Ist Greg Ryan noch zu halten?
50 Spiele lang blieben die USA unter der Führung von Trainer Greg Ryan ohne Niederlage. Der Nachfolger von April Heinrichs hatte sich in seiner zweieinhalbjährigen Amtszeit den Ruf erworben, die schwierige Übergangsphase nach dem Abgang von Mia Hamm und anderen Stars perfekt gemeistert zu haben.
Und doch wird ihn seine Fehlentscheidung, vor dem mit 0:4 sang- und klanglos verlorenen WM-Halbfinale gegen Brasilien Torhüterin Hope Solo gegen Briana Scurry auszutauschen, möglicherweise den Job kosten.
Gleich reihenweise haben sich die Kritiker auf Ryan eingeschossen. Wie Peitschenhiebe prasselt es auf den 50-Jährigen ein, von früheren Trainern, Spielerinnen und den Medien . Die „New York Times“ spekuliert offen über seine Ablösung, „USA Today” schreibt: „Die Welt vergisst nie ein Glücksspiel, das schief gegangen ist.“ Der Forth Worth Star aus Ryans Heimat Texas fordert: „Es ist ein bisschen traurig für Greg Ryan, aber dieser Typ muss gehen.“
Der U.S.-Verband versucht zu retten, was noch zu retten ist, und opfert seinem Trainer die offizielle Website unter dem Titel „Ryan responds“ als Bühne der Selbstdarstellung . In einer selbstherrlichen Art sondergleichen weist Ryan jede Kritik von sich und versucht stattdessen seinen Kopf aus der immer enger werdenden Schlinge zu ziehen, indem er versucht, Torhüterin Hope Solo an den Pranger zu stellen und den Medien als Bauernopfer zu liefern.
Nicht im Geringsten hinterfragt Ryan sich und seine Entscheidung, die Leistung Scurrys im Halbfinale lobt er in den Himmel. Wie ein Buchhalter hatte Ryan versucht, den Erfolg zu planen und Scurry für Solo ins Tor gehievt. Weil die 36-Jährige zuvor in 12 Spielen gegen Brasilien nie verloren und acht Mal zu Null gespielt hatte. Und es war Scurry, die im Juni beim 2:0-Sieg gegen die Brasilianerinnen im Tor stand, als Solo wegen des Todes ihres Vaters fehlte. Seitdem hatte Scurry jedoch nicht mehr gespielt, Solo war hingegen zuvor bei der WM fast 300 Minuten ohne Gegentreffer geblieben und hatte nach ihrem Patzer im Nordkorea-Spiel fehlerfrei gehalten. Mit Solo im Tor verloren die USA zuletzt ein Länderspiel im Jahr 2002.
Mit seiner unverständlichen Entscheidung hat Ryan nur 48 Stunden vor dem schweren Halbfinalspiel unnötig Öl ins Feuer gegossen, Unruhe in die Mannschaft gebracht und die Emotionen unter den Spielerinnen geschürt. In zahlreichen Medien wird die Entscheidung von Ryan als größter Fehltritt der amerikanischen Fußballgeschichte gewertet, der sogar das schlechte Abschneiden der Männermannschaft bei den Weltmeisterschaften 1998 und 2006 in den Schatten stellen würde.
Doch schlimmer als der Fehler selbst dürfte wiegen, dass zumindest die halbe Mannschaft nicht mehr hinter Ryan steht. Kein Wunder, bedenkt man, wie beliebt Hope Solo im Team ist. Der frühere U.S.-Trainer Tony DiCicco brachte es im Fernsehsender ESPN 2 auf den Punkt: „Ich denke, er hat einiges an Glaubwürdigkeit verloren.“
Eine gemeinsame Zukunft von Ryan und Solo im Nationalteam ist derzeit undenkbar. Ryan distanziert sich in der Öffentlichkeit von Solo, weil diese nach dem Spiel ihrem Ärger Luft gemacht hat und mit der Tradition brach, dass Spielerinnen, die nicht gespielt haben, nicht mit den Medien sprechen.
„Jeder, der sich auch nur ein bisschen mit Fußball auskennt, weiß, dass diese Entscheidung ein Fehler war“, giftete Solo ins Mikrofon des kanadischen Fernsehsenders CBSSports. Zudem unterstellte sie, zwei der vier Gegentreffer verhindern hätte können. Sicherlich keine charmante Art, sich gegen ihre Teamkollegin zu stellen, aber Solos Frust ist nachvollziehbar. U.S.-Pressemann Aaron Heifetz hatte noch vergeblich versucht, Solo am Interview zu hindern. Sekunden danach fauchte sie Heifetz an: „Sag Du mir nie wieder, was für Interviews ich geben kann.“
Der U.S.-Coach versucht nun von seinen eigenen Fehlern abzulenken, wenn er Solo generell die Teamfähigkeit abspricht: „Die Spielerinnen haben sich immer gegenseitig unterstützt, und ich würde mich freuen, wenn sich diese Gepflogenheit fortsetzen würden. Es ist ein persönlicher Code. Man kann nur hoffen, dass sich die Spielerinnen in Zukunft gegenseitig unterstützen werden.“ Und Ryan ergänzt nicht besonders überzeugt: „Ich mache meinen Job weiter, sie ihren. Ich hoffe, wir kriegen die Dinge geregelt“, was in etwa so viel heißen dürfte, als dass Solo nicht mehr zum Einsatz kommen wird, so lange Ryan Trainer ist.
Folgenschwere Trainerentscheidungen hat es in der Fußball-Geschichte schon häufiger gegeben. Ob Ottmar Hitzfeld 1999, der im Champions-League-Endspiel gegen Manchester United Lothar Matthäus vom Platz nahm und Thorsten Fink brachte, dessen verunglückter Befreiungsschlag in der Nachspielzeit die Bayern-Niederlage einleitete.
Oder Englands Trainer Bill Ramsey, der bei der WM 1970 im WM-Viertelfinale gegen Deutschland seinen Regisseur Bobby Charlton vom Feld nahm und nach 2:0-Führung noch 2:3 verlor. Und auch José Pekerman leitete im Vorjahr im WM-Viertelfinale gegen Deutschland mit der Auswechslung von Mittelfeldregisseur Juan Roman Riquelme die Niederlage ein, bevor er selbst zurücktrat.
Zurück zu Ryan. Man darf gespannt sein, welche Torhüterin am Sonntag im Spiel um Platz 3 gegen Norwegen auf dem Feld stehen wird. Möglicherweise wird sogar die dritte Torhüterin Nicole Barnhart Spielpraxis erhalten, denn weder Scurry noch Solo scheinen unter den gegebenen Umständen erste Wahl zu sein.
Mit welcher Motivation werden die entzauberten Amerikanerinnen zu Werke gehen? Kristine Lilly hat auf jeden Fall schon einmal vorgebaut und vorsorglich verkündet, sie sei müde. Allerdings erwartet man in den USA, dass das Team noch einmal vollen Einsatz zeigt, um den dritten Platz zu sichern. Zweifel sind angebracht.
Das Schlusswort soll dem Trainer gehören: „Es wird immer Kritiker geben. Vielleicht gibt es da draußen auch jemanden, der es besser macht, aber ich versuche immer mein Bestes.“
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