Fairplay und Respekt nur Muster ohne Wert?
Mit wachsender Fassungslosigkeit habe ich in den vergangenen Tagen auf den verschiedenen Plattformen die Diskussionen verfolgt, die sich rund um die Entscheidung des FCR 2001 Duisburg entwickelt haben, seine komplette erste Mannschaft nicht beim für die Meisterschaft bedeutenden Bundesligaspiel gegen den FC Bayern München antreten zu lassen.
Fassungslos, weil das unfaire, unsportliche und wettbewerbsverzerrende Verhalten des UEFA-Pokal-Siegers, das eine gesamte Meisterschaftsrunde ad absurdum geführt hat bzw. hätte, wäre das Spiel nicht den Witterungsbedingungen zum Opfer gefallen, von einem nicht geringen Teil der Öffentlichkeit als professionell, kaltschnäuzig und konsequent gefeiert wurde.
Sicherlich hätte jeder Verständnis dafür aufgebracht, wenn Duisburg vier Tage vor dem DFB-Pokalfinale einzelne Schlüsselspielerinnen geschont hätte, andere vielleicht früher vom Platz genommen oder erst später eingewechselt hätte. Doch seine komplette erste Elf inklusive Trainerin Martina Voss nicht anreisen zu lassen, war nicht nur eine schallende Ohrfeige für die Fans, die diesem Spiel eine ganze Weile entgegengefiebert haben, sondern auch ein Affront gegenüber dem DFB, der nicht nur plante, die 90-minütige Farce für einen ordentlichen fünfstelligen Euro-Betrag live zu übertragen, sondern auch jedes Jahr die Vereine der Frauenfußball-Bundesliga mit viel Geld subventioniert, um die Entwicklung der Liga und des Frauenfußballs voranzutreiben.
Kritische Stimmen Umso bemerkenswerter, dass gerade Karin Danner, die Managerin des FC Bayern München, des Vereins also, der am meisten von der Duisburger Entscheidung profitiert hätte, recht unverhohlen ihre Missbilligung zum Ausdruck gebracht hat. „Als Ligavertreterin erwarte ich mehr Professionalität. Dieses Verhalten ist für die Frauen-Bundesliga wenig hilfreich und zeugt nicht vom Respekt gegenüber den anderen Vereinen“, so Danner. Siegfried Dietrich, Manager des 1. FFC Frankfurt, bezeichnete das Verhalten ebenfalls als „respektlos gegenüber dem FC Bayern und der gesamten Liga.“ Schädlich war die Entscheidung der Duisburger aber vor allem für die öffentliche Wahrnehmung der Frauenfußball-Bundesliga, die sich an diesem Tag der Lächerlichkeit preisgegeben hat.
„Die Meisterschaft ist den Bayern ohnehin nicht mehr zu nehmen. Ich glaube nicht, dass sie am letzten Spieltag in Crailsheim verlieren“, rechtfertigte sich Duisburgs Trainerin Martina Voss. Kein Wort davon, dass bei einem Duisburger Sieg der 1. FFC Turbine Potsdam durchaus noch mehr als rechnerische Chancen auf den Titel gehabt hätte und auch kein Wort davon, dass man selbst eine wenn auch nur noch winzige Möglichkeit gehabt hätte, den Titel zu gewinnen. Ein Titelkandidat, der offenbar nicht gewinnen will – eine bizarre Konstellation, die im deutschen Fußball ihresgleichen sucht. Die Titelentscheidung und somit die gesamte Meisterschaft wurde somit zum Steigbügelhalter für das DFB-Pokalfinale degradiert.
Verpasste Gelegenheit Potsdams Trainer Bernd Schröder wollte sich an der Diskussion leider offenbar nicht beteiligen, wohl weil ihm die Absicherung des zweiten Platzes wichtiger gewesen wäre, als die mögliche Chance auf den Titel und er vor dem DFB-Pokalfinale keine Unruhe entstehen lassen wollte. „Wir hätten sicher genauso gehandelt. Turbine nimmt das gelassen hin“, erklärte Schröder, der bereits nach dem Sieg in Frankfurt gesagt hatte: „Wir sind nicht so böse, wenn wir nicht Meister werden, das war nie unser Ziel. Zumal es nicht zu vermeiden ist, dass junge Leute heute nicht mehr das rechte Maß finden.“ Doch der sonst so selten um ein kritisches Wort verlegene Schröder hat es hier verpasst, ein Signal zu setzen, zumal er sich durch seine Aussage selbst das Etikett möglicher Unfairness anheftet.
Und bei so viel Eintracht zwischen Voss und Schröder mag sich mancher Frauenfußball-Fan fragen, warum man die laufende Bundesligasaison nicht einfach im gegenseitigen Einvernehmen mit dem DFB vorzeitig beendet. Bayern München bekommt den Meistertitel überreicht (das ließe sich wunderbar vor großer Kulisse im Vorlauf zum DFB-Pokalfinale in Berlin machen), Turbine Potsdam löst als Bundesligazweiter sein Champions-League-Ticket und der FCR 2001 Duisburg muss als Bundesligadritter nicht noch einmal die beschwerliche Busreise nach München antreten und kann somit nicht nur seine Vereinskasse entlasten, sondern auch einen wertvollen Beitrag zum Umweltschutz leisten und seine geplagten Nationalspielerinnen bereits in Ruhe auf die EURO vorbereiten lassen. Mit dem positiven Nebeneffekt, in der kommenden Champions-League-Saison drei deutsche Teams zu stellen.
Fatales Signal an die Jugend Die Medien dürften sich indes in ihrem bisherigen Verhalten bestätigt sehen, auch in Zukunft Live-Übertragungen aus der Frauenfußball-Bundesliga nicht in Erwägung zu ziehen, junge Nachwuchsspielerinnen werden wohl weiter lieber mit den männlichen Bundesligakickern mitfiebern und am Fernseher die Premiere-Konferenz schauen, als das sportlich fragwürdige Geschehen der weiblichen Kickerinnen zu verfolgen.
Und auch der eine oder andere potenzielle Sponsor dürfte möglicherweise ins Grübeln gekommen sein, ob er mit dem Frauenfußball wirklich auf das richtige Pferd setzt. Genauso wie der Autor dieses Blogs, der lieber weiterhin mit den Leserinnen und Lesern sympathisiert, die Werte wie Fairness und Anstand einfordern, anstatt mit denen, die dies als Heuchelei oder moralinsaures Gesülze abtun oder ihm die Vereinsbrille aufsetzen wollen.
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