Klassiker voller Emotionen, Duisburgs Kader zu schwach?

32

Erst drei Spieltage ist die neue Saison in der Frauenfußball-Bundesliga alt, doch in Potsdam kochten beim Klassiker die Emotionen bereits gewaltig hoch. Beim FCR 2001 Duisburg verschenkte man wie in den vergangenen Spielzeiten überraschend Punkte und sparte hinterher nicht mit öffentlicher Kritik. In Wolfsburg schickte Martina Müller in Sachen Torjägerkanone eine Kampfansage in Richtung Inka Grings, und bei Bayern München machten zwei zuletzt Verschmähte von sich reden.

Zum Spitzenspiel im Karl-Liebknecht-Stadion hatten sich nur enttäuschende 1 707 Zuschauer eingefunden (in der Saison 2009/10 waren es bei diesem Topspiel noch 2 379), doch die sollten ihr Kommen nicht bereuen, sahen sie doch alles, was ein Fußballspiel so packend macht: Emotionen pur, zwei Rote Karten, schöne Tore und für den Gastgeber eine gelungene Aufholjagd in Unterzahl.

Frankfurt bestimmt Anfangsphase
In den ersten 20 Minuten bestimmte der 1. FFC Frankfurt wie schon in Wolfsburg das Geschehen, Turbines Torhüterin Anna Felicitas Sarholz verhinderte gegen Kerstin Garefrekes einen frühen Rückstand und hatte Glück, dass Ariane Hingst einen Schuss nicht richtig traf, nachdem Birgit Prinz mit einem kraftvollen Solo die Turbine-Abwehr hatte schlecht aussehen lassen. In der 24. Minute ereignete sich dann eine Szene, die die Gemüter auch am Tag nach dem Spiel noch erhitzte.

Kemme und Kahlert sehen Rot
U20-Weltmeisterin Tabea Kemme stand an der Seitenlinie beim Einwurf, Kerstin Garefrekes baute sich nah vor ihr auf, um eine schnelle Ausführung zu verhindern, und die 18-Jährige schleuderte der Frankfurterin den Ball aus kurzer Distanz ins Gesicht. Garefrekes ging zu Boden, Frankfurts Trainer Sven Kahlert ließ sich zu einem Schubser gegen die Potsdamerin hinreißen. Kemme sah von Schiedsrichterin Miriam Dietz für ihre absichtliche unsportliche Aktion genauso folgerichtig die Rote Karte, wie Kahlert, der für seine Unbeherrschtheit auf der Tribüne Platz nehmen musste.

Yuki Nagasato sichert Potsdam den Sieg im Klassiker. (c) Nora Kruse, ff-archiv.de

Entschuldigung von Kahlert
Turbine-Trainer Bernd Schröder nahm seine Spielerin in Schutz: „Es war eine Kurzschlussreaktion. Ich glaube nicht, dass das eine absichtlich gehässige Aktion war.“ Kahlert meinte nach dem Spiel: „Ich bin ein sehr emotionaler Mensch, in diesem Moment sind meine Emotionen mit mir durchgegangen. Ich möchte mich beim Verein, der Mannschaft und vor allem gegenüber der Spielerin Tabea Kemme für mein Verhalten entschuldigen, das hätte mir nicht passieren dürfen.“ Das DFB-Sportgericht wird in beiden Fällen über die unschöne Szene, die von einer Nachrichtenagentur unangemessen reißerisch zum Skandal aufgebauscht wurde, ein Urteil mit Augenmaß fällen.

Frankfurt verspielt Führung
Als Garefrekes nach Flanke von Sara Thunebro die Frankfurterinnen kurz nach der Pause in Führung brachte, schienen die Karten für den Gast gut zu stehen, doch Frankfurt wusste trotz der Führung im Rücken mit der personellen Überlegenheit nur wenig anzufangen. Im Gegenteil: Turbine ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und agierte kompakt und geschickt. Der sonst an diesem Tag eher blassen Anja Mittag gelang mit einem Traumtor nach starker Vorarbeit von Fatmire Bajramaj der Ausgleich, die eingewechselte Yuki Nagasato ließ die gestandene schwedische Nationalspielerin Thunebro beim Siegtreffer per Kopf wie eine Anfängerin aussehen.

