Sven Kahlert: „Es herrscht eine andere Stimmung“
Nach zwei verpatzten Jahren will der 1. FFC Frankfurt in der Frauenfußball-Bundesligasaison 2010/11 wieder ganz vorne mitmischen. Im Interview mit Womensoccer spricht Trainer Sven Kahlert über gelungenes Teambuilding, die Integration der Neuzugänge und die schärfsten Konkurrenten.
Womensoccer: Die Bilanz des 1. FFC Frankfurt in den vergangenen zwei Jahren war nicht gerade rosig. Was stimmt Sie optimistisch, dass es diesmal besser läuft?
Sven Kahlert: Ich denke, wir sind gut gerüstet und wollen das bereits am Sonntag zeigen. Wir hatten eine lange Vorbereitung mit siebeneinhalb Wochen, die meisten Spielerinnen hatten zuvor fünfeinhalb Wochen Urlaub, selbst die Nationalspielerinnen hatten vier Wochen frei. Alle waren ausgeruht und richtig heiß, dass es wieder los geht. Zu 99 Prozent haben die Spielerinnen eine überragende Vorbereitung gemacht, gefühlsmäßig greifen die Rädchen besser. Es blieb auch Zeit fürs Teambuilding. Wir haben ein River-Rafting auf dem Rhein gemacht mit anschließendem Grillabend und Bogenschießen, dazu haben wir in Wiesbaden im Kletterwald Neroberg einen Riesenspaß gehabt. Aber es zählt nicht, ob die Vorbereitung gut oder schlecht war. Man wird sehen, wie das erste Spiel ausgehen wird und wie wir in Wolfsburg auftreten werden. Die ersten vier, fünf Spiele werden zeigen, ob wir auf einem guten Weg sind, unsere Ziele zu erreichen. Wir müssen allerdings ein bisschen aufpassen, weil die beiden Schwedinnen schon zum zweiten Punktspiel nicht da sind, und womöglich auch in Duisburg wegen der WM-Playoffs fehlen werden.
Womensoccer: Musste man sich wegen der verkürzten Saison anders vorbereiten?
Kahlert: Im Prinzip war alles schon bis zum 26. März ausgelegt, das DFB-Pokalfinale wäre das letzte offizielle Spiel. Was danach kommt, wird man sehen, wie wertvoll das für die Vereine ist. Wir haben uns lange Gedanken gemacht und uns dann für eine längere Vorbereitung entschieden, weil wir Dinge aus unserer Sicht besser steuern konnten, damit wir bis zum Winter unser Level halten. In den letzten zwei Jahren waren der FC Bayern München oder auch der 1. FFC Frankfurt von vielen Verletzungen geplagt. Bei Potsdam und Duisburg war dies nicht so schlimm. Doch was passiert, wenn dort Spielerinnen angeschlagen sind? Das möchte ich natürlich niemandem wünschen. Aber wie viele Spielerinnen kommen hinten nach, die diese Qualität haben?
Womensoccer: Sie haben sich prominent verstärkt, den Kader aber verkleinert.
Kahlert: Wir haben 19 Spielerinnen, davon zwei Torfrauen. Dadurch, dass wir den Kader quantitativ verringert und qualitativ verbessert haben, ist eine ganz andere Stimmung da. Melanie Behringer war von Beginn der Vorbereitung an dabei und hat sich schnell eingefunden, denn sie kennt die Nationalspielerinnen und die Spielweise. Jessica Landström braucht sicherlich noch eine Weile, um sich an die Laufwege zu gewöhnen, das ging auch bei Sara Thunebro nicht so schnell. In den USA wird viel mit langen Bällen gearbeitet, hier wollen wir aber Fußball spielen. Aber man sieht, dass sie jede Trainingseinheit weiterbringt. Valeria Kleiner hat erst am Donnerstag ihr erstes Training mitgemacht, wird aber schnell reinkommen. Dazu haben wir noch zwei ganz junge Spielerinnen, die eine gute Vorbereitung gezeigt haben, aber auch in der zweiten Mannschaft spielen werden. Wir haben mit unserem Kader viele Optionen, können uns viel verschieben und die Außenpositionen flexibel besetzen. Man muss nicht 20 Spielerinnen haben, um jede Position doppelt zu besetzen.
Womensoccer: Am Sonntag beginnt die neue Saison der Frauenfußball-Bundesliga mit einem Auswärtsspiel beim VfL Wolfsburg, nicht gerade ein leichter Auftakt.
Kahlert: Das ist gut so, denn dann wissen wir gleich, wo wir stehen. Wolfsburg ist sicherlich ein größerer Gradmesser, als wenn man wie etwa Duisburg mit einem Heimspiel gegen einen Aufsteiger beginnt. Es wäre nicht nur wichtig, dieses Spiel zu gewinnen, sondern mit der Art und Weise uns auch Selbstbewusstsein zu holen und den Schwung mitzunehmen. Wir wollen von Beginn an bei den Topteams dabei sein. Spielerisch werden wir mit demselben System spielen, allerdings mit dem Ziel, weniger Tore zu kassieren und mehr zu schießen. Unser Hauptaugenmerk liegt auf der Defensive. Wichtig ist, dass man zu Null spielt, denn wir sind immer in der Lage, ein Tor zu schießen. Man muss nicht jedes Spiel 6:0 gewinnen.
Womensoccer: Ist es bei dieser kurzen Saison ein Vorteil, nicht international zu spielen?
Kahlert: Das ist schwierig zu sagen. Im Erfolgsfall ist es gut, weil keine Langeweile aufkommt und man die Spannung hoch hält. Es ist besser zu spielen, als zu trainieren. Ich hätte gerne gespielt, weil die Mannschaft so im Rhythmus bleibt, auch wenn es für die Erholung vielleicht gut ist. In diesem Kalenderjahr sind das maximal noch vier Spiele, das ist alles machbar. Man kann international zusätzlich Selbstbewusstsein tanken, wir müssen das von Woche zu Woche machen.
Womensoccer: Wie wichtig waren die Rückrundensiege gegen Duisburg und Potsdam für das Selbstverständnis?
Kahlert: Das Spiel in Duisburg war für alle top. Wir mussten gewinnen, um noch eine reelle Chance zu haben. Das Team hat etwas gemacht, was nicht typisch für Frankfurt ist, nämlich defensiv gespielt und die Räume eng gemacht. Das war zu dem Zeitpunkt genau das Richtige. Man hat gesehen, dass wir nicht nur offensiv Gas geben, sondern auch taktisch diszipliniert spielen können. Der Sieg gegen Potsdam war für die Moral wichtig, weil wir nie nachgelassen haben, obwohl wir im Rückstand lagen. Die Mannschaft hat gesehen, dass wir diese beiden Teams schlagen können, darauf wollen wir in den nächsten Spielen aufbauen.
Womensoccer: Wer sind die Favoriten auf den Meistertitel?
Kahlert: Ich gehe davon aus, dass die üblichen Verdächtigen vorne dabei sind. Potsdam, Duisburg und wir, hoffentlich in anderer Reihenfolge. Ich habe aber vor jeder Mannschaft Respekt und Achtung. Ich denke, dass Wolfsburg wieder einen Schritt näher kommt, und dass Bad Neuenahr die gute Saison vom letzten Jahr bestätigen kann. Mal sehen wie Bayern München ins Laufen kommt, die zähle ich auch noch dazu. Dann erwarte ich von Jena, Hamburg und evtl. Leverkusen eine Überraschung, wobei die Aufsteiger immer erst mal gegen den Abstieg spielen.