Wie die Politik ein interkulturelles Fußballspektakel zerstört
Berlin - Eigentlich sollte die Frauenfußball-Nationalmannschaft des Iran heute in Berlin-Kreuzberg ein Freundschaftsspiel gegen das Verbandsligateam von BSV AL Dersimspor austragen. Und zwei Tage später eine weitere Partie gegen Hertha 03 Zehlendorf. Doch aus dem fünftägigen Aufenthalt in Deutschland wurde nichts.
Was ist geschehen? Am 30. Mai kam vom iranischen Fußball-Verband die Nachricht aus Teheran, dass die Sportlerinnen wegen „technischer Probleme“ nicht ausreisen können. Hinter solcher Floskel verbirgt sich natürlich ganz anderes. Fakt ist: Das Team war bereits auf dem Flughafen und wurde an der Ausreise gehindert.
Unklar bleibt, ob Deutschland die Fußballerinnen nicht einreisen oder Iran sie nicht ausreisen ließ. Zweite Variante scheint angesichts der politischen Brisanz für das Regime wahrscheinlicher. Möglicherweise zwang die Regierung sogar den Verband zu jener Absage-Floskel.
Auch Zwanzigers Fürsprache fruchtet nicht
Die Berliner Polizei bestätigte, dass eine Demonstration von Oppositionellen angekündigt war. 60 Leute wollten zur Spielzeit am Stadion gegen die Zwangsverschleierung im Iran demonstrieren. Interventionsversuche wurden immer wieder abgeschmettert. Dersimspor stand in Kontakt mit der Verbandsführung, die beim FIFA-Kongress in Zürich war. Auch DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger hatte dort seine Fürsprache versucht. Unterm Strich stand die Bitte aus Zürich, jetzt nicht weiter zu drängen. Es habe politisch derzeit keinen Zweck.
Der Vorverkauf für die 5000 Tickets für das Katzenbachstadion lief blendend. Der Traum vom Fußballfest vor vollem Haus war greifbar nahe, zumal die Einreisevisa bereits erteilt waren. Mit rund 150 akkreditierten Journalisten, nicht nur aus Deutschland, bahnte sich ein mediales Großereignis an.
Aber die hohe Politik hat wieder einmal den Sport verhindert. Passend hob zeitgleich die FIFA auf ihrem Kongress in Zürich den neuen Slogan „Für das Spiel, für die Welt“ aus der Taufe, um ihre gesellschaftliche Verantwortung zu betonen. Für eine bessere Zukunft. Pustekuchen, alles.
In Berlin haben sie geweint bei Dersimspor. Die weiße Friedenstaube tragen sie im Vereinswappen. Sie sind betroffen, fassungslos, frustriert, enttäuscht, fast sprachlos. „Wir sind entsetzt und haben bis zuletzt alles versucht, das Spiel stattfinden zu lassen“, sagt Silke Gülker von Dersimspor. Vergeblich.
Die Begegnung Dersimspors gegen die iranische Nationalauswahl sollte eine Art Rückspiel werden, nachdem im April 2006 in Teheran das Multikulti-Team aus Kreuzberg vor etwa 1000 Zuschauerinnen gegen Irans Frauenauswahl ein 2:2 erreichte. Es war das erste Frauenfußballspiel in einem iranischen Stadion seit der Revolution 1979, die die Frauen fortan zum Kicken in die Halle und unter den Ausschluss der Öffentlichkeit zwang.
Männliches Publikum war verboten, selbst die Ehemänner der Spielerinnen durften nicht auf die Tribüne. Arie Haan, damals Coach der Persepolis-Profis, musste ebenso vor der Tür bleiben, wie FIFA-Entwicklungschef Urs Zanitti. „Ich hätte es vielleicht durchsetzen können. Wichtig ist erst einmal, dass überhaupt gespielt wird. Alles andere ergibt sich“, sagte der Schweizer damals.
„Ich bin froh, dass es geklappt hat mit dem Visum. Die deutsche Botschaft hat uns das zugesagt. Meine Freude ist riesig“, strahlte noch vor wenigen Tagen Marlene Assmann, Spielerin bei Dersimspor, als die Welt der Planungen noch in Ordnung war. Die Film-Studentin, die derzeit noch an der Dokumentation der ersten Reise arbeitet, gehört zu den geistigen Köpfen dieses Austausches.
Entstanden ist die Idee entlang der Berlinale 2006 bei einem Gespräch mit dem iranischen Regisseur Ayat Najafi. Auf der Berlinale hatte die Produktion „Offside“ von Jafar Panahi, die sich mit dem Thema ‚Frauen und Fußball im Iran’ beschäftigt, für Furore gesorgt.
Gespielt wird im Iran streng nach islamischer Vorgabe. Der Körper bleibt völlig bedeckt. Der Hijab ist Pflicht. Adidas und Nike haben längst das Potenzial erkannt und produzieren so genannte Sportschleier, damit das Ganze weniger verrutscht als bisher. Beim Hinspiel trat auch Dersimspor in solcher Kleidung an, maßgefertigt in der Schneiderei des Vaters von Ali Daei. In Berlin wollte man wie gewohnt, westlich, spielen.
Eine Freiheit, die für Sharzad Mozafar und ihre Gefährtinnen noch sehr weit weg ist, die aber aufgrund der Gewohnheit auch nicht im Mittelpunkt steht. „Uns stört unsere Sportbekleidung nicht“, sagt sie. Wichtig sei es, zu spielen.
Gleichwohl erheben sich nicht nur im Lande immer mehr weibliche Stimmen, die derlei Vermummung weder für zeitgemäß noch der Ehre der Frau zuträglich halten. Alles das, was sich die Fußballerinnen Schritt für Schritt erarbeitet haben und weiter erarbeiten wollten, haben radikale Besserwisser jetzt mit einem Schlag zerstört.