Chronik 2007 — 2019 8451 Beiträge 513 Transfers145 Vereine 540 Profile
WomenSoccer

2008

Frauenfußball-Bundesliga: Niveau steigt, doch Kluft wird größer

Über eines sind sich die Experten vor der am Samstag mit dem Spiel SC 07 Bad Neuenahr gegen den 1. FFC Frankfurt beginnenden neuen Saison in der Frauenfußball-Bundesliga einig: Der Kreis der potenziellen Spitzenteams neben Triple-Sieger 1. FFC Frankfurt wird größer.

Doch worüber man öffentlich weniger gerne redet: Das Gefälle in der Liga wächst ebenfalls, das finanzielle Ungleichgewicht steigt, die Topklubs beginnen, sich gegen die aufkommenden Konkurrenz der Zukunft zu positionieren und die besten Spielerinnen bündeln sich in immer weniger Vereinen. Ergebnis: Die Kleineren geraten zunehmend ins Abseits.

Martina Voss, Trainerin von Vizemeister FCR 2001 Duisburg, sagt : „Ich erwarte, dass vier bis sechs Mannschaften oben mitspielen werden. Ich glaube, dass die Liga an Qualität gewonnen hat. Und ich bin froh, dass die Ergebnisse nicht mehr so vorhersehbar sind.”

Doch stimmt das wirklich, abgesehen von den Partien im oberen Tabellendrittel? Turbine Potsdams Trainer Bernd Schröder erklärt : „Einige Mannschaften haben sich geschickt verstärkt, was man schon in der Vorbereitung gesehen hat.“

Und auch in Kreisen der Spielerinnen erwartet man eine stärkere Liga: „Ich gehe davon aus, dass die Konkurrenz noch größer wird und es in der Tabelle noch enger zugehen wird“, sagt Fatmire Bajramaj und Frankfurts Topstürmerin Conny Pohlers hofft darauf, dass „jeder jedem“ Punkte klauen kann . Doch die Realität dürfte anders aussehen.

Aufsteiger ohne Illusionen „Das ist im Moment für uns noch eine andere Liga“, sagt etwa Trainer Björn Kenter von Aufsteiger Herforder SV Borussia Friedensthal . Der zweite Aufsteiger USV Jena titelte zuletzt eine Pressemeldung fast schon hilferufend „Sportlich erstklassig – wirtschaftlich nur in der zweiten Reihe“. Von der geplanten Verdreifachung des Etats sei man derzeit „noch ein ganzes Stück entfernt“, räumte Vereinsvorsitzender Dr. Schmidt-Röh ein.

Und Alexander Fischinger, Trainer des SC Freiburg, meint nicht ohne Frust : „Die Klubs, die nicht in die Mannschaft investieren, bleiben auf der Strecke.“ Und ergänzt: „Früher gab’s oben in der Tabelle nur Frankfurt, Potsdam und Duisburg. Dann kam Bayern München dazu. Neuerdings haben Wolfsburg und Hamburg das Profitum eingeführt.“

Ernüchterung in Freiburg Die Chancen seines eigenen Teams, den Abstieg zu verhindern, sieht er nüchtern: „Ich kann nach den Abgängen nicht versprechen, dass es wieder klappt.“ Gleich fünf wichtige Spielerinnen verließen den Verein, gleichwertiger Ersatz ist nicht in Sicht. Aufgrund der stark begrenzten finanziellen Möglichkeiten „bedanken sich Spielerinnen, an denen wir interessiert sind, für das Gespräch sowie den Kaffee und gehen nach Wolfsburg.“

Von den 18 Spielerinnen des Olympia-Kaders standen nur drei – Kerstin Stegemann (Herford), Ursula Holl und Célia Okoyino da Mbabi (jeweils Bad Neuenahr) – nicht bei einem der finanzstärkeren Vereine unter Vertrag. Die Verdienstmöglichkeiten treiben die Spielerinnen zu den großen Clubs.

Zwanziger: „Jeder Klub hat die Chance, den Weg zu gehen“ Dennoch glaubt DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger : „Jeder Klub hat die Chance, den Weg zu gehen. Es soll niemand in der Bundesliga glauben, das käme von alleine. Man muss sich das erarbeiten.“ Doch leichter gesagt als getan bei der zunehmenden finanziellen Kluft zwischen den Topvereinen und dem Rest der Liga, der sich bei der Suche nach finanzstarken Investoren schwer tut.

„Es muss engere Spiele und mehr Spannung geben. Der Letzte muss auch den Ersten schlagen können“, meint Zwanziger. Doch davon ist die Liga weiter entfernt denn je. Er räumt ein, dass die Bundesliga noch lange nicht da ist, „wo wir hinwollen“. Wie der Weg zu einer ausgeglichenen Liga auszusehen hat, darüber hält sich Zwanziger allerdings bedeckt.

Jones: „Die Großen müssen die Kleinen nähren“ Deutlicher wird Steffi Jones , Präsidentin des Organisationskomitees der Frauenfußball-WM 2011. „Ich wünsche mir, dass die Bundesliga verstärkt gemeinsam das Ziel angeht, für eine ausgeglichenere Liga zu sorgen, als dass jeder einzelne Verein meint, er müsste das Beste herausholen“, so Jones gegenüber Womensoccer.de . Heißt im Klartext?

„Die Großen müssen die Kleinen nähren, das wäre für die Übergangszeit wichtig. Denn es geht darum, hier etwas zu tun, wovon alle profitieren können. Das Ziel ist, die Medien aufmerksam zu machen und das schaffen wir nur durch attraktive Spiele. Wenn die großen Vereine da nicht mitziehen, können sie irgendwann auch nicht mehr rausholen. Man muss erst einmal dafür sorgen, dass es eine gute, ausgeglichene Bundesliga gibt und dass die Struktur eine ordentliche Basis hat, dann kommt auch das Fernsehen.“

Frauenfußball-Landschaft im Umbruch Dem Frauenfußball steht ein großer Umbruch bevor. „Die Nationalspielerinnen genießen eine großartige Förderung, aber die Bundesliga ist immer noch ein Stiefkind. Auch die anderen Spielerinnen müssen irgendwann beginnen, sich mehr auf den Fußball zu fokussieren. Das geht aber nicht, so lange sie Vollzeit arbeiten müssen.“ Ein Dilemma, das die Konturen der Zukunft bereits deutlich zutage treten lässt.

„Ich fände es schade, wenn irgendwann die traditionellen Frauenfußball-Vereine verschwinden, weil die großen Vereine kommen. Diese Gefahr besteht“, so Jones. Der Konzentrationsprozess ist bereits in vollem Gang. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis Vereine wie Bremen, Hoffenheim, Leverkusen, Schalke oder Mönchengladbach an die Tür zur Bundesliga klopfen werden. Und namhafte Teams von heute in der Versenkung verschwinden werden.