U20-WM: Verschläft Europa die Entwicklung?

21

Deutschland, Kolumbien, Nigeria, Südkorea – Teams von vier verschiedenen Kontinenten haben das Halbfinale der U20-Frauenfußball-WM in Deutschland erreicht. „Toll, dass das so hingehauen hat! Das nenn ich eine echte WM!“, freut sich Womensoccer-Leser „Jan“ und auch Steffi Jones und Franz Beckenbauer zogen nach dem Viertelfinale ein positives Zwischenfazit der Titelkämpfe. Doch die Zusammensetzung des Halbfinales ist auch ein Warnsignal für Europas Frauenfußball.

Gleich drei Außenseiter haben erstmals das Halbfinale eines FIFA-Frauenfußball-Turniers erreicht. Kolumbien, Nigeria und Südkorea wirbeln die Weltkarte des Frauenfußballs in diesen Tagen gehörig durcheinander. Favorisierte Teams wie die USA, Nordkorea, Japan oder Brasilien mussten genauso vorzeitig die Segel streichen wie die europäischen Schwergewicht aus England, Frankreich und Schweden. Und auch die Schweiz, immerhin Halbfinalist der U19-EM 2009 in Weißrussland, verabschiedete sich sang- und klanglos aus dem Turnier. Gastgeber Deutschland ist der letzte verbliebene europäische Vertreter.

Jones: „Feld ist zusammengerückt“
„Bei dieser U20-WM wird sichtbar, wie dicht das Feld zusammengerückt ist“, erklärt  Steffi Jones, OK-Präsidentin der Frauenfußball-WM 2011. „Die Mannschaften haben sich verbessert, sie bekommen mehr Förderung als früher. Diese Entwicklung trägt dazu bei, dass wir noch attraktiveren Fußball sehen“, so Jones über die positiven Aspekte. Doch was für den Frauenfußball im Allgemeinen gut ist, dürfte Europas Frauenfußball-Nationen nicht besonders gefallen. „Wir in Europa müssen aufpassen, dass wir nicht stagnieren, sondern dass wir uns auch weiterentwickeln“, warnt Jones.

Europäisches Trio enttäuscht
Die Teams aus England und Frankreich enttäuschten bei der U20-WM, die Spielerinnen wirkten überspielt, saft- und kraftlos. Englands Trainerin Mo Marley machte den Druck auf ihr Team für das schlechte Abschneiden verantwortlich, Frankreichs Trainer Jean Michel Degrange erklärte, wegen der Belastung aus Liga, U19-EM in Mazedonien und beruflichen Verpflichtungen habe seinen Spielerinnen die körperliche und mentale Frische gefehlt. Und in Schweden hat man sich im Juniorinnenbereich in den vergangenen Jahren einen Rückstand eingefangen, durch verpasste Teilnahmen an großen Turnieren und wegen der Vielzahl von Ausländerinnen in der Liga, die junge Talente reihenweise zu Bankdrückerinnen verkommen ließen. Darüber können auch die beiden knappen Siege gegen Neuseeland und Nordkorea nicht hinwegtäuschen.

2011 noch einmal mit 16 Teams
Doch für die öffentliche Wahrnehmung des Frauenfußballs kann die aktuelle Entwicklung nur gut sein. Wehmut, dass man bei der Frauenfußball-WM 2011 noch mit 16 und nicht wie ab 2015 mit 24 Teams spielen wird, kommt bei Jones dennoch nicht auf. „Bei den Frauen sind die Unterschiede doch noch etwas größer. Ich finde es gut, dass man noch einmal vier oder sechs Jahre Zeit hat, sich weiterzuentwickeln. Die jetzigen U20-Spielerinnen werden dann im besten Alter sein. Ich denke, es war die richtige Entscheidung, noch einmal mit 16 Mannschaften zu spielen.“

Steffi Jones und Franz Beckenbauer
Steffi Jones und Franz Beckenbauer bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in Augsburg ©Frank Scheuring/Girlsplay.de