Gelungener Saisonstart für Potsdam
Am Ende stand Frankfurt einmal mehr mit leeren Händen da, Potsdam durfte sich über einen perfekten Start in die neue Saison freuen. „Es ist nur eine Momentaufnahme“, trat Schröder sofort auf die Euphoriebremse, während für Kahlerts Schützlinge nach der bereits zweiten Saisonniederlage nun jedes Spiel Endspielcharakter haben wird. „Die Leistung war aber so, wie wir uns das vorgestellt haben, wir müssen diese aber über 90 Minuten abrufen“, so Kahlerts Fazit. Von der Selbstverständlichkeit, mit der das Team in der Vergangenheit auch Spiele gegen starke Gegner gewann, ist das Team aber noch ein ganzes Stück weit entfernt.

[ad#300x250_Medium_Rectangle]

Duisburg beklagt fehlende Qualität
In der vergangenen Saison patzte der FCR 2001 Duisburg beim 1:1 im Heimspiel gegen den 1. FC Saarbrücken bereits früh, und auch diesmal widerfuhr dem Team ein ähnliches Schicksal. Gegen den Hamburger SV kam das Team von Trainerin Martina Voss-Tecklenburg nur zu einem glücklichen 2:2, das Inka Grings zwei Minuten vor Schluss per Foulelfmeter sicherstellte. Weder die vereinseigene Pressemitteilung („enttäuschende Leistung“, „sehr schwache Vorstellung“, „ungewohnte Fehler im Spielaufbau“, „eklatante Probleme in der Abwehr“), noch die Trainerin selbst hielten sich mit Kritik zurück. So kritisierte Voss-Tecklenburg „die fehlende Qualität im Kader“. Noch vor wenigen Tagen hatte es geheißen, es werde eine Mannschaft auf dem Platz stehen, die stark genug sein sollte, die Hanseatinnen zu besiegen. Doch geschwächt durch die Verletzungen von Annike Krahn, Marina Hegering, Alexandra Popp, Stefanie Weichelt und Mandy Islacker sowie die Abstellung von Luisa Wensing zur U17-WM scheinen dem Team gleichwertige Alternativen auszugehen.

Martina lässt es müllern
„Zwei mit links, zwei mit rechts und eins mit dem Kopf“, freute sich Martina Müller über sagenhafte fünf Treffer beim 6:3-Erfolg des VfL Wolfsburg gegen den Herforder SV. Im Spiel gegen den unerfahrenen Aufsteiger konnte die routinierte Stürmerin ihre ganze Cleverness gekonnt ausspielen. Mit ihren Saisontreffern 3 bis 7 katapultierte sie sich an die Spitze der Torschützinnenliste, mit einem Treffer Vorsprung vor Nationalmannschaftskollegin Grings. Es zeichnet sich ab, dass der Duisburgerin in diesem Jahr die Torjägerkanone nicht auf dem Silbertablett präsentiert werden dürfte. Der durch Leni Larsen Kaurin und Martina Moser belebte Konkurrenzkampf in Wolfsburg setzt auch bei der 30-jährigen Müller noch einmal neue Kräfte frei: „Jede muss im Training 100 Prozent geben, um ihre Aufstellung zu rechtfertigen.“

