Lingor fährt zurecht mit nach Peking
„Es ist keine Frage mehr, ob Renate dabei ist oder nicht. Sie ist total wiederhergestellt, die Schulter macht mit” – mit diesen Worten beendete Bundestrainerin Silvia Neid am Dienstag in Oberhaching, südlich von München gelegen, die Spekulationen darüber, ob Mittelfeldspielerin Renate Lingor am olympischen Frauenfußball-Turnier teilnehmen wird.
Von der frühen Ankündigung noch vor der offiziellen Bekanntgabe des Olympiakaders wusste Lingor selber nichts, sie wurde von Journalisten über Neids Ausführungen informiert. Der Zeitpunkt der Bekanntgabe mag den Verdacht nähren, dass die Teilnahme einer halbwegs fitten Lingor nie ernsthaft zur Debatte stand.
Doch auch wenn es der Spielmacherin an Spielpraxis mangelt und ihre Berufung ein gewisses Risiko darstellt, dürfte sie für die Mannschaft mit ihrer Erfahrung und ihrer individuellen Klasse immer noch ein Gewinn sein.
“Sie ist unheimlich wichtig für uns und, wenn sie fit ist, eine Waffe im defensiven Mittelfeld”, sagt Neid über die Bedeutung der 141-fachen Nationalspielerin.
Routine als Trumpfkarte Richtig ist, dass Lingor ihre Topleistungen, die sie etwa bei der WM 2003 und der EM 2005 zeigte, in der Vergangenheit immer seltener abrufen konnte. Richtig ist aber auch, dass sie immer noch in der Lage ist, Weltklasseleistungen zu zeigen. Bei der WM 2007 lieferte sie ihre besten Spiele, als es am Dringendsten notwendig war – etwa beim 3:0-Sieg im Viertelfinale gegen Nordkorea, wo sie nach schönem Doppelpass mit Sandra Smisek das wichtige 2:0 erzielte, als das Spiel auf des Messers Schneide stand.
Der Wert einer routinierten Spielerin zeigt sich gerade bei großen internationalen Turnieren. Auf wie neben dem Platz kann sie junge Spielerinnen führen und ihnen mit Rat und Tat beiseite stehen, selbst wenn sie selbst ihre Topleistung nicht mehr regelmäßig abrufen kann. Nach wie vor hat Lingor die Qualität, mit einem einzigen Geniestreich Spiele auch gegen starke Gegner zu entscheiden. Hinzu kommt, dass sie auch bei der Konkurrenz immer noch großes Ansehen genießt, ein psychologisch nicht zu unterschätzender Faktor.
Hart am Comeback gearbeitet Sechs bis acht Stunden täglich arbeitete Lingor in den vergangenen Monaten an ihrem Comeback und ihrem großen Traum, mit einer Goldmedaille von der internationalen Fußballbühne abzutreten. „Ich habe das Gefühl, dass ich konditionell sogar auf einem sehr guten Stand bin. Ich bin erleichtert, dass es so gut läuft”, sagt sie drei Wochen vor Beginn des olympischen Frauenfußball-Turniers.
An Motivation wird es der Frankfurter Spielerin zum Karriereende sicherlich nicht mangeln, wenn sie sich ein letztes Mal einer internationalen Öffentlichkeit präsentiert. Eine Chance hat eine gesunde Lingor allemal verdient.