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2007

Tanja Walther: “Eine Organisation wie der DFB muss sagen: ‘Ihr könnt sein, was ihr wollt!’”

Im zweiten Teil des Interviews über Homophobie und Sexismus im Fußball beurteilt Tanja Walther ( zur Person siehe erster Teil ) die Ängste vor einem Abspringen von Sponsoren und einem Zuschauerschwund als Folge von Outings.

Ängste, die sie für übertrieben und teilweise vorgeschoben hält. Organisationen wie der DFB müssten vorangehen und offensiv erklären, dass die sexuelle Orientierung einer Spielerin oder eines Spielers keine Rolle spielt. Dann wären andere gezwungen, nachzuziehen. Aber lest selbst:

Womensoccer: Diese Ängste, über die wir sprachen, wie sind die begründet? Ist das Angst davor, Sponsoren könnten abspringen? Ist diese Angst berechtigt?

Walther: Das ist schwierig einzuschätzen. Ich weiß nicht, wie viele Frauen es gibt, die wirklich gute Sponsorenverträge haben. Und da kommt es dann auch immer darauf an, welche Sponsoren das sind. Wie althergebracht ist die Firma, die dahinter steht? Was haben die für ein Menschenbild und was wollen die verkaufen? Es kann schon sein, dass eine altbackene Versicherung sagt: wenn du dich outest, dann bekommst du das Geld nicht mehr. Wobei die meisten Firmen mittlerweile ja auch Wert darauf legen, multikulturell und weltoffen zu sein.

Interview mit Tanja Walther (Teil 1) Interview mit Tanja Walther (Teil 3)

Womensoccer: Also eher eine übertriebene Angst?

Walther: Würde ich denken, ja. Und dann ist auch die Frage: vor was habe ich Angst? Ist es tatsächlich das Geld oder ist mir das so wichtig, dass ich einen Teil meiner Persönlichkeit verstecken will?

Womensoccer: Falls in naher Zukunft auch Frauen mehr verdienen und ihren Lebensalltag davon bestreiten könnten – würde das, wenn sich die Sportart mehr etabliert hat, eher die Bereitschaft zu einem Outing befördern oder entsteht da eine größere Abhängigkeit von den Geldgebern?

Walther: Also ich glaube, das ist unabhängig davon, ob Frauen mehr verdienen – was ich mir übrigens auch nicht vorstellen kann, aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren. Ich glaube, es hängt davon ab, dass die Strukturen verbessert werden müssen. Dass eine Organisation wie der DFB sagt: ihr könnt sein, was ihr wollt, und könnt trotzdem weiter unseren Fußball spielen. Und dass Vereine das auch klar sagen. Das ist wichtig für den Anfang, um darauf aufzubauen. Ich glaube, dann müssen auch die anderen nachziehen, weil sonst die blöd aussehen, die einen Sponsorenvertrag von der sexuellen Orientierung abhängig machen.

Womensoccer: Kommen wir zu den Zuschauern. Da ist die Zuschauerstruktur beim Frauenfußball ganz anders als beim Männerfußball, homophobe Bemerkungen kein Thema…

Walther: …da ist es dann eher Sexismus. Das sind dann Sprüche, Frauen könnten keinen Fußball spielen oder: erklärt uns doch mal die Abseitsregel! Also dieses ganze dumpfbackene Gehabe. Was es gibt, sind in unteren Ligen – oben pfeifen ja meistens Frauen – Anfeindungen Marke „schwule Sau“ gegenüber dem Schiedsrichter. Aber da sind wir dann beim Thema, dass sich Sexismus und Homophobie oft überschneiden, weil Schwulsein und weiblich sein ja so bisschen eine Richtung ist. Frauen können angeblich keinen Fußball spielen und Schwule auch nicht, weil sie ja so viele weibliche Anteile haben.

“Hinter diesen Argumenten verstecken sich viele”

Womensoccer: Aber beim Stammpublikum steht kaum zu befürchten, dass es davonlaufen würde?

Walther: Es sind vielleicht Argumente, die aufgeführt werden, aber es sind eher arme Argumente.

Womensoccer: Vorgeschoben?

Walther: Ja, denn ob jetzt 300 zuschauen oder 302? Die Argumente gibt es, aber ich kann sie nicht nachvollziehen. Aber da versuchen sich immer viele dahinter zu verstecken.

“Ich denke, es würde gar nichts passieren”

Womensoccer: Es gibt ja auch Beispiele, dass die Boulevardpresse im letzten Jahr etwa die Dreiecksgeschichte mit Inka Grings, Linda Bresonik und Holger Fach aufgegriffen hat, den Spielerinnen daraus aber kein Nachteil erwachsen ist und die sexuelle Orientierung dabei auch nicht im Vordergrund stand. Was denken Sie denn, was heute bei einem Outing passieren würde?

Walther: Das ist es ja. Ich denke, es würde gar nichts passieren, weil du im Endeffekt ja auch die ein oder andere Spielerin in der Szene triffst und sie zwangsouten könntest. Nur ist es für die Presse einfach auch nicht so spannend, da jetzt jemanden zu outen. Es wäre viel spannender, einen Mann zu finden und den zwangszuouten. Diese Dreiecksgeschichte war ja auch nicht das Superding. Es stand zwei Tage in der Presse und dann war’s wieder vorbei. Ich glaube, die Konsequenzen wären minimal, aber das Blöde an Ängsten ist eben, dass man nicht mit Argumentationen kommen kann, weil sie irrational sind.

Im dritten und letzten Teil am Donnerstag spricht Walther dann über die Probleme in kleineren Vereinen und unteren Ligen, die deutsche Situation im internationalen Vergleich und über die ersten Schritte des DFB, sich der Problematik zu öffnen.