Bundesliga gegen Damallsvenskan – welche Liga hat die Nase vorn?

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Ariane Hingst und Nadine AngererDie schwedische Liga Damallsvenskan vermarktet sich als „beste Liga der Welt“. Dennoch hält Deutschland nicht nur den Welt- und Europameistertitel, sondern gewann vor einigen Wochen durch Meister 1. FFC Frankfurt auch den UEFA-Pokal.

Dort besiegte man im Finale ausgerechnet den schwedischen Meister Umeå IK. Ist der Beiname „beste Liga der Welt“ also ein bloßer Marketingslogan?

Ariane Hingst wechselte 2007 zum Stockholmer Erstligisten Djurgården Damfotboll, Nadine Angerer folgte ihr zu Beginn dieses Jahres. Worin liegen die Unterschiede zwischen den beiden Ligen?

Angerer musste ihr Torwartspiel in den ersten Wochen umstellen. „Ich werde hier bei Ecken quasi eingemauert von Gegenspielerinnen. In Deutschland würden die Schiedsrichter beim geringsten Körperkontakt mit dem Torwart abpfeifen, hier läuft das Spiel weiter. Daran musste ich mich erst mal gewöhnen“, sagt die Weltmeisterin.

Höhere Athletik
Ihre Schweizer Kollegin Kathrin Lehmann (früher Turbine Potsdam und Bayern München, jetzt Hammarby) stimmt ihr zu: „Es wird hier wesentlich offensiver gespielt. Das Spiel ist ganz einfach körperlicher, auch in den Laufduellen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten schwedischen Clubs in Deutschland mit deutschen Schiedsrichtern ein Match nicht mit elf Spielerinnen beenden würden.“

Pavlina Scasna, die nach einigen Jahren beim FC Bayern zunächst zu KIF Örebro und dann zu LdB Malmö wechselte, fügt hinzu, dass man in Schweden mehr Zeit im Kraftraum verbringt als das bei Bayern München üblich war. „Ich würde auch sagen, dass das taktische Niveau hier im Allgemeinen besser ist. Die jungen Spielerinnen sind besser ausgebildet, auch technisch gesehen.“

Das bestätigt Lehmann: „In der Schweiz oder in Deutschland kannst du meistens zwischen guten Läuferinnen und guten Technikern unterscheiden. In der Damallsvenskan können fast alle den Ball in hohem Lauftempo annehmen und weitergeben.“

Jeder kann jeden schlagen
Auch wenn es auch in Schweden bisweilen zu hohen Kantersiegen kommt (in der laufenden Saison schlug Göteborg Neuling Umeå Södra mit 9:0, Malmö gewann zu Beginn 7:1 bei Hammarby), sind sich alle Spielerinnen einig, dass das Niveau in Schweden wesentlich ausgeglichener ist. „Wenn wir 100% unseres Potenzials abrufen oder sogar ein bisschen mehr, können wir Umeå IK schlagen“, ist sich Lehmann sicher. „Und das gibt’s in Deutschland nicht, dass ein Team, das eher unten mitspielt, den Meister gefährden kann.“ Umeå kam erst in der Vorwoche beim 2:1-Erfolg bei Lehmanns Hammarby mit einem blauen Auge davon.

Hingst glaubt zwar nicht, dass die schwedischen Vereine ein höheres Budget haben, aber sie weist darauf hin, dass es in einigen Vereinen hauptamtliche Sportdirektoren gibt. „Frauenfußball hat einen höheren Status in Schweden. Unser Trainer Anders Johansson hat Frauenmannschaften trainiert, danach in der ersten Herrenliga bei Malmö FF gearbeitet und jetzt ist er wieder bei uns gelandet. Das wäre in Deutschland ziemlich undenkbar, wo viele Trainer den Frauenfußball eher als Sprungbrett in den Männerfußball sehen.“

Bessere Trainer
Rebecca Smith, früher in Frankfurt und jetzt seit drei Jahren bei Sunnanå SK im hohen Norden Schwedens, glaubt auch, dass in Schweden mehr zusammengearbeitet wird zum Besten des Frauenfußballs. „Ich finde, dass die Unterstützung, die die Vereine vom Verband bekommen, sehr gut ist. In der Liga gibt es auch viele Kooperationen im Bereich Marketing. Und auch die Trainer arbeiten sehr viel zusammen.“ Diese Zusammenarbeit, das Austauschen von taktischen und trainingsbezogenen Tipps, bestätigt auch Hammarbys Trainer Anders Bengtsson. „Wenn man mal von den drei Topclubs in Deutschland absieht, ist das Trainerniveau wesentlich besser hier“, sagt Hingst.

