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2009

Die neue Rolle der Birgit Prinz

Die 47. Minute im Spiel gegen Frankreich am vergangenen Donnerstag in Tampere trug Symbolkraft. Frankreichs Abwehrspielerin Sonia Bompastor hatte den Ball im eigenen Strafraum mit der Hand gespielt, und die ukrainische Schiedsrichterin Kateryna Monzul ohne zu zögern auf den Elfmeterpunkt gezeigt. Birgit Prinz wollte den Elfmeter schießen, doch Linda Bresonik hörte die deutsche Spielführerin nicht, trat selber an und verwandelte zum 4:0.

Vorbei die Zeiten, in denen alleine Prinz zuständig dafür zu sein schien, die Tore im deutschen Team zu erzielen. Allein in den Jahren 2003 bis einschließlich 2008 erzielte sie im Nationalteam 77 Tore, im Jahr 2009 bisher nur eines beim 6:0-Testspielsieg gegen die Niederlande vor der EM in Sinsheim. „Stürmer werden an ihren Toren gemessen“, heißt eine altbekannte Fußballweisheit. Ist Prinz also nur noch ein Schatten früherer Tage und ein Relikt aus einer anderen Frauenfußball-Ära?

Immer noch wertvoll Mitnichten, denn wer die Beurteilung der 195-fachen Nationalspielerin auf diese Floskel reduziert, verkennt, wie wertvoll die Frankfurterin für das Team nach wie vor ist. Das bewies sie eindrucksvoll im April beim 1:1 gegen Brasilien in Frankfurt, als sie ihre Mannschaft mit raumgreifenden Schritten nach vorne trieb und Spielfreude pur versprühte, bevor sie ein Rippenbruch in Tränen versetzte und zu einer längeren Pause zwang.

Torvorbereiterin par excellence Und auch in Finnland ist Prinz nicht so schlecht, wie manche sie beurteilen. Gegen Norwegen war sie ein steter Unruheherd, auch wenn sie eine gute Torchance vergab, doch ihrem Einsatz war es zu verdanken, dass Deutschland beim Stand von 0:0 einen Elfmeter zugesprochen bekam. Und auch gegen Frankreich bereitete sie das wichtige 1:0 vor, als sie sich kraftvoll gegen Laura Georges durchsetzte und sich bei ihrer Maßflanke auf Inka Grings auch nicht dadurch beeindrucken ließ, dass ihr Frankreichs Nummer 4 noch etwas auf die Knochen mitgab. Am Ende bereitete sie gar einen weiteren Treffer von Simone Laudehr vor.

Neid hofft auf Tore Auch wenn Prinz gegen Frankreich und Island noch nicht hundertprozentig ins Spiel fand, weiß Bundestrainerin Silvia Neid, was sie an ihr hat: „Sie ist absolut wichtig für unsere Mannschaft. Sie ist unglaublich laufstark und schafft Räume für andere. Sie macht das richtig gut, und ich wünsche ihr, dass mal ein Tor hinzu kommt.“ Schon in der Vorbereitung präsentierte sich Prinz in einem sehr guten Zustand und hatte wieder richtig Lust auf Fußball.

Wandel der Zeit Dass sie anders als in der Vergangenheit immer weniger als Vollstreckerin glänzt, hat mehrere Gründe. Zum einen ist der Frauenfußball in den vergangenen Jahren deutlich schneller und athletischer geworden. Sehenswerte Antritte, bei denen Prinz in der Vergangenheit ihre Gegenspielerinnen einfach stehen zu lassen schien, werden seltener, die Qualität der Abwehrspielerinnen hat sich in der Breite deutlich verbessert.

Probleme für Stürmerinnen Beleg für die zunehmenden Schwierigkeiten der Stürmerinnen ist auch, dass nach der EM-Gruppenphase gleich sieben Spielerinnen mit nur zwei erzielten Treffern die Torschützenwertung anführen. Zum anderen hat Prinz in der Nationalmannschaft nun in Inka Grings auch wieder eine klassische Vollblutstürmerin an ihrer Seite, so dass sie meist als hängende Spitze die Lücken reißt, von denen Grings oder auch Flügelspielerinnen wie Melanie Behringer oder Kerstin Garefrekes profitieren.

Steigerung möglich Doch noch immer strahlt die 31-Jährige auf dem Platz eine Aura und Präsenz aus, von der andere Spielerinnen weit entfernt sind. Doch Spielerinnen werden heute nicht nur viel zu schnell nach oben gejubelt, sondern eben auch viel zu schnell in Frage gestellt. Bei der EM in Finnland hat Prinz sicherlich noch nicht ihre optimale Leistung gezeigt, doch die beste Leistung gilt es in den entscheidenden Spielen der K.-o.-Runde abzurufen. „Wenn ich jetzt völlig grottig spielen würde, dann nicht treffen würde, dann wäre es kritisch“, kann Prinz die Aufregung um ihre Person nicht verstehen .

Genervt von den Fragen „Ehrlich gesagt, geht mir das auf die Nerven. Nach zwei Spielen geht die Diskussion los, warum ich nicht treffe. Ich habe dann das Gefühl, ich muss mich rechtfertigen, warum ich nicht getroffen habe.“ Eine Situation, die nicht gerade förderlich ist. „Da habe ich selbst auf dem Spielfeld das Gefühl, ich fange noch mehr an, darüber nachzudenken.“ Offensichtlich ist, dass sich Prinz in der Vergangenheit zu wenige Regenerationspausen gegönnt hat.

Weitere Spielpraxis sammeln Zweimal gewann sie die WM, viermal die EM, dreimal den UEFA-Pokal, neunmal die deutsche Meisterschaft und neunmal den DFB-Pokal. Verbunden mit den Triumphen am Fließband waren aber auch unglaublich hohe Belastungen, denen ihr Körper zunehmend Tribut zollen muss. Bundesliga, DFB-Pokal, UEFA-Pokal, Länderspiele, Trainingseinheiten, Lehrgänge, dazu seit Jahren strapaziöse Reisen zu Turnieren und während der Turniere – da blieb nur wenig Zeit, um den leeren Akku wieder aufzuladen. Hinzu kam nach dem Rippenbruch eine längere Zwangspause. „Sicherlich fehlt mir ein bisschen Spielpraxis“, räumt sie ein.

Tor gegen Italien? Wenn es am Freitag im EM-Viertelfinale in Lahti gegen Italien richtig ernst wird, werden Prinz und ihre Mitspielerinnen aber sicherlich noch einmal eine Extraportion Leistung abrufen können. Und vielleicht platzt ja gerade im ersten K.-o.-Spiel der Knoten und Prinz kann ihren bisher 123 Länderspieltreffern weitere hinzufügen.

Schlagwörter: A-Nationalmannschaft • Birgit Prinz