Fairplay und Respekt nur Muster ohne Wert?

76

Mit wachsender Fassungslosigkeit habe ich in den vergangenen Tagen auf den verschiedenen Plattformen die Diskussionen verfolgt, die sich rund um die Entscheidung des FCR 2001 Duisburg entwickelt haben, seine komplette erste Mannschaft nicht beim für die Meisterschaft bedeutenden Bundesligaspiel gegen den FC Bayern München antreten zu lassen.

Fassungslos, weil das unfaire, unsportliche und wettbewerbsverzerrende Verhalten des UEFA-Pokal-Siegers, das eine gesamte Meisterschaftsrunde ad absurdum geführt hat bzw. hätte, wäre das Spiel nicht den Witterungsbedingungen zum Opfer gefallen, von einem nicht geringen Teil der Öffentlichkeit als professionell, kaltschnäuzig und konsequent gefeiert wurde.

Sicherlich hätte jeder Verständnis dafür aufgebracht, wenn Duisburg vier Tage vor dem DFB-Pokalfinale einzelne Schlüsselspielerinnen geschont hätte, andere vielleicht früher vom Platz genommen oder erst später eingewechselt hätte. Doch seine komplette erste Elf inklusive Trainerin Martina Voss nicht anreisen zu lassen, war nicht nur eine schallende Ohrfeige für die Fans, die diesem Spiel eine ganze Weile entgegengefiebert haben, sondern auch ein Affront gegenüber dem DFB, der nicht nur plante, die 90-minütige Farce für einen ordentlichen  fünfstelligen Euro-Betrag live zu übertragen, sondern auch jedes Jahr die Vereine der Frauenfußball-Bundesliga mit viel Geld subventioniert, um die Entwicklung der Liga und des Frauenfußballs voranzutreiben.

Kritische Stimmen
Umso bemerkenswerter, dass gerade Karin Danner, die Managerin des FC Bayern München, des Vereins also, der am meisten von der Duisburger Entscheidung profitiert hätte, recht unverhohlen ihre Missbilligung zum Ausdruck gebracht hat. „Als Ligavertreterin erwarte ich mehr Professionalität. Dieses Verhalten ist für die Frauen-Bundesliga wenig hilfreich und zeugt nicht vom Respekt gegenüber den anderen Vereinen“, so Danner. Siegfried Dietrich, Manager des 1. FFC Frankfurt, bezeichnete das Verhalten ebenfalls als „respektlos gegenüber dem FC Bayern und der gesamten Liga.“ Schädlich war die Entscheidung der Duisburger aber vor allem für die öffentliche Wahrnehmung der Frauenfußball-Bundesliga, die sich an diesem Tag der Lächerlichkeit preisgegeben hat.

„Die Meisterschaft ist den Bayern ohnehin nicht mehr zu nehmen. Ich glaube nicht, dass sie am letzten Spieltag in Crailsheim verlieren“, rechtfertigte sich Duisburgs Trainerin Martina Voss. Kein Wort davon, dass bei einem Duisburger Sieg der 1. FFC Turbine Potsdam durchaus noch mehr als rechnerische Chancen auf den Titel gehabt hätte und auch kein Wort davon, dass man selbst eine wenn auch nur noch winzige Möglichkeit gehabt hätte, den Titel zu gewinnen. Ein Titelkandidat, der offenbar nicht gewinnen will – eine bizarre Konstellation, die im deutschen Fußball ihresgleichen sucht. Die Titelentscheidung und somit die gesamte Meisterschaft wurde somit zum Steigbügelhalter für das DFB-Pokalfinale degradiert.

Verpasste Gelegenheit
Potsdams Trainer Bernd Schröder wollte sich an der Diskussion leider offenbar nicht beteiligen, wohl weil ihm die Absicherung des zweiten Platzes wichtiger gewesen wäre, als die mögliche Chance auf den Titel und er vor dem DFB-Pokalfinale keine Unruhe entstehen lassen wollte. „Wir hätten sicher genauso gehandelt. Turbine nimmt das gelassen hin“, erklärte Schröder, der bereits nach dem Sieg in Frankfurt gesagt hatte: „Wir sind nicht so böse, wenn wir nicht Meister werden, das war nie unser Ziel. Zumal es nicht zu vermeiden ist, dass junge Leute heute nicht mehr das rechte Maß finden.“ Doch der sonst so selten um ein kritisches Wort verlegene Schröder hat es hier verpasst, ein Signal zu setzen, zumal er sich durch seine Aussage selbst das Etikett möglicher Unfairness anheftet.