1:0 für Schlemmer und Mirlach
Für die ersten beiden Saisonspiele beim Herforder SV und gegen den 1. FFC Turbine Potsdam war Bayern Münchens Torhüterin Andrea Schlemmer bei Trainer Thomas Wörle nicht erste Wahl. Eine erfahrene Torhüterin sollte der neu formierten Mannschaft in den ersten Spielen mehr Sicherheit verleihen, Kathrin Lehmann wurde für zwei Spiele als Stand-by-Torhüterin verpflichtet. Doch weil Nr. 1 Kathrin Längert nicht rechtzeitig fit wurde, musste Schlemmer nun doch ran. In ihrem erst vierten Bundesligaspiel zeigte sie beim 1:0-Auswärtssieg gegen den SC 07 Bad Neuenahr eine fehlerfreie Leistung. Die Bayern-Website lobte überschwänglich: „Sie zeigte eine Klasseleistung und parierte einige Male hervorragend.“ Und auch Wörle gestand ein: „Andi Schlemmer machte ihre Sache ruhig und richtig gut!“ Auch U20-Weltmeisterin Steffi Mirlach, gegen Potsdam noch als zu schwach für einen Einsatz eingestuft, ließ Taten sprechen. In der 52. Minute erzielte sie per Kopf den Treffer des Tages.

Letzte Aktualisierung am 22.11.2019 / * = Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API

32
Hinterlasse einen Kommentar

avatar
29 Kommentar-Themen
3 Themen-Antworten
1 Follower
 
Kommentar, auf den am meisten reagiert wurde
Beliebtestes Kommentar-Thema
18 Kommentatoren
expert1WebcamSvenssonPROBIERSMALMIT...sisyphos Neueste Kommentartoren
  Abonnieren  
neueste älteste meiste Bewertungen
Benachrichtige mich bei
djane
djane

zwei rote Karten ? war das für Kahlert auch eine ? wußte bisher nicht, das „auf die Tribüne schicken“ mit einer roten Karte gleichzusetzen ist.

Marcel
Marcel

Was ist mit den restlichen Spielen , sind die nicht mehr erwähnenswert ?

Ralf
Ralf

@djane

Auch für die Spielbeteiligten, die auf der ‚Bank‘ sitzen, gelten die Spielregeln! 🙂
Stehen doch alle namentlich auf dem Spielprotokoll!

Warum sollte der Verweis aus dem ‚Innenraum‘, besser vom Spielfeldrand, für einen Trainer nicht auch eine Rote Karte sein!

rockpommel
rockpommel

So kritisierte Voss-Tecklenburg „die fehlende Qualität im Kader“.

Entschuldigung Fr.Voss-Tecklenburg, wer ist denn für die Kaderzusammenstellung verantwortlich? Normalerweise ist das immer noch die sportliche Leitung! 😉

laasee
laasee

FCR have quality players. The problem is that because of injury, Hegering, Islacker, Kayikci, Krahn, Popp and Weichelt were not available. Also Wensing could not because of WM U17.

The game with Hamburg (2:2) was unfortunate but FCR do this result against a smaller club every year. Bayern on Sunday will be a better chance to evaluate Duisburg. The weather forecast is for a sunny day and the Lowinnen will play good.

Ralf
Ralf

@laasee

YES!

rockpommel
rockpommel

Zitat Lasee: „FCR have quality players“ Fr. Voss-Tecklenburg scheint da aber anderer Meinung zu sein. 😉 Nochmals, für die Kaderzusammenstellung ist die sportliche Leitung verantwortlich. Ich erinnere an die zahllosen Abgänge der letzten Saison. Eine Wesely hat es vorgezogen in die Ferne zu schweifen. Knaak will weg, darf aber nicht. Paradox, das gerade sie noch Akzente setzt! Weichelt und Islacker haben die Saisonvorbereitung unter MVT mit Muskelverletzungen abgeschlossen. Eine Cengiz oder London sitzen lediglich als „Notstopfen“ auf der Bank (genau dies hat übrigens die zahlreichen Abgänge der letzten Saison verursacht). Da können die Arrivierten spielen, als wenn sie Blei in… Weiterlesen »

djane
djane

Ralf, wie gesagt, es war mir neu- weil diese Karten auch nicht in den online-Spielzusammenfassungen des dfb verzeichnet sind 😉

Ralf
Ralf

@djane

Eine Rote Karte für einen Trainer ist ja immer noch differenziert zu betrachten.
Auch hier gilt: „Wenn Zwei das Gleiche machen, ist das noch lange nicht dasselbe!“ 🙂

laasee
laasee

@ Rockpommel

I understand your criticism. However, I think that last season showed that there can be too many players at the club. This can cause problems and effect unity. The big problem this year has been the injuries, especially with Annike Krahn.