Beckenbauer: „Der Frauenfußball ist auf dem Vormarsch“
Franz Beckenbauer, Vorsitzender der FIFA-Kommission für die U17- und U20-Frauenfußball-Weltmeisterschaften, ist ebenfalls von den Darbietungen der U20-Teilnehmer angetan: „Die Organisation ist perfekt und die Zuschauerzahlen sind sehr gelungen. Ich denke, dass die FIFA mit dem Wettbewerb und den gezeigten Leistungen sehr zufrieden sein kann. Man sieht, mit welchem Einsatz und welcher Begeisterung die jungen Damen zu Werke gehen. Ich glaube, der Frauenfußball ist auf dem Vormarsch und es wird in Zukunft immer weniger Unterschiede zwischen den Teams geben.“

Wertschätzung für U20-Teams
Zum Turnier merkt Beckenbauer allerdings auch kritisch an: „Es ist etwas unglücklich, dass zwei Weltmeisterschaften direkt aufeinander ausgetragen werden und vielleicht  ist auch deswegen nach meiner Einschätzung die Berichterstattung über die U20-WM etwas zu gering.“ Doch das schmälert den Gesamteindruck von Jones nur wenig. „Wir sind superzufrieden und haben tolle Zuschauerzahlen. Die Mannschaften haben die Wertschätzung spüren können, wir haben jetzt schon 160 000 Eintrittskarten verkauft. Das zeigt, dass die U20-WM angenommen wurde.“

FRAUENFUSSBALL - Weltmeisterschaften 1991 bis 2019: Enzyklopädie des Sports
  • Roland M. Weissbarth
  • Herausgeber: Independently published
  • Taschenbuch: 272 Seiten

Letzte Aktualisierung am 15.09.2019 / * = Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API

21
Hinterlasse einen Kommentar

avatar
20 Kommentar-Themen
1 Themen-Antworten
0 Follower
 
Kommentar, auf den am meisten reagiert wurde
Beliebtestes Kommentar-Thema
14 Kommentatoren
pinkpantherJanlaaseeDetlefManne Neueste Kommentartoren
  Abonnieren  
neueste älteste meiste Bewertungen
Benachrichtige mich bei
rockpommel
rockpommel

Zitat: „….und wegen der Vielzahl von Ausländerinnen in der Liga, die junge Talente reihenweise zu Bankdrückerinnen verkommen ließen.“

Eine Gefahr, die dem deutschen FF auch durchaus droht!

Die zahlreichen Verpflichtungen von Ausländerinnen bringen halt nicht nur Farbe in die stärkste Liga der Welt, sondern führen auch zu dem o.g. Effekt.

laasee
laasee

Europe is stagnating […]. The style of football played by the ’new teams‘ is centred on ability and passing the ball well. European teams rely very much on physical strength and organisation. Coaching and developing players costs money and in Europe far too little money is invested in FF. I think that the eternal problem of male prejudice within football is still the central issue. I subscribe to the UEFA email newsletter and 99% of the content is about mens football. Look at the situation in the Netherlands where Vera Pauw takes the team to the semi-final of EM Finland… Weiterlesen »

eisbär
eisbär

Früher hat die Physis den Ausschlag gegeben, da die Technik bei vielen noch nicht so ausgereif war wie heute und da waren vor allem die Skandinavierinnen immer weit vorne. Wenn man sich heute die afrikanischen, asiatischen und auch die lateinamerikanischen Mannschaften anschaut, dann sieht man, dass die Spielerinnen keine Angst haben, angespielt zu werden, da das Vertrauen in der eigenen Technik vorhanden ist. Bei den meisten europäischen Mannschaft hat man das Gefühl, dass sich einige Spielerinnen etwas verstecken, um nicht in brenzlige Situationen zu geraten und dann werden die Bälle einfach nach vorne geschlagen.

Schenschtschina Futbolista
Schenschtschina Futbolista

Einerseits sehe ich das ähnlich wie rockpommel, andererseits haben einige massgebliche Vereine wohl doch bereits mehrjährig auf die Jugendarbeit gesetzt bzw. setzen schon immer darauf (z.B. TP). Nur wenn dort positionsbezogen nichts Adäquates nachwächst oder Ängste aufkommen, man könne national/international wegen mangelnder Mannschaftshomogenität nicht mithalten, dann wird ausserhalb der Grenzen geguckt oder beispielsweise wie im Falle von Yuki und Ando, das überzeugende Vorspielen als Anlass für eine Verpflichtung genommen. Finanzielle Gründe sollen wohl auch ab und an ausschlaggebend sein. Was die internationale FF-Entwicklung angeht, glaube ich nicht, dass man von „verschlafen“ sprechen kann. Damit tut man u.a. der Schweiz, Niederlande,… Weiterlesen »