Und bei so viel Eintracht zwischen Voss und Schröder mag sich mancher Frauenfußball-Fan fragen, warum man die laufende Bundesligasaison nicht einfach im gegenseitigen Einvernehmen mit dem DFB vorzeitig beendet. Bayern München bekommt den Meistertitel überreicht (das ließe sich wunderbar vor großer Kulisse im Vorlauf zum DFB-Pokalfinale in Berlin machen), Turbine Potsdam löst als Bundesligazweiter sein Champions-League-Ticket und der FCR 2001 Duisburg muss als Bundesligadritter nicht noch einmal die beschwerliche Busreise nach München antreten und kann somit nicht nur seine Vereinskasse entlasten, sondern auch einen wertvollen Beitrag zum Umweltschutz leisten und seine geplagten Nationalspielerinnen bereits in Ruhe auf die EURO vorbereiten lassen. Mit dem positiven Nebeneffekt, in der kommenden Champions-League-Saison drei deutsche Teams zu stellen.

Fatales Signal an die Jugend
Die Medien dürften sich indes in ihrem bisherigen Verhalten bestätigt sehen, auch in Zukunft Live-Übertragungen aus der Frauenfußball-Bundesliga nicht in Erwägung zu ziehen, junge Nachwuchsspielerinnen werden wohl weiter lieber mit den männlichen Bundesligakickern mitfiebern und am Fernseher die Premiere-Konferenz schauen, als das sportlich fragwürdige Geschehen der weiblichen Kickerinnen zu verfolgen.

Und auch der eine oder andere potenzielle Sponsor dürfte möglicherweise ins Grübeln gekommen sein, ob er mit dem Frauenfußball wirklich auf das richtige Pferd setzt. Genauso wie der Autor dieses Blogs, der lieber weiterhin mit den Leserinnen und Lesern sympathisiert, die Werte wie Fairness und Anstand einfordern, anstatt mit denen, die dies als Heuchelei oder moralinsaures Gesülze abtun oder ihm die Vereinsbrille aufsetzen wollen.

FRAUENFUSSBALL - Weltmeisterschaften 1991 bis 2019: Enzyklopädie des Sports
1 Bewertungen
FRAUENFUSSBALL - Weltmeisterschaften 1991 bis 2019: Enzyklopädie des Sports
  • Roland M. Weissbarth
  • Herausgeber: Independently published
  • Taschenbuch: 272 Seiten

Letzte Aktualisierung am 9.10.2019 / * = Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API

76
Hinterlasse einen Kommentar

avatar
76 Kommentar-Themen
0 Themen-Antworten
4 Follower
 
Kommentar, auf den am meisten reagiert wurde
Beliebtestes Kommentar-Thema
37 Kommentatoren
HeinerStefanFrank-M. FischerlaaseeRalf Neueste Kommentartoren
  Abonnieren  
neueste älteste meiste Bewertungen
Benachrichtige mich bei
Giggerl
Giggerl

Danke Markus für diesen tollen Beitrag zu Fairness und Andstand… 😉

labrys696
labrys696

OMG….

Crackfly
Crackfly

Sorry Markus, aber wer hat denn davon mitbekommen, ausser denen, die sich eh schon für den Frauenfußball interessieren?

Sarah
Sarah

@Lieber Markus
Wie Eindimensional! Hast Du mal mit Herrn Schröder oder Frau Voss über die Angelegenheit gesprochen oder nimmst Du Dir nur die Zitate, die Dir gefallen?

Madame
Madame

Ach Herr Juchem… man kann es auch ein wenig übertreiben finden sie nicht? Das ein Herr Dietrich so einen Kommentar vom Stapel lässt war eigentlich zu erwarten..so kehrt er seine Verstöße gegen verschiedenste Regelwerke unter den Teppich (über die ja auch in diesem Blog berichtet wurden). Eine Martina Voss geht wenigstens offensiv mit der Problematik um und kündigt das Handeln an. Sicherlich ist es nicht erfreulich, wenn ein B-Kader anreisen muss, aber die Gründe sind in allen Hinsichten nachvollziehbar. Man muss einfach dem DFB die Schuld an diesem Zusammenhang geben. Immerhin stammt die Spielansetzung von eben diesem und man braucht… Weiterlesen »

Conny68
Conny68

Vielen Dank Markus für diese klaren Worte, denen ich mich absolut und 100% anschließe.

Zaunreiter
Zaunreiter

Wie oft soll das denn noch hochgekocht werden?

Ich ziehe vor der Konsequenz von Martina Voss meinen Hut, der Fehler war wohl, dies öffentlich kundzutun.
Ganz zu der Freude von Markus und anderen Gesellen wie z.b. jenem Frankfurter Mephisto, dem man dabei schon der Geifer aus dem Mund tropfte und die nun ihre klammheimliche Freude ausleben können.

Doch im übrigen gilt auch in einer medialen Welt:

Wer mit anderen spielt, verliert.