Wednesday with Herforder and Sunday in Bayern will give a better indication of how FCR stand. Inka scoring lots of goals can help to take the pressure away.

Winter
Winter

@Markus
1707 Zuschauer-In Potsdam hat es bis 14.00 Uhr wirklich stark geregnet. Nach dem aufwärmen waren beide FFC´s komplett nass und nicht zu beneiden!

Ulf
Ulf

Weiß jemand, warum der FCR die 2. Japanerin, die ja im Probetraining einen guten Eindruck hinterlassen haben soll, jetzt nicht mehr für die Abwehr geholt wurde ? Liegt es am starken Yen ?

sisyphos
sisyphos

Was den FCR betrifft: Markus, Du zählst ja selbst die sechs Verletzten bzw. abwesenden Spielerinnen auf – hinzu kommt Hasret Kayikci. Bei 19 Feldspielerinnen im Kader sind dann eben nur noch 12 übrig. Und von den elf, die auf dem Platz standen, waren sieben Nationalspielerinnen. Wenn das zu wenig ist oder zu schwach, weiß ich nicht, was man noch mehr oder anders will. Und wenn man die schlechten auf dem Platz nicht herausnimmt (was gestern zugegeben schwierig war, denn man hätte nahezu jede auswechseln können!), weil man denen auf der Bank nichts zutraut (wie auch mehrfach in der letzten Saison… Weiterlesen »

sisyphos
sisyphos

@Ulf:
Ich weiß nicht, welche Währung in Kasachstan gilt, aber egal wie stark oder schwach diese ist – diese Reise ist ein Zuschussgeschäft sondergleichen. Damit dürfte sich eine weitere Verpflichtung – von wem auch immer – erledigt haben.

rockpommel
rockpommel

@ sisyphos

Du sprichst immer von „man“, nenn das Kind doch beim Namen!

Ulf
Ulf

Zumindest das Gehalt für Frau Krahn müßte aber für die Verletzungszeit von der Krankenkasse übernommen werden.

PROBIERSMALMIT
PROBIERSMALMIT

Bei diesen Wetterverhältnissen war doch klar das Hamburg mit den Mengen Wasser besser zurecht kommt. Davon abgesehen entwicken sich auch die sogenannten Punktelieferanten weiter.

sisyphos
sisyphos

@ rockpommel:
Du hast recht – es fiel mir auch auf, als ich es abgeschickt hatte. Aber ich denke, es ist schon klar, wen ich meine, auch wenn ich nicht im ersten Absatz jedesmal ‚MVT‘ oder ’sportliche Leitung‘ und im zweiten ‚Vereinsführung‘ schreibe.

Jan
Jan

Hallo sisyphos, vielleicht wär ja genau das ’ne Lösung für Duisburg: Man leiht sich gleich einfach paar Kasachinnen aus!

Detlef
Detlef

@Markus,
Die überdachte Tribüne war eigentlich komplett voll Zuschauer!!!
Alle Leute ohne Dach über dem Kopf waren nicht zu beneiden bei dem bescheidenen Wetter!!!
Und dann darf man auch die Live-Übertragung im DFB-TV nicht vergessen, die einigen „Weicheiern“ sicher die Entscheidung Pro-Sofa im Trockenen leichter machte!!!

Mit verbesserter Infrastruktur, sprich überdachter Gegentribüne, werden die Zuschauerzahlen in Zukunft auch bei widriger Witterung noch höher liegen!!!
Es gibt halt auch in Potsdam sehr viele Schönwetterfans!!!