Silvia Neid: “Jetzt soll’s endlich losgehen”
Die ersten beiden EM-Spiele am gestrigen Abend hat die deutsche Mannschaft nur ausschnittsweise am Fernsehen verfolgt, ab 20.30 Uhr wird es heute für sie ernst. Zum Auftakt trifft der Titelverteidiger in Växjö auf die Niederlande. “Wir wissen, dass wir einen starken Gegner vor der Brust haben”, sagt Bundestrainerin Silvia Neid . “Aber ich bin sehr, sehr positiv, denn ich weiß, was unsere Spielerinnen draufhaben.”
“Wir haben die Holländerinnen intensiv analysiert”, so die Bundestrainerin. “Sie sind technisch sehr versiert. Man darf ihnen keinen Raum geben, sonst nutzen sie den.” Das klingt nicht mehr nach dem Team der Europameisterschaft 2009, das zwar das Halbfinale erreichte, aber eine wenig attraktive Defensivtaktik wählte.
Spielerisch weiterentwickelt Damals wurde die Mannschaft noch von Vera Pauw trainiert. In der Vorbereitung auf die Titelkämpfe hatten die Niederländerinnen eine deutliche 0:6-Niederlage gegen Deutschland kassiert, was den Ausschlag für das defensive Verhalten während der EM gab und im Spiel gegen Finnland gipfelte, in dessen Anschluss Pauw die Pressekonferenz mit einer Entschuldigung für das zuvor Gesehene eröffnete. Doch die Ergebnisse gaben den “Oranje” recht – heute rechnet Neid allerdings mit einem veränderten Gegner. “Ihre spielerischen Qualitäten haben sich in den vier Jahren weiterentwickelt. Sie versuchen immer zu kombinieren, machen das sehr gut und kommen zu guten Abschlüssen.” Mittlerweile heißt der niederländische Trainer Roger Reijners , und schon in der gesamten Vorbereitung war seine offensivere Handschrift erkennbar.
Positive Bilanz für die DFB-Elf Dabei kennen sich die deutsche und niederländerische Elf gut. Insgesamt 17 Mal standen sich beide Mannschaften bislang gegenüber, in elf Spielen ging die DFB-Auswahl als Sieger vom Platz, vier Partien endeten remis, und zweimal gewannen die Niederländerinnen. Mit Neid als Cheftrainerin hat es allerdings noch nie eine Niederlage gegen die “Oranje” gegeben. Seit 2005 gewann die deutsche Mannschaft alle vier Aufeinandertreffen und hat ein Torverhältnis von 17:1. Aber auch die Spielerinnen kennen sich gut, so sind Anja Mittag und Manon Melis beim schwedischen Vize-Meister LdB FC Malmö Teamkolleginnen. “Klar ärgert man sich da ein wenig im Vorfeld”, sagt Mittag, die ihrer Kollegin vor dem Spiel auch noch eine SMS schicken möchte.
Heimspiel für Anja Mittag Für Mittag, die seit einem Jahr in Schweden spielt, ist die EM somit fast ein Heimspiel. “Man kommt irgendwie nach Hause, und die Dinge sind einem nicht fremd”, beschreibt die Stürmerin ihr Gefühl, die Titelkämpfe in Schweden zu bestreiten. Die Zeit in Malmö habe sie verändert, sagt Mittag. “Ich bin selbstbewusster geworden”, und Neid stimmt zu. Vor der Weltmeisterschaft 2011 strich die Bundestrainerin Mittag noch aus dem Kader, aber “jetzt ist sie in sehr guter Verfassung.” Der Trainerwechsel habe gut getan, so Mittag, die in Malmö mit einem Stürmertrainer arbeitet und intensiv am Torabschluss gefeilt hat.
Perspektivteam Eine gute Chancenverwertung wird heute Abend entscheidend sein, um mit einem positiven Erlebnis ins Turnier zu starten. Die Mannschaft ist, auch bedingt durch die zahlreichen verletzungsbedingten Ausfälle im Vorfeld, extrem verjüngt. Die lockere Art der erfolgshungrigen “Youngsters”, die in der Vorbereitung drei Siege feierten, wurde immer wieder betont. Doch auf der anderen Seite steht eben auch die Unerfahrenheit und die Frage, wie mit Stresssituationen in einem großen Turnier umgegangen wird. Fehler könnten passieren, sagt die Bundestrainerin auch gerade mit Blick auf die Unerfahrenheit des Kaders, “aber die Mannschaft hat sehr viel Perspektive, und das stimmt mich sehr, sehr froh.”
Alle sind fit “Jetzt soll’s endlich losgehen”, blickt Neid dem Auftakt am Abend mit Vorfreude entgegen. Personell kann sie aus den Vollen schöpfen, “alle sind fit.” Gut möglich also, dass Neid dem Team vertraut, das zuletzt gegen Japan gewann und sie nur die damals verletzte Annike Krahn diesmal wieder in die Innenverteidigung beruft. Geleitet wird die Partie von der italienischen Unparteiischen Silvia Tea Spinelli.
Im zweiten Spiel der Gruppe B stehen sich bereits ab 18 Uhr in Kalmar Norwegen und Island gegenüber.