Sicherheit mehr Porzellan zerschlagen als einem lieb ist. Hätten vor einiger Zeit viele Spielerinnen noch alles für ihren Verein getan, weil sie auch Personen und dem Umfeld viel zu verdanken haben, wird es jetzt wohl damit vorbei sein! Auch wenn mein Herz den Turbinen gehört, die Mannschaft unter MVT war eine wahrlich Große, auf und neben dem Platz!!!

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  • Schenschtschina Futbolista sagt:

    @Winter
    Also, ich lese da beim besten Willen keine Stellungnahme heraus, lediglich eine Art von Danksagung wurde da formuliert und verlesen, die dem Charakter eines „offenen Briefes“ wohl eher weniger gerecht wird. Der Brief dazu hat wohl eher eine schwarze Umrandung, die u.U. keine durchgehende, sondern unterbrochene ist. 😀

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  • till sagt:

    @SF
    Es ist immerhin ein Brief gegen den eigenen Arbeitsgeber und da sollte man vielleicht auch etwas vorsichtig mit den Formulierungen bzw. den Aussagen sein. Es bringt den Spielerinnen ja nichts, wenn sie sich jetzt noch ihre eigene WM-Chance verbauen, weil sie zu sehr gegen den Verein bzw. dessen Führung schießen…

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  • laasee sagt:

    The PK yesterday was an embarrassing shambles.

    Are the ‚gentlemen‘ of the Board so incapable of coherently explaining the decision to sack MVT, or are they carrying out the instructions of others?

    If the decision to sack MVT was solely theirs, then they would obviously have a reasoned and logical explanation for sacking her.
    Clearly they have not – the PK demonstrated and amplified that.
    Therefore, it can be assumed that the ‚gentlemen‘ of the Board are evidently carrying out a decision that was conceived elsewhere.

    This saga is surreal.

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  • Detlef sagt:

    @Garrincha,
    so weit wird es wohl nicht kommen!!!

    PLEITE würde ja komplette Zahlungsunfähigkeit bedeuten, und die kann ich diese Saison noch nicht sehen!!!

    Der FCR hat letzte Saison immerhin den DFB-Pokal gewonnen (dafür gab es ja auch gutes Geld), und man kam in der CL immerhin bis ins HF (da sollte auch ein wenig übrig geblieben sein)!!!

    Das Problem wird die nächste Saison werden, falls der FCR nicht die CL gewinnt (was ordentlich viel Geld in die Kasse spülen würde)!!!

    Falls der CL-Sieg aber nicht gelingen sollte, werden die wenigen Sponsoren es vielleicht schaffen, einen ganz jungen Kader (ohne Nationalspielerinnen) zu unterhalten!!!

    Dieser wird dann sehr viel kleinere Brötchen backen als jetzt, und sich eventuell sogar mit dem Abstiegskampf auseinandersetzen müssen!!!

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  • Müller sagt:

    Geht mal auf Fanscoccer da wird dementiert das mit der Regionalliga.Haber auch die Trainer der 2 Mannschaft verabschieden sich zum Ende der Saison .

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  • laasee sagt:

    Petra Hauser now goes.
    Women coaches in FF are now an ‚endangered species‘.
    How long before extinction occurs?

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  • Svensson sagt:

    @FFan2
    …Wohin sollen denn die Nationalspielerinnen wechseln?
    Frankfurt oder Potsdam?

    I bet some of them will play in the U.S.
    Duisburg will not be able to pay Grings, Bresonik and Laudehr. After the World Cup they can leave the country. A different environment will do them good.

    I also believe that Bajramaj wants to play somewhere else. Maybe Pohlers too.

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  • Ulf sagt:

    Weder im Vorstand noch im Aufsichtsrat sitzt eine Frau. Das wäre doch für die schlaue Marion Kehren (siehe FanSoccer)die richtige Spielwiese. Auch ihre Sonnenbrille macht schon was her (Heino läßt grüßen ?). „Beinhart wie ein Rocker“ von Torfrock fällt dazu ein.

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  • laasee sagt:

    „Weder im Vorstand noch im Aufsichtsrat sitzt eine Frau.“

    That is FF in the modern world – progess is very slow…….like a snail.

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  • mrx sagt:

    Gegenfrage: Wo wäre der FF denn heute? So ohne Schröder, Dietrich, Zwanziger etc…

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  • laasee sagt:

    Maybe playing Buli games on Saturday at 15.30 hr. in top stadia?
    Maybe getting equal prize money (DFB Pokal) as the men?
    Maybe having a tv contract?
    Maybe a lot more as well……

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  • mrx sagt:

    Träum‘ weidda! 😉

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  • laasee sagt:

    Football is about dreams.

    Sometimes dreams do come true.

    Ja ?

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