Ralf
Ralf

@ Markus Juchem

Lieber Markus,
was schreibst Du dann am 03. Juni 2009?
Woher kommt denn immer diese hypothetische Annahme, dass
Duisburg II+ gegen FCB I verliert oder Duisburg I einen oder drei Punkt(e) aus München mitnimmt?
„Wichtig is‘ auf’m Platz.“
St. Petrus hat es sich anderst überlegt!

Sikozu
Sikozu

Der einzige Schaden für den FF ist das künstliche Hochkochen dieser Angelegenheit durch Womensoccer.

hannibal
hannibal

Was ist das nur für ein einseitiger Blog hier. Gibt es engere Verbindungen zum FCB oder DFB? Wo waren denn entsprechende Beiträge als alle Bitten des FCR um Terminverschiebungen rund um das UEFA-CUP Halbfinale abgelehnt wurden und sich der FCR infolge dessen durch die beiden Heimniederlagen von der Meisterschaft verabschieden durfte? Warum wohl wurde auch der letzte Terminwunsch des FCR für das Spiel in München vom FCB und DFB abgelehnt? Frau Voss hat seit Wochen darauf hingewiesen, dass man so nicht mit einem Verein umspringen kann, der zudem noch regelmäßig jede Menge Spielerinnen für den DFB abstellen muss. Irgendwann ist… Weiterlesen »

Madman
Madman

Ich hätte im Vorfeld der Ansetzung einen Beitrag mit dem Tenor „DFB sorgt für Wettbewerbsverzerrung“ erwartet.
Inhalt ungefähr so: „Das mit Spannung erwartete Finale der Frauenfußballbundesliga erhält einen faden Beigeschmack. Denn das Spitzenspiel des vorletzten Spieltages, in dem der Tabellenführer
auf den Dritten trifft, ist vom DFB so terminiert, dass …“

Giggerl
Giggerl

Was wäre den gewesen, wenn es der letzte Spieltag gewesen wäre und Potsdam noch eine Chance auf den Titel gehabt hätte….
Ob Hr. Schröder dann auch so verständnisvoll wäre?!
Die Situation wäre die gleiche…
Hätte Fr. Voss dann auch so gehandelt??
Den Mum gehabt, dass durchzuziehen ??
Und was hättet IHR Befürworter dann für eine Meinung darüber??

Markus denkt nicht eindimensional, IHR tut es…

mrx
mrx

1000% Zustimmung zum Artikel und den geschriebenen Worten!

Bernhard
Bernhard

Full ACK

Ralf
Ralf

@Bernhard

Sorry for my nescience. Übersetz‘ mal bitte ACK.

thoddey
thoddey

Fassungslosigkeit, Farce, Fatales Signal, Grübeln der Sponsoren…man kann den Frauenfußball auch wichtiger machen, als er momentan ist…Hätte das Spiel in der Formation so statt gefunden, hätte drei Tage danach kein Hahn mehr danach gekräht, weil viele Vereine genauso gehandelt hätten (und das nicht nur im Frauenfußball).

mercator03
mercator03

Lieber Markus,
mit wachsender Fassungslosigkeit habe ich deinen Artikel gelesen. Da trifft ein Fußballverein die Entscheidung, wenige Tage vor einem Endspiel lieber 3 Punkte wegzuschenken, als die Leistungsträgerinnen weiteren Belastungen auszusetzen, und du konstruierst daraus die Apokalypse?
Die Meisterschaft könnte gleich abgebrochen werden, die Jugend wird bis ins Mark verdorben, Sponsoren laufen davon!!!
Hallo, gehts noch ein bißchen dicker??? (Haustiere begehen Selbstmord, das Abendland geht unter, die Inquisition muss wieder eingeführt werden?)

Was ist denn das für eine künstliche Aufgeregtheit? Du schreibst doch sonst so vernünftige Artikel!

Zaunreiter
Zaunreiter

Wer über Eindimensionalität herumphilosophiert sollte wissen, wie sich Mehrdimensionalität anfühlt.

Mini
Mini

das ist doch nun wirklich von gestern…schon allein weil die partie ja dann ausgefallen ist…muss man nun darüber nicht nochmal herziehen…
ein artikel über das morgige finale wäre irgendwo sinnvoller…als über dieses vergangene zeug…

Florian Büchting
Florian Büchting

Vorneweg: ich finds auch sehr hart formuliert (ob man das jetzt hart oder einseitig nennt, liegt glaube ich rein in der Position des Betrachters), trifft aber genau das Szenario, weswegen ich im Kern der Aussage mit Markus voll und ganz übereinstimme. @Madame: „Man muss einfach dem DFB die Schuld an diesem Zusammenhang geben. Immerhin stammt die Spielansetzung von eben diesem und man braucht sich nicht wundern, wenn der FCR nicht erst am Dienstag nach München fährt, am Mittwoch wieder zurück und am Donnerstag nach Berlin. “ Ich möchte Dir erstmal recht geben, ja, ich glaube auch, auch in Frankfurt wurde… Weiterlesen »