Warum aber liegt Schweden auf Nationalmannschaftsebene, auch bei den Jugendteams, so deutlich hinter Deutschland? Lehmann ist sich sicher, dass die Stärke der Liga hier auch zur Schwäche wird. In der Saison 2008 spielen ca. 45 Ausländerinnen in der Liga – aus allen Kontinenten. Man denke nur an Joanna Lohmann (USA/Bälinge), Marta (Brasilien/Umeå IK), Perpetua Nkwocha (Nigeria/Sunnanå), Mami Yamaguchi (Japan/Umeå) oder Lisa De Vanna (Australien/AIK).

Ausländerproblematik
„Viele Ausländerinnen haben in den Vereinen Schlüsselpositionen. In Deutschland spielen halt überall deutsche Frauen auf diesen Positionen“, sagt Lehmann. Die Damallsvenskan sorgt auch mehr für ihre Spielerinnen. Bei Djurgården gibt es für die Spielerinnen nicht nur ein Abendessen nach dem Training und einem Halbtags- oder Ganztagsjob, man kümmert sich auch um das Wohlergehen der Spielerinnen außerhalb des Fußballs.

Die Finnin Linda Sällström, die Elternhaus und Heimat mit 18 Richtung Stockholm verließ, erzählt lachend, dass ihr der Physiotherapeut des Vereins einen Hausbesuch abstattete und ihr Tipps für das Überleben im ersten eigenen Haushalt gab. Und Scasna meint: „Ich habe Deutschland und auch die USA ausprobiert, habe in Tschechien gespielt, aber was den Fußball angeht, habe ich mein Zuhause gefunden.“

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Letzte Aktualisierung am 22.11.2019 / * = Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API

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Max Diderot
Max Diderot

Mir schwant immer Ungutes, wenn es darum geht, Superlativen zu propagieren, deren Halbwertszeiten vermutlich nicht länger sein dürften als ein der Kühle ausgesetztes Käsesoufflé. Von mir aus können sich viele andere Ligen um diesen Titel, der besten Liga der Welt, streiten, solange von Seiten der Verantwortlichen des hiesigen Frauenfußballs die strukturelle Probleme erkannt und konstruktiv angegangen werden. Leider mangelt es (noch) an letzterem Punkt. Ein Netzwerk aufzubauen, dass über den theoretischen Ansatz hinausgeht, wäre eine praktikable Lösung. Gleiches betrifft das Marketing. Beide Punkte gehören unabdingbar zusammen. Und viele, die sich für den Frauenfußball interessieren und engagieren, sehen in einer entsprechenden… Weiterlesen »

ViolA
ViolA

ich finde es schwierig die beiden ligen miteinander zu vergleichen. dazu müsste ich selbst augenzeuge der schwedischen liga sein. da ich aber denke, dass das sich das niveau immer mehr angleicht und beiden ligen ihre stärken und schwächen haben, habe ich – auch mit ausblick auf die zukunft und mit erinnerung an die letzte saison – beide ligen als ähnlich stark bewertet. natürlich unter vorbehalt. wenn die letztplatzierten teams die möglichkeit besitzen (in schweden) die topteams der liga zu schlagen ist das sicherlich gut. wie ich aber dem text aber auch entnehme ist das nicht unbedingt die regel. sprich dort… Weiterlesen »

Rainer
Rainer

@Max: Das Superlativ „världens bästa liga“ ist natürlich seitens des Verbands und der anderen Organisationen, die hinter der Damallsvenskan stehen, wirklich ein Marketingslogan. Allerdings spielen von den vergangenes Jahr 26 Nominierten zur Weltfußballerin des Jahres immerhin neun Damen in Schweden. Ich habe zu wenig aktuelle Kenntnis der deutschen Liga und beziehe meine Informationen lediglich aus den Gesprächen mit vielen Spielerinnen hier, die es sehr schätzen, sich Woche für Woche gerade mit vielen der Besten der Welt messen zu können. Ich glaube allerdings sagen zu können, dass ein wesentlicher Aspekt nicht föderalistisch versus zentralistisch ist, sondern vielmehr der grunsätzliche Gleiberechtigungsgedanke, der… Weiterlesen »