Alois
Alois

„Die zahlreichen Verpflichtungen von Ausländerinnen…“ sehe ich (noch) nicht.
Gerade die momentan führenden der Liga (Turbine Potsdam, FCR Duisburg) zeichnen sich doch durch ständiges Einbinden neuer junger Spielerinnen aus.
Das Einkaufen eines Starensemles scheint dagegen in dieser Liga nicht mehr zu funktioniern (sh FFC Frankfurt), dafür ist das was ständig dank der guten Jugendarbeit in Deutschland nachrückt einfach zu stark.
Natürllich darf man sich nicht dem Einbau einzelner Spielerinnen aus dem Ausland nicht verschliessen, sonst wird man langfristig nicht wettbewerbsfähig bleiben.

labrys696
labrys696

Man sollte das nicht so dramatisch sehen. Die europöischen Mannschaften (bis auf Schweiz) sind nicht sang- und klanglos gegangen. Mit bisschen Glück hätte es auch ein anderes Ergebniss gegeben und man hätte nun darüber diskutiert, ob Europa weiterhin Nr.1 ist. Es ist ein schmaler Grad 😉

Bisher hat nur Deutschland klare Ergebnisse geliefert. Aber wie lange noch? Alle deutschen A/U-Natiospielerinnen sind in Deutschland, vielleicht wäre es gut, wenn einige ins nahe/ferne Auslang gehen würden um deren Spielweise zu lernen…. das machen ja die anderen ausländischen Mannschaften auch, es gibt viele Legionäre in der Buli 😉

laasee
laasee

UEFA U19 – England win in 2009 and second in 2010. In this tournament England only score 1 goal and finish last in the group. Switzerland were dreadful and France were also bad. Europe is definitely going backwards.

In club football – this season the CL will be won by either Potsdam, Duisburg or Lyon. That is a certain conclusion. The other clubs do not have the resources to compete.

The big problem for European FF is lack of money and investment.

expert1
expert1

Erst ein U19 Turnier, dann ein U17 Turnier, dann ein U20 Turnier, vorher , und während die Landesmeisterschaften, dann die häufigen Legionärinnen, die Verbände müssen das abwägen, da viele spielerinnen in verschiedenen U- turnieren eingesetzt werden dürfen. Es sind die Verbände gefordert,für klarere RICHTLINIEN zusorgen, damit ordnung reinkommt. Es kann nicht sein das SECHTZEHNJÄHRIGE (16 Jährige) bei der U20 WM teilnehmen. Die FIFA sollte seine REGELUNGEN in frage stellen, zum wohle des Frauenfußballs. Die verein werden dadurch schaden erleiden sie in Schweden, Norwegen, Dänemrk, Frankreich, und demnächst auch bei uns, siehe 2012…………………….

Jarmusch
Jarmusch

Ich sehe es ähnlich wie laasee. Der finanzielle Invest in den Frauenfußball bietet den bisher noch ‚kleinen‘ Ländern die realistische Chance auf mittelfristigen Erfolg. Aktuelle Beispiele sind Mexiko und Kolumbien, die noch vor wenigen Jahren deutlich schwächer waren. Man muss dabei aber folgendes berücksichtigen: Frauenfußball scheint überall dort -in Relation- besonders gefördert zu werden (zumindest finanziell) wo die Männer-Nationalmannschaften nicht ganz vorne dabei sind. Gerade Länder aus der CONCACAF-Region (insbesondere Zentralamerika und Karibik), der CAF (Afrika), AFC (Asien) und OFC (Ozeanien) können im Frauenfußball die Chance sehen mit verhältnismäßigen Mitteln realistische Erfolgsaussichten zu schaffen. In Europa hingegen ist die Strahlkraft… Weiterlesen »

labrys696
labrys696

@Markus: Weisst du, wann die Ligen in den anderen Kontinenten starten/vorbei sind? (ich weiss es nicht 🙁 Deutschland, England (?!?), Frankreich und die Schweiz hatten knapp 1-2 Monate vor der WM schluss. Jedoch mussten viele dieser Juniorenspielerinnen mit U/A-Natio herumreisen und irgendwelche Turniere Spielen (z.b WM-Quali)….verständlich, das sie nicht mehr so fit sind… Deutschland hat ein gutes Mass gefunden zwischen sehr jung und schon A-Natio Erfahrung. Ich würde noch immer nicht behaupten, das Europa die Entwicklung verschläft, eher schliessen die anderen Mannschaften auf und/oder haben schon gar überholt. Der DFB macht viel für die Jugendarbeit, wie auch der Schweizer Verband… Weiterlesen »

