Deutsche WM-Bilanz: Von Spiel zu Spiel gesteigert

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Sandra SmisekWeltmeister, beste Torfrau, fünf Spielerinnen im All-Star-Team, 540 Minuten plus Nachspielzeit ohne Gegentor, hervorragende Einschaltquoten im Fernsehen – die deutsche Nationalmannschaft brach bei dieser WM wieder einmal alle Rekorde.

Sie hat beste Werbung in eigener Sache betrieben und als die am Ende kompletteste und stärkste Mannschaft verdient den Titel verteidigt – oder gewonnen, wie Silvia Neid sagen würde. 😉

Das war in dieser Form vor der WM und nach der Vorrunde nicht unbedingt zu erwarten. Doch im Gegensatz zur Konkurrenz konnte sich die DFB-Elf steigern, je länger das Turnier lief. Umso mehr Anerkennung verdient dieser Erfolg. Eine WM-Bilanz aus deutscher Sicht.

Der Titelverteidiger ging zwar als Mitfavorit in diese fünfte Frauenfußball-WM, doch nicht mit der Empfehlung, ein übermächtiger Gegner zu sein, an dem bei der Titelvergabe kein Weg vorbeiführen würde.

Mühsame Vorrunde

In keinem der Vorbereitungsspiele hatte die Mannschaft restlos überzeugen können, der Algarve Cup war ein nicht gekannter Tiefpunkt gewesen. Gerade im Testspiel gegen Norwegen, nur zehn Tage vor WM-Beginn, waren erhebliche Schwächen zu Tage getreten. Vor allem das Mittelfeld war in dieser Zeit nicht gut eingebunden worden.

Dieses Bild setzte sich in der Vorrunde zunächst fort – sieht man einmal vom 11:0-Auftaktsieg gegen Argentinien ab, bei dem allerdings schon zu erkennen war, dass diese Mannschaft funktionierte und Spaß daran hatte, den Sieg in ungeahnte Höhen hochzuschrauben. Doch gegen England tat man sich sehr schwer, fehlten Impulse aus dem Mittelfeld. Gegen sich relativ leicht ergebende Japanerinnen lief es schließlich spielerisch deutlich besser, Manko war diesmal die magere Chancenausbeute.

Im Viertelfinale begann die WM erst richtig

Insgesamt war die Vorrunde recht mühsam, und es kam der Mannschaft sicherlich nicht ungelegen, eine relativ leichte Vorrundengruppe erwischt zu haben. Doch schon im ersten K.O.-Spiel, wo es also wirklich um alles oder nichts ging, war der alte und neue Weltmeister zu einer deutlichen Steigerung fähig. Wesentlich geschlossener, aufmerksamer und konsequenter im Spiel nach vorne gewann die Mannschaft verdient mit 3:0 gegen Nordkorea. Ein Erfolgserlebnis, das noch einmal einen weiteren Schub bedeutete.

Fatmire Bajramaj Man kann sich sicherlich immer noch darüber streiten, ob die Doppel-Sechs mit Simone Laudehr und Renate Lingor die beste aller Möglichkeiten ist. Alternativlos ist sie bestimmt nicht. Doch eine klare Erkenntnis, die die drei K.O.-Spiele brachten, ist die, dass die Mannschaft dieses System nun voll und ganz angenommen hat. Und dass Laudehr und Lingor bereits nach kurzer Zeit – immerhin absolvierte Laudehr Ende Juli ihr erstes Länderspiel – erstaunlich gut harmonieren. So stand die Mannschaft über weite Strecken gegen Nordkorea und Norwegen stabil, ohne dass die beiden „Sechser“ auf Offensivaktionen verzichten mussten. Lingors Treffer gegen Nordkorea belegt das.

Mentale Stärke als Schlüssel zum Erfolg

War die Halbzeitführung gegen Norwegen durch das Eigentor von Trine Rønning noch glücklich, zeigte die zweite Halbzeit einen weiteren Vorteil des deutschen Teams auf. Körperlich ging nicht mehr viel bei den Skandinavierinnen, trotz nur knappen Rückstands brachten sie die Deutschen nicht mehr in Gefahr. Am Ende hätte auch ein 5:0 stehen können. Dabei hatten die Norwegerinnen bis dahin ein schwereres Programm zu absolvieren und kürzere Pausen zum Regenerieren – doch es ist rein spekulativ, ob die deutsche Mannschaft das besser weggesteckt hätte.

Dass sie sich ähnlich resignierend ihrem Schicksal hingegeben hätte, ist eher unwahrscheinlich. Denn ihre mentale Stärke bewies sie eindrucksvoll im Finale. Gegen den mit Abstand stärksten Gegner, gegen die Selecao aus Brasilien, lieferte sie ihr bestes Spiel in diesem Jahr ab. Zugegeben, bei Danielas Pfostenschuss und einigen anderen Aktionen war auch einiges an Glück dabei. Die erste Halbzeit ging klar an Brasilien.