Max Diderot
Max Diderot

Rainer, danke für die Erläuterungen. Natürlich will ich nicht in Abrede stellen, dass die Damallsvenskan eine sehr gute Liga ist. Und wenn es ihrem Verständnis entspricht, den gewählten Slogan zu propagieren, dann tun sie eben dies auch aus marketingstrategischen Gründen. Das Beispiel Marta, von der ich an anderer Stelle in diesem Blog schon einmal berichtete, dient ja auch als eine Art wirtschaftlicher Koeffizient für Umea. Die Anerkennung, die Frauen in der skandinavischen Gesellschaft für ihr Tun erhalten (sowohl materiell als vermutlich auch immateriell), dürfte ausgeprägter sein als sie es in Deutschland ist. Entsprechende Studien (u.a. der OECD) belegen diesen Umstand… Weiterlesen »

Detlef
Detlef

Ich habe nun schon ein paar Spiele der Damallsvenskan gesehen, und 4 Spiele von DIF gegen TURBINE, und nun das Finale von Frankfurt gegen Umea. Sicher ist mir schon früher der sehr harte, körperbetonte Stil der Schwedinnen aufgefallen. Als ich nun zuletzt im altehrwürdigen Stockholmer Olympiastadion, die Partie von DIF gegen Umea anschaute, überraschte mich das Tempo, was dort an den Tag gelegt wurde. Die Kondition ist also sehr gut. Aber auch dort gibt es viele Abspielfehler, und auch die Qualität der Schiedsrichterinnen ist kaum besser als in Deutschland!!! Aber das Kopfballspiel ist dort wesentlich ausgeprägter, als in der Bundesliga.… Weiterlesen »

Bernhard
Bernhard

Interessanter Artikel. Nur sehr aus Spielerinnen und sportlicher Sicht. Es bleibt offen, was es den schwedischen Vereinen ermöglicht, die Sache zu finanzieren.
Hauptamtliche, Auslandsprofis etc. kosten ziemlich Geld.

Wo kommt die Kohle her?
Die Zuschauerzahlen sind jetzt auch nicht so viel höher als in Dt.
Sponsoren? Pumpt der Verband Geld rein?
Ist es eine Blase, die irgendwann mal platzt?

Rainer
Rainer

@Bernhard: Mit den Zuschauerzahlen, die im Schnitt bei 8-900 liegen in dieser Saison, lässt sich nicht einmal ein Verein auf den unteren Tabellenrängen finanzieren. In der Saison 2007 hatten die Vereine insgesamt ein Minus von ca. 100.000 €. Das mit Abstand grösste Minus verzeichnet AIK (Solna) mit ca. 250.000 €. Diese Verluste werden allerdings durch die Einnahmen des Männerfussballclubs gleichen Namens ausgeglichen. Die erwirtschafteten ein Plus von ca. 1,5 Mio. €. AIK investiert seit zwei Jahren enorm in seinen Frauenfussball, allein diese Saison wurden zahlreiche Starspielerinnen wie die Australierinnen Lisa De Vanna und Kathryn Gill, die Finnin Anne Äkinen und… Weiterlesen »

ViolA
ViolA

@ rainer

das wäre sicherlich mal interessant zu sehen. allerdings hast du ja auch schon angemerkt, dass wohl viele schwedische mannschaften den platz nicht mehr mit 11 spielerinnen verlassen würden (was einen vergleich dann deutlich schwieriger gestalten würde). da würde es mich interessieren wie ausgeprägt dieser unterschied ist. ist es in etwa mit england bzw schottland beim herrenfußball gleichzusetzen?
ich kann leider nicht so einfach eben mal nach schweden kommen. sollte ich aber die möglichkeit dazu haben, werde ich mir natürlich einige spiele ansehen

Max Diderot
Max Diderot

Ob der eigentlichen Fragestellung möchte ich auch auf ein aktuelles Gespräch verweisen, das sich auf der UEFA-Seite befindet. Eine der beiden U19-Trainerinnen, Bettina Wiegmann, gibt hier ein wenig Auskunft über die Trainingsdidaktik im deutschen Frauenfußball. Nach meiner Interpretation stellt sie den Bundesligavereinen ein miserables Zeugnis aus. Zwar spricht sie diplomatischer als meine Wortwahl es andeutet, doch zwischen den Zeilen lässt sich erahnen, dass vermutlich alle DFB-Trainerinnen mit dem, was die Klubs an Trainingsangeboten offerieren, nicht zufrieden sind.

Link: https://de.uefa.com/competitions/wunder19/news/kind=1/newsid=731763.html

Markus Juchem
Markus Juchem

Danke, Max. Ich habe das auch noch mal in einem kleinen Beitrag zusammengefasst.