laasee
laasee

Jarmusch @ I agree with your comments 100%. There must be a change of attitude by the National Federations/UEFA first of all and then proper investment will happen. I think that in the DFB there are ‚progressive‘ people and ‚reactionary‘ people. It was curious that the quarter-final game in Dresden (21,146) had more fans than the Germany game in Bochum! Maybe the promotion/organisation with the Dresden game was with a more ‚progressive‘ attitude. Germany is a soccer mad country and it is quite possible for the FF Bundesliga to be in the top 10 of listings for zuschauer/cash in Europe.… Weiterlesen »

Manne
Manne

Also, meiner Meinung nach sollte man den Ball mal flach halten. Ich kann nicht erkennen, warum der europ. FF hinter der Entwicklung zurückbleiben sollte oder angeblich geblieben ist. Nur weil von 5 (!) europ. Teams nur zwei das Viertelfinale erreicht haben? Das ist doch nun wirklich kein Anzeichen. Ein schlechtes Turnier (wie von Frankreich und England) sagt doch noch generell nichts aus. Zumal – hallo – wir hier U20-Teams haben, nicht die A-Natios. Da sind die Leistungsschwankungen von Haus aus immer noch grösser. Was die deutsche Mannschaft angeht, kann ich ein Gerede von Stagnation schon überhaupt nicht nachvollziehen – als… Weiterlesen »

Detlef
Detlef

Ich halte auch nix von der Behauptung, daß Europa generell die Entwicklung verschlafen hat!!! Hier muß man schon innerhalb von Europa distanzieren!!! Skandinavien hat ganz klar an Bedeutung eingebüßt!!! Das betrifft sowohl Schweden, als auch Norwegen und Dänemark!!! Wo dort das Problem im Einzelnen liegt, kann ich nicht nachvollziehen, Fakt ist nur, daß Länder wie England, Frankreich, Holland, Island und die Schweiz mächtig aufgeholt haben!!! Auch Spanien und Italien werden in Zukunft sicher eine größere Rolle spielen!!! In Europa ist lediglich Deutschland die große Konstante, seit vielen Jahren!!! Und wenn man ganz ehrlich ist, so kamen doch die ganz großen… Weiterlesen »

laasee
laasee

@Detlef

Also, USA failed to qualify for WM U17 in September. Another major setback for them.

Jan
Jan

Huch, da werd ich ja zitiert. Mit den Achtelfinals bestand dieser Wunsch bei mir – also 4 Kontinente unter den letzten 4. Bloß äußern darf man ja sowas vorher nicht, sonst wird’s nix. Die Chance dafür war also gegeben, schien jedoch nicht allzu wahrscheinlich. Die 2. solche Konstellation wäre gewesen: N-Korea, Schweden, Mexiko, Nigeria – die aber gleich nach dem 1.VF nicht mehr möglich war – und die wir sicher wenig prickelnd empfunden hätten, gell.

Und: Kolumbien oder Nigeria im Finale! – wirklich schön für das Eine Team, aber auch absolut schade um das Andere.

pinkpanther
pinkpanther

@laasee: Jepp! 2010 ist fussballerisch sicher nicht das Jahr der USA.

pinkpanther
pinkpanther

@Markus: Danke für diesen Diskussionsthread! Die verschiedenen Beiträge haben sehr deutlich gezeigt, dass es zu diesem Thema keine Monokausale Erklärung gibt. Es wurden viele Argumente bereits aufgeführt, deshalb hier nur die Argumente, die mir am wichtigsten erscheinen: 1. Europa ist nicht schlechter geworden, sondern andere Nationen holen -insbesondere im taktischen und athletischen Bereich- auf. Nicht nur die Europäerinnen, sondern auch die USA mussten das schmerzlich erfahren – ganz zu schweigen davon, dass sie bei der kommenden U17-WM gleich gar nicht vertreten sind. 2. Bei U-Mannschaften herrscht naturgemäß eine viel höhere Fluktuation als bei den Erwachsenen, d.h. ein einmalig schlechtes Abschneiden… Weiterlesen »