Nicht brillant, aber ohne große Schwachstelle

Doch in der zweiten Halbzeit entschieden mannschaftliche Geschlossenheit und die bessere Fitness das Finale. Mannschaftliche Geschlossenheit bedeutet, dass die deutsche Elf keine wirkliche Schwachstelle besitzt. Andere Mannschaften mögen in einigen Mannschaftsteilen der deutschen überlegen sein und schöneren Fußball zelebrieren, aber sie haben dann an anderen Stellen ihre Schwächen.

Annike Krahn Wie etwa Brasiliens Torfrau Andreia, die im Turnierverlauf kaum geprüft worden war, im Viertelfinale gegen Australien erste Schwächen offenbarte und im Finale dann das 1:0 durch Birgit Prinz verschuldete. Denn der Schuss, von dem Prinz selber sagt, dass er nicht optimal war, war absolut haltbar. Auf der anderen Seite hielt Nadine Angerer einen Elfmeter und entschärfte kurz darauf einen starken Freistoß mit einer Glanzparade.

Schließlich mussten die Brasilianerinnen am Ende auch dem Kräfteverschleiß Tribut zollen, obwohl ihr Programm nicht schwerer als das deutsche war. Aus der Schwäche beim Algarve Cup, als es augenscheinlich an der Fitness mangelte, ist eine Stärke geworden. Die deutsche Mannschaft war auf den Punkt topfit – Respekt.

Neulinge gut integriert – Krahn überragend

Respekt auch davor, wie gut die Integration der neuen, jungen Spielerinnen gelang. Für Melanie Behringer, Simone Laudehr und Annike Krahn, die U19-Weltmeisterinnen von 2004, war es die erste WM bei den Großen. Alle wurden zu Stammspielerinnen und hatten entscheidenden Anteil am Erfolg. Vor allem Krahn ließ im Halbfinale erst Torjägerin Ragnhild Gulbrandsen und im Finale Marta nicht zur Entfaltung kommen. Fatmire Bajramaj präsentierte sich nach ihren Einwechslungen stets als gute Alternative.

Für den Umbruch, der nach dem Karriereende von Bettina Wiegmann und Maren Meinert anstand, konnte nichts Besseres passieren. Erfolge wie dieser sorgen auch für einen Vertrauensvorschuss, wenn in den nächsten Jahren der Abschied weiterer Größen, die den Frauenfußball in Deutschland geprägt haben, ansteht. Auch mit Blick auf 2011, wo der Nachfolger der deutschen Mannschaft hoffentlich in Deutschland ermittelt wird. Die FIFA entscheidet am 30. Oktober über die Vergabe.

Mein Leben als Hope Solo
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  • 340 Seiten - 01.07.2013 (Veröffentlichungsdatum) - Edel Books - Ein Verlag der Edel Germany GmbH (Herausgeber)

Letzte Aktualisierung am 14.12.2019 / * = Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API

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Detlef
Detlef

Man kann schon von einer gewissen Wachablösung sprechen!!! Natürlich hat Deutschland auch davon profitiert, dass Mannschaften wie Schweden, Kannada und Dänemark, sehr starke Gruppen hatten, und sie schon hier scheiterten!!! Aber gerade die Schwedinnen haben (trotz vieler Ausfälle) doch ziemlich enttäuscht!!! So scheiterte einer der WM-Favoriten, schon in der Gruppenphase!!! Auch die wiedererstarkten Kanadierinnen, mussten ihrer starken Gruppe Tribut zollen, wenn auch recht knapp!!! Auch der absolute TOP-Favorit USA, sah alles andere als souverän aus!!! Hier wird es wohl einige Umstellungen und Neuerungen geben, bis hin zur Trainerfrage!!! Auch die Norwegerinnen, sind mal wieder an ihrer mangelhaften Chancenauswertung gescheitert!!! Sie… Weiterlesen »

helena
helena

Naja, ganz so unattraktiv spielt die deutsche Natio auch nicht, mache Tore sind schon schön herausgespielt und abgeschlossen. Ich finde, es gibt eine sehr gute Mischung zwischen Spielerinnen, die einen unglaublichen Wirbel verbeiten können à la Brasilien (etwa Lira) und sehr effektiven, kampfstarken und technisch brillanten Spielerinnen wie Birgit. Das macht die eigentliche Stärke – neben der sehr ausgewogen besetzten Mannschaft – aus. Ob die deutsche Natio nicht auch in der Vorrunde gegen Brasilien besser gespielt hätte als gegen ihre echten Gegner bleibt ja rein spekulativ; vielleicht hätte man ja auch dort bereits dem Gegner angemessen gespielt? Die Vorrundenspiele aller… Weiterlesen »